Wer war Paul von Sternbach?

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Paul von Sternbach prägte als Tiroler Landtagsabgeordneter, Landesrat, Rechtsanwalt, römischer Abgeordneter, Kämpfer für das Deutschtum in Südtirol unter der faschistischen Herrschaft, Dableiber und international vernetzter Jurist das Schicksal Südtirols zwischen 1919 und 1946 wesentlich.

Johann Freiherr von Sternbach wurde 1835 Bürgermeister von Bruneck und 1848 Abgeordneter zum Tiroler Landtag. Dessen Sohn Gottfried Freiherr von Sternbach, kam 1831 in Bruneck zur Welt, war 1883 bis 1895 Abgeordneter des freiheitlichen Großgrundbesitzes zum Tiroler Landtag. Gottfried von Sternbach war in neunter Gerneration im Bergbau tätig und leitete das Bergwerk im Tinnebachtal bei Klausen. Zudem war Gottfried von Sternbach federführend am Aufbau der Sparkasse tätig und war lange Zeit Vorstand des Volksschulvereins Bruneck, der seinerseits ab 1883 „für immer“ an den Deutschen Schulverein spendete.

Zunächst übernahm Gottfried von Sternbachs Sohn Hans die Güter der Familie, 1899 gingen diese allerdings auf den Bruder Paul von Sternbach über.

Paul Freiherr von Sternbach zu Stock und Luttach wurde am 29. Juli 1869 in Klausen geboren. Er entstammte dem alten Tiroler Adelsgeschlecht der Herren von Sternbach, das über Generationen in und um Bruneck, Thaur bei Innsbruck sowie weiteren Orten im Alpenraum ansässig war.

Nach der Volksschule in Klausen und der Schulzeit am Gymnasium in Bozen und Meran, wo er sich in Bozen im pennalen Corps Amicicia engagierte, setzte er seine Studien an der Universität Innsbruck fort, befasste sich intensiv mit Recht und Rechtsgeschichte. Zwischen 1888 und 1893 studierte er Rechtswissenschaften, verbrachte ein Jahr zu Studienzwecken in Florenz, leistete bis 1889 seinen einjährigen Militärdienst bei den Kaiserjägern ab.

Paul von Sternbach promovierte gemeinsam mit Oswald Eccher 1893. Beide waren im Fahrradwesen aktiv, das alles andere als unpolitisch war. Später wurden sie auch Bundesbrüder. Das Corps Athesia in Innsbruck recipierte Paul von Sternbach 1906 in einem durchaus fortgeschrittenen Alter. Oswald Eccher wurde hingegen während seines Studiums Athese.

Befasst man sich mit der Innsbrucker Studentengeschichte, so wird klar, dass Paul von Sternbach bis 1904 Mitglied der Studentenverbindung „Veilchenblauen Republik“ war, aus der die Akademische Landsmannschaft Tyrol hervorging.

Waffenstudent Paul von Sternbach

Paul von Sternbach betätigte sich in den entstehenden Radfahrerclubs, radelte mit einem Hochrad bis nach Hamburg und verfasste 1893 einen Fahrradführer für Tirol und Vorarlberg.

Die Fahrradclubs als nationale Vereine

1897 war er Vorsitzender des Radfahrervereins „Urda“. 1898 wurde er Präsidialmitglied der Allgemeinen Radfahrer-Union. Irmgard Plattner ordnet die Radfahrerclubs im nationalen Lager an.

Nach dem Abschluss seiner juristischen Ausbildung begann Sternbach 1893 als Konzeptspraktikant am Verwaltungsgerichtshof in Wien und wurde nach einem Jahr nach Dalmatien versetzt. Seine Italienischkenntnisse waren hier dienlich, nebenbei erlernte er kroatisch.

In Triest lernte Paul von Sternbach Gottfrieda von Henriquez kennen, die beiden heirateten 1902. Aus der Ehe gingen drei Söhne hervor, nämlich Wolfgang, Lothar und Nikolaus.

Parallel dazu engagierte er sich politisch: Von 1902 bis 1918 vertrat er als Abgeordneter der Deutschfreiheitlichen Partei den Bezirk Bruneck im Tiroler Landtag.

Als einziger Deutschfreiheitlicher gehörte er dem Landesausschuss (Landesregierung) an, übernahm die Zuständigkeiten für Landwirtschaft, lokale Angelegenheiten, Feuerwehren, landwirtschaftliche Schulen und Heilanstalten. Gerade im Bereich der Anstalten für psychisch Erkrankte (Hall und Pergine) sowie der Taubstummenanstalt Mils bei Hall und der Gebärklinik in Innsbruck setzte Sternbach erste Maßnahmen. Als Abgeordneter des Großgrundbesitzes war die Landwirtschaft ein politisches Steckenpferd. In diesem Sinne förderte er den Ausbau der Landwirtschaftsschulen Rotholz bei Jenbach und San Michele und gründete jene in Schloss Moos bei Sterzing.

Tirol, Landesausschuss, Paul von Sternbach stehend zweiter von rechts

Lothar von Sternbach schreibt im Portrait seines Vaters: „Mein Vater sagte mir, dass Karl von Grabmayr sein Lehrmeister war“.

Daneben wirkte Paul von Sternbach als Rechtsanwalt in Zirl und Mühlwald. 1913 trat er dem Offizierskorps der Tiroler Kaiserjäger bei. Vorerst war er im Bereich der Eisenbahnsicherung im Abschnitt zwischen Lienz und Toblach und anschließend im Abschnitt Innsbruck bis Matrei tätig. Nach der Kriegserklärung Italiens diente er als Hauptmann der Brunecker Landesschützen an der Dolomitenfront und zwar am Stiefsattel sowie am Kreuzbergpass.

1917 wurde Paul von Sternbach als Zivil-Landeskommissär in das militärische Generalgouvernement nach Cetinje (Montenegro) entsandt. Montenegro wurde seit 1916 durch Österreich besetzt, Sternbach sprach kroatisch und war bemüht, die Not der Zivilbevölkerung zu lindern. Im November 1917 wurde er als Gouverneur von Udine eingesetzt, das nach dem Durchbruch von Karfreit erobert wurde. Ein zweifellos schwieriges Unterfangen. Im Oktober 1918 meldete er sich wieder an die Front zu seiner Kompanie in Judikarien. Die Front war indessen zusammengebrochen.

Am 4. November 1918 wurde in Bozen ein provisorischer Nationalrat für Deutsch-Südtirol konstituiert, dem Paul von Sternbach angehörte, und die Regierungsbefugnisse übernahm. Am 16. November 1918 wurde die Unteilbare Republik Südtirol proklamiert.

Nach Kriegsende gehörte Paul von Sternbach der österreichischen Delegation an, die 1919 den Friedensvertrag von Saint-Germain unterzeichnete. Für Tirol reiste von jeder Partei ein Delegierter nach St. Germain: Die Volkspartei wurde von Franz Schumacher, die Deutschfreiheitliche Partei von Paul Freiherr von Sternbach und die Sozialdemokraten von Simon Abram vertreten. Dem amerikanischen Gesandten in Bern überreichte Paul von Sternbach die Denkschrift der Südtiroler Gemeinden an den US-amerikanischen Präsidenten Woodrow Wilson über die Erhaltung der Einheit Tirols. Darin wurde Wilson aufgefordert: „Werfen Sie Ihr mächtiges Wort, das hier wir nirgends der Gerechtigkeit entspricht, in der Stunde, die über unser Los, über das Sein und Nichtsein des Landes und Volkes von Tirol entscheidet, in die Waagschale. Wir vertrauen Ihnen!“

Zu jener Zeit arbeitete Sternbach Verfassungsentwürfe aus, um ein eigenständiges Südtirol zu verwirklichen. Während die Nordtiroler Freiheitlichen weiterhin die Vereinigung Deutschlands forderten, es sich auch leisten konnten, diese Forderungen zu postulieren, mussten die Südtiroler Freiheitlichen realistischer und kleiner denken. Dazu gehörten Vorschläge einer Eigenstaatlichkeit, um der Annexion durch Italien im realpolitischen Raum zu begegnen.

Nach der Angliederung Südtirols an Italien machte sich Paul von Sternbach daran, die Familiengüter, die bisher verpachtet waren, selbst zu bewirtschaften. Die bisherige politische und juristische Karriere war durch die Annexion vorerst beendet. Die Familie gab bald darauf den Wohnsitz in Innsbruck auf und übersiedelte ganz nach Uttenheim.

Im Oktober 1919 schlossen sich die Tiroler Volkspartei und die Deutschfreiheitliche Partei Südtirols zum „Deutschen Verband“ zusammen. Gewählt wurden anlässlich der Parlamentswahl 1921 Friedrich von Toggenburg, Wilhelm von Walther, Eduard Reut-Nicolussi und Karl Tinzl.

Im Jahr 1924, im faschistischen Italien, trat Paul von Sternbach als energischer Wahlkämpfer für den „Deutschen Verband“ in Erscheinung und trat im ganzen Land auf. Die Wahlversammlungen wurden systematisch durch Faschisten gestört. Paul von Sternbach lieferte sich mit ihnen heftige Rededuelle, bekannte sich unverblümt zu seinem Deutschtum und bewirkte besonders harte Reaktionen. Er trat als Waffenstudent als mutiger Kämpfer des deutschen Tirols auf und zwar mit offenem Visier, von Mann zu Mann.

Die italienischen Faschisten warfen Paul von Sternbach vor, als Generalzivilkommissär in Udine Amtsmissbrauch betrieben zu haben. Sternbach wurde daraufhin am 6. April 1924 durch eine Horde Faschisten an seinem Wohnsitz in Uttenheim verprügelt. Zur gleichen Zeit wurden Julius Perathoner und Eduard Reut-Nicolussi in Bozen durch faschistische Schlägertrupps tätlich angegriffen, ihnen kam der Arzt und Burschenschafter Otto Rudl zu Hilfe.

Paul von Sternbach: „Treu deutsche Kinder unseres schönen Heimatlandes“

Paul von Sternbach galt als römischer Abgeordneter als Realpolitiker, war weniger um schneidige Worte denn um Unterstützung für die Deutschtiroler Sache bemüht. Als Anwalt bemühte er sich darum, das Tiroler Höferecht weiterhin anzuwenden und appellierte an die Hoferben, sich einvernehmlich auf die Hofübernahme zu einigen, um dadurch das italienische Erbrecht auszuhebeln, das zu einer Zerstückelung des bäuerlichen Eigentums geführt hätte.

Zudem setzte er sich für die Teilwälder ein, deren Veräußerung durch die faschistischen Amtsbürgermeister aber drohte. Unter den Teilwäldern versteht man Waldflächen, an denen Personen oder Höfe ausschließliche Holz- und Streunutzungsrechte besitzen, obwohl das Grundeigentum meist bei einer Gemeinde oder Agrargemeinschaft liegt. Die Flächen können weder ersessen noch veräußert werden.

Sternbach praktizierte folglich einen stillen Widerstand, unterlief den faschistischen Unrechtsstaat rechtlich, indem er nach den Lücken im Gesetz suchte, die es auszunutzen galt. Das war ein wesentlicher Beitrag, der erklärt, wieso das faschistische System in Südtirol mit seiner beabsichtigten Durchdringung versagte.

Paul von Sternbach war folglich ein gefragter Mann in Erbrechtsfragen.

Weiters bemühte sich Paul von Sternbach um den Katakombenunterricht, verteilte Spendengelder und Schulbücher, suchte nach Lehrkräften.

Aufgrund seiner internationalen Kontakte, besonders zu den Völkerbundsligen, war Paul von Sternbach in der Lage, die internationale Meinung in der Südtirol-Frage entscheidend zu beeinflussen. Es handelte sich dabei um Völkerbundgesellschaften, in denen sich Intellektuelle im Bereich der Völkerversöhnung. Sternbach bewegte sich im internationalen Kontext als Botschafter der Südtirol-Frage.

In diesem Vorhaben war er nicht alleine: Karl Tinzl war 1923 und 1924 als Südtiroler Vertreter bei Kongressen der Interparlamentarischen Union in Kopenhagen und Bern. 1924 war Tinzl in Washington und Genf. Paul von Sternbach und Ernst Mumelter waren 1925 beim Kongress des Weltverbandes der Ligen in Lausanne. Für die Konferenz 1926 in London lernte er Englisch. 1927 war Sternbach in Sofia.

Paul von Sternbach war der Meinung, dass es darum ging, die europäische Öffentlichkeit laufend auf Südtirol aufmerksam zu machen.

Aus der Briefkorrespondenz wird klar, dass Paul von Sternbach in den Jahren 1925 und 1926 mit dem englischen Historiker John Sturge Stephens, der als Mitglied der Minderheitenkommission des Genfer Völkerbunds war, in Kontakt stand, und versuchte, die Südtirol-Frage zu internationalisieren. Stephens stellte in seiner Studie „Danger Zones of Europe“ den Südtirol-Konflikt angesichts der faschistischen Unterdrückungspolitik als entscheidenden Krisenherd in Europa dar. Paul von Sternbach war der entscheidende Kontaktmann [5].

Darüber hinaus stellte Stephens den faschistischen Machtapparat mit seinem „totalen“ Staat dar und leitete daraus Gefährdungen für Europa ab. In einer Zeit, wohlgemerkt, in der in Europa der Faschismus noch als „Ordnungsmacht“ und „Modernisierungsbewegung“ [5] begrüßt wurde und nahezu alle europäischen Staaten, inklusive Österreich mit dem Austrofaschismus, ihre faschistischen Erfahrungen machten.

Für den italienischen Faschismus handelte es sich bei Paul von Sternbach um einen „unbeugsamen Feind Italiens“ [1].

Der „Deutsche Verband“ wurde 1926 durch die faschistischen Behörden aufgelöst, arbeitete jedoch im Untergrund weiter, bemühte sich darum, dass die Buben Schulbücher schmuggelten, die Mädchen die geheimen Kindergartengruppen leiteten oder in Notschulen unterrichteten.

Die faschistische Herrschaft machte politischen Einsatz zunehmend schwierig: Seine parlamentarische Arbeit wurde behindert, seine Person durch Medien und Behörden angegriffen und seine Rechtsanwaltskanzlei 1927 geschlossen. Während Eduard Reut-Nicolussi 1927 aus Südtirol flüchtete, nahm Paul von Sternbach die Auseinandersetzung vor Ort auf sich. Für das Schicksal Südtirols war wesentlich, dass beide, jeder an seinem Ort, kämpfte.

In „Tirol unterm Beil“ hob Eduard Reit-Nicolussi unter den politischen „Führern“ Südtirols Paul von Sternbach hervor:

„Tirol unterm Beil“: Paul von Sternbach

In den frühen 1930ern stand Paul von Sternbach dem Nationalsozialismus neutral grgenüber, während sich Kanonikus Michael Gamper große Hoffnungen machte, die später zerplatzten.

Sternbach wurde im März 1935 von der Deutschen Akademie in München wegen seiner Verdienste für das Deutschtum in Südtirol zum korrespondierenden Mitglied ernannt. Das Schreiben der Akademie an Sternbach, das seine Ernennung enthielt, gelangte den faschistischen Behörden zur Kenntnis.

Am 28. März wurde er deswegen in seiner Wohnung in Bruneck verhaftet. Sternbach wurde für seinen politischen Widerstand verfolgt und zur Höchststrafe, 5 Jahre Verbannung nach Petralia Soprana bei Palermo, bestraft. Aufgrund der Proteste in der internationalen Presse wurde er nach Frascati versetzt. Seiner Gattin wurde nahegelegt, eine Begnadigung zu beantragen. Paul von Sternbach war dagegen, er wollte nicht Gnade, sondern Recht. Im Mai 1935 wurde Mussolini vom österreichischen Bundeskanzler auf Sternbach angesprochen. Mussolini teilte mit, dass kein Gnadengesuch aufliege. Im September 1935 wurde er trotzdem freigelassen.

Innsbrucker Nachrichten, 17. Mai 1935

1937 sprach Paul von Sternbach in Berlin bei Hermann Göring vor, wollte diesen davon überzeugen, dass der „Deutsche Verband“ bis 1926 die Führungsrolle in der Volkstumsarbeit innehatte und diese im Verborgenen fortsetze. Gleichzeitig beanstandete er, dass die Tätigkeit des „Völkischen Kampfringes für Südtirol“ schädlich sei.

In den Jahren der sogenannten „Option“ zählte Sternbach zu den wichtigsten Vertretern der „Dableiber“. Aus den Darlegungen des Sohns geht hervor, dass Paul von Sternbach zwar anfangs daran dachte, dass kein Weg am Optieren vorbei führe, allerdings allmählich zur Einsicht kam, dass es entgegen der allgemeinen Tendenz zum Optieren einen nennenswerten Anteil an Dableibern geben müsse, die das Recht auf Heimat beanspruchen.

Lothar von Sternbach erläutert, wie er uns sein Vater über das Ergebnis der Option erfreut waren: „Der hohe Anteil der Geher bewies die Unerträglichkeit des faschistischen Vorgehens gegen die Südtiroler. Wären noch mehr oder fast alle für die Abwanderung gewesen, so wären wir gleich nach dem Krieg ähnlich wie die Sudetendeutschen vertrieben worden. Hätten sich fast alle für das Bleiben entschieden, hätten wir heute keine Autonomie. So aber konnten die Bleiber als vertrauenswürdige Zeugen den Siegermächten und Friedensmachern den wirklichen Sachverhalt erklären und damit den Pariser Vertrag vom September 1946 ermöglichen.“

Karl Tinzl wandelte vom Options-Gegner zum Optanten. Friedl Volgger untermauert, dass Kanonikus Michael Gamper daraufhin urteilte: Karl Tinzl sei „aus einem viel wricheren Holz geschnitzt als ein Baron von Sternbach“.

Sternbach war ein Gegner der Zusammenarbeit mit den Faschisten, wie Tobias Egger untermauert [1]: „Dank seiner politischen Aktivitäten und größeren Bekanntheit war er einer der Südtiroler, die in der österreichischen und deutschen Presse besonders oft erwähnt wurden. Sein aktiver Widerstand gegen die „Italianisierung“ erhob ihn bei den Italienern zum Feindbild und in deutschem „Terrain“ zum großen Vorbild, wo er als integre und juristisch versierte Persönlichkeit galt. Er agierte nicht nur in Bruneck, sondern weitete seine „Volkstumsarbeit“ auf den gesamten „Pustertaler Raum“ aus. Viele Bauern kamen zu ihm, um mithilfe seines Fachwissens wirtschaftliche und italienische, behördliche Angelegenheiten zu klären. Zudem ermutigte er die Bevölkerung und motivierte sie, dem faschistischen Druck Widerstand zu leisten und „die deutsche Sprache, Kultur und Tradition“ zu pflegen. Außerdem half er manchen Bauern bei der Abfassung eines Gesuchs, um einen Antrag auf „Italianisierung“ ihrer Namen rückgängig zu machen. Personen, die sich der faschistischen Partei anschlossen, bezeichnete er als „Verräter“.“

1940 wurde die faschistische Partei für die Dableiber geöffnet, was die italienische Seite als „Privileg“ darstellte, da die Mitgliedschaft normalerweise das vorherige Durchlaufen der Jugendorganisationen erforderte. Gerade unter den Dableibern, die erstens marginalisiert waren, und zweitens ihr Leben im fremden Staat als verschwindend kleine Minderheit ordnen mussten, wurde die Angelegenheit kontovrs diskutiert. „Paul von Sternbach, möglicherweise aber auch Michael Gamper glaubten, dieses Angebot nicht ausschlagen zu können. Bei einer Zusammenkunft im Marieninternat begründete von Sternbach die Notwendigkeit eines Parteieintritts gewissermaßen mit Südtiroler Staatsraison: „Schaut’s, wir sind eine so kleine Minderheit, wir können diese ausgestreckte Hand von italienischer Seite nicht zurückweisen. Alle, die soweit italienisch können, sollen in den Partito Fascista eintreten““ [6].

Kanonikus Gamper soll letztlich dagegen gewesen sein. Sternbach war einer jener, die diesen Weg aus taktischen Gründen gingen, um in die Lage versetzt zu werden, Landsleute zu unterstützen. Erich Amonn, späterer Gründungsobmann der „Südtiroler Volkspartei“, zögerte lange, wurde schließlich Mitglied der faschistischen Partei, erachtete dies als „Katastrophe“, aber auch als einzigen gangbaren Weg für jene, die sich zum Bleiben entschieden hatten.

Der Eintritt in die Faschistische Partei war jedoch keineswegs Ausdruck einer politisch-ideologischen Überzeugung, sondern erklärt sich einzig dadurch, dass sich die Dableiber zu einem Zugeständnis an die faschistischen Machthaber gezwungen sahen“ [6].

Paul von Sternbachs Haltung zum Dableiben bedingte den Zorn des Nationalsozialismus: Nach der deutschen Besetzung Südtirols am 8. September 1943 wurde er verhaftet und zuerst in Bozen, später in Innsbruck interniert. Im Dezember 1943 wurde er bei einem Bombentreffer in Innsbruck schwer verletzt. Bis zur Heilung im März 1944 verweilte er im Krankenhaus Bruneck.

Viktoria Stadlmayer untermauerte, dass Südtirol letztlich nur gerettet wurde, weil es entschiedene Dableiber gab. Hätten alle Südtiroler optiert, wäre 1945 die Vertreibung der Südtiroler sicher gewesen.

Als Südtirol nach dem Zweiten Weltkrieg durch die Amerikaner besetzt wurde, wurde Paul von Sternbach konsultiert. Er legte dar, dass die Optanten keinesfalls als Anhänger Hitlers einzustufen seien. Paul von Sternbach wurde in der neugegründeten Südtiroler Volkspartei tätig. Anlässlich der Konferenz der Alliierten, die ab Juli 1945 in Wien stattfand, brachte Paul von Sternbach den Wunsch nach Selbstbestimmung zum Ausdruck. Sternbach war einer derjenigen, die die Optantenfrage als eine der wesentlichsten Zukunftsfragen sehr früh thematisierte.

Am 27. November 1945 schrieb Paul von Sternbach an den „verehrten Herr Professor“ Eduard Reut-Nicolussi: „Ich habe dem Herrn Landeshauptmann auch mitgeteilt, dass es der allgemeine Wunsch und das Verlangen aller Südtiroler Deutschen ist, dass Sie, Herr Professor, in irgend einer Eigenschaft nach London und Paris entsendet würden, um dem Lügenfeldzuge, der in Presse und Wort seitens der italienischen Regierung in allen alliierten Ländern geführt wird, entgegentreten zu können, denn wir hier sind dazu nicht im Stande“.

Paul von Sternbach meldete wenig später, am 2. Jänner 1946 an Reut-Nicolussi, dass seit Anfang Mai 1945 mindestens 30.000 bis 40.000 Italiener nach Südtirol eingewandert seien. Zudem vermeldete er, dass die Italiener eine Unterschriftensammlung pro Brennergrenze organisiert hätten. Und weiter: „Da Italien keine Heimats-Berechtigung, sondern nur eine „Residenza“ kennt und diese, wie es eben jetzt praktiziert wird, von jedem erworben werden kann, der sich vor der Abreise aus dem Wohnorte bei seiner Gemeinde abmeldet, so ist eben die Gefahr vorhanden, dass alle die Zehntausenden früher und in jüngster Zeit Zugewanderten zur Stimmbgabe zugelassen würden. Wenn dann zu allem Überflusse den Optanten für Deutschland die Staatsbürgerschaft enzogen wird, dann Ade Du Land Tyrol!“

Aus der Korrespondenz wird insgesamt deutlich, wie vertraut der Jurist Paul von Sternbach mit den rechtlichen und praktischen Gegebenheiten in Südtirol war und dass er für die Südtiroler eine der wichtigsten Stützen war.

Alcide Degasperi ging sogar so weit, die Dableiber als „Italiener“ zu bezeichnen. Viktoria Stadelmayr attestiert Paul von Sternbach Mut, als dieser schriftlich konterte und verkündete, „nicht aus Liebe zu Italien“ nicht optiert zu haben.

Bei der Kundgebung der Südtiroler Volkspartei, die am 30. Mai 1946 in Castelfeder stattfand, um gegen die Zuordnung des Südtiroler Unterlandes an die Provinz Trient zu protestieren, trat Paul von Sternbach als Redner auf und forderte – trotz Verbot – die Selbstbestimmung.

Die „Pustertallösung“ war eine im Mai 1946 aus österreichischer Sicht vorangetriebene Kompromisslösung, die vorerst nur das Pustertal an Österreich angliedern sollte. Sternbach stellte auf einer SVP-Kundgebung in Toblach klar, dass das Pustertal zum restlichen Land stehe und das Selbstbestimmungsrecht fürs ganze Land gefordert wird.

Paul von Sternbach als Redner, Mai 1946 in Toblach

Sternbach betätigte sich publizistisch. Wolfgang Steinacker bezeichnete Sternbach in einem am 9. November 1946 verfassten Bericht als „großen Senior der Südtiroler Politik“, dem es gelungen sei, einen Kontakt zur sizilianischen Unabhängigkeitsbewegung herzustellen.

In einem 1947 in der „Dolomiten“ erschienen Artikel unter dem Deckname „Paul Ritter“ legte Paul von Sternbach die Rechtsgeschichte Tirols dar, die sich von der Rechtsgeschichte Italiens grundlegend unterschied. Zudem legte er dar, wie Italien die Verbesserungen, die die Alliierten nach dem Zweiten Weltkrieg im Bereich der Schul- und Sprachverordnungen gewährt hatten, wieder rückgängig machten.

Im selben Jahr wurde das politische Testament Paul von Sternbachs veröffentlicht, in dem dieser darlegte, dass eine „dauerhafte“ Verständigung mit Italien nur möglich sei, falls das Unrecht wiedergutgemacht wird: „Die Italiener müssen uns Südtiroler als nationale Minderheit im Staate gesetzlich anerkennen und uns mindestens das geben, was sie für sich und ihre im Ausland lebenden Volksgenossen verlangen“. Sternbach machte auf internationale Autonomievereinbarungen aufmerksam.

Paul von Sternbach verstarb am 22. Oktober 1948 in Uttenheim im Alter von 79 Jahren.

Literatur:

[1] Tobias Egger: „Der „Völkische Kampfring Südtirols“ (VKS) als Organisation und seine Aktionsweise im mittleren Pustertal während der Optionszeit“, Philosophisch-HistorischenFakultät der Leopold-Franzens-Universität Innsbruck, Innsbruck 2018

[2] Lothar von Sternbach: „Paul Freiherr von Sternbach zum 50. Todestag“, „Der Schlern“, 72. Jahrgang (1998)

[3] Richard Schober: „Die Tiroler Frage auf der Friedenskonferenz von Saint Germain“ (Schlern-Schriften 270), Universitätsverlag Wagner, Innsbruck 1982

[4] Michael Gehler: „Eduard Reut-Nicolussi und die Südtirolfrage 1918–1958. Streiter für die Einheit Tirols“, Universitätsverlag Wagner, Innsbruck 2007

[5] Hannes Obermair: „Danger Zones – der englische Historiker John Sturge Stephens (1891–1954), der italienische Faschismus und Südtirol“, in: Richard Faber, Elmar Locher (Hrsg.): Italienischer Faschismus und deutschsprachiger Katholizismus, Königshausen & Neumann, Würzburg 2013

[6] Hans Heiss, Stefan Lechner: „Erich Amonn. Bürger, Unternehmer, Politiker. 1896–1970. Ein Porträt“, Raetia, Bozen 2019

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