Design Thinking: Auf Kreatvität und auf den Endnutzer kommt es an

Mit „Design Thinking“ ist ein Prozess der Problemlösung gemeint, der sich methodisch am Endnutzer orientiert. Dadurch, dass das Endprodukt und seine Beschaffenheit oder Design im Mittelpunkt stehen, vollzieht sich der Prozess der Entwicklung gegenteilig als vielfach praktiziert. Vielfach geht es im Ingenieurwesen nämlich darum, ein technisches Problem zu lösen. Das Design ist schließlich die Verpackung oder Umhüllung dieses Produktes. Diese Vorgangsweise erzielt nur in den seltensten Fällen eine befriedigende Lösung.

Um die Problematik konkret auf das Gebaute zu beziehen: Ein Gebäude, das bestimmte Zwecke erfüllt und diese physisch und materiell umhüllt, widerspricht im Wesentlichen dem ästhetischen Anspruch, den wir an das Gebaute stellen. Der methodische Funktionalismus greift folglich zu wenig weit. Der Funktionalismus als Ästhetik-Ersatz genügt kaum unseren ästhetischen Bedürfnissen an unsere Umgebung.

In diesem Sinne bemerkt der Designtheoretiker Bernhard Bürdek: „Gutes Design darf keine Umhüllungstechnik sein. Es muss die Eigenart des jeweiligen Produkts durch eine entsprechende Gestaltung zum Ausdruck bringen. Es muss die Funktion des Produkts, seine Handhabung, sichtbar und damit für den Benutzer klar ablesbar machen (…) Gutes Design muss das Verhältnis von Mensch und Objekt zum Ausgangspunkt der Gestaltung machen, besonders auch im Hinblick auf Aspekte der Arbeitsmedizin und der Wahrnehmung“ [1].

Ein Produkt, genial zu Ende gedacht, vereint Zweck, Funktion und Design in einem gesamtheitlichen Entwurf. Dieser Entwurf geht – bestenfalls – vom Endnutzer aus. Innovative Unternehmen wie Tesla wählen den Ansatz des Design Thinking, um Produkte zu entwickeln, die objektiv betrachtet „besser“ sind, weil sie sich am Nutzererlebnis orientieren. Tesla vereint Mensch und Objekt, indem das Elektroauto eine disruptive Herangehensweise mit weitreichenden Folgen für die Energiezukunft verspricht. Doch nicht nur das: Das Auto ist rund um diesen zentralen Gedanken und um die Anforderungen aus Nutzersicht gebaut. Eigentlich geht alles vom Nutzer, der Funktionalität und einer „Umgebung“ aus, die menschlichen Bedürfnissen entspricht.

Design Thinking auf den Punkt gebracht vollzieht sich in einem interdisziplinären Prozess mit den folgenden Prinzipien:

  • Verstehen
  • Beobachten
  • Standpunkte festlegen
  • Ideen finden
  • Prototyp erstellen
  • Testphase

Im Bauingenieurwesen ist es grundsätzlich nicht üblich, Prototypen zu erstellen und Testphasen einzuleiten. Jedes Bauwerk ist ein Unikat und kein Serienprodukt. Zumindest im besten Fall. Der Ansatz, ein Bauwerk als integratives Ganzes zu planen, das sich am Nutzererlebnis orientiert, ist heute allerdings ein Gebot der Stunde. Wir müssen und wollen heute Bauwerke planen, die über möglichst lange Zeiträume ihre Anforderungen erfüllen, weil wir es uns weder leisten können, noch leisten wollen, dass das Gebaute nach wenigen Jahren abrissreif, langweilig, banal oder ästhetisch und materiell abgenutzt ist.

Es ist mehr denn je notwendig, die „Creative Economy“ in der Planung von Anfang an ins Spiel zu bringen, um Lösungen zu entwickeln, die besser, effizienter, einleuchtender sind und den Nutzer dort abholen, wo er steht, anstatt dem Nutzer eine Umgebung aufzudrängen, die dieser gar nicht begehrt. Es geht dabei darum, die Lösung am effektiven Nutzerbedürfnis auszurichten, dabei verschiedene Perspektiven zu beleuchten, Teamarbeit und Integration zu fördern, Talente zu entwickeln, zu fordern und zu fördern, auf Stärken zu setzen, Diversität als Gewinn zu erachten, frühzeitig auf Kreativität und außergewöhnliche Lösungen zu setzen und schlussendlich einen Paradigmenwechsel anzuregen, wie ihn Apple, Google oder Tesla bewirken [2]. Dies gelingt in unseren derzeitigen „Systemen“ nur bedingt, weil wir viel zu sehr in veraltete Strukturen verhaftet sind und besonders auf Seiten der Verwaltung und der Etablierten kein ausgeprägtes wesentliches Interesse an Veränderung und Erneuerung besteht.

Insbesondere das Thema Infrastrukturbau geht heute vielfach nicht vom Nutzer und auch nicht von der Bürgerbeteiligung aus; vollzogen werden schlussendlich „Lösungen“, die von oben herab durchgekämpft werden. Derartige Methoden geraten immer schneller auf das Abstellgleis. Im Sinne von Akzeptanz, Identifikation und gemeinschaftlicher Lösungsfindung und Lösungsoptimierung wären Methoden wie „Design Thinking“ längst auf der Höhe der Zeit. Gerade in Zeiten sozialer Medien und der Beteiligung von möglichst vielen Menschen an der öffentlichen Wahrnehmung und Meinungsbildung, kommt es bei Infrastruktur darauf an, Lösungen zu entwickeln, die auf breite Zustimmung stoßen und dem Endnutzer einen Mehrwert versprechen. Durch die Überzeugungskraft der besseren Idee und nicht einer aufoktroyierten Meinung.

Ob beim Verkehrsbau, bei der Mobilität, in der Energiewirtschaft, im Städtebau oder bei Großprojekten sei dahingestellt. Die Digitalisierung ist Treiber und Verstärker einer Entwicklung, die bei unserer Kultur der Zusammenarbeit, des Denkens, des Entwickelns und des Vernetzen ansetzen muss.

Es kommt mehr denn je darauf an, dass es gelingt, den Endnutzer in das Projekt einzubinden. Der Projekterfolg hängt stark von der Fähigkeit zum Design Thinking ab. Dazu sind Strukturen notwendig, die den Rahmen bilden, damit Einzelne sich entfalten und kreative Lösungen entwickeln können.

„Funktionieren“ im System sowie blinder Gehorsam sind zu wenig, wenngleich es sich dabei nach wie vor um die Losung zu handeln scheint, um im bürokratischen „System“ möglichst weit zu kommen. Wo beschönigte Vorstandsberichte das Um und Auf sind, sind außerordentliche Lösungen ein Fremdwort. Diese Praktiken mögen zwar dem System zu nutzen, nicht aber einer Gesellschaft, die stärker nach Exzellenz strebt. Und so entstehen vermeintliche „Lösungen“, die an Systemerfordernissen und nicht am Endnutzer ausgerichtet sind. Und so kommt es, dass uns andere Länder abhängen, weil sie kein Angst vor mutigen Lösungen haben.

Außerhalb der Box denken, Gewohnheiten einreißen, den Rahmen sprengen, interdisziplinär wirken und gesamtheitlich denken sind in diesem Zusammenhang das Um und Auf. Und zwar als Prinzip und nicht als Floskel. Alles, was wir brauchen, ist der Mut zur Unabhängigkeit und zu eigenen Wegen.

Weitere Artikel:

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Literatur:

[1] Bernhard E. Bürdek: „Design – Geschichte, Theorie und Praxis der Produktgestaltung“, DuMont Verlag, Köln 1991

[2] Michael Valentin: „Die Tesla-Methode – 7 Prinzipien, die Ihr Unternehmen fit für die Zukunft machen“, Plassen Verlag 2021

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