Der italienische Faschismus in Südtirol

Published by

on

Während der italienische Faschismus seine Gegner politisch und ideologisch definierte, war die Lage in Südtirol eine andere. Fortgesetzt wurde in Südtirol der italienische Nationalismus mit seinem Versuch, die „Fremdstämmigen“ zu italianisieren. In Triest, Görz und Istrien war es zwar ähnlich, aber anders.

Der italienische Faschismus war in seinen Anfängen eine regionale Bewegung. Ausgangspunkt war der rurale Raum („Agrarfaschismus“). Ausgangspunkt war das „Biennio Rosso“ (1919–1920), als es in Italien zu zahlreichen Arbeiter- und Bauernprotesten kam. Faschistische Kampfverbände („Squadristi“) gingen gezielt gegen Landarbeiter, Pächter, Gewerkschaften, Sozialisten und Kommunisten vor.

In Regionen wie der Po-Ebene, der Emilia-Romagna, der Toskana und Venetien spielte der Agrarfaschismus eine wichtige Rolle und trug wesentlich zum Aufstieg der faschistischen Bewegung bei. Die Unterstützung der ländlichen Eliten verschaffte den Faschisten finanzielle Mittel, politischen Rückhalt und organisatorische Stärke.

Diese antikommunistische Tendenz, die eine faschistischen Militanz förderte, war auch in Österreich im Austrofaschismus bemerkbar.

In Südtirol selbst gab es kaum Sozialisten und Kommunisten. Die Agitation gegen den Kommunismus fand in Südtirol nur vereinzelt im bürgerlichen Lager Anhänger, wo man davon ausging, der Faschismus nehme eine „ordnende“ und „stabilisierende“ Rolle ein und schütze das bürgerliche Eigentum.

Südtirol blieb aufgrund seiner soziokulturellen Struktur vor faschistischen Tendenzen verschont. Dadurch, dass Südtirol jedoch Teil Italiens war, bekam es den italienischen Faschismus zu spüren und zwar nicht die ideologische, sondern die nationalistische bis chauvinistische Schlagseite. Es ging dem Faschismus darum, die nationalen Minderheiten in ein „neues“ Staatswesen zu integrieren.

Stefan Lechner zitiert Präfekt Giuseppe Guadagnini, der die Losung von einer „geistigen Eroberung der fremdstämmigen Bevölkerung“ aussprach.

In Südtirol fand bereits unmittelbar nach 1918 eine massive italienische Einwanderung statt. Der italienische Bevölkerungsanteil wuchs von 1910 bis 1921 von knapp 7.000 auf über 20.000 Personen [1]. Insbesondere im öffentlichen Dienst fanden Italiener leicht Arbeit. Die Italiener, die in die fremde Provinz zogen, entwickelten erstmals das Gefühl des „Disagio“ („Unbehagen“).

Die italienischen Faschisten spielten sich in der Anfangsphase, noch vor der faschistischen Machtübernahme, als Vertreter eines neuen und selbstbewussten Italiens auf, das die Rechte der Italiener in „Hochetsch“ und auch sonst überall wahrte und Maßnahmen gegen den „Disagio“ ergriff.

Im Februar 1921 wurde südtirolweit der erste „Fascio di combattimento“, also der erste faschistische Kampfbund, in Bozen gegründet. Franzensfeste folgte im Juni 1921, es handelte sich dabei um Beamte der Eisenbahn. Im September 1921 wurde in Meran eine Gruppierung gegründet, vor dem „Marsch auf Rom“ im Oktober 1922 erfolgten Gründungen in Latsch und Salurn. Ende 1926 waren es in Südtirol 19 Ortsgruppen.

Ab 1921 überfielen faschistische „Squadristen“ immer wieder einmal Südtiroler Gemeinden. Insbesondere das Unterland war der Kampfplatz der Faschisten und ein vermeintlich „zu erlösendes“ Gebiet.

Am 24. April 1921 überfielen rund 400 Squadristen, zu drei Vierteln aus dem Raum Oberitalien, einen Trachtenumzug in Bozen – um die „Italianità“ zu verteidigen. Der Marlinger Lehrer Franz Innerhofer wurde von einem Faschisten mit einem Revolver erschossen, als er sich für einen Jungen einsetzte, dem sein Trachtenhut entwendet wurde. Die Ermordung Innerhofers war bestimmt nicht geplant. Wär es den Faschisten darum gegangen, politische Morde zu vollziehen, hätte es eine ganze Reihe politischer Köpfe gegeben, allen voran Julius Perathoner. Im Zuge der Beerdigung am 28. April 1921 machte der Totenredner Eduard Reut-Nicolussi aus Franz Innerhofer ein politisches Symbol.

Der Innerhofer-Mord war aus faschistischer Sicht alles andere als sinnvoll. Die Ermordung bremste die faschistischen Schlägertrupps nämlich massiv ein. Der Rückhalt der italienischen Bevölkerung war stark im Schwinden. Die Faschisten hielten sich vorläufig zurück – und wurden zurückgedrängt. Stefan Lechner schreibt sogar: „Italienische Eisenbahner taten sich sogar mit Südtiroler Turnern zusammen und verprügelten stattdessen Bozner Faschisten“.

Die faschistische Agitation intensivierte sich ab Anfang 1922 wieder. Den Gemeindeverwaltungen in Bozen und Meran überreichte man Forderungskataloge. Da die Forderungen nicht erfüllt wurden, gipfelte das Ultimatum im „Marsch auf Bozen“ (1. und 2. Oktober 1922), bei welchem Bürgermeister Julius Perathoner abgesetzt wurde.

Mit dem „Marsch auf Rom“ (27. bis 31. Oktober 1922) stand der „Deutsche Verband“ in Südtirol, nachdem er die Faschisten bisher unterschätzt und ignoriert hatte, in der Position, in Verhandlungen treten zu müssen. Das politische Südtirol wählte von Anfang an einen konsensorientierten Umgang mit dem Faschismus.

Die Organisation der faschistischen Struktur war chaotisch und von allerlei Rivalitäten und Auseinandersetzungen geprägt. Zudem hebt Stefan Lechner hervor, dass der mangelnde Rückhalt durch Gesellschaft und Wirtschaft in Südtirol dazu führte, dass die faschistischen Verbände unter chronischer Geldknappheit zu leiden hatten.

Am 15. Juli 1923 stellte Ettore Tolomei im Stadttheater von Bozen sein berüchtigtes Programm zur Italianisierung Südtirols vor. Der Maßnahmenkatalog war gemeinsam mit dem Rassentheoretiker und Antisemiten Giovanni Preziosi ausgearbeitet worden und war zuvor vom Großrat des Faschismus gebilligt worden. Er umfasste 32 Punkte und bildete die politische Grundlage für die systematische Entnationalisierung der deutsch- und ladinischsprachigen Bevölkerung Südtirols.

Das Programm sah unter anderem die vollständige Verdrängung der deutschen Sprache aus Verwaltung, Justiz und Schule, die Italianisierung sämtlicher Orts-, Flur- und Familiennamen, die gezielte Ansiedlung italienischsprachiger Beamter und Arbeiter sowie die Förderung der Zuwanderung aus anderen Landesteilen vor. Darüber hinaus sollten deutschsprachige Vereine, kulturelle Einrichtungen und Medien zurückgedrängt oder aufgelöst werden. Ziel war es, Südtirol dauerhaft als rein italienisches Gebiet zu etablieren und die historische, sprachliche und kulturelle Identität der einheimischen Bevölkerung schrittweise zu beseitigen.

Das sogenannte Tolomei-Programm markierte einen Wendepunkt der faschistischen Südtirolpolitik. Viele der darin formulierten Maßnahmen wurden fortan konsequent umgesetzt und prägten die folgenden Jahrzehnte der Zwangsitalianisierung.

Mit Dekret vom Oktober 1923 („Lex Gentile“) wurde verfügt, dass ab dem Schuljahr 1925/26 Italienisch als ausschließliche Unterrichtssprache in allen Schulen gelten sollte. Damit waren die deutschen Schulen in Südtirol Geschichte.

Unmittelbar nach der „Lex Gentile“ zu Beginn des Jahres 1924 wurde der Union der Völkerbundliga von den deutschen Abgeordneten eine Denkschrift über die Lage in Südtirol überreicht. Auf das Gesuch der Abgeordneten Karl Tinzl und Paul von Sternbach in der römischen Kammer, das am 5. Februar 1924 mit Unterstützung zweier slowenischer Vertreter vorgebracht wurde, im die Wiedereinführung des muttersprachlichen Unterrichtes in den Schulen der Minderheiten zu fordern, reagierte die Regierung beschwichtigend.

Anlässlich der ersten Parlamentswahlen im Faschismus, die 1924 stattfanden, erzielte der „Deutsche Verband“ trotz des minderheitenfeindlichen Wahlgesetzes sowie der faschistischen Bedrohungen einen Sieg in Südtirol. Die Italiener in Südtirol wählten mehrheitlich links statt faschistisch.

Der „Deutsche Verband“ verfolgte – noch – die Strategie, im Interesse Südtirols nichts zu unternehmen, was die Regierung erzürnen könnte. Auf ideologische Debatten ließ man sich nicht ein, sondern versuchte, das Mögliche für Südtirol herauszuholen.

Die Strategie der Südtiroler änderte sich, als das faschistische System 1925 offensichtlich totalitäre Zustände annahm. Von nun an wurde die Anbindung an das Ausland gesucht, um eine grundsätzliche Opposition gegen das Regime einzunehmen.

Die Parlamentarier Karl Tinzl und Paul von Sternbach traten ab Ende 1925 hart gegen den Faschismus auf. Daraufhin wurde auch im deutschen Ausland resoluter für Südtirol eingetreten.

Der bayerische Ministerpräsident Heinrich Held bezog am 5. Februar 1926 im Bayerischen Landtag deutlich Stellung und forderte Unterstützung für die Südtiroler. Seine Rede provozierte Mussolini, der im italienischen Parlament am Tag darauf jede deutsche Einmischung zurückwies, die Brennergrenze als unverrückbar bezeichnete und sogar mit einer Ausweitung italienischer Machtpolitik über den Brenner drohte.

Daraufhin schaltete sich am 9. Februar 1926 auch der deutsche Außenminister Gustav Stresemann in die Debatte ein. Er stellte klar, dass Deutschland die staatliche Zugehörigkeit Südtirols zu Italien anerkenne und keine rechtliche Möglichkeit habe, einzugreifen. Gleichzeitig betonte er jedoch die moralische Verpflichtung Deutschlands, sich für die kulturellen und sprachlichen Rechte der deutschsprachigen Südtiroler einzusetzen. Zudem wertete er Mussolinis Rede als Bedrohung des Friedens und sprach sich dafür aus, derartige Konflikte künftig vor den Völkerbund zu bringen.

Auch wenn Deutschland rechtlich keine Möglichkeiten hätte, sich für Südtirol einzusetzen, so Stresemann ließe es sich doch nicht das Recht nehmen, mit einem „Land und einem Volk, das seit Jahrhunderten deutsch gewesen Stunde zur deutschen Kulturgemeinschaft gehört“ mitzufühlen und sich moralisch für die kulturellen und sprachlichen Freiheiten der Südtiroler einzusetzen [5].

Die Grundlage zur Internationalisierung der Südtirol-Frage wurde bereits am 8. September 1923 gelegt, als die Gründung der „Deutschen Liga zur Vereinigung und Versöhnung der Völker in Italien, Sektion Bozen“ erfolgte. Das Ziel der Liga, die in Verbindung mit den Völkerbundsligen trat, war der „Schutz der Südtiroler Minderheit“. Karl Tinzl warb anlässlich der Konferenz der Völkerbundsligen im September 1925 in Washington offen für eine amerikanische Unterstützung in der Südtirol-Frage.

Im Februar 1927 verhinderte Mussolini anlässlich der Tagung der Völkerbundsliga in Brüssel, dass Südtirol thematisiert wurde. Ende Mai 1927 wurden allerdings anlässlich der Tagung in Berlin die faschistischen Unterdrückungsmaßnahmen in Südtirol durch niederländische und englische Delegierte thematisiert. Anfang Oktober 1927 waren Paul von Sternbach und Karl Tinzl in Sofia. Die italienischen Vertreter bezeichneten Südtirol jedoch als “italienische Angelegenheit“.

Der Widerstand gegen den Faschismus in Südtirol richtete sich vor allem gegen die Unterdrückung der deutschen und ladinischen Kultur. Von einem „Widerstand“, der auf den Sturz des Systems ausgerichtet war, kann nicht die Rede sein. Dazu fehlte den Südtirolern jegliche Verbundenheit zum Staat. Von einem Widerstand gegen den Faschismus im Sinne des Widerstandes gegen den Nationalsozialismus“ könne in Südtirol nur sehr vereinzelt die Rede sein, so Stefan Lechner, überwiegend sei von einer „Resistenz“ im Sinne einer wirksamen Abwehr und Opposition auszugehen.

Einen nennenswerten Widerstand gegen den Faschismus gab es in ganz Italien nicht [3]. Im Gegensatz zum Nationalsozialismus definierte der Faschismus seine politischen Gegner vordergründig ideologisch und nicht rassistisch. Der faschistische Staat wucherte nicht in einen „Ausnahme- und Maßnahmenstaat“ aus, sondern bestand in einer Faschistisierung des bürgerlichen „Normenstaates“ [3]. Anders als der Nationalsozialismus beabsichtigte der Faschismus keine Vernichtungsstrategie gegen nationale Minderheiten. Zudem waren weite Teile Italiens, gerade der Süden, vormodern und nicht massenpolitisiert: Man war weder faschistisch noch antifaschistisch. Es fehlte folglich an jener Politisierung, die notwendig ist, um einen Widerstand zu wecken. Insgesamt war der Dissens zu gering.

In Triest, Görz und Istrien war die Situation mit 400.000 Slowenen und Kroaten ähnlich und doch anders, wie in Südtirol. Für die Italiener war der „slawische Sozialismus“ ein erhebliches politisches Risiko. Stefan Lechner führt an, dass die Italiener der deutschen Nation durchaus Respekt zollten und die Südtiroler vorerst „freundlich“ zu italianisieren versuchten („penetrazione pacifica“). Weil die Strategie keinen Erfolg zeigte, wurde man im Faschismus aggressiver.

Geopolitisch hätte der Groll der deutschen Staaten politische Probleme für das faschistische Italien bedeutet. Gegenüber den Slawen betrachteten sich die Italiener hingegen als „zivilisatorisch höherwertig“. Den Slawen begegnete man von Anfang an aggressiv.

Man muss sich in diesem Zusammenhang vergegnwärtigen, dass der Generalzivilkommissar der Region Venezia Tridentina, Luigi Credaro, das Buch Karl Grabmayrs ins Italienische übersetzen ließ: Vermutlich als Erkläversuch, wieso die Italianisierung Südtirols so schwierig sei. Interessanterweise war der Liberale Credaro sowohl dem Südtiroler Klerus als auch Ettore Tolomei ein Dorn im Auge. Der Klerus warf ihm einen Laizismus vor, die italienischen Nationalisten verdammten ihn wegen seiner Bewunderung für die deutsche Kultur.

Der Faschismus wütete infolgedessen gegen Slowenen und Kroaten deutlich härter als gegen die Südtiroler. Triest war für den Faschismus symbolisch von immenser Bedeutung. Von den Slawen erwartete man sich ein politisches Pulverfass.

Unter dem Schlagwort „Grenzland-Faschismus“ wurden harte Maßnahmen gegen die slawische Minderheit gesetzt. Die repressiven Maßnahmen provozierten wiederum slawische Widerstandsgruppen, die durch die italienischen Faschisten mit massenhaften Verhaftungen und Verbannungen begegnet wurden. Das aggressive Vorgehen der Faschisten verhalf den Slowenen zu nationalen Märtyrerfiguren, zu denen jene vier Männer aus Basovizza (Bazovica) gehören, die am 5. September 1930 zum Tode verurteilt und erschossen wurden.

Während die faschistische Politik in Südtirol vor allem auf Zwangsitalianisierung, kulturelle Unterdrückung und politischen Druck setzte, entwickelte sich im slowenisch- und kroatischsprachigen Grenzgebiet aufgrund des organisierten bewaffneten Widerstands eine Spirale aus Anschlägen, Sondergerichten, Todesurteilen und Repression.

Literatur:

[1] Stefan Lechner: „Die Eroberung der Fremdstämmigen. Provinzfaschismus in Südtirol 1921 – 1926“, Universitätsverlag Wagner, Innsbruck 2005

[2] Alfons Gruber: „Südtirol unter dem Faschismus“, Athesia Verlag, Bozen 1975

[3] Rolf Wörsdörfer: „Nationale Identitätskonzepte im Alpen-Adria-Raum: „Italiener“ und „Slowenen“ im 19. und 20. Jahrhundert“, in „Die Grundlagen der slowenischen Kultur“, herausgegeben von France Bernik und Reinhard Lauer, De Gruyter, Berlin / New York 2010

[4] Wolfgang Altgeld: „Vorlesung: Das faschistische Italien“, Würzburg 2021

[5] Sabine Viktoria Kofler: „Adolf Hitler entlarvt! Die Südtirolfrage im öffentlichen Diskurs 1920 bis 1939“, Edition Raetia, Bozen 2023

Eine Antwort zu „Der italienische Faschismus in Südtirol“

  1. Avatar von Wer war Rudolf Riedl? – Demanega

    […] Previous Post Der italienische Faschismus in Südtirol […]

    Like

Hinterlasse einen Kommentar

Diese Seite verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden..