Lois Welzenbacher und das moderne, traditionelle Bauen in den Alpen

Der Architekt Lois Welzenbacher nimmt in der baulichen Moderne des 20. Jahrhunderts eine besondere Stellung ein. Sein Baustil, der irgendwo zwischen Avantgarde und Tradition einzuordnen ist, orientiert sich sowohl an avantgardistischen als auch an traditionalistischen Vorbildern.

Man muss sich das Architekten-Metier zu Beginn des 20. Jahrhunderts ohnehin recht pragmatisch vorstellen: Der Baustil orientierte sich weitgehend an Bauaufgabe und Bauherrn. Ob avantgardistisch oder traditionalistisch war kein Justament-Standpunkt, sondern eine Entscheidung, die von Fall zu Fall und je nach Vorliebe getroffen wurde. Entsprechend gestalten sich auch die Biographien der damaligen Architekten. In der Wiener Moderne war das Bauen modern und traditionsbezogen zugleich, wenngleich mit sehr viel Pathos und überzogener Ästhetik. In der Folge sollte das Bauen versachlicht werden – dafür bürgen sowohl der Traditionalismus als auch die Avantgarde.

Hinzu kommt im „verdammten 20. Jahrhundert“ die Ideologie. Der Umstand, dass das Bauen ideologisch ungebunden war, sollte sich in den 1920er-Jahren grundlegend ändern, wo Bauen folglich nicht mehr von politischer Ideologie zu trennen war. Den Anfang machte wahrscheinlich das Bauhaus, das sich von der sowjetischen Avantgarde beeinflussen ließ und nicht mehr unpolitisch sein wollte. Bauhaus und Stuttgarter Schule entwickelten sich in der Folge zu politischen und ästhetischen Antipoden.

Herkunft und Wirken

Lois Welzenbacher, Sohn eines Laaser Steinmetzen, der in München aufgewachsen war, begann seine berufliche Laufbahn an der Gewerbeschule in Wien, studierte bei Theodor Fischer in München und wirkte als Architekt besonders in Bayern, Tirol und Südtirol. Welzenbacher Biographie ist durchaus nicht unüblich für die Verwerfungen jener Zeit und ordnet sich irgendwo zwischen Reform und Avantgarde ein – das war damals noch kein Widerspruch. Neben Lois Welzenbacher hatte Theodor Fischer weitere, überaus namhafte Schüler: Paul Bonatz, Paul Schmitthenner (Richtung Stuttgarter Schule) sowie Bruno Taut (Richtung Bauhaus).

Christine Gräwe schreibt zum Wirken und Schaffen des Architekten und Lehrers Theodor Fischer: „Theodor Fischer war ein Wanderer zwischen zwei Welten; sein Denken und Schaffen fielen in die Übergangszeit zwischen Historismus und Moderne. Das plumpe Ausleihen vergangener Stile lehnte Fischer strikt als „epigonenhaften Eklektizismus“ ab. Als Gegenmittel mahnte er die Besinnung auf die praktischen und sozialen Bedürfnisse an, wobei er auch die ästhetischen nie vergaß. Ein waschechter Moderner war Theodor Fischer jedoch auch nicht; er war ein Vermittler zwischen Tradition und Moderne“ [3].

Fischers Bauen war gewissermaßen referenziell. Seine Planungen nahmen bewussten Bezug auf die „Geschichte und die Gegebenheiten des jeweiligen Orts“. Dabei versuchte er allerdings alles andere als einen vergangenen Stil zu kopieren, sondern das Bauwerk individuell aus der Bauaufgabe und der Umgebung heraus zu konzipieren. Theodor Fischer wirkte als Architekt im Übrigen auch in Südtirol und plante die Knabenschule in Lana. Wesentlich trug Theodor Fischer zur Entwicklung Merans als Kurstadt bei. Im Übergang zum 20. Jahrhundert arbeitete Fischer am Bauleitplan Merans und legte den Grundstein für die Garten- und Villenstadt Meran sowie für die verkehrstechnische Anbindung durch Verlegung der Eisenbahnlinie. In Hall in Tirol plante Theodor Fischer das Post- und Sparkassengebäude.

Nach dem Studium ließ sich Welzenbacher als Architekt in Innsbruck nieder. Später wirkte er von 1929 bis 1930 als Stadtbaudirektor in Plauen und war sodann freier Architekt in München.

Lois Welzenbacher wirkte als Architekt der Moderne mit traditionellen Zügen. 1932 war Welzenbacher folglich auf der Ausstellung „International Style“ in New York vertreten, womit sein Bauen internationalen Rang erhielt. Nach 1933 bemühte sich Welzenbacher um Bauaufträge im nationalsozialistischen Industriebau. Der Nationalsozialismus setzte nämlich im Industriebau auf die bauliche Avantgarde.

Nach dem Zweiten Weltkrieg war Welzenbacher sodann Professor an der Akademie der bildenden Künste in Wien. Dort wirkte auch der Tiroler Architekt Clemens Holzmeister [2]. Holzmeister war der traditionalistischen Moderne zuzuordnen, kollaborierte mit dem austrofaschistischen Regime in Österreich und war zeitweise ebenso wie der deutsche Architekt Peter Behrens in Ankara tätig. Welzenbacher und Holzmeister trennte Konkurrenzkampf und offene Gegnerschaft.

Das Werk

Das Haus Settari von Lois Welzenbacher in Bad Dreikirchen ist ein einzigartiger Beweis, wie sich kubistische Moderne und traditionelle Form vereinen. Das Haus ist 1919 in Dreikirchen entstanden und bis heute hin bewundernswert. Guido Harbers spricht von „klassisch zu nennender Klarheit“, die das „Motiv der umgebenden Südtiroler Landschaft aufnimmt“ [4]. Die Architektur sei auf den Bewegungsrhytmus im Gebäude ausgerichtet, die Gestaltung „zweckerfüllend“ und „künstlerisch“.

In Bezug auf den „Modern Style“ mit den weißen Kuben ging man zu Beginn der Avantgarde noch davon aus, dass die ausgeführte „Rahmung“ den Landschaftseindruck sogar noch steigern würde [4]. Die Landschaft war folglich eine Kulisse, das Gebaute eine Art Rahmen. Das war damals auch das Essentielle: „Landschaftliche Bindung“ gemeinsam mit Zweckerfüllung. Selbst im modernen Bau „Haus Rosenbauer“ in Linz ist durch Guido Harbers ein barocker Zug zu erkennen: „Jedes Haus will als ganzes mit allen seinen Einzelansichten und seinen Wechselbeziehungen zur Landschaft erst voll erfasst und verstanden sein, bevor eine ästhetische Wertung eintritt – „ein barocker Zug“ würde der Kunsthistoriker sagen“.

Zu Welzenbacher schreibt der Architekt Zeno Abram: „Die schönste Verbindung des Neuen Bauens mit der Tiroler Eigenart gelingt Lois Welzenbacher. Sein Werk ist eine glückliche Synthese zwischen den Gedanken der Moderne und einer sinnlich empfundenen Naturnähe. Er verwendet das Vokabular des Rationalismus und gibt ihm die landschaftsverbundene süddeutsche Art“ [1]. Und weiter: „Durch sein ganzes Werk bleibt er den Grundsätzen seines Lehrers Theodor Fischer treu: Der Natur nachgehen und die Herrschaft, die der Mensch über die Natur zu haben glaubt, darin suchen, dass das Naturgegebene durch die Kunst zur höchsten Wirkung suggeriert wird“ [1].

Abram attestiert Welzenbacher „eine gelungene Vermittlung von Gesellschaft und Territorium“ und charakterisiert dessen Stil wie folgt: „Entwicklung des Baukörpers aus dem Gelände; Abstimmung des Grundrisses auf die damit verbundene Bewegung; Beziehung der Innenräume zum landschaftlichen Großraum und die plastische Behandlung der Volumina“ [1]. Letztere hat fast expressionistische Züge.

Heute

Auf die Gegenwart bezogen pendeln die Arbeiten Lois Welzenbachers zwischen „Modern Style“ und Traditionalismus. Während wir heute des Modern Style und seiner immer gleichen Ausprägungen – ob in den Alpen oder in Japan – vielfach überdrüssig werden (weil dann, wenn alles „modern“ ist, der Effekt dahin ist), fasziniert eine tiefer gehende Auseinandersetzung mit Land, Landschaft, Boden, Baukultur und Geschichte. Hier hat uns Lois Welzenbacher im modernen Kontext etwas zu sagen. Selbst im modernsten Entwurf wird die Beziehung zur Landschaft gesucht. Ein Konzept, welches vom „Bauhaus“ grundsätzlich abgelehnt wurde…

Lois Welzenbachers Arbeiten: http://www.loiswelzenbacher.at/

Literatur:

[1] Paul Preims: „Architektur in Südtirol ab 1900“, Arunda 8/9, Meran 1979

[2] Wilfried Posch: „Clemens Holzmeister – Architekt zwischen Kunst und Politik“, Müry Salzmann Verlag, Salzburg 2010

[3] Christine Gräwe: „Blicken wir zurück und vorwärts! Zu Theodor Fischers 150. Geburtstag“, Baunetzwoche 275, Berlin 2012

[4] Guido Harbers: „Lois Welzenbacher : Arbeiten der Jahre 1919 bis 1931“, Callway Verlag, München 1931

Abbildungen: Guido Harbers: „Lois Welzenbacher : Arbeiten der Jahre 1919 bis 1931“, Callway Verlag, München 1931

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