Versteht man die Reformbewegung und die Vorläufer, insbesondere in Großbritannien, dann wird der Weg in Richtung Gartenstadt nachvollziehbar. Nein, die Gartenstadt war zu Beginn des 20. Jahrhunderts nicht eine Option, sondern eine „Notwendigkeit“, um die Gefühle jener Zeit in eine gebaute und gelebte Realität zu setzen.
Die Stuttgarter Schule entwickelt sich aus der Reformbewegung heraus und beendete den Historismus, der in der Wiederholung historischer Form nach dem Baukasten-Prinzip mehr Frust als Lust hervorlösen sollte. In Kontrast zum Historismus pochte die Stuttgarter Schule auf Materialgerechtigkeit, Sachlichkeit und Natürlichkeit und etablierte sich als Gegenentwurf zum internationalistischen Bauhaus, welches den Ansatz verfolgt, überall entterritorialisiert die gleichen Entwürfe zu platzieren.
Während das Bauhaus an der „perfekten“ materialistischen Konstruktion mit weißer Fassade und Flachdach arbeitete, ortsfremd in die Landschaft geknallt, mit allerlei Bauschäden und Baumängeln, weil das alles nicht bis zum Ende durchdacht, sondern eine „gegenstandslose“ ideologische Konzeption war, arbeitete die Stuttgarter Schule an der harmonischen Vereinigung von Bauwerk und Umgebung.
Die Verbindung zur Reformbewegung wird in den Prinzipien der Gartenstadt deutlich. Erstens, das kollektive und soziale Bedürfnis an einem Städtebau, der die Natur in die gebauten Umgebungen eingliedert, entsprechend das „gesunde“ Leben in der Natur mit offenen Räumen propagiert. Zweitens das Prinzip Gemeinschaftseigentums mit der Absage an die Bauspekulation wie sie der Historismus in extremis betrieben hatte, Stichwort Mietskaserne.
In diesem Sinne war die Gartenstadt auch eine Absage an exklusives Eigentum in Großgrundbesitz und eine Verfügbarmachung für Kleinbauern, Landarbeiter und Arbeiter. Die Bodenreform oder Landreform oder Reformbewegung war folglich ein politisches und sozialreformatorisches Konzept. Insbesondere in den durch den Ersten Weltkrieg zerstörten Gebieten sollte die Reformarchitektur folglich den Menschen ein lebenswertes, aber auch zeitgemäßes Zuhause bieten.
In Bozen waren es Luis Trenker und Clemens Holzmeister, die gemeinsam ein Architekturbüro führten und – wie auch Lois Welzenbacher – im Sinne der Reformbewegung wirken. Clemens Holzmeister, der Professor in Wien war, wirkte immer wieder einmal mit den führenden Köpfen der Stuttgarter Schule, etwa Paul Bonatz, zusammen. 1925 planten Holzmeister und Trenker die Siedlung Klösterlegrund in Bozen, die auf dem Baugrund einer ehemaligen Brauerei entstand, als Gartenstadt. Die Siedlung wurde ins Grüne gebaut und sollte genügend Raum zur Interaktion im Grünen bieten.
Heute wird der Ruf nach der Gartenstadt wieder laut, aber auch politisch unterminiert. Die Wahrheit ist doch jene: Wer es sich leisten kann, baut oder kauft sich die Villa oder den zur Villa umfunktionierten Bauernhof im Grünen. Für alle anderen wird das Leben in der „Wohnkaserne“ zur alternativlosen Wirklichkeit. Insbesondere durch den Umstand, dass die ideologisch ökologischen Bewegungen heute dem Einfamilienhaus mit Garten den Kampf angesagt haben, obwohl gerade jene Konstellation die größtmögliche Verbindung mit dem Territorium und dem Land und ein wirklich ökologisches Leben und Wohnen verspricht. Im Sinne der großen Gesellschaftsideologien muss es aber im Sinne fragwürdiger Gesellschaftsutopien größer, monumentaler und sozialistischer sein. Der Umwelt- oder Klimaschutz ist nur ein nützliches Vehikel.
Folglich tendiert das soziale Wohnen heute in Richtung baulicher Mehrfamilienkonstellationen auf engstem Raum. Das Land muss ja „schonend“ genutzt werden. Diese schonende Landnutzung betrifft allerdings nur jene, die es sich nicht leisten können, sich die eigene Protz-Villa ins Grüne zu stellen, die natürlich auch jene ins Grüne stellen, die sich derartige Visionen des „sozialen Wohnens“ ausdenken. Die Umwelt schützen sollen – immer – die anderen. Die Spaltung der Gesellschaft im Bauen wird deutlich und sichtbar werden folglich auch die Ähnlichkeiten zur Reformbewegung, die mit ähnlichen Problemen zu kämpfen hatte und lebenswerte Umgebungen in Zeiten der blinden Spekulation bieten wollte.
Die bauliche Moderne, die – aus dem Bauhaus heraus – den radikalen Bruch mit dem Territorium und der baulichen Tradition vollzieht, ist kein Vorbild für das zeitgemäße Bauen. Die Entkopplung des Bauens vom Leben selbst führt zu einer anhaltenden Entfremdung, die mit Blick auf zahlreiche Großstädte zum Problem wird. Nein, der Mensch ist kein technisches Wesen, das sich in fragewürdige und umstrittene Gesellschaftstheorien der Moderne und der Post-Moderne eingliedern will. Es war – wohlgemerkt – nicht die Not, die ein solches Bauen beförderte, sondern die ideologische Verengung sowie die Anmaßung, gesellschaftliches Leben am Reißbrett konzipieren zu können.
Heute werden zeitgemäße Formen der Vereinigung mit der Natur notwendig. Die grundsätzliche Absage an das Haus im Grünen ist falsch, insbesondere dann, wenn dieses Verbot nur für einen Teil der Gesellschaft gilt. Zudem ist diese Absage nicht mehrheitsfähig und selbst aus ökologischen Gründen nicht das Problem, sondern die Lösung, weil erst die Verbindung mit dem Land und mit der Natur das ökologische Denken befördert – und nicht autoritäre Ansagen von oben herab. Eigenverantwortung und nicht Verbote führen in die Zukunft.
Natürlich muss es aber auch ansprechende Lösungen im Sinne des mehrgeschossigen Wohnbaus geben. Wenn die Gartenstadt als horizontale Bewegung ausgeschlossen ist, weil das Bauen in die Höhe gerichtet ist, dann muss es die vertikale Gartenstadt in Form von begrünten Fassaden, „Urban Gardening“ und grünen Terrassen und Dächern sein. Ein Weiterbauen nach den Prinzipien der Bauhaus-Moderne, die den Bruch zur Natur zum Programm macht, ist keine Lösung. Das neue Bauen muss neue Verbindungen zur Natur finden und verwirklichen.
Der geniale Bauingenieur Fritz Leonhardt, der mit der Stuttgarter Schule und besonders mit Paul Bonatz zusammen wirkte, bringt es auf den Punkt:
Das höchste Maß an Schönheit finden wir immer in der Natur, in Pflanzen, Blumen, Tieren, Kristallen und rundum im weiten Kosmos in einer solchen Vielfalt der Formen und Farben, dass hier der Ansatz zur Analyse vor Ehrfurcht und Bewunderung schwerfallt. Bei genauerer Beschäftigung mit der Schönheit finden wir auch dort in vielen Fällen Regeln und Ordnungen, doch stets mit Ausnahmen. Die Schönheit der Natur ist andererseits ein reicher Quell für die seelischen Bedürfnisse des Menschen, für sein psychisches Wohlbefinden. Jedermann kennt die heilsame Wirkung der Natur gegen Leid und Kummer. Wanderungen und Spaziergange in schöner Landschaft wirken oft Wunder. Der Mensch braucht die Verbindung mit der Natur, denn er ist ein Teil dieser Natur und in Jahrtausenden von ihr geprägt. Aus diesem Wissen um die Wirkung der Schönheit der Natur müssen wir die Forderung ableiten, ihr wieder mehr Raum in der gebauten Umwelt zu geben.
Fritz Leonhardt
Die Gartenstadt ist kein historisches Konstrukt, sondern Programm für die Zukunft.
Literatur:
[1] Wilfried Posch: „Clemens Holzmeister – Architekt zwischen Kunst und Politik“, Müry Salzmann Verlag, Salzburg 2010
[2] Leonhardt, Fritz: „Zu den Grundfragen der Ästhetik bei Bauwerken“, Sitzungsberichte der Heidelberger Akademie der Wissenschaften, Heidelberg 1984


Hinterlasse einen Kommentar