Ästhetik: Landlords und aufstrebendes Bürgertum

Historische Gegebenheiten

Die Entwicklung in England, dem Mutterland der Industrialisierung, wirkte im 19. Jahrhundert auf das restliche Europa prägend. War das 18. Jahrhundert noch ein französisches Jahrhundert, so wurde das 19. Jahrhundert zunehmend eine britische Epoche. Freihandel, der globale Anspruch, die Seeflotte, der Handel und das damit zusammenhängende Bankensystem sowie die industrielle Revolution begründeten die britische Vormachtstellung und vollzogen weitreichende gesellschaftliche Veränderungen. In Verlauf des 19. Jahrhunderts sollte sich die Stellung des Adels in Großbritannien folglich wesentlich ändern.

Der Adel definierte seine soziale Stellung im historischen Kontext aus Besitz und Vorrechten gegenüber dem Territorium. Es war folglich Territorialität, die den Adeligen vom Nicht-Adeligen unterschied und weitreichende Rechte am Land mit sich brachte. „Der Reichtum eines Adeligen bestand in aller Regel überwiegend in Grund und Boden bzw. den darauf ruhenden Herrschaftsrechten“ schreibt Walter Demel [1].

Im Gegensatz zum kontinentalen Adel war der britische Adel weniger vom Hof abhängig und erachtete es auch nicht als Makel, dem Geschäftsleben, auch am Land, nachzugehen. Hinzu kommt die historische Entwicklung im 19. Jahrhundert: Die Agrardepression durch Billigprodukte aus Übersee führte zu einem Preisverfall landwirtschaftlicher Produkte. In der Folge schrumpfte der Wert des Bodens und die Schuldenlast nahm zu. Zahlreiche Adlige waren zum Verkauf gezwungen. Ein weiterer Faktor ist der Umstand, dass das Eigentum beim britischen Adel dem Erstgeborenen zustand, während die jüngeren Söhne sich im Erwerbsleben durchsetzen mussten. Daraus entwickelte sich eine soziale Durchlässigkeit, die es auch Nicht-Adeligen ermöglichte, in die britische Oberschicht zu gelangen.

Gegenüber dem Adel strebte mit dem Bürgertum im 19. Jahrhundert im Kontext neuer wirtschaftlicher Gegebenheiten eine neue gesellschaftliche Schicht auf.

Eine Frage der Mode

Soziale Schichten definieren sich über ihren Stil, bekennen Zugehörigkeit und üben sich in Abgrenzung. Das Äußerliche ist in diesem Sinne das an die Oberfläche getragene Innere. Oder wie Novalis meint: „Das Äußere ist ein in Geheimniszustand erhobenes Innere“. Nichts anderes bezeichnet Ästhetik.

Der Führungsanspruch Großbritanniens machte aus dem Herrenanzug, aus dem entsprechenden bürgerlichen Habitus und den Gentlemen-Clubs ein globales Phänomen: „Die englischen Unternehmer und Kaufleute waren stolz auf ihre neugewonnene gesellschaftliche Position, sie hatten es nicht nötig, durch ausufernde Bekleidung wie die Aristokraten ihre gesellschaftliche Macht zu demonstrieren. Sie hatten eines gemeinsam: das Interesse am Marktgeschehen, sonst waren sie keine ganz homogene Gruppe. Und gerade deswegen suchten sie Gemeinsamkeit durch schlichte, neutrale Kleidung, die den individuellen Erfolg verdeckte und gruppenbildend wirkte. Feudale Kleidung wurde von den modern denkenden Männern nicht mehr akzeptiert, Fleiß, Betriebsamkeit und interests statt Luxus war das Ideal. Die Männerkleidung wurde einheitlich, sie verlor ihre traditionellen Ausbuchtungen und Weiten, wurde im Schnitt körperbetont und doch bequem, schlicht und uniform. Understatement eben“ schreibt Günther Haller [2]. Während der Herrenanzug schlichter wurde, war die Damenkleidung durchaus noch pompös.

Diese klassische Herrenmode bestand ursprünglich aus Frack, Weste und Hose und war farbig, wurde allerdings mehr und mehr – angesichts der rußigen Städte in Grau und Schwarz getragen. Um einen entsprechenden Komfort beim Reiten zu erzielen, wurden die Reizjacken kürzer und die Hosen enger. Dieser Modetrend vollzog sich auch in der Stadt in Form des heute klassischen Herrenanzuges [3].

Dass der klassische Herrenanzug zum zeitlosen Kleidungsstück wurde, liegt unter Umständen auch daran, dass klassische Formen angenähert wurden. „Die männliche Silhouette hat im modernen Anzug ihre klassische Form gefunden. Der Anzug modelliert den Körper nicht eng, sondern idealisiert ihn in die antike V-Form. Mit schmalen Hüften und breiten Schultern wird der Bürger zum athletischen Helden“ schreibt Barbara Vinken [4] und assoziiert den klassischen Herrenanzug mit der klassischen Plastik. Mitunter ein Grund, warum klassische Schönheit nicht nur im Herrenanzug ihre ewige Gültigkeit findet.

Und das Bauen?

Was hat das alles mit dem Bauen zu tun? Sehr viel sogar! Man könnte hierzu Gottfried Sempers „Bekleidungstheorie“ bemühen: Unsere Haut ist als Fühlorgan die erste Schicht, unsere Kleidung die zweite und die uns umgebenden architektonischen Räume die nächste. Immer steht der Raum in einem Verhältnis zu uns selbst.

Dazu stellt sich konkret die Frage, welche Veränderungen stilistisch aus Großbritannien ausgehen. Das an Bedeutung gewinnende Bürgertum schloss im 19. Jahrhundert an die Lebensweise des englischen Adels auf. Der so genannte „Landhausstil“ entstand aus dem Bewusstsein heraus, sich selbst im einfachen Leben zu verwirklichen, auch und vor allem, was die Freizeitbeschäftigungen, nämlich „Hunting“, „Shooting“ und „Fishing“, betraf. Darin nahm das Bürgertum seine Anleihen vom Adel, der die Vorrechte am Land ursprünglich beanspruchte.

Die zu jener Zeit entstehenden Gebäude stellen eine Vermittlerrolle zwischen Innen und Außen, zwischen Architektur, Garten und Landschaft dar. Die Gebäude sprechen bestenfalls für die Fähigkeit, die Natur ins Haus zu bringen, am schönsten in Form der „wilden“ Natur. Nichts sollte das Gefühl vermitteln, inszeniert zu sein. Der Stil zieht sich bis zur Kleidung durch. Und ist vielleicht eher ein Anspruch: Man sollte im Geschäftsmann „einen Landbesitzer erahnen“ [5], wodurch sich – in Anlehnung an den Adel – die erdige und traditionsbewusste Kleidung legitimiert. Grundsätzlich trug der Adel am Land zu Jagd- und Reitzwecken erdige und naturnahe Muster, woraus der „Tweed“ entspringt. Bezieht man diese Tendenz auf die Alpenländer, dann beginnt aus jener Entwicklung heraus das bewusste Tragen von Tracht oder zumindest trachtigen Elementen.

Stilistisch sollte nichts den Eindruck erwecken, es sei inszeniert, sondern einer zwanglosen und natürlichen Selbstverständlichkeit entsprungen, wofür das britische „Understatement“ steht.

Architektonisch ist in Bezug auf das 19. Jahrhundert in Großbritannien von „Viktorianischer Architektur“ die Rede. Gemeint ist damit der englische Ausdruck für den Historismus, der in die Regierungszeit der britischen Königin Victoria von 1837 bis 1901 fällt. Tweed wurde im viktorianischen Zeitalter die übliche Bekleidung für sportliche Aktivitäten, wozu grundsätzlich nur privilegierte soziale Schichten bemächtigt waren.

Die Entwicklung in Großbritannien wirkte auf die entsprechenden sozialen Schichten in Kontinentaleuropa vorbildhaft. Vielfach entsprang daraus auch ein politisches Bekenntnis zu einem britischen Liberalismus bürgerlicher Prägung entgegen der in Kontinentaleuropa vorherrschenden Herrschaft von Kirche und Altadel Immer schwingt ein Anspruch nach Größe mit.

War das Landhaus ursprünglich der Sitz für die Sommerfrische, entwickelte sich daraus mehr und mehr eine ästhetische Festlegung, die als Idealisierung der Natur und des einfachen Lebens diente. Die architektonischen Bewegungen sowie die touristischen Bestrebungen gegen Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts sind ohne diese sozialen Gegebenheiten kaum zu verstehen. An den Stadträndern entstanden Villen und „Cottage“-Viertel, während die Sommerfrische-Hochburgen aufblühten. Hinzu kommt nämlich der Umstand, dass das „wahre“ Leben in „gesunder“ Umgebung zum Schlagwort einer Epoche wurde, Kur und Erholung an Bedeutung gewannen, womit die Reformarchitektur begründet wurde.

Weitere Artikel:

In den Salons dieser Welt: Ästhetizismus und Dandytum

In der Sommerfrische – Gedanken zum Tourismus von gestern und heute

Literaturverzeichnis:

[1] Walter Demel: „Der europäische Adel – Vom Mittelalter bis zur Gegnwart“, Verlag C.H. Beck, München 2005

[2] Günther Haller: „Wie erzeugt man einen akzeptablen Männerkörper?“, Die Presse, 20.10.2016

[3] Bernhard Roetzel: „Der Gentleman – Handbuch der klassischen Herrenmode“, Ullmann Verlag, Berlin 2006

[4] Barbara Vinken: „Angezogen – Das Geheimnis der Mode“, Klett-Cotta, Stuttgart 2013

[5] Hardy Amies: „Anzug und Gentleman“, Lit Verlag, Münster 1997

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