Teil 3 von 5: Renaissance (in Südtirol)

Die in Italien mit der Neuzeit ansetzende Renaissance ist nicht nur als eine geistige Bewegung, sondern insbesondere auch als eine politische Bewegung zu verstehen. Das erstarkte Bürgertum in den norditalienischen Städten beanspruchte seine Macht gegen Adel und Kirche und vollendete diesen Anspruch mit einem ästhetischen Stil.

Mit Humanismus und Renaissance vollzog sich der Bedeutungswandel: „Kunst durfte für sich selbst sein. Kunst um der Kunst Willen“[1]. Mit Wiederentdeckung der klassischen Antike entwickelt sich die Ästhetik als ein Stilprogramm und eine regelrechte Programmatik. Im Mittelpunkt stand nicht mehr das Göttliche, sondern das Menschliche. Der Begriff der „Programmatik“ ist zutreffend. Leon Battista Alberti entwickelte eine Architekturtheorie aus der Antike heraus, die er von den Schriften Vitruvs ableitete.

Gegenüber der nordischen Gotik entwickelte Giorgio Vasari den Begriff des „Barbarentums“, weshalb sich begrifflich erst die „Gotik“ durchsetzte.

Der deutsche Philosoph Ernst Bloch schreibt zum Wesen und Wirken der Renaissance in Italien: „Das Land, worin dergleichen beginnt, ist nun mit ökonomischem Grund Italien. Es ist auch das Land, in dem die heidnische Antike, die von der mittelalterlichen Gesellschaft überwunden worden war, überall noch herumstand und nirgends ganz vergessen wurde, sodass eine Anknüpfung an die heidnische Welt, die Welt des Diesseits, am leichtesten möglich war“ [2].

Ästhetik wurde mit der Renaissance fortan eine moralische Kategorie, die als „Maß der Vollkommenheit“ wahrgenommen wurde. Kunst war fortan etwas, das darin bestehe, die aus der Antike übernommenen Formen „richtig“ einzusetzen.

Leon Battista Alberti entwickelte Kirchenbauten aus dem römischen Triumphbogen heraus, indem er das Prinzip des Triumphbogens dreidimensional erweiterte. Seine Leistung ist die „Eroberung der römischen Grammatik und die Schaffung einer durchgehend logischen Struktur“ [3]. Diese durchgängig dreidimensionale Logik, die sich aus den Bauelementen der klassischen Antike ergibt, ist gestalterisch mehr als anspruchsvoll.

Donato Bramante, Architekt der Hochrenaissance, unternahm hingegen den Versuch, die Antike in der Architektur vollständig anzueignen, gepaart mit der „völligen Zuversicht, sie weiterzuführen und anpassen zu können“ [3].

Die große Gestalter der Renaissance verstanden sich längst nicht mehr als Repräsentanten einer göttlichen Ordnung, sondern verwirklichten sich durch ihr künstlerisches Genie und durch ihre Bauwerke selbst. Diesem Gestaltungswillen geht das Bedürfnis der Bauherren einher, sich selbst über den eigenen Tod hinaus eine künstlerische Größe zu geben.

Architektur wurde in der Renaissance ein Mittel zur Selbstdarstellung: „Das rhetorische Potential der Architektur wird in keinem anderen Zeitalter so deutlich erkannt und so gezielt kultiviert wie in der Frühen Neuzeit, beginnend mit der Florentiner Frührenaissance. Neben den fürstlichen und kirchlichen Obrigkeiten entdecken auch selbstbewusste bürgerliche Bauherren die Architektur als repräsentatives Kommunikationsmittel im öffentlichen Raum und nutzen Bauwerke als Medien kalkulierter Selbstdarstellung“ [4].

Andrea Palladio sollte als eifriger Renaissance-Architekt in Oberitalien die Vitruvsche Formenlehre intensiv studieren und dabei einen besonders reinen Bezug zur Antike herausarbeiten. Was Palladio imponierte, war der Hang der Antike, im Bauwerk gesellschaftliche Ideale wie Ordnung und Würde zu verwirklichen. Alain de Bottom unterstellt Palladio, dass er mit seinen Bauwerken die „Streitereien und Kompromisse des gewöhnlichen Lebens“ überwinden und „durch Klarheit und Ausgewogenheit“ zu ersetzen versuchte.

Palladios Werk setzt zu einer Zeit an, als das Privathaus als Bauwerk zunehmend an Bedeutung gewann. Palladios Gutshäuser im norditalienischen Raum sollten genauso wie sein theoretisches Werk größten Einfluss auf die Architektur nehmen. Insbesondere in den protestantischen Ländern Nordeuropas und in den Vereinigten Staaten gewann die palladianische Architektur mit der Übersetzung des schriftstellerischen Werkes in das Englische an immenser Bedeutung, insbesondere als Gegenentwurf zum katholisch empfundenen Barock.

Palladio entdeckte, dass die Form für den Eindruck wesentlicher sei als die Materie. Die Materie war in der Formgebung eher nachrangig. Das Mauerwerk wird in der Folge bei Palladio mit Marmorputz verkleidet und versteckt.

Auf Palladios Ideen aufbauend sollten die liberalen Grundbesitzer im frühen 18. Jahrhundert auf den Palladianismus zurückgreifen. Später fand der Palladianismus in der Revolutionsarchitektur Anklang und sodann in den Vereinigten Staaten in dem Ansinnen, bewusste Anleihen am Römischen Reich zu nehmen.

Durch geänderte soziale Verhältnisse, die auf eine „Verstärkung des Privatlebens“ [5] hinausliefen, ergaben sich vielfältige gestalterische Veränderungen in der Renaissance. Das soziale Leben sollte sich fortan stärker in Innenhöfen sowie in privaten Räumen abspielen, wodurch entsprechende repräsentative und anspruchsvolle Gestaltung vorausgesetzt wurden. Mit dieser Entwicklung vollzieht sich ebenso der verstärkte Bau von Landvillen mit dazugehörigen Gärten.

Die Renaissance nördlich der Alpen vollzog sich im Gegensatz zur italienischen Renaissance verspätet und entkoppelt von der Stiltreue der klassischen Antike. Die antike Vorbilder waren nicht „greifbar“. Der Übergang von der Gotik zur Renaissance war folglich verschwindend, die Interpretation freier. Kennzeichnendes Element der nordischen Renaissance ist der „welsche“ Giebel, also eine repräsentative Giebelwand auf der Fassadenseite. Die Treppengiebel oder Staffelgiebel etablieren sich grundsätzlich bereits mit Romanik und Gotik. In der nordischen Renaissance wurde der Backstein gestalterisch verwendet.

Die Entwicklung, die mit der Renaissance ihren Anfang nahm, setzte sich in Manierismus und Barock fort, indem die in der Renaissance noch stringenten Formen zunehmen verspielt und ungebunden wurden. Der Manierismus ist als „Ausdruckssteigerung durch Regelbruch“ erklärbar [4].

Im Übergang zum Barock erahnt Massimo Listeri ein Infragestellen des rationalistischen Weltbildes, wie es in der Renaissance noch zentral war.

Das 16. Jahrhundert war ein ereignisreiches Jahrhundert in Europa: „Diese Umstände bewirkten eine allgemeine Verunsicherung, die sich auch in der Geistesgeschichte der Zeit niederschlug (…) Die Gewissheit des Menschen, im Mittelpunkt des Universums zu stehen und den Kosmos zu begreifen, die die großartigen Entwicklungen der Renaissance getragen hatte, war verloren. Eine Reaktion darauf war, dass die Natur als Grundlage des Lebens mit ihren auch beängstigenden, nicht zu beherrschenden Kräften zu einem wichtigen Gedanken und beispielsweise in der Gartenkunst zum dominierenden Element wurde“ schreibt Massimo Listeri [6].

Insgesamt ist der Barock die Übertragung des Malerischen auf die Fassaden. Michelangelo legte als Architekt der Hochrenaissance bei seinen Bauwerken die Poesie eines Bildhauers an den Tag und entwickelte die Gebäude bildlich weiter. Daran sollte man im Barock anknüpfen. Politisch ist im Barock die Zeit des Absolutismus erreicht. Die absoluten Herrscher setzten sich ihre absoluten weltlichen Denkmäler.

Und Südtirol: Der Überetscher Stil

Überetscher Stil in Girlan

Der Bedeutungswandel in Südtirol folgte mit der Renaissance. „Während im Norden und in der Mitte Tirols die Wirtschaft stagnierte und damit auch im weltlichen Bereich keine Aufträge, außer an den Höfen in Innsbruck und Brixen, vergeben wurden, erlebte das Überetsch und das Unterland abseits der auch hier fehlenden kirchlichen Aufträge eine interessante Blütezeit des Bauens und Ausstattens. Die Ursache lag in der agrarischen Struktur dieser Gebiete, genauer gesagt im Weinbau, dessen Produkt jetzt mehr denn je nach Deutschland exportiert wurde, weil die adelige Renaissancearchitektur des Weines als gesellschaftliches Konsumgut bedurfte“ schreibt Erich Egg.

In der Folge entwickelten sich im Unterland und Überetsch die Weinbauhöfe durch oft aufwendige Neubauten oder Umbauten zu fast herrschaftlichen Ansitzen.

Es wird in der Folge von „Überetscher Stil“ die Rede sein. Charakterisierend ist für diesen Stil, der sich aus Gotik und Renaissance ergibt, die folgende Ausprägung: „Das Herrenhaus und der getrennte Wirtschaftshof sind von einer Mauer umschlossen, die an der Eingangsseite Zinnen und ein großes Rundbogenfenster mit dem Besitzerwappen zeigt. Der Wohnbau ist ein viereckiger Bauwürfel, selten mit Eckerkern oder Türmchen versehen, hat eine Freitreppe in den ersten Stock und in diesem und im Obergeschoss einen gewölbten saalartigen Mittelgang, der durch die romanisch wirkenden Doppelbogenfenster beleuchtet wird, während die anderen Fenster mit viereckigen Steineinfassungen versehen sind. Die vom Mittelgang aus betretbaren Wohnräume sind einfach gestaltet, haben aber manchmal schöne Kassettendecken und Getäfel. Gelegentlich vorhandene Türme stammen von älteren Bauten“ [7].

Neben dem Überetscher Stil als Symbiose aus Gotik und Renaissance kommen natürlich auch die reinen Renaissance-Formen vor. Ein charakteristisches und besonderes Beispiel ist Salurn.

Salurn erlebte ab 1650 einige große Umbauten. In dieser Zeit sind Renaissance-Ansitze mit Freitreppe und Erker, Loggia und Doppelbogenfenster entstanden, sowie Gewölbe- und Konsolendecken und die typischen schmiedeeisernen Fensterkörbe mit Rautengittern und Spindelblumen.

Die Kirche in Salurn zeigt den Stil der lombardischen Spätrenaissance und stellt sich dar als „großes und hohes einschiffiges Langhaus mit einem etwas niedrigeren Querschiff und gerade schließendem Chor. Innen bilden das Tonnengewölbe mit Quergurten, ein durchlaufendes Gebälk und Pilaster, außen Viereckfenster und darüber halbkreisförmigen Oberlichtern und am Langhaus flache Pilaster die Gliederung. Die dreigeteilten halbkreisförmigen Fenster, das sogenannte Palladiomotiv, benannt nach einem berühmten Architekten, die zu einem Kennzeichen der lombardisch beeinflussten Kunst in Südtirol werden, sind in Salurn erstmals vorgebildet“ [7].

Vom Südtiroler Unterland beeindruckt dürfte sich auch der bedeutendste deutsche Renaissance-Künstler Albrecht Dürer gezeigt haben, der bekanntlich durch das Unterland reiste und in der Folge, als er das Unterland verlassen hatte, erstmals Italien erreichte.

Literatur:

[1] Melanie Haberthauer, Melanie: „Die Kunst und ihre Kritik – ein offener Begriff unter Bezugnahme auf den Stellenwert des Künstlers“, Universität für Angewandte Kunst Wien, Wien 2014

[2] Ueli Pfammatter: „Moderne und Macht – Razionalismo: Italienische Architekten 1927 – 1942”, Bauwelt-Fundamente, Basel 2000

[3] John Summerson, John: „Die klassische Sprache der Architektur“, Vieweg+Teubner Verlag, Wiesbaden 1983

[4] Anke Naujokat: „Die Architektur der Renaissance und des Manierismus“, Handbuch Rhetorik der Bildenden Künste, Bamberg 2017

[5] Rolf Toman: „Die Kunst der italienischen Renaissance – Architektur, Skulptur, Malerei, Zeichnung“, Tandem Verlag, Potstdam 2007

[6] Massimo Listeri: „Villen und Palazzi in Italien”, Tandem Verlag, Potsdam 2007

[7] Erich Egg: „Kunst im Südtiroler Unterland“, Verlagsanstalt Athesia, Bozen 1991

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