Wiener Moderne | 2

Josef Hofmann und Joseph Maria Olbrich: „Dandys“ im Auftrag des Gesamtkunstwerks

Die ästhetische Reduktion, die durch die Wiener Moderne angeregt wurde, schlägt sich unter Bezugnahme auf das moderne Industriedesign durch. Ein technischer Funktionalismus, der die Form aus Einfachheit und der Konstruktion heraus zu verstehen versuchte, kennzeichnet diesen Übergang zur Moderne. Die Reformarchitektur fand in der Wiener Werkstätte, für die der Begriff der „Wiener Moderne“ steht, sowie im Deutschen Werkbund, ihre Institutionalisierung.

Die Wiener Werkstätte entstand 1903 in Zusammenhang mit der Secession im Sinne der Erneuerung der handwerklichen Produktion. Im Handwerk sollten sich alle Lebensbedingungen künstlerisch zum Gesamtkunstwerk vereinen. Mit diesem Anspruch umfasste die Wiener Moderne bei Weitem nicht nur das Bauen, sondern ebenso die Inneneinrichtung und die Dekoration sowie den Gebrauchsgegenstand. Dabei schwingt auch ein Anspruch an Wien als Zentrum des Geschmackes mit. Tatsächlich wirkte diese Wiener Moderne als Pionier für die gesamte Moderne.

„Die Präsenz der Konstruktion wird als dekoratives Raumelement eingeführt. Die Oberfläche des Baumaterials und seine Funktion werden verdeutlicht,“ schreibt Gabriele Fahr-Becker in Bezug auf die Wiener Werkstätte [1]. Und so kommt es, dass Gebäude entstehen, die aufgrund ihrer Einfachheit und Funktionalität zwar vom historistischen Kontext zwar abweichen, deren klassischer Bezug durch die Verwendung einfacher geometrischer Formen und eines ausgeprägten formalen Stilbewusstseins jedoch nicht zu leugnen ist.

Vielfach wird die Wiener Moderne im Zusammenhang mit dem Jugendstil genannt. Die Überschneidungen mögen gegeben sein. Trotzdem aber auch die Unterschiede. Der Jugendstil griff auf die Methoden des Historismus zurück und führte zu einer Übertreibung. Die Fassadendekoration wurde intensiviert. In der Wiener Moderne ist die Gestaltung klassisch, die Formen sind einfach, es wird eine schlichte Monumentalität erzeugt und ein Wille zur Gestaltung, der alle Bereiche umfasst, sodass wirkliche Beziehungen zwischen den Dingen angestrebt werden, was sich in einer besonderen Atmosphäre und einem durchdringenden Geist niederschlägt. Damit entstehen bauliche Qualitäten.

Als Begründer der Wiener Werkstätte geht es dem aus Mähren stammenden Wiener Architekten Josef Hoffmann um eine Förderung der Handwerkskunst im Sinne eines Gesamtkunstwerkes und einer Ablehnung jeder Massenfertigung und Reproduzierbarkeit. Die Wiener Werkstätte vollzieht dabei den bewussten Übergang zur gestalterischen Moderne, allerdings in Hinblick auf eine „andere“ Moderne als jener, die später als Avantgarde in aller Munde ist.

Koloman Moser und Josef Hoffmann propagierten die Durchdringung des gesamten Lebens mit Kunst. Es war dies allerdings eine Ästhetik der Moderne und des Industriezeitalters, die im Rahmen ihrer Kunst angestrebt wurde. Der Alltag sollte in dieser unbestimmten Zeit mit Bedeutung aufgeladen werden. Dieses Unterfangen war transzendentaler Natur. Das alles ist nur unter Berücksichtigung der Psychologie sowie der Philosophie erklärbar.

Die Wiener Moderne war ein sachlicher, gewogener und durchaus klassisch geprägter Vorgänger, gleichzeitig auch „die Rebellion der jungen Künstlergeneration, die die „Stilmaskerade“ des Historismus herunterreißen wollte. Die Vielheit der imitierten Stile wurde verworfen, aber nicht der Stil als solcher und nicht die Schaffung eines Stils“ [1].

Der Wille zum Stil war mehr als deutlich präsent. Ein Stil, der pathetisch war und monumentale Züge annahm, trotzdem äußerst sachlich war und nur in Form eines „Gesamtkunstwerkes“ nachvollziehbar ist. Das Dasein sollte mit Gestaltung durchäußert werden. Diese Gestaltung war wohlbedacht, proportional, puristisch, klassisch und bewusst ästhetisch. Es entstanden elegante Häuser, deren Äußeres schon das Innere verraten müsse, funktionell und konstruktiv, aber doch mit Bedacht auf die äußere Form. Im Gegensatz dazu plädierte die spätere und eigentliche „Moderne“ für das radikale Verwerfen jedes Formalismus.

Günther Haller schreibt zum Anspruch der Wiener Moderne: „Eines der ambitionierten und aufwendigen Projekte, das die Wiener Moderne um 1900 verfolgte, war die Idee des Gesamtkunstwerks. Es ging um gemeinsame Gestaltungsprinzipien und gelungenes Zusammenspiel aller Kunstrichtungen, Unterordnung der Details unter die Wirkung des Ganzen, höchste Qualitätsansprüche in Technik und Material. Architektur und Mobiliar wurden aufeinander abgestimmt (…) Höchster Ästhetizismus also, nie endende Verfeinerung des Geschmacks“ [2].

Ähnlich sieht es Lil Helle Thomas in Bezug auf die Wiener Moderne, die sie besonders mit Blick auf den Architekten Joseph Maria Olbrich als „ästhetische Aneignung von Architektur“ versteht: „Um die Jahrhundertwende versteht Olbrich seine Architektur als Ausdruck von Persönlichkeit und setzt sich zum Ziel, einem individuellen Ich ein maßgeschneidertes Zuhause zu konzipieren“ [3]. Olbrich identifizierte sich dabei mit der Idealität des Dandy. Es handle sich im Werk Olbrichs um „gebaute Persönlichkeit“.

Vorausgehender Artikel: Wiener Moderne | 1

Teil 3 von 3: Wien und die Folgen… demnächst!

Literatur:

[1] Gabriele Fahr-Becker: „Wiener Werkstätte 1903 – 1932“, Taschen Verlag, Köln 2008

[2] Günther Haller: „Wien um 1900: Der Kult des Erlesenen“, Die Presse, 22.12.2018

[3] Sigrid Ruby (Hg.), Barbara Krug-Richter (Hg.), Amalia Barboza (Hg.): „Heimat verhandeln? Kunst- und kulturwissenschaftliche Annäherungen“, Böhlau Verlag, Köln 2019

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