Grünes Denken: Zwischen Umweltschutz und Marxismus

Wenn man sich selbst intensiv mit Natur und Umwelt befasst, stellt man sich notwendigerweise die Frage, in welchem Zusammenhang das eigene Denken zur politischen Umweltschutzbewegung steht und ob es überhaupt eine einheitliche politische Umweltschutzbewegung gibt. Abseits von der Fragwürdigkeit der Begrifflichkeiten „links“ und „rechts“ ergeben sich in der Wirklichkeit zahlreiche Schwierigkeiten bei der weltanschaulichen Einordnung des Umweltschutzes.

Historisch betrachtet ist der Umweltschutz – nachvollziehbar – im konservativen Umfeld zu verorten.

Die pathetische Beschwörung des Waldes als unverfälschte „deutsche“ Landschaft begann um 1800 in Dichtung, Malerei und Musik der deutschen Romantik. Mit ihrer Ablehnung der reinen Vernunft und der Sehnsucht nach dem Übersinnlichen, Magischen und organische Gewachsenen schuf die deutsche Romantik die geistesgeschichtliche Grundlage für die spätere Umwelt- und Heimatschutzbewegung.

In diesem Sinne hat die „grüne“ Bewegung im 20. Jahrhundert ihre Ursprünge im konservativen Umfeld. Selbst die Partei „Die Grünen“ und ihre politischen Vorläufer hat konservative Wurzeln, wurde allerdings im Verlauf des 20. Jahrhunderts zunehmend durch marxistische Bewegungen übernommen. Der Tenor der marxistischen Bewegungen: „Es gibt kein richtiges Leben im falschen“. Indem die Grundlagen des Konservativismus für vermeintlich „falsch“ erklärt wurden, wurde konservativer Umweltschutz per se als „falsch“ deklariert. Die Folgen: Eine ideologische Verengung des Begriffes zu Lasten der Umwelt.

Marxismus im 20. Jahrhundert

Das neuzeitliche Bewusstsein für den Umweltschutz entwickelte sich in den westlichen Ländern hingegen in den 1960er Jahren, als festgestellt wurde, dass sich der Industrialismus nachteilig auf die Umwelt auswirken würde. Maßgeblich zu diesem Wertewandel beigetragen haben offensichtliche Missstände wie das Fischsterben, die Versauerung der Meere, Chemiekatastrophen, das Waldsterben und die Anti-Atomkraft-Bewegung. Die Ursprünge waren romantische, zunehmend entwickelte allerdings der Marxismus seinen Einfluss auf die neuzeitliche Jugendbewegung.

Nach dem Zweiten Weltkrieg erhielt der Marxismus neue Impulse. Günter Rohrmoser nennt die „Kritische Theorie“ der Frankfurter Instituts für Sozialforschung mit den Exponenten Theodor W. Adorno, Herbert Marcuse und später in zweiter Generation Jürgen Habermas, als charakteristisch für die Weiterentwicklung der marxistischen Theorie, der eine innere Metamorphose innewohnt. War es im Marxismus noch das Proletariat, welches als Avantgarde der sozialen Revolution wirkte, waren es im Leninismus die sozialistischen Kader.

Nach Habermas kam der Wissenschaft oder den Intellektuellen die Rolle zu, die objektiven Bedingungen des sozialen Umsturzes zu beurteilen. Wieder einmal war es eben nicht das Proletariat. „Die Ermittlung objektiver Bedingungen für eine Revolution entscheidet sich nach Habermas im Gespräch der Wissenschaftler“ [1]. Habermas praktizierte folglich einen radikalen Rationalismus.

Geistesgeschichtlich basiert die Kritische Theorie des Frankfurter Instituts für Sozialforschung auf der Freud’schen Psychoanalyse und auf dem Marxismus.

Ulrich Paetzel deklariert die „Kritische Theorie“ zu einem unorthodoxen Marxismus. Aus den Erfahrungen des realen Sozialismus sowie aus den Wirren des 20. Jahrhunderts heraus „folgt für Adorno ein Modell von Befreiung, das orthodox in dem Sinne ist, dass Arbeit im Mittelpunkt steht und deren Ergebnis Fortschritt der Naturbeherrschung, damit auch Fortschritt der Produktivkräfte ist. Unorthodox ist, dass solcher Fortschritt nichts mit einer Vergesellschaftung der Produktion und der Produktionsmittel zu tun hat, sondern, im Gegenteil, mit extremer Individualisierung„.

Die „Kritische Theorie“ nimmt in der Analyse der „untragbaren“ gesellschaftlichen Umstände und ihrer Zwänge ihren Anfang. Nicht mehr der entfremdete Arbeiter steht im Mittelpunkt der Doktrin, sondern die westliche, kapitalistische Gesellschaft in ihrer Gesamtheit und mit den politischen Katastrophen im 20. Jahrhundert.

Günter Rohrmoser schreibt zur Konsequenz aus der Feststellung dieser Untragbarkeit: „Welche Konsequenz zieht die kritische Theorie aus dieser Lage? Sie zieht die Konsequenz, indem sie Revolution als anthropologisches Fundamentalprinzip etabliert. Was unter Kulturrevolution und permanenter Revolution gegenwärtig verstanden wird, hat diese Transformation des Revolutionsprinzips in die Anthropologie zur Voraussetzung. Aus der Anthropologisierung, Psychologisierung oder gar Biologisierung des Revolutionsprinzips folgt der bereits entwickelte Gedanke, dass der psychische Mechanismus, durch den die Individuen die repressiven Strukturen gegenwärtiger Gesellschaft unbewusst reproduzieren, aufgedeckt und gebrochen werden muss“ [1].

Wir kennen die entsprechende Haltung: Wann immer heute von „kritischer“ Analyse die Rede ist, ist heute völlig unkritisch diese eine weltanschauliche Sichtweise gemeint.

Marxismus und Umweltschutz

„Horkheimer und Adorno zeigen, wie die einmal erwachte Vernunft es den Menschen zwar einerseits ermöglichte, sich vom Naturzwang zu emanzipieren; andererseits aber zeigen sie, wie sich die Menschheit im Prozess dieser Emanzipation immer tiefer in Herrschaft verstrickt; Herrschaft, die ihnen nun gleichfalls wie eine Naturmacht gegenübertritt“ [4]. Es gehe folglich um die Emanzipation von der Natur und um die Emanzipation von den gesellschaftlichen Zwängen.

Adorno spricht Kunstwerken die Qualität zu, „die Befreiung von den Zwangen der Natur vorwegnehmen“ [5]. In dieser Befreiung oder Emanzipation liegt auch schon die Botschaft der Kritischen Theorie: Es könnte alles auch anders sein. Das Künstliche bietet den Schlüssel dazu.

Adorno erachtet „in der autonomen Kunst das ganz Andere, den Gegensatz zu den Produkten der Kulturindustrie; er entwirft Kunstwerke als rätselhafte, dissonante, fensterlose Monaden, die das Nichtidentische retten. Die Kategorie des Nichtidentischen ist bei Adorno Platzhalter für das, was inmitten des Bestehenden auf ein Potential der Befreiung hindeuten kann“ [5]. In diesem Sinne wollte Herbert Marcuse die „Gesellschaft als Kunstwerk“ sehen. Die Künstlichkeit – und nicht die Natürlichkeit – schwingt mit.

Interesse an ökologischen Zusammenhängen hatte der Marxismus ursprünglich nicht. Karl Marx hatte sich mit Blick auf die Romantik über die „patriarchalische Naturfaselei“ beklagt. Die Unterwerfung der Natur war im Gedankenkonstrukt bei Karl Marx wesentlich.

Karl Marx spricht vom „Reich der Freiheit“: „Das Reich der Freiheit beginnt in der Tat erst da, wo das Arbeiten, das durch Not und äußere Zweckmäßigkeit bestimmt ist, aufhört; es liegt also der Natur der Sache nach jenseits der Sphäre der eigentlichen materiellen Produktion“. Aus dem Reich der Notwendigkeit ergebe sich das Reich der Freiheit durch Loslösung der äußeren Zweckmäßigkeiten, die eine „Entfremdung“ bewirken würden.

Letztlich ist den marxistischen Bewegungen die nach Günter Rohrmoser festgestellte Überwindung der Abhängigkeit des Menschen von der Natur inhärent: „Das Kriterium des in der Theorie des Fortschritts eingeschlossenen Begriffs von Freiheit versteht unter Freiheit: Befreiung von der Natur im Sinne der Emanzipation“ [1]. Damit geht schlussendlich und in der Theorie die Überwindung des Kapitalismus einher.

Der Ökologismus ist folglich im Rahmen des Marxismus kein Mittel, um sich mit der Natur in Einklang zu bringen, sondern eher ein Vehikel, um nach der Emanzipation über die Natur auch die Emanzipation gegenüber der Gesellschaft zu vollziehen. Es geht folglich nicht um einen Einklang mit der Natur, sondern um eine Befreiung aus den Zwängen der Natur. Die „Emanzipation“ resultiert schlussendlich im „neuen Menschen“ [3], der von den natürlichen und gesellschaftlichen Zwängen emanzipiert ist.

Die Folgen

Umweltschutz kann zahlreiche politische Schlagseiten an den Tag legen, vielleicht aber auch unpolitisch und mehr eine persönliche Haltung sein. Umwelt- und Naturschutz als persönliche Herangehensweise verdeutlichen sich an den praktischen Handlungen und nicht an den geduldigen Parolen und Floskeln.

Wesentlich ist die Frage, ob Natur- und Umweltschutz nur als „Vehikel“ für anderweitige Interessen herhalten muss oder ob es wirklich darum geht, die Natur verstehen, nachvollziehen und weiterentwickeln zu wollen. Das geht dann auch unideologisch und ohne missionarischen Eifer.

Literatur:

[1] Günther Rohrmoser: „Das Elend der Kritischen Theorie“, Rombach Verlag, Freiburg 1970

[2] Iris Radisch: „Genug dekonstruiert! – Das Café der Existenzialisten“, Die Zeit, 12.01.2017

[3] Karl-Otto Hondrich: „Der neue Mensch“, Suhrkampf Verlag, Berlin 2001

[4] Karl-Heinz Dammer, Thomas Vogel & Helmut Wehr: „Zur Aktualität der Kritischen Theorie für die Pädagogik“, Springer-Verlag, Berlin 2015

[5] Ulrich Paetzel: „Kunst und Kulturindustrie bei Adorno und Habermas – Perspektiven kritischer Theorie“, Deutscher Universitäts-Verlag, Wiesbaden 2001

Ein Kommentar zu „Grünes Denken: Zwischen Umweltschutz und Marxismus

Gib deinen ab

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

Diese Seite verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden..

Eine WordPress.com-Website.

Nach oben ↑

%d Bloggern gefällt das: