Wiener Baukultur heute. Ein schwieriger Begriff. Bauen in einer geschichtsträchtigen Stadt bedeutet immer, das historisch Gegebene aufnehmen und auch weiterentwickeln im Sinne eines schöner, grüner, moderner.
Wenn man rund 7 Jahre lang in Wien lebt, dann lässt einen die Stadt nicht mehr los, sondern man hat nicht nur einen Teil seiner Geschichte, sondern auch seiner Gegenwart und Zukunft in die Stadt verlegt, sowie auch den Willen, beruflich in der Stadt zu wirken. Die Wiener Baukultur prägt, aber will auch weiter geprägt werden.
Mittelalterlicher Kern: Der Erste Bezirk
Befasst man sich mit der Stadt Wien, dann geht die Auseinandersetzung natürlich vom mittelalterlichen Stadtkern aus, der durch die Stadtmauern begrenzt war und im Wesentlichen den Ersten Bezirk ausmacht. Auch heute noch geht die höchste Attraktivität von diesem ältesten Stadtteil aus. Die verwinkelten Gassen und die starken Steinmauern kennzeichnen das Bauen, das sich auch im Profanen als Gotik nieder schlägt.
Für die Stadtmauern zur Verteidigung Wiens gegen äußere Feinde fand man genauso wie in anderen Städten im 19. Jahrhundert allerdings keine wirkliche Verwendung mehr. Spätestens seit den revolutionären Umtrieben von 1848 war der gefühlte „Feind“ längst in das Landesinnere gerückt. Wichtiger als eine Stadtmauer sollte sich ein neu geschaffene Boulevard erweisen, der durch die Anbindung an die Kasernen gezielt zur schnellen Verlegung der Truppen angelegt wurde, dessen Breite die Verbarrikadierung verhindern und dessen polygonartiger Grundriss geradlinige Schussstrecken ermöglichen sollte.
Die industrielle Entwicklung Wiens machte ebenso umfangreiche Wohnbauprogramme notwendig, um den hohen Zuzug an Arbeitskräften durch Wohnbauten decken zu können. Diese Lücken sollten raumordnerisch durch Integration der Vorstädte in die Stadt geschlossen werden. Dazwischen lag viel Land brach, das bebaut werden wollte.
Nicht zuletzt hegte die Monarchie dynastische Interessen, die zur politischen Inszenierung, die die Ringstraße darstellt, bewegen sollten. So verbindet der Wiener Ring mit Staatsoper, Parlament, Rathaus, Burgtheater oder Universität eine ganze Reihe staatlicher Gebäude mit Symbolwirkung. Dass im Zentrum der neuen Ringstraße rund um die Hofburg herum ein Kaiserforum nach römischem Vorbild entstehen sollte, unterstreicht den (historischen oder „auf Ewigkeit gerichteten“) Anspruch, den die Monarchie an sich selbst stellte.







Die Ringstraßenarchitektur: Gründerzeit und Zinshäuser
Der Bau der Ringstraße markiert den Umbruch in der Stadtentwicklung Wiens. Die verschachtelte, gewachsene Altstadt, die in ihrer organischen Entwicklungsgeschichte ihren besonderen Reiz für historisch Interessierte hat, wurde am Reißbrett massiv nach außen hin erweitert. Das bedingt einen Maßstabswechsel. Die mittelalterliche Stadt war noch ganz aus der Perspektive des Fußgängers entstanden, die Häuser und Gelegenheiten waren fußläufig und kompakt angeordnet, die Stadt war nicht für das Vorbeifahren, sondern für das Vorbeigehen konzipiert.
Die Perspektiven und die Maßstäbe sollten sich mit dem Bau der Ringstraße nun drastisch verschieben. Mit der Errichtung des Boulevard Ringstraße entstand ein neues Ganzes. Die Weiten und Entfernungen, die sich mit der Erweiterung der Stadt nun ergaben, waren auch nicht mehr ohne Weiteres fußläufig zurückzulegen. Oder anders ausgedrückt: Durch die Inbetriebnahme der ab 1868 vorerst durch Pferde und später elektrisch betriebenen Tramway, die die Stadt am Ring umkreiste, aber auch die Vororte in ein Verkehrssystem integrierte, mussten die einzelnen Stadtteile auch gar nicht mehr fußläufig erreichbar sein.
Das markiert den Umbruch in der Stadtentwicklung. Von den Distanzen und Entfernungen her, in denen die repräsentativen Bauten angeordnet wurden, war die Ringstraße bereits als eine aufstrebende, moderne Großstadt konzipiert, die über ein effizientes Verkehrssystem zur gebündelten Verschiebung der Massen verfügt und die sich in das aufstrebende Eisenbahnwesen mit diversen Kopfbahnhöfen in Wien netzartig integriert. Die verkehrstechnische Erschließung Wiens markiert einen geraden Weg in die Moderne, der umso stärker wirkt, insofern man sich vergegenwärtigt, dass die Adern des öffentlichen und individuellen Verkehrs bis heute hin bestehen und pulsieren.
Was sich abspielte, war eine Verschiebung des Weltmaßstabes. Wien spielte als ausftrebende Industriestadt und als Wirtschaftszentrum in einer Liga mit Paris und London mit und wollte den anderen Metropolen des Kontinentes geo- und wirtschaftspolitisch in nichts nachstehen. Dem Anspruch, Weltstadt zu sein, genügte man nicht nur durch den gezielten Ausbau der Verkehrsinfrastruktur, sondern auch dadurch, dass man das „Who-is-who“ der Architekturszene nach Wien lockte, was durchaus mit heutigen Stadterweiterungen vergleichbar ist.
Die bürgerlichen Bauherren der Gründerzeitphase wollten das Bestehende und den Adel sogar noch übersteigern und bauten sich ihre eigenen Adels-Paläste im klassischen und tradierten Stil. Das lockerte sich erst zaghaft mit dem vermehrten Aufkommen des Jugendstils und später mit der frühen Moderne, die zwar immer noch auf klassische Formen zurückgriffen, jedoch den Kanon der klassischen Architektur nicht mehr stringent verfolgten. Das Aufkommen von Jugendstil und früher Moderne ist dabei durchaus auch mit dem Zuzug von Finanziers aus dem Ausland in einen Bezug zu setzen, die auf neue Formen zurückgriffen.
Dass im Rahmen der Ringstraße kaum Jugendstil anzutreffen ist und der Stil des Historismus wie in einem Freilichtmuseum strikt durchgezogen wurde, liegt durchaus auch an der Symbolpolitik der Habsburger, die am Historismus als der eigenen architektonischen „Corporate Identity“ festhielten.
Die Wiener Vororte: Währing, Döbling, Neuwaldegg und Grinzing
Die interessantesten baulichen Entwicklungen spielen sich in den Wiener Vororten ab. In der Biedermeier-Zeit vollzog sich eine Hinwendung zur Privatheit. Das zeigt sich nicht nur in den Vororten, sondern auch in prächtigen Hinterhofgärten. Bürgerlicher Lebensentwurf, Freizeitgestaltung, kulturelle und geistige Kontemplation, Musik, Theater und Literatur gewannen an Bedeutung. In der Biedermeier-Zeit wurden – auf die Stadt bezogen – die Vororte „entdeckt“ und der ländliche Raum in Form der Sommerfrische oder von Ausflugszielen erschlossen. Das schlägt sich besonders auch in den Dörfern und Städten in der Wiener Umgebung nieder, wo sich folglich Biedermeier-Architektur und Weinbau oder Naturerlebnis treffen.
Aber auch abseits dessen entstehen Parks und Erholungsräume.
Als wichtiger Architekt in der Biedermeier-Zeit gilt Joseph Kornhäusel, der im Wesentlichen in Wien und in Baden gestalterisch wirkte und als Vertreter der Klassik lokale Elemente in die Gestaltung einfließen ließ. Seine Inspirationen holte er sich unter anderem aus der lokalen, barocken Tradition-
Als Gegenmodell zu den „Zivilisationskrankheiten“, die man in den Städten erahnte, wird der ländliche Raum entdeckt. Im späten Historismus zeichnet sich die Tendenz durch den so genannten „Heimatstil“ ab. Dem Verlust an Sicherheit und Geborgenheit tritt man durch die Idealisierung des „gesunden“ ländlichen Lebens entgegen. Dem festgestellten Mangel an Natürlichkeit begegnet man durch das propagierte „Zurück zur Natur“.
Die Formen im Heimatstil „suggerieren die erwünschte Primitivität, aber auch Naturnähe und nicht zuletzt – über die Ästhetik der Gewohnheit – auch Schutz und Geborgenheit (…) Das Elementare ist für den Heimatstil eine bestimmendere Kategorie als das (damit ebenfalls verknüpfte) Nationale“.
Speziell in Österreich ergab sich mit dem Heimatstil eine regionalbezogene Ausformung des Späthistorismus, der besonders im ländlichen Umfeld und bei herrschaftlichen Ansitzen in den Randbezirken Anklang findet. In dieser Zeit entstanden die Villen, Herrschaftshäuser und Ziergärten in den Außenbezirken mit romantischen Anklängen an das fröhliche Leben, an Lust, Jagd und trauter Bürgerlichkeit.
Der ländliche Raum wurde zunehmend zur „Projektion bürgerlicher Kulturbeobachtung“ und ein „ästhetisierter Raum“, der einer moralischen Kontextualisierung vom vermeintlich „wahren“ Leben entsprach. Das Bürgertum wollte jene Komfortstandards, die es in den Großstädten gewohnt war, auch am Land und in der Sommerfrische erlebbar machen, wodurch Investitionen in die Infrastruktur zweckdienlich waren. Hinzu kommen ästhetische Vorstellungen vom „ländlichen“ Leben.
Die Formen in den Wiener Vororten werden zunehmend moderner, orientieren sich an der Reform-Architektur und nehmen die Wiener Moderne vorweg. Die Idee der Gartenstadt zeichnet sich da und dort ab.
Jugendstil und Wiener Moderne
Den Höhepunkt erreicht das Bauen in Wien schließlich mit dem Jugendstil und der Wiener Moderne. War die Gründerzeit noch eine Anlehnung an das Vergangene, dann sollte jetzt endlich etwas Eigenes geschaffen werden, das die ganze Welt auf Wien lenkte.
Der Wiener Stadtbaumeister Otto Wagner personifiziert gewissermaßen die veränderten Anforderungen an das Bauen im beginnenden 20. Jahrhundert. Ursprünglich im Historismus beheimatet, schwenkt Wagner auf den Jugendstil um und prägt in der Folge die Wiener Moderne nicht nur ästhetisch, sondern besonders auch technologisch – und das bis heute hin.
Otto Wagner machte Wien zur modernen Weltstadt. Die Kopfbahnhöfe dienten dem österreichischen Kaiserreich zur schnellen Mobilisierung der Truppen in alle nur denkbaren Richtungen hin. Es ist hier dem Tiroler Alois von Negrelli zu verdanken, dass die Eisenbahninfrastruktur sich in Österreich durchsetzte. Diese Kopfbahnhöfe mussten in Wien verbunden werden. Hier kommt die Genieleistung Otto Wagners durch die Hochbahn zum Tragen. Darüber hinaus war Wien drum und dran, an die anderen europäischen Metropolen heranzurücken, womit die Ringstraßenarchitektur ihr Gesicht erhält.
Abseits vom Infrastrukturbau war Otto Wagner ein Architekt von Rang, der die Moderne in Wien einleitete. Die Postsparkasse, die Kirche am Steinhof, das Schützenhaus am Donaukanal oder das Otto-Wagner-Spital stehen auch heute noch für das Genie Otto Wagners.
Vielfach wird die Wiener Moderne im Zusammenhang mit dem Jugendstil genannt. Die Überschneidungen mögen gegeben sein. Trotzdem aber auch die Unterschiede. Der Jugendstil griff auf die Methoden des Historismus zurück und führte zu einer Übertreibung. Die Fassadendekoration wurde intensiviert. In der Wiener Moderne ist die Gestaltung klassisch, die Formen sind einfach, es wird eine schlichte Monumentalität erzeugt und ein Wille zur Gestaltung, der alle Bereiche umfasst, sodass wirkliche Beziehungen zwischen den Dingen angestrebt werden, was sich in einer besonderen Atmosphäre und einem durchdringenden Geist niederschlägt. Damit entstehen bauliche Qualitäten.
Der Wille zum Stil war mehr als deutlich präsent. Ein Stil, der pathetisch war und monumentale Züge annahm, trotzdem äußerst sachlich war und nur in Form eines „Gesamtkunstwerkes“ nachvollziehbar ist. Das Dasein sollte mit Gestaltung durchäußert werden. Diese Gestaltung war wohlbedacht, proportional, puristisch, klassisch und bewusst ästhetisch. Es entstanden elegante Häuser, deren Äußeres schon das Innere verraten müsse, funktionell und konstruktiv, aber doch mit Bedacht auf die äußere Form. Im Gegensatz dazu plädierte die spätere und eigentliche „Moderne“ für das radikale Verwerfen jedes Formalismus.
Arbeiterstadt und Sozialismus
Völlig überworfen wurden die Prinzipien der klassischen Architektur schließlich mit dem Aufkommen der Architektur der expliziten „Moderne“, die durch das „rote“ Bauen übernommen wurde.
Auf sozialdemokratischer Seite stand der Wortführer der deutschen Arbeiterbewegung, Ferdinand Lassalle, für einen sozialdemokratisch und genossenschaftlich organisierten Nationalstaat ein. Aus dieser sozialdemokratischen Idee und ihrem Menschen- und Gesellschaftsideal heraus entstanden in Wien die so genannten Gemeindebauten, um die Wohnungsnot unter den Arbeitern zu lindern und dabei abseits der Arbeit ausgewogene Lebensverhältnisse und Lebensqualität zu bieten.
Die Wiener Gemeindebauten, die raumplanerisch durchmischt sind, stehen auch heute noch für einen ganz besonderen Stolz der arbeitenden Klasse. In ihrer monumentalen und imposanten Ausführung und eingebettet in Grünanlagen, stehen diese Gemeindebauten für ein besonderes städtisches Selbstverständnis und für eine politische Gesinnung, die sich nicht nur dem Gemeinwohl verpflichtet, sondern auch der „Schönheit“ der Arbeit verschreibt.
Diese frühen Gemeindebauten stehen noch in der Tradition der Wiener Moderne, sind klassisch ausgerichtet, imposant und monumental und es lässt sich darin bestimmt gut und gerne wohnen. Erst allmählich übernimmt das rote Bauen – unter dem Eindruck der Wohnungsnot, aber auch grundsätzlicher Rationalisierungs-Zwänge sowie der ästhetischen Programme, die das Bauhaus postuliert -, die Formensprache der gegenstandslosen Moderne frühsowjetischer Prägung. Mit der Harmonie im Bauen war es aus. Das zwanghafte Modern-sein-Wollen schlägt sich in allerlei Bauschäden und Mängeln nieder.
Moderne Baukultur heute
Wiener Baukultur heute. Ein schwieriger Begriff. Bauen in einer geschichtsträchtigen Stadt bedeutet immer, das historisch Gegebene aufnehmen und auch weiterentwickeln. Gerade der Bauwerksbestand aus der Gründerzeit liefert dazu allerhand Möglichkeiten, wenn denn nur die Sanierung dem Abriss vorgezogen wird. Die Sanierung zahlt sich eigentlich immer aus. Mit einer baulichen Anpassung da und dort sind Wohnträume möglich.
Gerade in der Gründerzeit wurde recht standardisiert gebaut. Die Grundrisse sind flexibel und anpassbar. Da und dort eine tragende Wand unterfangen, einige Fensteröffnungen einfügen sowie den Dachgeschossraum als Dachgeschossausbau modern ausbauen eröffnet zahlreiche Möglichkeiten. Dann sind Wohnräume denkbar, die die Aura des Historischen mit modernem Komfort verbinden. Daran kommt kaum ein Neubau heran.
Im Neubau ist Holz häufig eine interessante Lösung. Das Bauen mit Holz und Vorfertigung reduziert die Bauzeiten im Stadtinneren und belastet den Baugrund nicht mit allzu hohen Lasten, die geotechnisch abgeleitet werden müssen. Hinzu kommen die zahlreichen ökologischen Vorteile, die sich nicht nur rein in ökologischen Kennwerten, sondern vor allem auch in dem Gefühl einer besonderen Ästhetik und Baukultur niederschlagen. Dazu soll es allerdings nicht beim vollkommen verkleideten Holzbau bleiben.
Das Holz soll auch sichtbar sein, um die ästhetischen Dimensionen der Holzbau-Ökologie sichtbar zu machen. Und dann geht es in Richtung Begrünung. Der Dachgeschossausbau mit dunkler Stahlverblechung ist zwar gut und recht, aber Oberflächen, die immer heißer werden, sind keine Option mehr in einer klimaveränderten Stadt. Dächer gehören begrünt, um die Wärme nicht zu absorbieren, sondern zu reflektieren und um durch den gezielten Wasserhaushalt der Begrünung einen kühlenden Effekt zu bewirken.
Gerade in den Vororten geht es darum, in historischer Tradition, ästhetische grüne Umgebungen zu schaffen. Die Wiener Villa am Stadtrand – in Döbling, Währing, Grinzing, Neuwaldegg, in Hietzing, Hernals oder Ottakring – muss ein Gesamtkonzept sein, das Territorium, Ästhetik, herausragende Tragwerksplanung mit einem harausstechenden Aha-Effekt, mit Begrünung und Gartengestaltung zur perfekten Symbiose vereint. Und wenn schon Villa mit Pool, dann vom Feinsten. Das Gebaute muss immer die perfekte Form aus Materie und Natur sein.


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