Faschistisches Bauen (in Südtirol)

Wer sich mit dem Bauen in Bozen befasst, kommt – insbesondere mit Blick auf die Bauwerke des 20. Jahrhunderts – am italienischen Faschismus nicht vorbei. Bozen ist in jener Zeit von einer Kleinstadt zu einer größeren Provinzstadt angewachsen, indem das seit 1922 faschistisch regierte Italien (und später das demokratische Nachkriegsitalien) mittels Industrialisierung und großflächigem Wohnbau das Bild der Stadt wesentlich baulich verändert hat.

Der Blick darf sich dabei nicht nur auf die markanten Denkmäler mit den umstrittenen Inschriften richten, die noch immer nicht historisiert sind, sondern muss auf das städtebauliche Ganze, das der italienische Faschismus im Geist hatte, ausgerichtet sein. Und so vereinen sich in Bozen die Charaktere einer süddeutschen Kleinstadt mit jener einer norditalienischen Stadt des 20. Jahrhunderts im Kleinstformat.

Für die Historikerin Martha Verdorfer ist die Zweiteilung Bozens zwischen „deutschem“ Stadtteil (Altstadt, Lauben, Waltherplatz) und „italienischem“ Stadtteil (Siegesplatz, Matteottiplatz und Don-Bosco-Viertel) inzwischen zumindest „gedämpft“ worden. Den Beginn nimmt der italienische Faschismus.

Die Grundlagen

Man muss sich einleitend vielleicht in die italienische Seele hineinfühlen: Das Land kämpft seit Mitte des 19. Jahrhunderts um seine „heilige“ Einheit oder die „Wiedererstehung“ (Risorgimento), aufgeladen mit antikem Geist, eine geistige Neugeburt der Nation im Sinne des „Rinascimento“ anstrebend, mit dem Anspruch, auch in politischer und ökonomisch-industrieller Hinsicht an die kulturelle Größe anzuknüpfen und bereit, diese gegen die äußeren „Feinde“ dieser Einheit durchzusetzen [5].

In allen wesentlichen italienischen Städten wird das „Heiligtum“ Risorgimento mit seinen pathosgeladenen und nationalromantischen, quasi-religiösen bis nationalistischen Denkmälern bis heute hin über alle politischen Lager hinweg kritiklos verehrt. Die Zeit des Risorgimento sowie die Unverrückbarkeit der „heiligen“ Grenzen Italiens ist Teil der italienischen Seele, auch in Bezug auf die Minderheiten, denen man Denkmäler und Straßennamen „aufdrückt“ – und das alle ideologischen Grenzen übergreifend. Faktisch ist der italienische Nationalismus keine politische Angelegenheit, die die politischen Schlagwörter „links“ und „rechts“ betrifft, sondern eine viel breiter angelegte Emotion.

Hinzu kommt zu Beginn des 20. Jahrhunderts als Überbleibsel des Krieges eine bürgerliche Kriegsbegeisterung, welcher die breiten Massen allerdings ablehnend gegenüber standen [4].

Vielleicht ist das 20. Jahrhundert vor allem eine Geschichte der Krise des bürgerlichen Lebens. Dieses Bürgertum war auch in Italien im beginnenden 20. Jahrhundert auf Selbstfindungskurs. Dieser Selbstfindungskurs suchte nach einer passenden ästhetischen Form. Beeinflusst durch den Jugendstil oder Art Noveau und die Wiener Moderne, aber auch durch die anderen, sich abzeichnenden Modernen, sollte sich das historistische Bauen oder der Eklektizismus des „Ottocento“ in Frage stellen. Diese Stilrichtung, die sich als frühe Moderne, beeinflusst durch die Stilrichtungen jener Zeit ergibt, nennt sich „Novecento“ [4] als ein Proto-Razionalismo und als eine abgeschminkte und aufs Wesentliche reduzierte Klassik. Es ist dies ein traditionsorientierter moderner Anfang, vergleichbar mit der Moderne der „Stuttgarter Schule“.

Novecento und Razionalismo sollten sich auch später gegenseitig beeinflussen. Gemein war den beiden Richtungen das Interesse an Ordnung, Vernunft, konstruktiver Klarheit und einer vereinfachten Architektursprache. Für die Razionalisten bedeutete Ordnung und Vernunft allerdings vor allem Funktion und Zweck, während die Vertreter des Novecento darin das Primat der Klassik und einen Gegenpart zur Avantgarde verstanden.

Von der sich abzeichnenden Wiener Moderne übernahm man allgemein den Grundsatz, dass Ästhetik nichts im Sinne einer Verzierung Hinzuzufügendes sei, sondern dass das Bauobjekt selbst eine strukturelle Monumentalität und Plastik an den Tag zu legen habe, womit die Anleihen des Expressionismus klar werden. Für die Vertreter des Novecento war dies ein Bekenntnis zur Tradition. Man könnte von modernem Traditionalismus sprechen. Und während man sich in Mailand gestalterisch eher international ausrichtete, bezog man sich in Rom auf den römischen Kult.

Bauen im italienischen Faschismus

Die Stilrichtungen, die das faschistische Bauen charakterisierten, waren folglich vielfältig und sind in diverse Strömungen zu unterteilen, die im Folgenden grob umrissen werden.

Im Italien des 20. Jahrhunderts war es mit Beginn des Faschismus insbesondere der Futurismus, der zunehmend an Bedeutung gewann und darauf aus war, eine kulturelle Revolution zu vollziehen, indem etwas Neues im Kontrast zum Alten entstehen sollte. Nach Peter Demetz, der die wechselhaften Beziehungen zwischen Futurismus und Avantgarde beleuchtet, ging es dem Faschismus – in Anlehnung an Walter Benjamin – um die „Ästhetisierung der Politik“, während der Kommunismus die „Politisierung der Kunst“ beabsichtigte [3]. Den Futuristen selbst ging es hingegen um die „Totalität der Welt und nicht nur der Künste“, die in einer Umwälzung münden sollte. In diesem Sinne sahen sich die Futuristen „an der Spitze der europäischen Kunst“ und Kultur.

Vielfach kam es dabei zu Missverständnissen, Überlappungen und Verwischungen zwischen den zahlreichen, zur Verfügung stehenden „Modernen“ jener Zeit. Dass heute jene zahlreichen Versuche, modern zu bauen, eher ausgeblendet werden und sich alles auf das Bauhaus konzentriert, ist der Einfalt unserer Zeit zuzurechnen.

Der Südtiroler Architekt Oswald Zöggeler charakterisiert den Futurismus wie folgt als bauliche Avantgarde: „Die Mailänder Futuristen, von den anfänglichen sozialen Ideen Mussolinis getäuscht, sahen im Faschismus die große soziale Revolution und so wurde die rationale Architektur die gebaute Sprache des Faschismus. Auch in Russland glaubten die Futuristen an die große soziale Revolution und somit wurde dort der Rationalismus zur Architektur des Kommunismus“[1]. Zöggeler stellt den Futurismus folglich in die Reihe der Avantgarde.

Darüber hinaus waren allerdings auch andere stilistische Strömungen prägend. Neben dem Futurismus sind es die „Scuola Romana“, die einen Kult um das alte Rom konstruierte, der abgeschminkte Klassizismus, der als „Novecento“ bezeichnet wird, sowie der „Razionalismo“. Die Übergänge sind natürlich nicht immer deutlich.

Mit dem „Razionalismo“ etabliert sich eine Spielart der Avantgarde, die Gemeinsamkeiten mit der europäischen Moderne zeigt, aber auch deutliche Unterschiede bemerkbar macht. Mitunter sind es das Bauhaus und Le Corbusier, die prägend wirken. Es ist der mathematisch-geometrische Rationalismus, der bei Le Corbusier, beim Bauhaus oder bei der Avantgarde in den Niederlanden auftaucht, der Ordnung, Klarheit und Logik durch einfache geometrische Formen, nämlich Kugel, Kegel, Zylinder, Pyramide, Quader und Würfel als „die weißen Kuben der Moderne“ auszudrücken versucht, und der im Razionalismo Berücksichtigung findet [2]. Eine komplexer werdende Welt wird auf einfache Formen heruntergebrochen. Nach wie vor das „Gemeinrezept“.

Ironie der Geschichte: Der Faschismus brachte mit einer „Moderne“, die an das Bauhaus angelehnt war, durchaus „deutsche“ Formen jener Zeit nach Südtirol. Die abgelehnt wurden. Das mag politische, kulturelle, aber vor allem auch ästhetische Gründe gehabt haben.

In Abweichung von der europäischen Avantgarde wird im Razionalismo allerdings ein „Ricorso arcaico“ erkennbar: „Der ricorso arcaico war im Verständnis der Rationalisten nicht nur ein Rückgriff auf die Antike als Museum, als eine Frage des Stils, sondern eine Frage der Haltung: Der „Geist Roms“ sollte wieder lebendig werden“ schreibt Ueli Pfammatter.

Der Architekt Marcello Piacentini führte die Scuola Romana gewissermaßen an. In den Jahren 1933/1934 ist Piacentini Vorsitzender des obersten Rats der öffentlichen Bauten. Dadurch konnte Piacentini mit seinem gebauten römischen Monumentalismus wesentlichen gestalterischen Einfluss auf die Vertreter des Razionalismo nehmen und zudem auf alles, was öffentlich gebaut wurde.

Bauen in den Grenzgebieten

Der Rückgriff auf das antike Rom, der sich durch archäologische Eingliederung der antiken Monumente in das Stadtbild kennzeichnet, formuliert den Anspruch an ein mehrtausendjähriges Reich. Diesen Anspruch kann man in Bozen gleich an diversen Stellen ablesen.

Dafür verantwortlich war eben Marcello Piacentini, der das Bozner Siegesdenkmal plante, und ab 1934/1935 die urbanistische Planung des „neuen Bozens“ übernahm und damit jener Zonen, die im italienischen Geiste neu entstehen sollten.

Ueli Pfammatter schreibt, dass dieser Machtanspruch darauf hinauslief, „die nationale Macht zur Geltung zu bringen und den „neuen Geist“ der neuen Machthaber bis in die hintersten und tiefsten Winkel des Reiches zu tragen und den Hegemonialanspruch des Faschismus Stein werden zu lassen, womit jedermann jederzeit in Erinnerung gerufen werden sollte, welchen Zielen die Arbeit, die Freizeit, die Erziehung, die Ertüchtigung zu dienen hatte“ [2]. Damit begründe sich besonders auch die bauliche Aktivität des italienischen Faschismus in den „umstrittenen“ Grenzgebieten, zu welchen Südtirol gehörte, und die besonders in diesen Geist integriert werden sollten. Zeitsprung: Diese Bauten sind auch heute noch auf italienischer Seite unumstritten.

In Südtirol etabliert sich in der Folge eine „moderne“ faschistische Architektur, die bautechnisch modern, stilistisch reduziert, funktionalistisch und monumental ist und einen gestalterischen und ornamentalen Bezug zum Römischen Reich herstellt. Dass diese Architektur auf diversen Ebenen befremdlich wirkte, erklärt sich von selbst. Oswald Zöggeler meint dazu: „Für die Südtiroler war es vor allem italienische Architektur; zweitens war es faschistische Architektur“. Drittens, könnte man hinzufügen, war es – ob faschistisch oder nicht – alles andere als eine baukulturell sensible Architektur, sondern das glatte Gegenteil. Und das in einem beginnenden Jahrhundert, in dem die Technik ihren Siegeszug über die Natur feierte – mit gravierenden Auswirkungen im Heute.

Abseits vom faschistischen Bauen erkennt Oswald Zöggeler eine verbindende Einheit, die seit der Ära Napoleons alle totalitären Staatswesen umfasst und im Neoklassizismus eine Stilrichtung findet: Die griechische Säulenordnung „gilt als das Symbol der Demokratie eines Demosthenes: Später wurde sie von den Römern für ihre Macht- und Kolonialarchitektur verwendet; in der Renaissance galt sie als Sinnbild des menschlichen Maßstabes, zur Zeit des Illuminismus baute man damit den Tempel der Vernunft, die Zaren machten daraus Petersburg, Napoleon die Gründerzeit, Hitler, Mussolini, Stalin und die Banken beanspruchten sie jeder für seine eigenen Zwecke und trotz alledem hat sie an ihrer „klassischen“ absoluten Form noch immer nichts verloren“[1]. Zöggeler definiert damit den Neoklassizismus als universelle Sprache der Macht – ob in autoritären Staatswesen, im Kapitalismus oder im real praktizierten Sozialismus.

Bauwerke sind das eine. Mit dem Faschismus wurden allerdings auch bewusste historische Verklärungen in Südtirol etabliert. Die nationalistische Übersetzung der gewachsenen Orts- und Flurnamen war der Versuch, Südtirol nach außen hin als italienisches Gebiet darzustellen und damit eine krasse Divergenz zwischen Kulturlandschaft und politischer Absicht zu öffnen. Völlig außer Acht gelassen wird dabei der Umstand, dass Orts- und Flurnamen nicht „nur“ geschichtliche Relikte sind, sondern Hinweise geben über natürliche und auch geologische Gegebenheiten vor Ort, die politisch motivierte Übersetzungen am Schreibtisch der Geschichte natürlich nicht berücksichtigen können. Eine Rehabilitation ist ausständig.

Ebenso war die Etablierung von Beinhäusern an den Grenzen der „glorreichen“ Nation darauf ausgelegt, den Schein zu erzeugen, als hätten italienische Truppen den Brenner „erobert“. Die Gefallenen kämpften tatsächlich viele Kilometer weiter südlich, Südtirol wurde am politischen Parkett durch politische Tricks „erobert“ – und die Gefallenen wurden ihrer Leichenruhe „beraubt“. Von „Architektur“ kann hierbei kaum die Rede sein, es stellt sich eher die Frage, wie es denn um die Totenruhe bestellt ist. Doch eine offene Debatte gibt es nicht.

Bei aller politischen und totalitären Symbolik, die in einem Grenzgebiet, das ohne demokratischen Entscheid einem fremden Staat einverleibt wurde, – eigentlich – kontroverse öffentliche Debatte anregen müsste, bleibt zu sagen, dass sich alle politisch bestimmenden Lager, ob links oder rechts, darauf geeinigt haben, dass die faschistischen Bauwerke und Relikte in Südtirol erhaltenswert sind und auch keine Historisierung erfolgen soll.

Im Gegenteil: Der „ethnische Frieden“ in Südtirol hängt vermeintlich von diesen Denkmälern, von frei übersetzten nationalistischen Straßennamen und nicht von liberal-demokratischen Werten ab. Wer unangenehme Themen anstößt, „zündelt“ vermeintlich. Der Überbringer der schlechten Botschaft wird metaphorisch „geköpft“. Im 21. Jahrhundert. Somit bleibt Bozen für die einen ein Freilichtmuseum und für die anderen die italienische Grenzwacht gegen Norden.

Titelbild:

Faschistisches Siegesdenkmal in Bozen (1928) mit der Inschrift: „Hier an den Grenzen des Vaterlandes setze die (Feld-)Zeichen. Von hier aus bildeten wir die Übrigen durch Sprache, Gesetze und Künste„. An der Rückseite: „Zur Ehre und zum Gedenken der überaus tapferen Männer, die in rechtmäßigen Waffengängen entschlossen kämpfend mit ihrem Blut dieses Vaterland gewannen, sammelten alle Italiener Geld„.

An der Frontfassade zielt die römische Siegesgöttin gegen Norden. Gewidmet ist das Denkmal den Soldaten sowie den „Irredentisten“, die politisch gegen Österreich und für die „Befreiung“ der italienischen Länder agitierten. Der Platz nennt sich nach wie vor „Siegesplatz“ und wird auch heute noch für diverse, inoffizielle Siegesfeiern verwendet. Die Leuchtreklame in Ringform wirbt für das Museum in der Krypta. Der Stahlzaun schützt vor Vandalenakten. Somit ist das Siegesdenkmal das am besten bewachte Gebäude in Bozen.

Weitere Artikel:

Literatur:

[1] Paul Preims: „Architektur in Südtirol ab 1900“, Arunda 8/9, Meran 1979

[2] Ueli Pfammatter: „Moderne und Macht – Razionalismo: Italienische Architekten 1927 – 1942”, Bauwelt-Fundamente, Basel 2000

[3] Peter Demetz: „Worte in Freiheit – Der italienische Futurismus und die deutsche Avantgarde 1912-1934“, Serie Piper, München 1990

[4] Bruno Regni e Marina Sennato: „L’architettura del Novecento e la „Scuola romana“, Rassegna dell’Istituto di Architettura e Urbanistica, nº 40/41, Roma, 1978

[5] Brunello Mantelli: „Kurze Geschichte des italienischen Faschismus“, Wagenbach Verlag, Berlin 1997

[6] Martha Verdorfer: „Bolzano: Percorso tra architettura e fascismo“, Gemeinde Bozen, Bozen 2012

[7] Thomas Pardatscher: „Das Siegesdenkmal in Bozen. Entstehung – Symbolik – Rezeption“ Athesia Verlag, Bozen 2002

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