Lorenzo Jurina: Non-konformes, nicht-invasives und zukunftsweisendes Bauen

Der Mailänder Bauingenieur Lorenzo Jurina gilt nicht nur auf Hochschulebene als Koryphäe. Einen Namen gemacht hat sich Jurina in einem Metier des Bauingenieurwesens, das gar nicht wirklich jenes Metier ist, wo Bauingenieure in den meisten Fällen wirklich hin wollen. Wenn „Ingenium“ die sinnreiche Erfindung bezeichnet, unterstreicht dies mehr als deutlich, dass sich der Bauingenieur eigentlich als Gestalter der Zukunft versteht. Und folglich im Neubau wirken wollen.

Bei Lorenzo Jurina ist es hingegen eine Zukunft, die in der Geschichte gründet. Vielleicht geht es dabei um die einzige sinnvolle Form von Zukunft – die Historiker und Historikerinnen mögen beipflichten: Eine Zukunft, die auf jenem gründet, was gut war, wahr ist und (klassisch) schön bleibt – und folglich zeitlos ist, während das Modische ein Ablaufdatum hat. Davon ausgehend, gilt es die Zukunft zu gestalten. Und so hat Jurina in der Restrukturierung historischer Bausubstanz und besonders beim Gewölbe seine Berufung gefunden.

Klassischerweise gerät der Bauingenieur an den Punkt, wo er es vielleicht mit einem historischen Gewölbe zu tun hat. Klassischerweise werden einserseits die ständigen Lasten und die Nutzlasten im Rahmen der Sanierung erhöht und andererseits Risse im Gewölbe erkannt, die vermeintlich auf ein srukturelles Problem hinweisen.

Im herkömmlichen Sinn könnte man

  • entweder das Gewölbe durch eine Stahlbeton-Schale verstärken, also ein zweites, künstliches Gewölbe über dem eigentlichen bauen, oder
  • eine Stahlbeton-Decke über das Gewölbe ziehen.

Im letzteren Fall wäre das Gewölbe seiner eigentümlichen Funktion entledigt und nur noch „hübsche“ Dekoration. Im ersten Fall vielleicht auch, wenngleich weniger drastisch. Lorenzo Jurina hält von diesen Wegen grundsätzlich nichts.

Nach Jurina ist die Minimallösung die beste („il minimo indispensabile“). Der bauliche Eingriff ist umso besser, je geringer er ausfällt und je weniger zusätzliche Masse er benötigt, um ein bestimmtes bauliches Anliegen zu verwiklichen. Hinzu kommt die Anforderung, dass der Eingriff rückgängig machbar sein soll – oder muss. Stahlbeton hat hier einen ganz schlechten Stand.

Stahlseile, die das Gewölbe vorspannen, sind demgegenüber die praktikablere Lösung. Grundsätzlich besteht das Problem beim Gewölbe darin, dass dieses zu wenig überdrückt ist, die Zugzone zu groß wird, sich Risse öffnen und – wenn die Verschiebungen größer werden – Gelenke bilden, die letztlich die Tragstruktur – irgendwann – gefährden (können). Wer sich wirklich mit Gewölben befasst, der weiß, dass zwischen Riss und Verlust der Tragfähigkeit viel Zeit und große Verschiebungen und Verdrehungen liegen. Probelamtisch sind hingegen unsymmetrische Lasten, Einzellasten sowie Verschiebungen der Auflager. Ein Grund und ein Argument, auf die bestehenden Reserven zu setzen – was Jurina spaktakulär macht.

Wenn wir die vorhandenen statischen Reserven ausnutzen, arbeiten wir nachhaltiger und effizienter. Das Bewährte belassen und punktuell verstärken, lautet die Devise.

Lorenzo Jurina versucht etwa mit dem „arco armato“, einem aus vorgespannten Stahlseilen bestehendem Hilfsbogen, der im Intrados oder im Extrados befestigt wird, das Gewölbe drastisch zu verstärken, indem eine Vorspannung aufgetragen wird. Mittelalterliche Mauern, die statisch viel zu hoch ausfallen, werden andererseits über Stahlseile in den Boden gespannt. Und mittelalterliche Türme werden durch einen zweiten, inneren Turm aus Stahlfachwerken ausgesteift und dauerhaft gemacht.

Insgesamt geht es bei Jurina darum, die Tragfähigkeit in den bestehenden Strukturen zu erkennen, anstatt diese massiv zu verstärken. Dies setzt die hohe Kenntnis der statischen Wirkungsweise des Bestehenden voraus, verbunden mit der Fähigkeit, punktuell – und wie ein Mediziner – gezielt und sensibel einzugreifen, um das Schöne und Bestehende schön zu behalten und nicht mit dem Vorschlaghammer zu arbeiten.

Die „schönste“ oder beste Lösung ist dabei diejenige, die mit dem geringsten Materialaufwand auskommt, sich selbst zurücknimmt, das Historische in den Vordergrund stellt, den nachfolgenden Generationen die Gelegenheit gibt, das unverfälscht Historische zu erkennen und vom Dazugegebenen zu unterscheiden.

Was Lorenzo Jurina abseits dieser Philosophie des Bauens ausmacht, ist der humanistische Geist, die klassische Bildung, das historische Bewusstsein und die kulturelle Größe. Wer sich mit den Bauten Lorenzo Jurinas auseinandersetzt, hinter die Materie blickt und den herausragenden Geist erkennt, wird massiv bereichert, wenngleich die baulichen Eingriffe alles andere als massiv ausfallen.

In diesem Sinne ist Jurina Vorbild: Non-konform, nicht-invasiv und massiv zukunftsweisend. Einer, der im positiven Sinne „anders“ ist, aufwirbelt und unterstreicht, dass immer wieder einmal darum geht, neues Denken und Wirken zu wagen. Manche mögen ihn für einen Bauingenieur halten, der wie ein Architekt wirkt – und haben recht. Wenngleich der Ansatz ein anderer ist. Und ja: Grundsätzlich gibt es auch für einen Bauingenieur nichts Größeres, als an den Meisterwerken der Architektur weiter zu wirken, damit das Schöne bleibt.

Weiterführende Artikel:

Wertvoll ist, was zeitlos ist

Was Baukultur ist

Lorenzo Jurina im Netz: http://jurina.it/


Literatur:


Lorenzo Jurina: „Vivere il monumento – Conservazione e novitá“, Spirali, Milano 2006

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