Streuobstwiesen, Leben und Bauen

Modernes Bauen, das sich in der Fortsetzung der Bauhaus-Moderne versteht, ist das Gegenteil von baulicher Nachhaltigkeit. Industrielle Werkstoffe, international überall in der gleichen langweiligen Form, kein Bezug zum Boden, zur Natur und zum Leben.

Der Alptraum aus Beton, Glas und Stahl und viel Kunststoff, aufgeheizt durch das Klima, ein ökologisches Desaster mit Halbwertszeit von 30 Jahren. Hier vollziehen sich keine elementaren menschlichen Beziehungen, die im Bauen zutage kommen. Das schlechte Gewissen stillen der Rollrasen und der 300 Jahre alte Olivenbaum, irgendwo aus seinem Boden entrissen, auf Autobahnen verfrachtet und neu im künstlichen Habitat verpflanzt, in skulpturaler Anordnung, gleich neben der bald schon vergilbten Glasbrüstung und dem Bauschaden auf der Flachdecke, deren Durchbiegungen zu groß und deren langfristige Abdichtung zu schlecht ist.

Ein Leben, das bauliche Form wird, ist etwas gänzlich anderes.

Ortswechsel. Bäuerliches Anwesen in Oberösterreich. Neben den Gärten sind rund um Bauernhöfe Obstbaumwiesen angelegt. Dort kommen Äpfel und Birnen, Pflaumen und Pfirsiche vor. Die Streuobstwiesen sind vor allem typisch für bäuerliche Kulturlandschaften in Österreich, besonders im Mostviertel, wo das Streuobst für die Produktion von Apfel- und Birnenmost verwendet wird, die Familie ernährt und die Natur in das Leben, Bauen und Wohnen integriert.

Streuobstwiesen sind Formen intelligenter Landbewirtschaftung. Genutzt wird dabei sowohl der Boden in Form von Wiesen für Hühner, Ziegen, Schafen oder Menschen, als auch die hochstämmigen Obstbäume.

Die lichte Bepflanzung, ein festgestellter „Pathos der Distanz“ (Nietzsche), wirkt ästhetisch stark. Darunter eine Bank, ein Tisch, das Leben. Generationen an Erinnerungen, Emotionen, Atmosphäre. Durch die Moderne unerreicht.

In Südtirol besteht die „Initiative Baumgart“. Konkret geht es dabei darum, die Streuobstwiesen im Umfeld bäuerlicher Strukturen zu erhalten und zu fördern. Dabei verbindet die Initiative die Streuobstwiesen mit verschiedenen Werten:

  • Kulturelle Werte: Streuobstwiesen sind Identifikationsmerkmal für die Kulturlandschaft und die Hofstelle und stellen wichtige Gewinne für die Agrobiodiversität dar.
  • Kulinarische Werte: Ob Kastanien, Äpfel, Birnen: „Durch die Verwendung von vielfach traditionellen oder autochthonen Sorten ist der Geschmack häufig unverwechselbar. Dieser Umstand macht sie zu einem idealen Ausgangsort für eine Qualitäts-Küche, sei es für die einheimische Bevölkerung, sei es für die agrotouristische Nutzung und lokale Gastronomie“.
  • Ästhetische Werte: „Streuobstwiesen besitzen einen hohen ästhetischen Wert. Ob alte knorrige Bäume oder mit Blüten, Äpfeln und Birnen übersäte Äste“.
  • Ökonomische Werte: Als Veredelungsprodukte, Futter- und Streufläche oder Auslauffläche, aber auch als Quelle für Brennholz.
  • Ökologische Werte: „Streuobstwiesen besitzen in vielerlei Hinsicht einen hohen ökologischen Wert. Durch die Kombination aus hochstämmigen Einzelbäumen und einem extensiv bewirtschafteten Grasland sind sie ein wertvoller Lebensraum für zahlreiche Tiere und Pflanzen. Durch die Vernetzung mit weiteren Strukturen, etwa auch einer vielfältigen Hofstelle, Trockensteinmauern, Weinbergen und Wiesen wird dieser Wert nochmals gesteigert. Streuobstwiesen sind auch ein Hotspot für die Agrobiodiversität“.

Hinzu kommen noch weitere Vorteile, gerade in Zeiten der Klimaerwärmung. Die Verschattung des Wohnhauses wirkt effektiv und effizient der Überhitzung entgegen. Darüber hinaus speichert die Begrünung und Bepflanzung Wasser und wirkt damit in hohem Maße vorteilhaft auf das Mikroklima. Pflanzen reagieren auf die hohen Temperaturen durch Verdunstung. Ähnlich wesentlich ist eine geringe Versiegelung, damit das Regenwasser versickern kann.

Da die Energie für die Verdunstung des Wassers aus der Umgebung in Form von Wärme entnommen wird, wird durch die Vegetation eine Temperatursenkung erzielt. Gleiches gilt für das nahe Gewässer. Die Begrünung des Außenbereiches: Ökologisch notwendig, thermisch vorteilhaft und ästhetisch unabdingbar.

Der vielfältigen Nutzen, die eine Streuobstwiese verwirklicht, muss folglich im Nachhinein nicht durch Künstlichkeit und Kunststoff in Form der Klimaanlage wettgemacht werden. Natürliche Intelligenz ist weitreichender als künstliche Intelligenz. Es kommt als intelligente Individuen darauf an, die Potenziale der Natur abzuschöpfen im Sinne von geringer künstlicher Technologie und hoher Kulturalisierung.

Es gibt eine deutliche Steigerungsform zum sterilen „Designer“-Garten, nämlich die Verankerung in Natur- und Kulturlandschaft. Auf den romantischen Rückgriff auf exotische Pflanzen muss dabei gar nicht verzichtet werden.

In der Streuobstwiese werden vielfältige Dimensionen des Lebens erreicht, die im modernen Baubegriff kaum erfassbar sind. Hinzu kommen die biologischen Qualitäten, die das Echte ausmachen.

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