Baukultur in Judikarien

Auf der Reise durch Land und Zeit

Baukultur – so sagt man – bringt die leblose Materie in Form und durchdringt sie mit einem verbindenden Geist. Und so kommt es, dass durch das Gebaute ein nicht greifbarer Geist eine Landschaft durchdringt, erhebt, hervorhebt und zum Wert macht – entgegen der anonymen Uniformität unserer heutigen Zeit, bei der die vermeintliche „Individualität“ in Konformismus mündet. Das fahrlässig Abgerissene und neu Errichtete ist dann – in den meisten Fällen – heute wertlos, wohingegen das mühevoll Erhaltene und über die Zeit gerettete heute den eigentlichen Wert ausmacht.

Eine Landschaft wird gemacht durch die Menschen, die Geschichte sowie durch den kollektiven und individuellen Willen zum Erhalt und zum Weitergestalten.

In Judikarien (oder Giudicarie), dieser Trentiner Tallandschaft nordwestlich des Gardasees, unweit von Tione di Trento, zwischen Adamello und Brenta-Gebirge hat sich eine ganz eigentümliche Kulturlandschaft erhalten. Die so genannten „Gerichtsbezirke“ der Judikarien übernahmen die Langobarden von den Römern. Später gehörten die Judikarien zum südlichsten Tirol [1].

In Italien werden die schönsten Orte unter dem Label „I borghi piú belli dell’Italia“ gekrönt, wenngleich diese Auszeichnung sich auch auf Orte bezieht, die sich außerhalb der Grenzen der italienischen Kulturnation entwickelt haben. Auf Judikarien und Umgebung fallen dabei gleich 4 von insgesamt 6 Trentiner Orte, was die herausragende baukulturelle Stellung der Gegend unterstellt. Einerseits Rango (Bildergalerie), das für steinerne Gewölbe, reich ausgebildete Balkone, hölzerne Dachkonstruktionen, enge Gassen und die verschachtelte Bauweise charakterisiert ist. Weiters aber Bondone, Canale di Tenno und San Lorenzo in Banale, die sich in unmittelbarer Nähe Rangos befinden.

Gegenüber zahlreichen Tourismus-Orten, die ihren eigentlichen Charakter längst eingebüßt haben und heute eher künstliche Dorfgebilde und „Potemkinsche Dörfer“ sind, hat sich in den Randgebieten das Eigentümliche, Echte und Ursprüngliche erhalten – entgegen der Inszenierung, die nie an das Wahre herankommt, sondern das Gegenteil bewirkt. Mehr dazu: In der Sommerfrische – Gedanken zum Tourismus von gestern und heute

Wer abseits der abgetrampelten und künstlich inszenierten Wege geht, erlebt im Leben mehr, weil er das wahre Leben erahnt. Unzählige Landschaften, Landstriche, Idyllen und Einöden wollen und werden erst erkundet werden, wenn wir diese Wege gehen. Und wir werden sie gehen. Doch zurück nach Judikarien.

In Judikarien wechseln sich Holz und Stein im Bauen ab. Die Siedlungsstruktur mag durch die Realteilung verschachtelt und ordnungslos erscheinen – ein typisches Erscheinungsbild eines bäuerlichen Dorfes im Trentino und der praktizierten erbrechtlichen Realteilung. Die Häuser gruppieren sich kreuz und quer um kleine, verschachtelte Plätze und um Brunnen. Überall grenzen Mauern den Raum ab. Der Raum wirkt unstrukturiert und ist damit anders, als die Dörfer, die weiter südlich liegen mit ihrer aus Renaissance und Barock abgeleiteten Anmut.

Aber doch, der Einfluss der Renaissance mischt sich sichtbar in den Dorfcharakter: Loggien und Biforienfenster mögen einen venezianischen Einfluss kennzeichnen, ebenso die geschwungenen steinernen Balkone mit eisernen Brüstungen. Die vielen marmorgerahmten Torbögen haben hingegen etwas „typisch trentinerisches“ [2]. Das offene Giebeldreieck mit der sichtbaren Holzkonstruktion zum Trocknen von Heu hat hingegen eher einen nördlichen und Tiroler Charakter.

Im Bild: Das Dorf Rango in Judikarien

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