Mein Parlamentsumbau in Wien

Rund 2,5 Jahre durfte ich beim Parlamentsumbau in Wien in der Tragwerksplanung mitwirken, was mich im Nachhinein stolzer macht als damals. Stolz und staunend waren damals immer eher die Gesprächspartner. Wenn sich die Tragwerke, die wir damals geplant haben, nun aber endlich mit Leben füllen, dann ist das eine sehr große Genugtuung.

Das sanierte Parlamentsgebäude wird bekanntlich am Donnerstag, den 12. Jänner 2023 um 15.00 Uhr mit einem Festakt im Bundesversammlungssaal eröffnet.

Das alte Haus von Architekt Theophil von Hansen kannte ich als parlamentarischer Mitarbeiter in Wien schon gut. Wenn sich die Verkleidungen aber lösen und das Tragwerk zum Vorschein tritt, wird man sich erst der Komplexität, der enormen Größe und der Imposanz bewusst. Gerade dann, als sich nach den ersten Abbruchsrbeiten die unterirdischen Hallen öffneten und die schwindelerregenden Höhen zeigten, die Nervenkitzel bewirkten.

Unter dem Eindruck des Parlamentsumbaus studierte ich damals auch einige Semester Kunstgeschichte, so groß war die baukulturelle Begeisterung.

Die Chance erhielt ich, als ich im April 2017 bei AXIS Ingenieurleistungen unter Ortwin Friedreich und Andreas Hierreich als Bauingenieur in der Tragwerksplanung anheuerte, das mit dem Architekturbüro Javornegg und Palffy als Generalplaner eingespannt war. Mit Projektleiter Tobias Gerlach fand ich den besten Mentor, den man sich nur vorstellen kann und der mit Zuversicht auch die dunkelsten Stunden meisterte und sein Team anzog.

Wenn man mit dem Studium frisch durch ist, dann fehlt einem schlichtweg die Erfahrung, um objektiv einschätzen zu können, woran man eigentlich baut. Beim Parlament in Wien wohlgemerkt am wichtigsten Gebäude in Österreich. Von daheim ging ich zu Fuß aus dem Achten zum Parlament, die Distanzen waren klein, der Überblick immer gegeben. Folglich war das alles irgendwie nichts „Großes“. Damals. Sondern selbstverständlich.

Angespannt war oftmals aber ob der immensen Bedeutung die gegenseitige Erwartungshaltung im beruflichen Alltag, zäh waren die Debatten, Konflikte und Entscheidungsfindungen und enorm der öffentliche Druck, ein Scheitern hätte die ganze Welt aufmerksam gemacht. Aber Scheitern ist ohnehin nie eine Option.

Der öffentliche Auftraggeber macht die Hochbauplanung komplexer. Bauherrenseite, Örtliche Bauaufsicht und Projektsteuerung auf der einen Seite, die Auftragnehmer Porr und Pittel und Brausewetter, die „Big player“ sind, auf der anderen Seite und dann auch noch die Prüfstatik, mit der eine produktive Kommunikation gefunden werden mag, machen aus der Bauaufgabe eine sensible Angelegenheit, bei der nicht nur Fachkompetenz und fachliche Offenheit gegenüber innovativen Lösungen gefragt sind, sondern ebenso politisches Geschick, Durchhaltevermögen, Geduld, kommunikatives Talent und solide Eloquenz zählen. Intensive Zeiten sind aber immer Zeiten der persönlichen Weiterentwicklung.

Fachlich war alles dabei. Vom Grundbau mit tierfer gelegten Fundamenten und komplexen Grundbruchnachweisen. Mauerwerksbau noch und nöcher. Das Bearbeiten konplexer Fragen an historischen Gewölben, Tram- und Dippelbaumdecken. Brandbemessungen mit Naturbrandkurven. Schwingungen und Bauakustik. Durchbiegungen und Rissbreiten. Viel Verbundbau, Verbundträger, Verbundstützen und Verbunddecken in Stahl-Beton, Holz-Beton und Beton-Beton. Viel Stahlbeton mit Ortbeton, Schleuderbeton und vorgespannten Fertigteilen. Faserbetonverstärkungen und Erdbebenaussteifungen. Historischer Beton, seine filigrane Ergänzung und Verstärkung. Eine ganze Reihe an Detailnachweisen im Stahlbau. Unglaublich große Stahlträger mit unglaublichen biegesteifen Verbindungen, die den gesamten Bundesversammlungssaal tragen. Edelstahl und Edelstahlverbindungen. Konstruktiver Glasbau. Die Stahl-Glas-Kuppel, ihre Versagensfälle, Verformungen und ihre Robustheit. Dann auch Ausschreibungstexte, Mengenermittlungen und Preisanalysen. Viel moderne Technische Gebäudeaustattung im komplexen Bestand sowie architektonische Meisteraufgaben, um aus alten Sälen moderne, multimediale und offene Räume zu gestalten.

Auch vom Aufwand her war alles dabei. Mehrstunden, intensive Stunden, Anspannung, blanke Nerven, Claim management und gegenseitiges Mut machen. Persönlich bewegte Zeiten im fernen Wien, der Sprung in die berufliche Bewährung und in die Eigenständigkeit sowie ein zähes Abfinden mit der Tragwerksplanung, der man erst viel später Herr und Freund wird.

Was rückblickend immer da war, das war das Selbstbewusstsein, auch harte Prüfungen zu bestehen und an das Gute zu glauben, das sich irgendwie und irgendwann sinnvoll fügt, weil sich harter Einsatz und das unerschrockene Einarbeiten in komplexe Materie immer bezahlt macht. Ehrgeiz ist letztlich wichtiger als Talent. Zusammenarbeit wichtiger als individuelles Vorankommen. Später unterscheidet sich die Herangehensweise derjenigen, die selbständig und abseits der Norm, oftmals rebellisch und nonkonform, zu wirken gewohnt sind, von denen, die nur im sicheren Tellerrand bleiben wollen.

Die Wahrheit ist ja, dass das operative Projektteam teilweise sehr klein war und ich unter dem Projektleiter Tobias Gerlach sehr viel selbständig und federführend arbeiten durfte und musste.

Im August 2019 war dann die Ausführung der Tragwerke weitgehend beendet und die persönliche Station Parlamentsumbau sollte enden. Persönlich hatte ich das Gefühl, nur am Alten herumzuwerkeln und nichts Neues zu schaffen. Die Erfahrung Neubau sollte dann doch noch später zur Genüge folgen und beweisen, dass der Altbau dem Neubau in gar nichts nachsteht, ganz im Gegenteil. Nur diese Erfahrung muss man machen, sie bereichert nachhaltig.

Rückblickend waren es bewegte, bewegende und fruchtbare Jahre, die einen geprägt haben, wie kaum etwas anderes. Jahre, von denen man immer zehrt. Auch, wenn heute den persönlichen Einsatz niemand mehr sieht. Ein aufrichtiger Dank geht an die Menschen, die mir den Rücken gestärkt, mich aufs noch Wesentlichere gelenkt und mir Zuversicht gegeben haben, sodass ich ein Stück Geschichte mitschreiben durfte. Danke.

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