Gefahrenzonen und Risikomanagement

Natürliche Prozesse oder Gefahren sind durch wahrscheinlichkeitstheoretische Hintergründe bedingt, die die Eintrittswahrscheinlichkeit sowie das Ausmaß der zu erwartenden Gefahr festlegen. Trotz dieser stochastischen Basis ist es vielfach äußerst schwierig, natürliche Ereignisse mit einer ausreichenden Zuverlässigkeit vorherzusagen. Zwar sind die Einwirkungen selbst vielleicht statistisch quantifizierbar, die vielfältigen dynamischen Prozesse, die sich in der Folge hydrogeologisch abspielen, sind allerdings äußerst komplex, sodass es alles andere als leicht ist, ein zuverlässiges Niveau zu erreichen.

Unter dem Einfluss eines zunehmenden Siedlungsdruckes, der zu schützenden Liegenschaften und Güter sowie durch die knapper werdenden öffentlichen Mittel bedingt, wird eine langfristig ausgelegte Risikobewertung samt Risikomanagement zunehmend wichtig.

Grundsätzlich ist eine Gefahr eine potenzielle Gefährdung oder ein potenzieller Schaden, also ein Gefährdungsausmaß, das von dem gefährdeten Wert abhängt. In Kombination mit einer bestimmten Wahrscheinlichkeit wird aus einer Gefahr ein Risiko.

Der Begriff der Vulnerabilität, von lateinisch vulnus „Wunde“ bzw. vulnerare „verwunden“, bedeutet „Verwundbarkeit“ oder „Verletzbarkeit“. In der Ökologie oder bei der Bewertung von Naturprozessen bezeichnet die Vulnerabilität die Empfindlichkeit gegenüber natürlichen Ereignissen und Gefahren.

In der Naturgefahren- bzw. Naturkatastrophenforschung sind nach Markau [1] drei Schulen zu unterscheiden, die sich mit der gesellschaftlichen Bedeutung von Naturgefahren befassen:

  • die Vulnerabilitätschule fokussiert die Gründe der Anfälligkeit einer Gesellschaft für eine Katastrophe;
  • die Desaster-Schule betrachtet den Umgang der Menschen mit einem realen Katastrophenereignis;
  • die Chicagoer Schule untersucht den Umgang der Menschen mit der Bedrohung durch Naturgefahren.

Risikoanalyse

Grundsätzlich stehen rückwärtsgewandte Inidikationen (historische Methode, empirisch-statistische Methode, morphologische Methode) sowie vorwärtsgerichtete Indikationen (numerisch-mathematische Methode, physikalische Methode) zur Verfügung, um das Gefahrenpotential festzulegen, wobei eine Kombination aus beiden Bewertungsansätzen am sinnvollsten ist.

„Da sich die Wirkung früherer Ereignisse zumeist an Spuren im Gelände (morphologischer Formenschatz, Vegetation) erkennen lässt, wird bei der rückwärtsgerichteten Indikation in Analogie geschlossen, dass sich solche Ereignisse wiederholen können. Da aber die den Ereignissen zugrundeliegende Disposition üblicherweise nicht mehr eruiert werden kann, ist mit einer Interpretation solcher „stummer Zeugen“ sehr sorgfältig umzugehen. Die vorwärtsgerichtete Indikation versucht hingegen, basierend auf der Analyse von Ursachenfaktoren, kritische Dispositionen zu bestimmen und mögliche Wirkungen abzuschätzen“ schreiben Hübl, Fuchs und Agner [2].

Risikobewertung

Wie Hübl, Fuchs und Agner feststellen, erfolgt die Risikobewertung subjektiv im Kontext der erwartbaren sozialen Sicherungsnetze:

„Vor allem die empirische Forschung zeigt, dass die Bereitschaft, sich auf Risiken einzulassen, davon abhängt, wie sehr das Individuum damit rechnet, kritische Situationen noch kontrollieren bzw. im Schadensfall durch externe Hilfen, wie Versicherungen und dergleichen, decken zu können. Dabei wird in der Regel die eigene Kompetenz überschätzt und die anderer unterschätzt, was zu einem Maß der Risikobereitschaft führt, das anderen Individuen gefährlich erscheint“ [2].

Aus einer Risikoanalyse ergibt sich in der Folge eine Risikobewertung, die sich anhand der gefährdeten Werte monetär bewerten lässt.

Risikomanagement

Die Aufgabe des Risikomanagements ist die Umsetzung der Ergebnisse der Risikoanalyse und der Risikobewertung. Die Handlungsmaxime ist hierbei der Schutz vor Naturereignissen und die Reduzierung der daraus resultierenden Risiken für den Menschen und seine Güter.

Gefahrenzonenpläne entsprechen einer Bewertungsmatrix, für welche Intensität und Wahrscheinlichkeit von Gefahrenprozessen bewertet werden. Daraus ergeben sich Risikogebiete und entsprechende Folgen für die Raumplanung.

Bei hohem Risiko sind bauliche Schutzmaßnahmen (aktive Maßnahmen) notwendig, um zumindest ein mittleres Risiko zu erreichen. Bei mittlerem Risiko sind passive Schutzmaßnahmen am Gebäude notwendig.

Die Grenzbedingungen zur Unterscheidung der Intensitätsstufen werden dabei so gewählt, dass vergleichbare Prozesse (Lawine, Überschwemmung und Murgang) in der jeweiligen Zone zu vergleichbaren Belastungen und Gefährdungen führen und folglich eine Vergleichbarkeit gegeben ist.

In Südtirol setzen sich die Gefahrenzonen im Sinne der Gefahrenzonenpläne wie folgt zusammen:

  • H4 – sehr hohe Gefahr (Verbotsbereich): Verlust von Menschenleben / Plötzliche Zerstörung von Gebäuden
  • H3 – hohe Gefahr (Gebotsbereich): Personen sind innerhalb von Gebäuden nicht gefährdet, jedoch außerhalb
  • H2 – Mittlere Gefahr (Hinweisbereich): Geringe Schäden an Gebäuden, Infrastrukturen und der Umwelt
  • H1 – Restgefährdungsbereich: Seltene Ereignisse und Phänomene, auch mit „unendlich hoher“ Intensität
  • 0 – Ohne Gefahr

Die jeweiligen Grenzwerte sind in Südtirol in den „Richtlinien zur Erstellung von Gefahrenzonenplänen und zur Klassifizierung des Risikos“ (im Sinne des Landesraumordnungsgesetzes sowie der Durchführungsverordnung betreffend Gefahrenzonenplänen) festgelegt: Link.

Gefahrenzonenplanung in Südtirol, Stand März 2021

Strategien

Der Forstwissenschaftler Johannes Hübl von der Universität für Bodenkultur in Wien, der als Experte für Naturgefahren-Ereignisse gilt, bemängelt, dass die Bevölkerung nicht auf den „Ernstfall“ in Sachen Zivilschutz vorbereitet sei und es keine allgemein kommunizierte und nachvollziehbare Handlungsanleitung bei Naturgefahren gebe.

Ein heftiges Gewitter befördert das ungute Gefühl in uns hoch, welche Gefahr die Natur in sich birgt und welchen Risiken unser Hab und Gut ausgesetzt ist. Neben den Gefahrenzonenplänen, die eine raumordnerische Möglichkeit darstellen, geht es letztlich immer auch um die konkreten baulichen Strukturen und Infrastrukturen. Selbst die beste Versicherung verschont im Notfall nicht vor Leid und Not.

Es geht um die folgenden mögliche Szenarien und um Gegenstrategien:

  • Rutschungen und Murgänge
  • Hochwasser an den Hauptgewässern
  • Hochwasser an den Nebengewässern
  • Kleinräumige Überflutungen
  • Überschwemmung, Ufererosion
  • Murgänge und Hochwasser in Wildbächen
  • Oberflächenwasser
  • Steinschläge, Felsstürze
  • Verkehrsbehinderungen

Weitere Artikel:

Literatur:

[1] Markau, H.-J. (2003). Risikobetrachtung von Naturgefahren. Kiel: Christian-Albrechts-Universität Kiel.

[2] Hübl, J., Fuchs, S., & Agner, P. (2007). Optimierung der Gefahrenzonenplanung: Weiterentwicklung der Methoden der Gefahrenzonenplanung. Wien: IAN Report 90; Institut für Alpine Naturgefahren, Universität für Bodenkultur Wien

[3] Harald Karutz, Wolfram Geier & Thomas Mitschke (Hrsg.): „Bevölkerungsschutz- Notfallvorsorge und Krisenmanagement in Theorie und Praxis“, Springer-Verlag, Berlin Heidelberg 2017

Stichwörter: Umweltgefahren, Naturgefahren, Zivilschutz, Strategischer Zivilschutz, Gefahren, Risiko, Risikobewertung, Geotechnik, geologische Gefahren, hydrogeologische Gefahren

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