Hausbaum und Schutzbaum

Abseits der politischen Floskeln spielen sich Umwelt- und Klimaschutz vor Ort und im Konkreten ab. Wer vorerst die Welt retten will und erst dann an die persönlichen Konsequenzen denkt, ist wenig glaubwürdig.

Es gibt scheinbar 1.000 Gründe, einen altgewachsenen Baum, der seit jeher vor einem Haus steht, diesem Haus Identität und Schutz stiftet, zu fällen. Einmal ist es der Schatten, der stört, dann der Schmutz vom fallenden Laub, dann wiederum der drohende Einsturz. Dann hingegen der landwirtschaftliche Ertrag, der durch den zusätzlichen Baum beeinträchtigt wird. Es gibt aber auch mehr als 1.000 Gründe, den Baum nicht zu fällen.

Gerade in der biodynamischen Landwirtschaft stehen alle Bestandteile der Natur in einem Zusammenhang, so nicht nur der Boden, sondern auch der Baum, der mit seinen weitreichenden Wurzeln eine Einheit mit dem Grund bildet. Der schattenstiftende Baum vor dem Haus schützt nicht nur vor der direkten Sonneneinstrahlung, sondern bindet die Feuchtigkeit im Boden und trägt somit besser als die hässliche Klimaanlage an der Fassade zum angenehmen Klima bei. Schließlich schützt der Baum vor Wind und wirkt – besonders in Hanglage – der Bodenerosion und folglich den Naturgefahren entgegen.

Bäume sind im Rahmen eines bäuerlichen Hofes nicht beliebige Erscheinungen, sondern Symbole im Raum. Dazu schreibt der Südtiroler Architekt Bernhard Lösch: „Jede einzelne Hofstelle wurde von einem „eigenen“ Baum markiert, einem Lindenbaum, einer Rosskastanie, einem Nussbaum, einem Kaki- oder Feigenbaum. Dies waren nicht nur auffallende Elemente in der Landschaft, sondern gleichzeitig Symbole für menschliche Präsenz in der Natur – Elemente, die zum großen Teil verschwunden sind“ [1].

Diese Bäume stehen als Symbole für die menschliche Vergänglichkeit, erinnern an vergangene Generationen, verweben Geschichten und Erinnerungen mit dem Ort und stehen als überzeitliche Schutzbäume für das Vertrauen in den Ort.

In der Antike war die „Pergola“ ein Pfeiler- oder Säulengang, der im Übergangsbereich zwischen Draußen und Drinnen als beschatteter Raum entstand. In Südtirol bestehen die so genannten „Pergeln“ aus Weinreben oder Kiwi und bilden nicht nur beschattete Außenbereiche, sondern wurden auch als landwirtschaftliche Erziehungsform im Weinbau verwendet. Im Weinbau handelt es sich bei der „Pergel“ um eine Anbauform, die über Pfosten und Streben laubenartig kultiviert oder im Hang neben Mauern situiert wird.

Der Hof ist der Raum, der von dem Gebäude umgeben, aber bereits im Freien ist. Die Wiener Architektin Ute Woltron schreibt dem Bauen, das sich in die Natur eingliedert, gestalterische Größe zu: „Die Großen unter den Baumenschen haben immer schon mit Behutsamkeit mit der Topografie und der Natur gespielt. Sie haben das Licht eingefangen, den Wind ausgesperrt – und dennoch das Drinnen und das Draußen ineinanderfließen lassen“.

Woltron unterstellt aber andersherum dem zeitgenössischen Bauen: „Die uralte Beziehung zwischen Gebäude, Garten, Landschaft – abzulesen in den Resten untergegangener Hochkulturen, zur Blüte gebracht etwa in der maurischen Architektur – ist jedoch brüchig geworden. Vielerorts haben die Häuser gewonnen und sind zu rücksichtslos in die Landschaft gepflanzten Blöcken degeneriert. Kein Dialog mit dem Draußen. Das, was an Platz übrig bleibt, darf dann „begrünt“ werden“ [2].

Gärten sind zudem architektonische Elemente, weil sie den Raum gliedern. Dem Übergangs- und Schwellenbereich vom Haus ins Freie kommt ein immens großer Stellenwert bei der Beurteilung von Lebensqualität bei.

Klaus Osterwold bezeichnet Gärten als „Zwischenräume zwischen drinnen und draußen, zwischen Heim und Welt, zwischen Geborgenheit und Ausgesetztsein [3]. Dieses Zwischendasein kommt auch dem Grün bei, das wir uns in Form von Pflanzen, Sträuchern, Kränzen oder dem sonntäglichen Blumenstrauß ins Haus holen. Wir stellen unseren Wohnraum damit in den Dialog zum Natürlichen.

Immergrüne Pflanzen stehen auch in der kalten Jahreszeit für das ewige Leben. Die Eibe gilt als Baum der Totentruhe, steht als immergrüner Baum für das Leben und für den Schutz gegenüber dunklen Mächten. In mediterranen Gegenden mögen auch andere immergrüne Bäume und Sträucher ihre Verwendung finden. In südlichen Gegenden, aber auch in Südtirol, sind das vielfach Lorbeerbäume, die an der Fassade stehen und das ganze Jahr über vom Leben zeugen und darüber hinaus als Heilkraut Verwendung finden. Immergrüne Zypressen verleihen so manchem Südtiroler Bauernhof das ganze Jahr hinweg eine mediterrane Aura, die auch aus der Entfernung wirkt.

Apfelbäume stehen symbolisch für Liebe und Fruchtbarkeit. Birnbäume sollen eine mystische Aura haben und als Liebesorakel gelten [4]. Ähnlich verhält es sich mit Kirschbäumen. In Form der „Barbarazweige“ finden die Kirschzweige ihren Eingang in den winterlichen Wohnraum.

Lärchen in Hausnähe gelten als schützend. Ebenso bewahrend und schützend wirken Fichten. Tannen sind schließlich in der Form des grünen Tannenzweiges sowie des Tannenbaumes Symbole für das Licht in Zeiten der Dunkelheit.

Die Weide wird mit allerlei Aberglauben in Verbindung gebracht. Als Trauerweide stellt sie eine Verbindung mit dem Andenken an die Verstorbenen her.

Die Eiche ist ebenso wie die Linde, die für die Mütterlichkeit steht, ein Dorfbaum im Mittelpunkt der dörflichen Gemeinschaft. Im süddeutschen Raum stellt die Linde den Dorfbaum dar, im norddeutschen Raum die Eiche. Die Eiche gilt darüber hinaus als Symbol für Tugend und Ehrhaftigkeit.

Ähnlich verhält es sich mit den kleineren Pflanzen und mit Kräutern, denen ob ihrer duftenden Wirkung auch eine schützende Funktion zugesprochen wird.

Die Heckenrose gilt nicht nur als Symbol für die Liebe, sondern ebenso für die Reinheit und Treue. Im Frühjahr deuten Frühjahrsboten mit ihren farbigen Blüten auf die ewige Wiederkehr des Lebens hin. Im Sommer sind es dann hingegen häufig die Geranien, die in Südtirol den bäuerlichen Strukturen ein „brennendes“ Rot verleihen.

Die Hauswurz (lateinisch „Sempervivum tectorum“), auch „Zeusbart“ oder „Donarbart“ genannt, wurde im Eingangsbereich zum Schutz gegen böse Geister eingesetzt, gilt als Symbol des ewigen Lebens und findet sich an vielen Südtiroler Hausmauern wieder.

Oftmals sind die Fassaden bäuerlicher Strukturen verwachsen und bilden mit den umgebenden Pflanzen eine Einheit. Nutzpflanzen, die an den Häuserfassaden stehen, leben mit den Jahreszeiten mit und deuten den Wandel der Zeiten an. Der Hausbaum wurde vielfach als Schutzbaum gepflanzt und steht in einer symbolischen Verbindung zum Gebäude.

 „Bei der Bepflanzung kann es sich um Aprikosenbäume, „Wilder Wein“ oder Kletterpflanzen wie „Efeu“ oder „Zaunweide“ handeln. Die Pflanzen am Haus ändern dessen Erscheinungsbild von einer Jahreszeit zur anderen. Die Fruchtbäume erhalten durch die Hauswand Schutz vor Wind und Kälte. Die Pflanzen halten Schmutz- und Staubteile fern und bewirken eine Sauerstoffanreicherung (…) Pflanzenpolster an den Fassaden haben aber auch eine hohe Wärmedämmwirkung“ [5].

Mit der begrünten Fassade und den Pflanzen rund um das Haus ist bereits der (verschwimmende) Übergang zum Garten getan. Diesen Übergang vollziehen überdachte Bereiche, die sich irgendwo zwischen außen und innen ansiedeln lassen.

Abgesehen von den abstrakten politischen Floskeln, die das weltweite Klima retten wollen, gilt es, das Klima vor Ort zu schützen. Was sich im Kleinen bewährt, hat den Anspruch, aufs Große ausgelegt zu werden. Wer hingegen vorerst die Welt retten will und erst dann an die persönlichen Konsequenzen denkt, führt meistens – nein, immer – anderes im Schilde. Umweltschutz ist dann nur noch Floskel und moralischer Aufputz.

Literatur:

[1] Bernhard Lösch: „Bauen im ländlichen Raum – Beispiele bestehender Hof- und Architekturtypologien in Südtirol“, Autonome Provinz Bozen, Bozen 2001

[2] Woltron, Ute: „Gebaute Oden an die Schönheit“, Die Presse, 20.05.2017

[3] Klaus Osterwold: „Natur und Bauen“, Württembergischer Kunstverein, Stuttgart 1977

[4] Pro Holz – Arbeitsgemeinschaft der österreichischen Holzwirtschaft: „Symbolsprache und Mythos der Holzarten“, Netzauftritt, 29.11.2020

[5] Konrad Bergmeister: „Natürliche Bauweisen – Bauernhöfe in Südtirol“, Spectrum Verlag, Bozen 2008

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