Warum wir – noch – von russischem Erdgas abhängig sind

Wasserstoff, Biogas, Geothermie und Solarwärme werden erst langfristig zur Alternative

Entwicklung des Endenergieverbrauchs der privaten Haushalte (Link)

Erdgas ist ein natürlich vorkommendes Gasgemisch, das in unterirdischen Lagerstätten gespeichert ist und vorwiegend aus Methan besteht. Das Gas befindet sich unterhalb dichter Bodenschichten. Vielfach tritt Erdgas in Verbindung mit Erdöl auf. Die Förderung von Erdgas erfolgt unter anderem offshore, also im Meer. Immer wieder ist von neuen Lagerstätten die Rede, die mitunter geopolitische Verwerfungen hervorrufen.

Hinzu kommen Erdgas-Vorkommen, die wie beim Fracking, – das in den USA stark an Bedeutung gewinnt – unkonventionell gefördert wird.

Wie wichtig das Erdgas für unser Alltagsleben ist, wird alleine aud der folgenden Statistik deutlich: In der Europäischen Union erfolgt Heizen zu rund 46% aus Erdgas, während knapp über 16% der Produktion des elektrischen Stroms aus Gas erfolgt. Diese Verteilung variiert allerdings je nach Land erheblich.

Eine andere Frage ist jene, wie das Erdgas von seinen natürlichen Lagerstätten zum Endverbraucher kommt.

Die Verteilung des Erdgases erfolgt entweder in Druckleitungen, so genannten Pipelines, sowie in flüssiger (Liquified Natural Gas) oder in verdichteter Form (Compressed Natural Gas).

„Die Europäische Union importiert zwei Drittel ihres Erdgases, entweder über Pipelines oder verflüssigt in Tankschiffen (über LNG-Terminals). Mehr als ein Drittel davon kommt aus Russland, gefolgt von Norwegen, Algerien und Katar. Eine Mehrheit der Mitgliedstaaten ist (fast) völlig von Einfuhren abhängig und die Versorgung mancher Länder wird dabei von einem einzigen Lieferanten wie Russland dominiert“ (Link).

Grundsätzlich spielt eine sichere Energieversorgung auf EU-Ebene eine entscheidende Rolle. Zu gut sind die Unstimmigkeiten zwischen Russland und der Ukraine in Erinnerung, die die Versorgungssicherheit in Europa in den Jahren 2006 und 2009 arg in Frage gestellt hatten. Für eine Wirtschaft und ein Alltagsleben, das ganz deutlich von einer gesicherten Energieversorgung abhängt, ist diese geopolitische und geoökonomische Konstellation ein zunehmendes Problem. Dass die Forderungen nach Unabhängigkeit gegenüber russischen Energielieferungen laut werden, liegt auf der Hand.

Mit der „Nord Stream 2“, also der Ostsee-Pipeline, die von Russland über die Ostsee nach Deutschland verläuft, sollen neue strategische Anbindungen des russischen Erdgasvorkommens an Europa gelingen. Dass das Projekt aufgrund der politischen Verwerfungen zwischen den „Playern“ Europäische Union, Russland und den Vereinigten Staaten zunehmend negativ bewertet wird, ist ein Faktum. Grundsätzlich gehen die Vereinigten Staaten von einem wachsenden Einfluss Russlands auf Europa aus, was geostrategisch für die USA nicht wirklich wünschenswert ist.

Gelenkt wird das Aktienunternehmen „Nord Stream AG“ mit Sitz in der Schweiz unter anderem vom ehemaligen deutschen Bundeskanzler Gerhard Schröder.

Als Alternative zu Nord Stream 2 arbeiten die Mittelmeerländer Zypern, Griechenland und Israel an der Gas-Pipeline „Eastmed“.

„Über die 2100 Kilometer lange Pipeline Eastmed, die in bis zu 3000 Meter Tiefe durch das Mittelmeer verlaufen soll, will Israel von 2025 an Erdgas nach Europa liefern. Die Kosten könnten sich auf mehr als sechs Milliarden Euro belaufen. Die Pipeline soll von Israel nach Zypern und von dort aus nach Kreta über das griechische Festland bis nach Italien reichen. Das von den USA unterstützte Projekt hat neben der wirtschaftlichen und energiepolitischen auch eine starke geopolitische Dimension im von Krisen geprägten östlichen Mittelmeerraum“ (Link).

Mit dem gescheiterten Projekt „South Stream“ war es das erklärte Ziel Russlands, Erdgas über Bulgarien in die Europäische Union zu lenken. Aufgrund der gescheiterten Verhandlungen mit Bulgarien entsteht als Folgeprojekt die Pipeline „Turkstream“, die russisches Erdgas über die Türkei in die EU leiten soll.

Während Erdgas in biogenen, langzeitlichen Prozessen entstanden ist, entsteht Biogas aus biogenen Abfällen. Sowohl Erdgas als auch Biogas bestehen aus Methan. Aufgrund der unterschiedlichen Herstellung gilt Erdgas allerdings als fossiler Brennstoff, während Biogas eine erneuerbare Energiequelle ist.

Das Dilemma besteht in dem Umstand, dass Erdgas als Energieträger heute nach wie vor alternativlos ist. Die EU-Strategie zielt folglich darauf ab, die direkte Abhängigkeit von Russland zu reduzieren. Alternativen wie Wasserstoff, der sich sowohl zur Produktion von elektrischer Energie als auch von Wärme eignet (Kraft-Wärme-Kopplung), sind eher erst langfristig zu erwarten.

Vergegenwärtigt werden muss der Umstand, dass der Endenergieverbrauch 2019 in der Bundesrepublik Deutschland wie folgt verteilt war:

  • Wärme und Kälte (ohne Strom): 1.216,7 Mrd. kWh = 50,9%
  • Nettostromverbrauch: 517,8 Mrd. kWh = 21,7%
  • Verkehr (ohne Strom und internationalen Luftverkehr): 656,8 Mrd. kWh = 27,5%.

Biogas wird auf jeden Fall zunehmend wichtig, um biogene Abfälle direkt und effizient sowie dezentral in Energie umzuwandeln. Hinzu kommen Solarwärme und Geothermie, natürlich Biomasse sowie die Nutzung von Fernwärme (Fossile Brennstoffe, Biomasse, Müll). Darüber hinaus bleibt zu hoffen, dass wir verstärkt so bauen, dass wir mit immer weniger Primärenergie auskommen. Das energieeffiziente Bauen ist ein Dauerthema, wenngleich die Wärmedämmung nicht immer der Weisheit letzter Schluss ist.

Die Entwicklung vom Erdgas zu anderen Energieträgern vollzieht sich erst allmählich. Zumindest im Sinne der Gas-Strategie der deutschen Bundesregierung bis 2030:

„Im Kontext des Kohle- und Atomausstiegs wird fossiles Erdgas mindestens bis 2030 einen wesentlichen Beitrag zur deutschen Versorgungssicherheit leisten. Im Verkehrs-, Industrie- und Gebäudebereich kann der Wechsel von CO2-intensiven Energieträgern (Kohle, Öl) zu Erdgas sogar ein wichtiger Zwischenschritt auf dem Weg der Dekarbonisierung sein. Mittelfristig ist jedoch von einem Rückgang beim Einsatz von Erdgas auszugehen. Insbesondere in den Bereichen, in denen sich der Energiebedarf nicht allein über gesteigerte Energieeffizienz und Verstromung aus erneuerbaren Energien decken lässt, werden CO2-freie und -neutrale Energieträger wie Biogas, grüner/blauer Wasserstoff und PtX-Produkte zunehmend an Bedeutung gewinnen“.

Literatur:

Michael Demanega: „Sistemi di produzione di energia da idrogeno ed applicazione in ambito abitativo“, Università di Trento – Facoltà di Ingegneria, Corso di Laurea – Ingegneria Civile, 2011-2012

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