Afghanistan und die Neue Seidenstraße

Während sich Europa nach dem Rückzug der amerikanischen Truppen und einer gescheiterten Außenpolitik an der Schnittstelle zwischen Südasien, Zentralasien und Vorderasien fragt, welche Konsequenzen auf Europa zukommen – die Vereinigten Staaten befinden sich geographisch weit außerhalb des Einflussraumes der afghanischen Katastrophe -, ist China drauf und dran, in Afghanistan ein weiteres Teilstück im Mega-Projekt „Neue Seidenstraße“ zu schließen und zu erschließen. China vollzieht dabei das, was auch in Afrika – erfolgreich – durchgesetzt wird: Eine „Entwicklungshilfe“, die insbesondere darauf abzielt, Bodenschätze zu sichern und ganze Länder in die eigene Kontrolle zu drängen.

China hat es geopolitisch nicht erst seit gestern darauf abgesehen, einen wirtschaftlichen und politischen Machtanspruch im globalen Maßstab zu stellen. In diesem Zusammenhang geht es im Rahmen der „Neuen Seidenstraße“ um den Aufbau einer Infrastruktur, welche zivil und militärisch gesichert ist und einen effizienten Wirtschaftsverkehr von China in die Welt abwickelt.

Vor allem: China denkt, lenkt und arbeitet langfristig. Und hat ein Interesse an politisch stabilen Partnern.

Geopolitik ist eine Frage der Infrastruktur, welche im eigenen Machtbereich steht. Inwiefern die Infrastruktur die entscheidende Wendung vollzieht, stellen die großen Infrastrukturvorhaben im 19. Jahrhundert unter Beweis, für welche die Vita von Alois von Negrelli ein lebendiges Beispiel ist.

Geopolitik beginnt spätestens mit der Antike. Das Römische Reich hat unter Beweis gestellt, dass es darauf ankommt, über effiziente und gesicherte Handelswege zu verfügen, die ganzjährig befahrbar und gegen Gefahren geschützt sind.

Großbritannien war im 19. Jahrhundert jene globale Macht, die nicht nur die Handelswege kontrollierte, sondern darüber hinaus alle anderen globalen Akteure in das eigene Handelsnetz, das aus Handelsgesellschaften und Banken bestand, zwängte. Die Etablierung der britischen Weltmacht im 19. Jahrhundert vollzieht sich ebenso durch die Fähigkeit, die Welt mit einer britischen Infrastruktur auszustatten. Großbritannien konnte sich dabei auf geopolitische Vorteile sowie auf leistungsfähige Institutionen verlassen, die eine Infrastruktur der Handelsnetze zu begründen vermochten [1]. Daraus ergibt sich nach Tim Marshall die Gewissheit, vorgeschobene Stützpunkte und Nachschubstationen zu benötigen, von denen aus ein ständiger Vorstoß als Seestreit- und Seehandelsmacht gesichert werden konnte.

Nichts anderes trifft auf die Vereinigten Staaten im 20. Jahrhundert zu.

Im 21. Jahrhundert ist China dabei, eine ähnliche Infrastruktur zu schaffen. In Afghanistan geht es um Rohstoffe und um gesicherte chinesische Handelswege.

So schreibt die ARD Tagesschau:

Seit 2019 empfing Peking diverse Gruppen von Taliban-Führern. Über Details der Verhandlungen ist wenig bekannt. Aber einige Taliban gaben der französischen Nachrichtenagentur AFP Interviews: Man sei an guten Verbindungen zu allen Ländern interessiert. Und wenn andere Länder in afghanische Bodenschätze investieren wollten, so sei dies den Taliban willkommen.Afghanistan ist für China wirtschaftlich interessant. Der Wert der Bodenschätze wird auf eine Billion Dollar geschätzt. Schon 2008 haben sich chinesische Konsortien Schürfrechte für die zweitgrößten Kupfervorkommen der Welt gesichert, und 2011 folgte ein 25-Jahres-Vertrag über Ölbohrungen. Doch voran ging seither gar nichts. China hatte sich entschlossen, auf stabilere politische Verhältnisse in Afghanistan zu warten. Zumal zu Zeiten der Schutzmacht USA Zurückhaltung in Kabul herrschte, wenn es darum ging, sich mit China einzulassen. Ändert sich das nun?

ARD Tagesschau, 24.7.2021

Diese Rohstoffe, über welche Afghanistan verfügt, sind: Lithium: „Ein Papier des US-Verteidigungsministeriums nennt Afghanistan bereits das „Saudi-Arabien des Lithiums“ und schätzt, dass die Vorräte Afghanistans so ergiebig seien wie die Boliviens – derzeit die größten der Welt“ schreibt die Deutsche Welle. Weiters: Kupfer, Seltene Erden.

Bodenschätze in Afghanistan: Deutsche Welle im Netz

Grundsätzlich stellt sich bei Rohstoffen und Ressourcen im Ressourcenmanagement immer die Frage, unter welchen Bedingungen und Kosten der Abbau möglich ist. Eine „Lagerstätte“ bezeichnet eine Konzentration an Rohstoffen, das sich wirtschaftlich lohnt oder in Zukunft lohnen wird. Ist die Konzentration zwar vorhanden, allerdings nicht wirtschaftlich, spricht man von „Vorkommen“. Was ein Vorkommen ist und was eine Lagerstätte, variiert je nach Marktnachfrage, technischen Mitteln oder der gegebenen Infrastruktur. Ein sich einstellender hoher Marktpreis macht aus einem Vorkommen gegebenenfalls eine Lagerstätte. Ebenso verhält es sich mit technischen Mitteln, die den Abbau verbessern oder mit einer effizienten Infrastruktur.

Die Geopolitik, die China betreibt, erschließt sich letztlich nur im größeren Zusammenhang, den die „Neue Seidenstraße“ darstellt. Dazu die ARD Tagesschau:

Professor Fan Hongda bleibt dabei – seinem Land gehe es nicht um mehr Einfluss in Asien: „China hat Afghanistan nach dem amerikanischen Rückzug nie als Vakuum gesehen. Und China hat auch keinerlei Interesse daran, ein Gegengewicht zum amerikanischen Einfluss im mittleren Osten zu bilden. Das einzige, was China in Afghanistan interessiert, ist, dass Afghanistan stabil bleibt.“ Das Land ist aber auch für das Prestigeprojekt von Staats- und Parteichef Xi Jinping, wichtig, für die Neue Seidenstraße. Denn ein strategischer Punkt dabei ist der wirtschaftliche Korridor zwischen China und Pakistan, wo es enge Beziehungen zu den Taliban gibt: Einigt sich China mit ihnen, könnte Afghanistan die zentralasiatischen Staaten verbinden. Unter chinesischer Schirmherrschaft.

ARD Tagesschau, 24.7.2021

Geopolitik ist gar nicht unabhängig von der Infrastruktur zu denken. Eine Infrastruktur, die sicher und effizient ist, macht es möglich, dass Räume erschlossen werden, Waren (und Truppen) schnell verschoben werden und in der Folge die politische Handlungsfähigkeit – auch im Ernstfall – gegeben ist. Am Ende geht es dann um die Freund-Feind-Bestimmung nach Carl Schmitt: Wer – und unter welchen Bedingungen ! – die eigene Infrastruktur benützen darf und wer nicht. Letztlich ist alles eine Frage des Preises und der Zugeständnisse. Souverän ist, wer im Ernstfall über die Infrastruktur und über die Bedingungen bestimmt. Und Macht verschleißt den, der sie nicht hat.

Unter diesem Gesichtspunkt sind die chinesischen Infrastrukturprojekte in Ägypten, am Balkan, im Pazifik – und in Afghanistan – zu bewerten. Während Europa geopolitisch keine Rolle spielt; abgesehen von Aktionismus in der digitalen Seifenblase, in „sozialen“ Medien und auf Twitter.

Weiterführende Artikel:

Neue Seidenstraße – Mehr Risiko als Chance?

Alois von Negrelli: Verkehrsplaner und Eisenbahnpionier von europäischem Format

Literatur:

[1] Nils Ole Oermann & Hans-Jürgen Wolff: „Wirtschaftskriege – Geschichte und Gegenwart“, Herder Verlag, Freiburg im Breisgau 2019

[2] Tim Marshall: „Die Macht der Geographie – Wie sich Weltpolitik anhand von 10 Karten erklären lässt“, Deutscher Taschenbuch Verlag, München 2015

[3] Heribert Münkler: „Die neuen Kriege“, Rowolth, Hamburg 2004

Bild von Amber Clay auf Pixabay

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