In den Salons dieser Welt: Ästhetizismus und Dandytum

Durch das Bauen schaffen wir Lebenswelten. Der Gestaltende vermag es – bestenfalls -, eine „Stimmung“ in einen Raum zu versetzen. Der Raum wird dann getragen von Anspruch, Größe oder Demut – je nachdem, wie das gestalterische Motiv im Detail und im Konkreten aussieht. Und wenn es denn ein Motiv gibt.

Jene Gebäude, die am Übergang vom 19. ins 20. Jahrhunderts zutage treten – und den Historismus bereits überwunden haben – drücken einen ganz neuen Lebensstil aus. In diese Zeitspanne gehören Jugendstil oder Reformarchitektur. Im Gegensatz zum oberflächlichen Historismus geht es um ein verändertes Wesen und um ein verändertes Bewusstsein, das sich im Bauen ausdrückt.

Das Prinzip Ästhetizismus oder Dandytum gehört historisch in die „Belle Époque“, also in die Wendezeit zwischen 19. und 20. Jahrhundert, und folglich in eine Zeit, in der weitreichende gesellschaftliche, technologische sowie politische Veränderungen die Lebenswelten – zumindest eines Teils der Menschen – kennzeichneten. Das aufstrebende Bürgertum versuchte, diesen Bedeutungszuwachs nach außen hin zu transportieren. Es entstehen Boulevards, Cafés, Ateliers, Cabarets und Salons. Wer sich mit der Grundstimmung jener Zeit nicht befasst, versteht Städte wie Paris oder Wien kaum. Faszinierend ist die Hotelarchitektur der „Grand Hotels“ mit ihrem ehrgeizigen und gesteigerten ästhetischen Anspruch, vielfach auch mit dem zweifelhaften Versuch, die „wilde Natur“ mit modernem Komfort auszustatten.

Das theoretische Konstrukt umfasst der Begriff des „Ästhetizismus“. Im Ästhetizismus werden das Schöne und das Zweckfreie entgegen der „stumpfen“ Nützlichkeit zum Ideal erklärt. Der Apologet des Ästhetizismus ist der „Dandy“.

Der Dandy steht nach Günter Erbe „immer in einem symbolischen Verhältnis zu seiner Zeit, aber er repräsentiert sie nicht. Er ist nicht zeitgemäß. Als konservativer Rebell sucht er seine Geistesverwandten jenseits der Aktualität seiner Zeit in vergangenen Epochen, in denen sein Ideal von Schönheit, Noblesse und spielerischer Eleganz Gestalt gefunden hat“ [1]. Ästhetizismus ist für den Dandy demgemäß das letzte „heroische Aufbäumen in Zeiten des Verfalls“ – oder zumindest einer Zeit, die mehr und mehr als solche verstanden wurde, weil die gesellschaftlichen Spannungen eklatanter werden.

Seiner Zeit steht der Dandy zynisch gegenüber. Reine „Nützlichkeit“ und Profitstreben werden grundsätzlich abgelehnt, ebenso das „Funktionieren“, das in der modernen Welt an die Stelle des wirklichen „Lebens“ tritt. Statt der Nützlichkeit steht die postulierte „Schönheit“ als ein Selbstzweck. Gewissermaßen handelt es sich um ein „provoziertes Leben“, das sich anmaßt, über den Dingen und über der jeweiligen Zeit zu stehen.

Nach Günter Erbe oszilliert der Dandy zwischen „Mitte und Rand der Gesellschaft“, womit auch künstlerische Übertreibungen nachvollziehbar werden. Grundsätzlich handelt es sich beim Dandy um die Verschmelzung von etwas Geistigem und etwas Körperlichem in einem Lebensprinzip, gepaart mit einer entsprechenden Inszenierung.

Umberto Eco erachtet es als Ziel des Ästhetizismus beziehungsweise des Dandys, sein Leben wie ein Kunstwerk zu formen, „um es zu einem triumphalen Exempel von Schönheit zu machen. Nicht das Leben wird der Kunst geweiht, die Kunst wird auf das Leben angewendet. Das Leben als Kunst“ [2].

Ohne das Verständnis für den Ästhetizismus sind weite Teile der Architektur des 20. Jahrhunderts kaum verständlich, etwa die Wiener Moderne oder der Werkbund.

Ging es dem Ästhetizismus um das Gesamtkunstwerk und um die Erhebung der Kunst, ja um eine Flucht aus der bürgerlichen Welt in das Teilgebiet der Kunst und um eine Poetisierung des Lebens, strebte die Avantgarde die Überführung der Kunst in die Lebenspraxis und die „Revolution der Gesellschaft“ an [3]. Mit „Avantgarde“ ist im Französischen begrifflich ein „Stoßtrupp“ gemeint, der eine politische, revolutionäre Haltung, mitunter auch eine Radikalität in der Überwindung der bestehenden Verhältnisse meint.

Zweifelhaft wird der Ästhetizismus immer dann, wenn er sich mit Politik vermischt. Aber trifft das nicht auf jede Kunst zu, die sich mit Politik vermischt?

Literatur:

[1] Günter Erbe: „Der moderne Dandy“, Böhlau Verlag, Köln 2013

[2] Umberto Eco: „Die Geschichte der Schönheit“, Deutscher Taschenbuch Verlag, München 2006

[3] Winfried Eckel: „Die totalitaristische Versuchung der Literatur in Ästhetizismus und Avantgarde. Das Beispiel Stefan Georges und F. T. Marinettis – mit einem Blick auf Gottfried Benn“, Comparatio – Zeitschrift für Vergleichende Literaturwissenschaft, Heidelberg 2011

Bild:

Passage im Palais Ferstel in Wien

Bild von Jörg Peter auf Pixabay

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.

Eine WordPress.com-Website.

Nach oben ↑

%d Bloggern gefällt das: