Der Überetscher Stil

Historisches Bauen an der Schnittstelle zwischen Norden und Süden

Der Begriff „Überetscher Stil“ impliziert begrifflich einen bestimmten Stil-Typus als bewusste Stilkonzeption. Wenn wir vom „Überetscher“ Stil sprechen, meinen wir aber eher weniger einen „Stil“, denn eine Ausprägung, die Anleihen von verschiedenen Stil-Richtungen nimmt. Mit einem 1922 im „Schlern“ erschienenen Aufsatz mit dem Titel „Der Überetscher Stil“ umkreist Josef Weingartner eine stilistische Ausprägung des Bauens, die wohl nur an einem Schnittpunkt zweier großer europäischer Kulturkreise entstehen hat können, wobei wechselnde Einflüsse aus Norden und Süden ein ganz bestimmtes bauliches Gefüge haben entstehen lassen [1].

Ebenso wie der Begriff „Stil“ fragwürdig ist, verhält es sich auch mit dem „Überetsch“. Im Überetsch, also in Kaltern und Eppan, findet diese bauliche Ausprägung, von welcher die Rede ist, aufgrund der hohen Dichte an Adelsgeschlechtern ihre bemerkenswertesten Blüten, wenngleich der Stil sich irgendwo zwischen Bozen und Salurn räumlich einordnet. Der Überetscher Stil ist genauso – und nicht weniger bemerkenswert – in Tramin, Kurtatsch, Margreid, Montan, Nals oder Salurn zu Hause.

Man muss sich die Gegend zwischen Bozen und Salurn als südlichsten Ausläufer des Nordens vergegenwärtigen. Josef Weingartner schreibt davon, dass der so genannte „Stil“ in Brixen sowie in Trient bereits nicht mehr auffindbar sei. Zudem grenzt Weingartner die Entstehungszeit der Bauwerke zwischen 1550 und 1650 ein und bezieht sich damit auf eine Epoche, in welcher die Bautätigkeit sehr rege war und die Tiroler Herrenhäuser und der heimische Adel ihren ökonomischen Status insbesondere auch baulich zu symbolisieren versuchten; ist Bauen doch grundsätzlich die nachhaltigste und eindringlichste Art und Weise, sich im Raum zu charakterisieren und darzustellen. Bestenfalls über Jahrhunderte hinweg und nicht über wenige Jahrzehnte.

Was den „Überetscher Stil“ wirklich definiert, ist die folgende Einordnung:

  • Von der Gotik im Norden kommend, werden die Häuser unregelmäßig und burgenähnlich als Winkelwerk mit farblicher Fassadengestaltung konzipiert. Ausgangsbasis ist der Ansitz als „festes Haus“ und wehrhafter Sitz eines Grundherren [2]. Die „malerische Abwechslung“ ergibt sich aus dem Ideal des deutschen Profanbaus im Mittelalter, wovon die aufwändig gestalteten Burgen, aber auch Bürger- und Bauernhäuser mit Zinnen, Erkern, Lauben sowie vor- und zurückspringenden Fassadenteilen zeugen [1].
  • Von der Renaissance im Süden kommend etabliert sich eine filigrane stilistische Reinheit, die nach Regelmäßigkeit, Symmetrie und klassischen Anspruch strebt. Um den stilistischen und moralischen Anspruch der Renaissance auch nur annährend zu erfassen, muss man sich mit den Werken des Architekturtheoretikers Leon Battista Alberti (1404 – 1472) sowie mit den geistesgeschichtlichen sowie politischen Gegebenheiten jener Zeit befassen.
  • Im Gebiet zwischen Bozen und Salurn etabliert sich durch den wechselnden Einfluss eine besondere Ausprägung, „Überetscher Stil“ genannt, die beide Stilrichtungen, also Gotik und Renaissance, umfasst. Mittelalterliche bäuerliche Anwesen werden durch den Einfluss oberitalienischer Baumeister zu Renaissance-Palästen ausgebaut, womit sich die baulichen Charakteristika beider Richtungen durchmischen und eine besonder Aura entwickeln.

Infolgedessen stellt sich das Gebiet zwischen Bozen und Salurn und – im erweiterten Sinne zwischen Meran und Salurn – als ein Land dar, das alpin und mediterran zugleich ist und durch diese „Magie der Vielfalt“ den außergwöhnlichen Reiz und eine besondere Tiroler Schlagseite erhält. Kaum ein Land ist wohl durch eine ähnliche räumliche Dichte gekennzeichnet, die auf engstem Raum Gletscher, die über 3.000 Meter reichen sowie Weinbau in sonnig-mediterranen Lagen vereint. Diese besondere Gegebenheit wird sowohl durch die Vegetation und besonders auch durch das Gebaute unterstrichen.

Ansitz Hoffenburg in Salurn: Mischung aus Gotik und Renaissance

Was macht den Überetscher Stil baulich wirklich aus? Grundsätzlich gelingt es durch die Durchmischung der beiden benannten Stile, vielleicht auch durch eine unorthodoxe Handhabung, die von der Stringenz der Renaissance stark abweicht, die „nüchternen Renaissancelinien“ zu durchbrechen und aufzulockern, wie Alexander von Hohenbühel schreibt [2].

Ansitz Königsegg in Margreid: Renaissance-Motive

Im Besonderen sind es die folgenden, kennzeichnenden Bauelemente:

Die durch die Renaissance bedingte regelmäßige Raumanlage. „In jedem Stockwerk gruppieren sich die Räume symmetrisch um einen oft ziemlich großen Flur oder Mittelsaal und diese Regelmäßigkeit offenbart sich auch in der Außenansicht, in den regelmäßig und symmetrisch angeordneten Fensterreihen“ schreibt Josef Weingartner.

Die zentralen Räume sind repräsentativ ausgeführt und erhalten durch die gewölbte Ausführung den Charakter einer Halle.

Neben den Gewölbedecken verfügen die Räume über Kassettendecken und hölzerne Täfelungen. Diese Ausführung als „Stube“, begrifflich den beheizten Raum charakterisierend, findet in der Romanik ihren Anfang und wird – mit dem angestrebten Wohnkomfort – zunehmend wichtig.

Die Eckerker: In der Renaissance-Architektur werden vorzugsweise regelmäßige und symmetrische Balkone oder Altane (Söller) gebaut. Der Erker, insbesondere in seiner unregelmäßigen und unsymmetrischen Ausführung, ist ein wesentliches (wehrhaftes) Stilelement in der Gotik und fortan im Überetscher Stil ausgeprägt.

Die zinnenbewehrten Mauern erinnern ebenso wie die Türme an den wehrhaften, burgenähnlichen Charakter der Ansitze. Wohntrakt und Wirtschaftstrakt sind grundsätzlich getrennt, aber baulich verbunden, etwa durch Sölller und Arkaden. Die Innenhöfe sind entsprechend umwehrt und verfügen über Rundbogen-Eingänge mit Besitzerwappen [3].

Die malerischen Fassaden mit Fresken als Charakteristika der deutschen, profanen Gotik.

Die aufgemalten Eckquader, die wohl von der in der Renaissance praktizierten Rustizierung abzuleiten sind, jedoch nördlich der Alpen eine eigenständige Stellung und künstlerische Ausprägung entwickeln.

Freitreppen und Loggien als typische Merkmale mediterranen Bauens, die entsprechende klimatische Voraussetzungen bedingen.

Die Säulengänge mit toskanischen Säulen, die – aufgrund der filigranen Ausführung und des Gewölbeschubes – Zuganker statisch notwendig machen. Eine Ausführung, die typisch für den mediterranen Raum war.

Die Oculi (Ochsenaugen), die in Romanik und Gotik ihre Verbreitung fnden und klassisch oberhalb der eigentlichen Fenster angeordnet werden.

Die Doppelbogenfenster (Bifora), die durch Stützen unterteilt sind und in Romanik und Gotik, sowie in der Frührenaissance ihre Verbreitung finden, grundsätzlich allerdings an die Romanik erinnern. Die Triforienfenster werden hingegen als „Palladio-Motiv“ bezeichnet.

Durch die klassiche Antike geprägt werden die Fensteröffnungen in der Renaissance mit steinernen Umrahmungen ausgeführt, mitunter auch mit Dreiecksgiebeln.

Dekoration finden die Fensteröffnungen durch die schmiedeeisernen Fensterkörbe.

Aus den besagten Stilemementen und baulichen Ausformungen ergibt sich eine räumlich und historisch einmalige Konstellation im Süden Tirols.

Titelbild: Ansitz Wohlgemuth (Hammerstein) in St. Michael in Eppan, vom Wiener Künstler Walter Prinzl, der dem Umfeld der Wiener Secession sowie dem Hagenbund zuzuordnen ist. Entstanden um 1920 (in Privatbesitz).

Weiterführende Artikel:

Salurn – ein wesentliches Stück Südtiroler Unterland

#elemente: Bögen und Gewölbe

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Die Schönheit gewachsener Baukultur erhalten

Literatur:

[1] Josef Weingartner: „Der Überetscher Stil“, Der Schlern, 3 / 1922

[2] Arbeitskreis Hausforschung Südtirol (Hg.): „Der Überetscher Stil – Renaissancearchitektur an der Schnittstelle von Nord und Süd“, Athesia Verlag, Bozen 2018

[3] Karl Egg: „Kunst im Südtiroler Unterland“, Athesia Verlag, Bozen 1988

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