Capri, ein Platz an der Sonne und die Leichtigkeit des Seins

„Das Geräusch der Wellen, die Sonne und der Wind, der um die Felsen streicht: Wenn man Capri irgendwo so entdecken kann, wie es einmal war, dann auf dem Dach der Casa Malaparte“ schreibt die Neue Zürcher Zeitung über Exzesse und Ästhetik in Capri.

Capri ist Sinnbild für den Platz an der Sonne und die Leichtigkeit des Seins, für vermeintlich gesteigertes Leben und ästhetische Avantgarde. Italien ist das Land, in dem die Winter mild und die Sommer warm sind, die Vegetation eine scheinbar unendliche Fülle bietet und die Sinneseindrücke ekstatisch sind. Zumindest dem Mythos nach.

Die rot schimmernde Villa Malaparte, die auf dem schroffen Fels in das Meer gebaut ist, mag man sich am liebsten auf der Terrasse vorstellen bei einem Glas Negroni (Gin, Campari und Vermout) auf Eis, das schöne Leben feiernd.

„Capri ist die Abkehr vom Land, die Ansicht des offenen Meeres zu den dunkleren Tageszeiten. Ein Haus wie Korallenblut, roh, nicht ganz zu verstehen. Vielleicht hat niemand Capri besser verstanden als Curzio Malaparte, der Erbauer der Casa Malaparte, des schönsten Hauses von ganz Italien, vielleicht der Welt. Ganz unten auf der schmalen Landzunge ist sie gelegen. Unterhalb der steilen Serpentinen der Punta Massullo, der verwilderten Südspitze der Insel. Nördlich der Golf von Neapel mit dem Vesuv, im Osten Sorrent und Amalfi und südwestlich im Tyrrhenischen Meer die Felsen, auf denen einst die Sirenen hockten – singende Fabelwesen, halb Frau, halb Vogel, mit Federkleid und Klauen. Todbringend und verführerisch. Die Villa ist länglich und ochsenblutrot. Ihre Farbe verändert das Blau des Himmels. Im Kontrast zu ihr wirkt der Himmel auf einmal dunkler, härter. Auf der dem Meer abgewandten Seite stehen Pinien und Johannisbrotbäume dicht am Haus. Das Terrassendach, das die Oberseite des Hauses bedeckt und auf das eine breiter werdende Treppe führt, ist bis auf ein sichelförmiges Steinsegel roh und kahl wie ein antiker Opferaltar. Das Haus sei wie er: «triste, dura, severa», sagte Malaparte, der Schriftsteller, Dandy, Faschist, Freund Mussolinis und spätere Kommunist“ [1]. Malaparte vollzog folglich alle Extremitäten dieses Lebens: Leben am Limit.

Erbaut hatte die Villa der Architekt Valentino Libera, in Trient geboren, dem Bauhaus nahestehend und später für diese mysteriöse Symbiose stehend, die der italienische Rationalismus im Faschismus unter Bezugnahme auf Bauhaus und Tradition einzugehen vermochte.

Mit dem „Razionalismo“ etabliert sich eine Spielart der Avantgarde, die Gemeinsamkeiten mit der europäischen Moderne zeigt, aber auch deutliche Unterschiede bemerkbar macht. Mitunter sind es das Bauhaus und Le Corbusier, die prägend wirken. Es ist der mathematisch-geometrische Rationalismus, der bei Le Corbusier, beim Bauhaus oder bei der Avantgarde in den Niederlanden auftaucht, der Ordnung, Klarheit und Logik durch einfache geometrische Formen, nämlich Kugel, Kegel, Zylinder, Pyramide, Quader und Würfel als „die weißen Kuben der Moderne“ auszudrücken versucht, und der im Razionalismo Berücksichtigung findet [2]. Eine komplexer werdende Welt wird auf einfache Formen heruntergebrochen. Nach wie vor das „Gemeinrezept“.

Ironie der Geschichte: Der Faschismus brachte mit einer „Moderne“, die an das Bauhaus angelehnt war, durchaus „deutsche“ Formen jener Zeit nach Südtirol. Die abgelehnt wurden. Das mag politische, kulturelle, aber vor allem auch ästhetische Gründe gehabt haben.

In Abweichung von der europäischen Avantgarde wird im Razionalismo allerdings ein „Ricorso arcaico“ erkennbar: „Der ricorso arcaico war im Verständnis der Rationalisten nicht nur ein Rückgriff auf die Antike als Museum, als eine Frage des Stils, sondern eine Frage der Haltung: Der „Geist Roms“ sollte wieder lebendig werden“ schreibt Ueli Pfammatter.

Der Architekt Marcello Piacentini führte die Scuola Romana gewissermaßen an. In den Jahren 1933/1934 ist Piacentini Vorsitzender des obersten Rats der öffentlichen Bauten. Dadurch konnte Piacentini mit seinem gebauten römischen Monumentalismus wesentlichen gestalterischen Einfluss auf die Vertreter des Razionalismo nehmen und zudem auf alles, was öffentlich gebaut wurde.

Man kann dem ganzen gegenüberstehen, wie man will. Faktisch bedeutete das beginnende 20. Jahrhundert für Italien eine Aufbruchstimmung: Nachziehen wollte man den anderen europäischen Nationen.

Die Villa Malaparte ist ein Stück italienisches Lebensgefühl im Übergang zur Moderne, also zu jener Zeit, in der wir heute leben. Abseits der ideologischen Fronten. Abseits dieser Fronten sollte man Kunst, die nicht durch politische Symbolik gekennzeichnet ist, bewerten.

Dieser Übergang in das 20. Jahrhundert steht für die aufkommende Industrialisierung, den aufkommenden Fremdenverkehr und für die Heranbildung einer vermeintlich „bürgerlichen“ Welt – für eine Welt, die jedem das Gefühl gibt, „bürgerlich“ zu sein (ohne es zu sein).

Literatur:

[1] „Wie ist es, wenn die Sirenen schweigen? Capri ist die Essenz dessen, was es nie war“, Neue Zürcher Zeitung 06.07.2019

[2] Ueli Pfammatter: „Moderne und Macht – Razionalismo: Italienische Architekten 1927 – 1942”, Bauwelt-Fundamente, Basel 2000

[3] Peter Demetz: „Worte in Freiheit – Der italienische Futurismus und die deutsche Avantgarde 1912-1934“, Serie Piper, München 1990

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