Le Corbusier und die Ingenieure

Man muss kein wahrlicher Anhänger der Bauwerke des Schweizer Architekten Charles-Édouard Jeanneret-Gris, genannt Le Corbusier sein, um nicht dessen Weltrang anzuerkennen, sowie die vielfältigen Einflüsse auf das derzeitige Bauen. Man kann auch nüchtern behaupten, dass vieles von dem, was Le Corbusier architektonisch geschaffen hat, zentralen Ansprüchen, die wir als Bewohner an das Bauen stellen, nicht entspricht – Stichwort „Wohnmaschine“. Mit der Wohnmaschine glaubte Le Corbusier konkrete Antworten auf die soziale Problematik jener Zeit sowie auf die kapitalistische Gesellschaft gefunden zu haben.

Und doch lohnt sich bei aller berechtigten Skepsis die Auseinandersetzung mit Le Corbusier in vielerlei Hinsicht, insbesondere was die theoretischen Gedanken zum Bauen betreffen.

Le Corbusier ging es darum, das bisherige Bauen vom Grunde auf zu revolutionieren. Ihm ging es nicht nur um neue Ansätze, sondern um eine Evolution des Bauens, ähnlich der Evolutionstheorie.

Man muss sich das Bauen seit der klassischen Antike in zwei theoretischen Strängen vorstellen, die sich abwechseln, immer wieder neu entdeckt, widerlegt und aufgelegt werden:

  • Eine platonische Schule geht davon aus, dass das Bauen eine menschliche Kultur zu schaffen habe.
  • Eine aristotelische Schule glaubt daran, dass das Bauen die Natur zu imitieren habe.

Bis heute hin wechseln sich diese Prinzipien ab. Während sich die Anlehnung an die Motive der klassischen Antike auf die erste Schule bezieht, bezieht sich die so genannte Bionik, die die gesamten Ingenieurwissenschaften umfasst, auf die Imitation der Natur und ihrer (verborgenen) Wissenschaft. Grundsätzlich geht es bei allen Divergenzen wohl darum, einen sachlichen Umgang mit beiden Prinzipien zu finden.

Le Corbusier nahm ebenso eine geteilte Haltung ein: Ihm ging es zwar einerseits um eine natürliche Evolution im Sinne eines wissenschaftlichen Bauens, es kam dann allerdings das Moment hinzu, wo sich die Gestaltung von der natürlichen Imitation spaltete und es besonders um Selbstdarstellung ging.

Zurück zum Werk Le Corbusiers.

Eine neue Zeit verlange nach völlig neuen baulichen Formen, so der Architekt und Künstler Le Corbusier. Insbesondere in einer industrialisierten Zeit, in der neue Materialien, neue Baumethoden, neue Berechnungsansätze die Beschaffenheit der Dinge bestimmten, ging es darum, mit dem Ansatz eines Ingenieurs an die Dinge heranzutreten.

Le Corbusier kritisierte die herkömmliche Architektur grundlegend und deklarierte den Ingenieur zum Vorbild einer neuen Zeit. Dieser Ansatz deckt sich mit einem progressistischen Weltbild. Der Ingenieur gibt nämlich den technologischen Fortschritt vor und ist aufgrund seiner theoretischen Fähigkeiten in der Lage, dem Gebauten eine Konstruktion und damit eine wissenschaftlich fundierte Form zu geben, die materialgerecht, konstruktionsgerecht sowie auf der Höhe der Zeit sei.

Der Ingenieur verfügt demgemäß über „sämtliche Kenntnisse und Fähigkeiten, die für einen gelungenen Architekturentwurf nötig schienen: Über konstruktive Intelligenz, ein natürliches ästhetisches Urteil, hohen technischen Sachverstand, analytisches Denken und Nähe zur Industrie, um die Mechanisierung des Bauens vorantreiben zu können“.

Dieser Einsicht stellte Le Corbusier allerdings ein Aber entgegen: „Während der Ingenieur in allen Belangen immer nur einen kühlen Kopf behalte, verfüge der Architekt zudem über die Fähigkeit der „Beseelung““ (Gerd de Bruyn).

Die Architektur werde in der Moderne trotz der Fortschritte der Ingenieurswissenschaften nicht obsolet, sondern sei demgemäß dafür zuständig, das Gesamtkunstwerk zu inszenieren. Der Ingenieur sei zwar der Schöpfer des Fortschritts, der allerdings im Dienst der architektonischen Kunstwerkes stehe. Außer – so fügt Gerd de Bruyn hinzu – es gelingt dem Ingenieur, sich der Frage nach der Form anzunehmen: Der Ingenieur „bliebe fraglos der wahre Heros der Moderne, solange es ihm gelingt, aus neuen Konstruktionsaufgaben neue Architekturformen zu generieren“ (Gerd de Bruyn).

Wie auch immer: Le Corbusiers Haltung zum Ingenieurwesen ist faszinierend. Vielleicht ist das auch ein Aufruf an die Ingenieure, gestalterisch zu wirken und nicht „nur“ das mechanische Beiwerk zum Bauwerk zu liefern. Der Ingenieur kann und muss gestalten und sich an der Formensprache beteiligen – im Rahmen seiner Fähigkeiten.

Dankbar muss man Le Corbusier für dessen Ansatz sein, das moderne Bauen in die Nähe des Ingenieurwesens zu bringen und folglich auch die Ästhetik der industrialisierten Welt in den Mittelpunkt des Schaffens zu stellen. Wobei es auch dabei wohl gelungenere Herangehensweisen gab, insbesondere bei den Vordenkern, an denen sich auch Le Corbusier orientierte und die eine eigene Abhandlung verdienen.

Bild von Alexander Coles auf Pixabay

Literatur:

Gerd de Bruyn: „Theorie der modernen Architektur. Programmatische Texte“, Edition Staub, skript-Verlag, Neuss 2017

Weiterführende Beiträge:

Persönlichkeiten: Mies van der Rohe

Alpines Bauen: „Suche den Grund der Form auf“!

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