Wie bauen? Bauen zwischen Naturnachahmung und klassischem Stil

Wie bauen?

Die Frage „Wie bauen?“ ist keine einfache Frage. Gut, man könnte die Baurechtsgrenzen als gegeben hinnehmen, ein paar Linien darüber legen, Räume definieren und daraus dann eine amorphe Masse bilden, in die man im Nachhinein irgendetwas hineininterpretiert. Dann sind es die Umstände, die „gestalten“. Oder aber eine digitale Applikation übernimmt die Gestaltung und der Mensch ist nur noch Nebendarsteller.

Man könnte auch so bauen, dass jeder Kubikzentimeter möglichst gut ausgenutzt ist, weil Volumen gleich Geld ist. Dieser Ansatz ist sehr nützlichkeitsorientiert. Was heute von Nutzen ist, ist morgen ein Fall für die Abrissbirne.

Der kolumbianische Philosoph Nicolás Gómez Dávila bringt es auf den Punkt, wenn er schreibt: „Wenn wir wollen, dass etwas Bestand hat, sorgen wir für Schönheit, nicht für Effizienz“.

Man könnte dann im Gegensatz zu einer funktionalistischen und utilitaristischen Sichtweise überzeitlich und ästhetisch an die Sache heran treten. Wobei sich immer noch die Frage stellt, was denn die ästhetische Richtschnur sein soll. Die Natur oder die menschliche Kultur?

In der Gegenwart ergibt sich der Begriff der „Bionik“ in dem Versuch, bauliche Formen nach dem Vorbild der biologischen Zusammenhänge zu entwickeln. Das Zustandekommen natürlicher Formen ist durch Wachstum, Mutation, Spaltung, Fusion, Evolution und Verfall gekennzeichnet, während sich technische Tragwerke nach Heino Engel durch Entwurf, Berechnung, Konkretisierung, Produktion und Abbruch kennzeichnen [1].

Hinzu kommt der Umstand, dass sich der Zweck in der Biologie von den Hintergründen der Herstellung menschlicher Behausungen wesentlich unterscheidet. Demgegenüber besteht menschliches Bauen immer in der bewussten Formgebung – und zwar mit, neben oder gegen die Natur.

Das Bauen eröffnet grundsätzlich zwei Arten der Formfindung. Erstens, die Natur nachahmen. Zweitens, eine menschliche Natur schaffen. Man spricht – in Abgrenzung von einer „platonischen“ Sichtweise, die sich als Etablierung einer zweiten Natur darstellt – von einer „aristotelischen“ Sichtweise, die auf die Nachahmung des Naturzustandes hinausläuft. Vielleicht gibt es auch noch eine dritte Möglichkeit, die sich in einer völligen Entfremdung von der eigentlichen Natur vollzieht und das technizistische Zeitalter markiert.

Die klassische Antike als Vorbild

Bei Nietzsche bilden Apollo und Dionysos die beiden charakterlichen Antipoden. Apollo steht für Raum und Ordnung, während Dionysos für Rausch und Orgie steht. Beim Bauen bilden Aristoteles und Platon zwei Antipoden, die grundsätzlich verschiedene Herangehensweisen an das Bauen bezeichnen.

Die Antike wirkte disruptiv. Es war die antike Weltauffassung, die „den menschlichen Geist und die Schönheit des menschlichen Körpers in ein Gesamtkonzept“ [2] zusammenfasst, wobei Kunst der Schaffung von Bildern dient, die nicht abbilden, was ist, sondern wie etwas erscheint. Darin ist nach Sabine Höllwarth das konstruktivistische Weltbild bis heute hin begründet [3].

In der Antike findet erstmals eine Unterscheidung zwischen jenen Bereichen statt, die dem Boden zuzuordnen sind – und sich als „Natur“ bezeichnen – und jenen Bereichen, die einer geistigen und künstlerischen Betätigung entspringen und als „Kultur“ zu bezeichnen sind. Die beiden Bereiche sind von ihrem Ursprung her kein Widerspruch. Das vom Menschen Gestaltete verstand sich zwar in Kontrast zur ursprünglichen Natur, aber auch im Dialog.

Die Frage, was bei all dem Schönen nun konkrete „Schönheit“ ist, wurde in der griechischen Antike wesentlich durch Platon beantwortet. „Schönheit als Harmonie und Proportion der Teile (abgeleitet von Pythagoras) und Schönheit als Glanz, ausgeführt im Phaidros, die das neuplatonische Denken beeinflussen wird. Für Platon besitzt die Schönheit eine autonome Existenz, getrennt von dem physischen Träger, der sie zufällig zum Ausdruck bringt; sie ist somit nicht an dieses oder jenes für die Sinne fassbare Objekt gebunden, sondern verbreitet ihren Glanz überall“ [4] (Umberto Eco).

Platon verstand Schönheit nur in Kombination mit einer Idee: „Schön wird ein Kunstwerk – allgemein formuliert – also dadurch, dass es im wahrnehmbaren Bereich eine Einheit von Teilen bildet, die sich nach einer nur begreifbaren Einheit (Idee) richtet, so dass die Teile zueinander und zum Ganzen in einer an der begreifbaren Einheit orientierten, organischen Ordnung stehen“ [5]. Das Geistige ordnet das Sinnliche und macht es schön. Hinter der Ästhetik steht folglich eine konkrete Idee.

Platon verstand unter Schönheit dabei eine durchaus rationale Angelegenheit. Der „natürliche“ Affekt in der Ästhetik ist dabei eher einer menschlichen Naturauffassung, die auch in den Naturwissenschaften ihren Anklang findet, geschuldet.

„Das Schöne in der Kunst kommt laut Platon als dadurch zustande, dass das Wahrnehmbare auf eine nur begreifbare, intelligible Ursache hin gestaltet und geformt wird. Es bewegt den betrachtenden Menschen dann unvermerkt, schon im Wahrnehmbaren die geistige Ursachen der Welt zu erkennen. Das Schöne am wahrnehmbaren Schönen ist, kurz gesagt, seine bestimmte rationale Struktur“ [5]. Und weiter: „Die Geometrie ist somit die Wissenschaft, die sich mit den Gestaltungsmöglichkeiten vom Punkt bis hin zum Körper befasst. Nach ihren Vorgaben muss sich auch derjenige richten, der empirische Körper (dieses Dreieck, diese Kugel und ähnliches) beschreiben oder berechnen will“.

In der Tat sind Geometrie und gerade Formen keine natürlichen Gegebenheiten. Die Natur kennt keine Gerade und keinen rechten Winkel. Für die menschliche Natur sind der rechte Winkel und die Gerade allerdings in zahlreichen Anwendungen von größter Bedeutung.

Der Gegenpol der Schönheit bildet bei Platon die Hässlichkeit als Ungeformtheit [5].

Anders verhält es sich mit der Ästhetik bei Aristoteles, womit ein „Schöpfen aus denselben Prinzipien wie die schaffende Natur“ durch die Kunst gemeint ist [5]. Von der rationalen Natur, die Platon erfasst, vollzieht sich ein Übergang zur schaffenden Natur bei Aristoteles, deren Prinzipien auch für die Kunst von eminenter Bedeutung seien.

Diese Art von Naturnachahmung sollte später in Zeiten der architektonischen Moderne in Form von organischer Funktionalität neuen Anklang finden und vom platonisch geprägten Formalismus Abstand nehmen.

Gerd de Bruyn definiert demgemäß die „platonische Perspektive“ als Reflexion mit der inneren Natur der Dinge, die sich allerdings im Wesen der Natur, ihrer Idee oder ihrem Bauplan äußern würde. Damit geht es weniger um eine empirische Auseinandersetzung mit der Natur oder um eine „empirische Natur“, wie sie sich in der aristotelischen Perspektive ergeben würde, sondern um die „Natur als göttliche Architektur“ [2] und als Natur und Ordnung der Dinge. Daraus resultieren Harmonie, ideale Proportion und Stil. Sehr wohl entwickeln sich diese Konzepte der klassischen Kunst aus der Betrachtung der Natur heraus, jedoch als „nichtimitatorische Kunst“ der Natur, sondern als Heranbildung einer konkreten Baukultur.

In diesem Zusammenhang definiert de Bruyn Architektur per se als „Antinatur“, weil diese darauf bedacht ist, eine zweite Natur in Form der Kultur zu schaffen. Einen Paradigmenwechsel hätte erst die Moderne mit ihrer Hinwendung zur Natur und deren Gesetze mit sich gebracht.

Bauen heute? Klassische Ästhetik und Naturverbundenheit!

Das heutige Bauen ist eine komplizierte Angelegenheit. Wollen wir die Natur imitieren und – in der banalsten Vereinfachung – in einem Baumhaus leben? Oder ist Bauen nicht doch vielleicht eine Kulturangelegenheit und es kennzeichnet den höheren Stil, die Formensprache (der klassischen Antike) in einen modernen Kontext übernehmen zu können? Bauen ist eine subjektive Angelegenheit, wobei die Lösung vielleicht im Dazwischen besteht, also zwischen der Naturnachahmung und dem klassischen Stil.

Persönlich will ich das „richtige“ Bauen (ein gewagter Begriff) in der menschlichen Kultur einordnen, dabei aber natürlich Anlehnungen an der Natur nehmen – faktisch machen das die Großen der Bauwelt wie Pier Luigi Nervi -, ohne jedoch diese Natur nachzuahmen, dabei immer davon ausgehen, dass es um souveräne und konkrete ästhetische Gestaltung geht, wie sie Valerio Olgiati erfolgreich beansprucht. Die Natur hat nämlich anderes im Sinn als der Mensch.

Eine Ausnahme bildet das Bauen in der Natur, in der Landschaft, im Fels. Dort geht es zwar um menschliche Anforderungen, die Form bestimmt aber in hohem Maße die Natur selbst und es gilt sich, in diese Natur einzuordnen.

Die Gestaltung nimmt grundsätzlich keine Natur und kein digitales Berechnungsmodell ab. Sie ist souveräne Angelegenheit des Gestaltenden – und dazu gehört mehr denn je auch der Tragwerksplaner. Darin besteht ja auch die richtige Herangehensweise an die Natur, ihre Kräfte, ihre Tragwerke und ihre Statik und Dynamik. Eine „hübsche“ Fassade ist zu wenig. Es geht um die Essenz. Wer gegen diese Prinzipien der Natur und ihre Naturgesetze baut, baut gegen die Natur, die immer an Effizienz interessiert ist – und baut teuer.

Literatur:

[1] Heino Engel: „Tragsysteme / Structure systems“, Deutsche Verlagsanstalt, München 1977

[2] Gerd De Bruyn: „Theorie der modernen Architektur: Programmatische Texte“, skript Verlag, Neuss 2017

[3] Sabine Höllwerth: „Kunst als empirische Wissenschaft“, Dissertation an der Universität für angewandte Kunst Wien, Wien 2017

[4] Umberto Eco: „Die Geschichte der Schönheit“, Deutscher Taschenbuch Verlag, München 2006

[5] Stefan Büttner: „Antike Ästhetik – Eine Einführung in die Prinzipien des Schönen“, Beck Verlag, München 2006

[6] Jan Knippers: „Bionisch bauen – Von der Natur lernen“, Birkhäuser Verlag, Basel 2019

Stichworte: Alpines Ingenieurwesen, Alpine Engineering, Engineering, South Tyrol, Südtirol

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