Wer war Eduard Reut-Nicolussi?

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Eduard Reut-Nicolussi war durch seine völkerrechtliche Fundierung und seine internationale Vernetzung eine wesentliche Gestalt der Südtirol-Politik im 20. Jahrhundert. Seine große Stunde hätte 1946 kommen können, Karl Gruber grenzte ihn aber bewusst aus den Verhandlungen aus. Das Gruber-Degasperi-Abkommen kritisierte Reut substanziell, ohne es abzulehnen.

Eduard Nicolussi(-Castellan) kam am 22. Juni 1888 in Trient zur Welt und wuchs in Lusern auf. Lusern ist eine deutsche Sprachinsel in Welschtirol (Trentino) und befindet sich auf dem Hochplateau von Lafraun (Lavarone). Eduard Reut-Nicolussi schreibt, er sei „in einer Welt christlicher und deutscher Lebensideale aufgewachsen“.

Der Vater, Matthäus Nicolussi, wurde in Innsbruck zum Deutschlehrer ausgebildet. Im Jahr 1876, als sich das Deutschtum im Unterland in bedrängter Lage befand, wurde Matthäus Nicolussi-Castellan in Buchholz bei Salurn als Lehrer eingesetzt. Der Österreichische Schulbote schreibt 1876: „Der gleichfalls in Innsbruck ausgebildete sehr wackere Lehrer Herr Matthäus Nicolussi von Luserna hat im stark angefochtenen Dorfe Buchholz, in italienischer Metamorphose „ai Pochi“ genannt, eine ziemlich gut dotierte Stellung als Lehrer gefunden; neben ihm ist dort auch ein zweiter Lehrer angestellt worden“.

Ermöglicht hatte diese Anstellung die „Gesellschaft zur Unterstützung deutscher Schulen in Welschtirol und an der Sprachgrenze“, zumal der Staat Österreich bekanntlich wenig Interesse am Deutschtum zeigte. Matthäus Nicolussi stand in Kontakt mit Franz Xaver Mitterer am Deutschnonsberg und dieser in einem engen Austausch mit dem „Deutschen Schulverein“ in Wien.

Eduard Reut-Nicolussis Eltern Matthäus Nicolussi-Castellan und Maria Inama heirateten 1881 in Buchholz bei Salurn. Maria Inama stammte vom Fennberg, ihre Verwandten sind die Familien Inama, Anegg, Stimpfl, Schgraffer und Peer. Der Vater führte den Beinamen „Castellan“ nicht immer an. Der Sohn gar nicht mehr.

Der junge Eduard Nicolussi besuchte die deutsche Volksschule in Trient und das deutsche humanistische Gymnasium in Trient und zwar in einer Klasse mit Josef Noldin. Er war folglich in jeder Hinsicht Grenzgänger: In der Sprachinsel Lusern, am mütterlichen Fennberg an der Sprachgrenze sowie an den deutschen Schulen in Trient.

Den Beinamen „Reut“ wählte Eduard Nicolussi selbst. Der Hintergrund ist, dass in Lusern der Familienname Nicolussi omnipräsent ist, sodass eine Unterscheidung über die Zusätze wie Nicolussi-Castellan erfolgte. Entgegen der üblichen Praxis setzte Eduard Nicolussi den Zusatz „Reut“ an den Anfang des Familiennamens. „Reut“ kommt sprachlich von „Rodung“ oder „Urbarmachung“. Man darf annehmen, dass das kein Zufall war, sondern die deutsche Besiedlung bezeichnet.

Anschließend studierte Eduard Reut-Nicolussi ab 1906 Rechtswissenschaftten in Innsbruck. Dort wurde er Mitglied der Akademischen Verbindung Austria Innsbruck (Cartellverband) mit dem Kneipnamen „Schill“ nach dem preußischen Offizier Ferdinand von Schill. Die 1864 gestiftete „Austria“ ist die älteste katholische Korporation in Österreich und entstand als Reaktion auf die nationalen Verbindungen, indem diese im Wesentlichen katholisch uminterpretiert wurden.

Eduard Reut-Nicolussi als Aktiver der „Austria“ [1]

Reut-Nicolussi promovierte 1911 zum Doktor der Rechte. Von 1915 bis 1918 diente er als Freiwilliger beim 4. Tiroler Kaiserjäger-Regiment, zuletzt als Landsturmoberleutnant im Dienst und erlitt am Col di Lana eine schwere Verwundung am Oberarm.

Es war der Kriegseinsatz im Ersten Weltkrieg, aber auch der nachfolgende Kampf um das bedrängte Südtirol, der nationale und katholische Studentenverbindungen ihre Gegensätze weitgehend vergessen ließ. Reut überwindete diese Gegensätze ohnehin, war nicht weniger deutschnational als die nationalen Korporierten.

Die konstituierende Nationalversammlung für Deutschösterreich wurde 1919 in Südtirol nicht zugelassen, sodass Eduard Reut-Nicolussi über den politischen Bezirk Lienz als Deutschsüdtiroler Vetreter nach Wien entsandt wurde. Am 24. April 1919 wurde er angelobt. Dort wurde er zum Wortführer der Tiroler Sache und deklarierte, dass sich Tirol nie mit der Trennung abfinden werde. In seiner letzten Rede untermauerte er: „Es wird jetzt in Südtirol ein Verzweiflungskampf beginnen um jeden Bauernhof, um jedes Stadthaus, um jeden Weingarten. Es wird ein Kampf sein mit allen Waffen des Geistes und mit allen Mitteln der Politik. Es wird ein Verzweiflungskampf deshalb, weil wir – eine Viertelmillion Deutsche – gegen 40 Millionen Italiener stehen, wahrhaft ein ungleicher Kampf“.

Indessen gründete Reut-Nicolussi im Mai 1919 in Innsbruck den „Bund Heimat“, um sich mit Gleichgesinnten für einen unabhängigen Freistaat Südtirol einzusetzen, der angesichts de weltpolitischen Lage die einzige realistische Zielsetzung schien.

„Bis Salurn“: Sonnwend-Feuer an der Nordkette in Innsbruck am 13.6.1919, das Foto befindet sich in Privatbesitz Reut-Nicolussis

Ebenso 1919 wirkte Eduard Reut-Nicolussi an der Schrift Süd-Tirol. Land und Leute vom Brenner bis zur Salurner Klause“, die Karl von Grabmayr, eine der herausragendsten politiwchen Persönlichkeiten Tirols, herausgab. Der Freiheitliche Karl von Grabmayr, der in Paris parteienübergreifend der Wortführer Südtirols werden sollte, sah in der Publikation die einzige Möglichkeit, Einfluss auf das Weltgeschehen zu nehmen, setzte dabei auf den relativ jungen Eduard Reut-Nicolussi.

Die Konstante im Leben des Eduard Reut-Nicolussi war das deutsche Südtirol. Bei allen anderen Fragestellungen war er ideologisch relativ flexibel.

Eduard Reut-Nicolussi fungierte als Obmann der Tiroler Volkspartei, die sich im Oktober 1919 mit der Deutschfreiheitlichen Partei unter Julius Perathoner zum „Deutschen Verband“ zusammenschloss. Der „Deutsche Verband“ war das Feindbild der italienischen Chauvinisten, weil er die Südtiroler Interessen bündelte und in der Lage war, mit einer Stimme zu sprechen.

Südtirol wurde im „Friedensvertrag“ von Saint-Germain im Herbst 1919 offiziell Italien zugesprochen, Reut-Nicolussi schied infolgedessen am 18. November 1919 aufgrund der Ratifizierung des Saint-Germain-Vertrages aus dem österreichischen Parlament aus, wurde in Bozen als Rechtsanwalt tätig.

Im Mai 1921 wurde Eduard Reut-Nicolussi für den „Deutschen Verband“ in das römische Parlament gewählt. Der „Deutsche Verband“ legte keine allgemeine politische Blockadehaltung an den Tag, sondern verhandelte sowohl mit den vorfaschistischen Regierungen als auch mit der faschistishen Regierung in der Südtirol-Frage, um elementare Rechte zu erlangen, war also blockfrei und unideologisch und nur Südtirol verpflichtet.

Programm des „Deutschen Verbandes“

Der Historiker Michael Gehler spekuliert, dass Eduard Reut-Nicolussi einen wesentlichen Einfluss darauf hatte, dass die faschistische Italianisierungspoltik nicht glückte. Reut widersetzte sich der faschistischen Politik nämlich substanziell und nicht nur symbolisch.

Im März 1921 eröffnete Eduard Reut-Nidolussi den „Volkstag in Neumarkt“, mit dem gegen die politische Abtretung von elf Unterlandler Gemeinden an das Trentino protestiert wurde. Weiterer Redner waren Josef Noldin und Kanonikus Michael Gamper. Reut-Nicolussi beeindruckte mit seiner Rede:

Das Etschland von Salurn aufwärts ist deutsch.

Daraufhin zitierte er Schillers „Wilhelm Tell“: „Unser ist durch 1000jährigen Besitz der Boden“. Und: „Wir wollen sein ein Volk von Brüdern, in keiner Not uns trennen und Gefahr!“

Eduard Reut-Nicolussi war anlässlich der Beerdigung des Lehrers Franz Innerhofer, der am „Bozner Blutsonntag“ am 24. April 1921 ermordet wurde, der Totenredner. In seiner Rede erhob er eine Anklage gegen den italienischen Faschismus. Reut war als Jurist in der Lage, den Faschismus verfassungsrechtlich zu demontieren, erkannte aber auch die Konstanten, die über den Faschismus hinausgingen.

1923 heiratete Eduard Reut-Nocolussi Margareth Perathoner, die Tochter des Rechtsanwalts Viktor Perathoner, der dem deutschfreiheitlichen Lager angehörte. Reut war zwar ein Vertreter des „Deutschen Verbandes“, wirkte aber überparteilich und war Rechtsberater der sozialdemokratischen Gewerkschaftsvertretung in Bozen. Recht war für ihn ein Prinzip, das über dem Politischen stand.

Im Zuge der Katakombenschule, des geheimen Deutschunterrichts im italienischen Faschismus ab 1923, war Eduard Reut-Nicolussi neben Josef Noldin einer jener Rechtsanwälte, die verfolgte Katakombenlehrerinnen gegen den Staat verteidigten.

Im Vorfeld der ersten Wahlen, die 1924 im Faschismus stattfanden, wurden Julius Perathoner und Eduard Reut-Nicolussi von einer faschistischen Schlägerbande verfolgt und blutig geschlagen. Verarztet wurden sie von dem Bozner Stadtarzt Otto Rudl (auch Otto Rudel), der Mitglied der Akademischen Burschenschaft der Pappenheimer in Innsbruck, Medizinhistoriker und Mundartdichter war. Ebenso durch faschistische Squadristen tätlich angegriffen wurde Paul von Sternbach.

Das hatte System: Der „Deutsche Verband“ wurde im Vorfeld der Wahl niedergebrüllt, bedroht und tätlich angegriffen.

Das Wahlrecht sicherte den Faschisten zwei Drittel der Mandate. Auf Südtiroler Seite gewählt wurden Karl Tinzl und Paul von Sternbach.

Ab 1925 stand Eduard Reut-Nicolussi im bedingungslosen Widerstand gegen den italienischen Faschismus. Der „Deutsche Verband“ wurde 1926 zwangsaufgelöst. Reut-Nicolussi wurde im September 1927 die Anwaltslizenz entzogen, kurz darauf erhielt er eine Warnung und floh in einer Nacht- und Nebelaktion über das Ötztal nach Innsbruck.

Nach seiner Flucht aus Südtirol schrieb Eduard Reut-Nicolussi in einem offenen Brief an die Südtiroler: „Die Sache Südtirols hat in Dr. Josef Noldin einen Märtyrer, dessen Name für die Leiden unseres Landes genügsam zeugt. Es bedarf keines zweiten Verbannten. Es bedarf vielmehr neben den vielen Eingekerkerten und Verfolgten auch der freien Südtiroler, die niemand hindern kann, für das gepeinigte Heimatland Klage zu erheben“.

Eduard Reut-Nicolussi und Otto Stolz waren am 22. Dezember 1929 Gedenkredner des Noldin-Gedenkens des Andreas-Hofer-Bundes in Innsbruck. Josef Noldin war nach Verbannung nach Lipari und schwerer Krankheit verstorben.

An der Universität Innsbruck habilitierte Eduard Reut-Nicolussi 1931 in Rechtsphilosophie und Völkerrecht.

In Innsbruck stand er der Münchner Zweigstelle des Andreas-Hofer-Bundes vor. Zudem schloss sich Reut-Nicolussi dem „Verein für das Deutschtum im Ausland“ (VDA) Bayern an und arbeitete im „Deutschen Schulverein Südmark“ mit (der „Deutsche Schulverein“ und der „Verein Südmark“ hatten sich 1925 zum „Deutschen Schulverein Südmark“ vereinigt und traten als Landesverband Österreich des „Verein für das Deutschtum im Ausland“ (VDA) auf), betätigte sich folglich in den deutschen Schutzverbänden. Wesentlich ist, dass der „Deutsche Schulverein Südmark“ gegenüber Deutschland nicht als Bittsteller, sondern als Fordernder auftrat, so Michael Gehler.

Zwischen 1930 und 1938 war Eduard Reut-Nicolussi Vorstandsmitglied des Österreichisch-Deutschen Volksbundes.

Eduard Reut-Nicolussis 1928 erschienene Streitschrift „Tirol unterm Beil“ errang internationale Beachtung, vor allem auch darum, weil es in das Englische übersetzt wurde. Reut-Nicolussi internationalisierte die Südtirol-Frage, stand seit den 1930er-Jahren in engem Austausch mit britischen Diplomaten, galt als grundsätzlich „anglophil“. Seine Hoffnungen in die Westmächte waren überoptimistisch. Diese Kontakte ließen den Zweifel entstehen, ob Eduard Reut-Nicolussi ein Verbindungsmann des britischen Geheimdienstes war.

„Tirol unterm Beil“
„Der Jugend Südtirols“

„Tirol unterm Beil“ ist nicht „nur“ eine Tirolensie. Reut war in der Lage, im Grundsätzlichen zu argumentieren. Dadurch konnte die Weltöffentlichkeit Einblick in die faschistische „Behandlung“ nationaler Minderheiten gewinnen.

Man muss in diesem Zusammenhang wissen, dass der italienische Faschismus zu jener Zeit in der Weltöffentlichkeit durchaus noch positiv rezipiert wurde. Beinahe alle europäischen Staaten machten ihre eigenen faschistischen Erfahrungen.

Reut demontierte in der Schrift Benito Mussolini, der als ehemaliger Sozialist und nunmehriger Faschist bei jeder Thematik schon einmal entgegengesetzte Meinungen vertrat. Mussolini wurde als charakterlich nicht gefestigt und komplexbelastet dargestellt.

Weiters charakterisierte Reut die politischen „Führer“ der Südtiroler einzeln, darunter Julius Perathoner, Friedrich Toggenburg, Karl Tinzl und Paul von Sternbach.

Ignaz Seipel, Prälat, katholischer Theologe, Politiker und österreichischer Bundeskanzler der Christlichsozialen Partei, versprach Mussolini, Reut-Nicolussi „an die Kette zu legen“ und ihn von der Universität Innsbruck nach Wien an die Technische Hochschule zu verdrängen. Indessen bereiste Reut-Nicolussi die Welt, war zwischen 1928 und 1930 in Paris, London und New York, um die Südtirolfrage aufzuwerfen.

Eduard Reut-Nicolussi dachte grundsätzlich gesamtdeutsch. Es war vor allem die Südtirol-Frage, die ihn in Opposition gegen den Nationalsozialisten drängte. 1932 besprach Reut-Nicolussi in einer persönlichen Unterredung bei Hitler die Südtirolfrage, musste einsehen, dass der Verzicht Südtirols aus dessen Sicht feststand.

Reut-Nicolussi kritisierte infolgedessen im Zuge seiner Vorlesungen an der Universität Innsbruck die Südtirol-Politik des Nationalsozialismus heftig, woraufhin nationalsozialistische Studenten seine Vorlesungen behinderten. 1935 prangerte er die österreichische Außenpolitik an, die sich zwischen 1933 und 1938 als Austrofaschismus (oder Klerikalfaschismus) stark an das faschistische Italien anlehnte, an.

Kurt Schuschnigg war von 1934 bis 1938 als Vertreter des Austrofaschismus diktatorisch regierender Bundeskanzler des Bundesstaates Österreich und war in der „Austria“ Innsbruck ein Bundesbruder Eduard Reut-Nicolussis. Der Streit zwischen beiden rund um die Südtirol-Politik Österreichs eskalierte, Reut-Nicolussi erhielt ein Hausverbot bei der Austria, weil er 1935 die „Würdelosigkeit der österreichischen Innenpolitik“ anprangerte.

Die Episoden zeigen, wie eng sich der Austrofaschismus an den italienischen Faschismus anlehnte. Der Austrofaschismus ist im öffentlichen Bewusstsein Tirols derzeit – aus geschichtspolitischen Gründen – nicht präsent. Aus den gleichen Gründen wird der – wesentliche – deutschfreiheitliche Beitrag zur Tiroler Geschichte aus den Geschichtsbüchern ausgeklammert. Wahrheit verträgt sich kaum mit Macht.

Eduard Reut-Nicolussi betätigte sich bis 1938 als Leiter des Vereins „Südmark“, der das Auslands- und Grenzlanddeutschtum wirtschaftlich förderte. Der austrofaschistische Bundeskanzler Kurt Schuschnigg drängte Eduard Reut-Nicolussi 1937 zum Rücktritt als Obmann des Andreas-Hofer-Bundes. Hintergrund war der Druck durch Italien, welchem das austrofaschistische Österreich willfährig nachkam.

Als 1938 der Anschluss Österreichs erfolgte, wurde Eduard Reut-Nicolussi in seiner Lehrtätigkeit beschränkt, durfte nur noch Zivilrecht lehren. Am 1. Juli 1939 schrieb der in Berlin weilende Carl Schmitt an Eduard Reut-Nicolussi „Sehr verehrter Herr Kollege! Ich bestätige mit bestem Dank den Empfang Ihres Aufsatzes. Ich habe von Ihren sehr wertvollen Überlegungen mit großem Interesse Kenntnis genommen. Was meine eigene Stellung angeht, so bin ich allerdings noch nicht beim „Weltrecht“ und beim „Universalismus“, sondern erst beim „Großraum„“.

Im Zuge der Option wanderte Reut-Nicolussi 1939 (Umsiedlungsabkommen der Südtiroler zwischen dem nationalsozialistischen Deutschland und dem faschistischen Italien) in die Niederlande aus, kehrte aber auf Druck der Gauleitung im selben Jahr wieder zurück.

1945 wurde Reut-Nicolussi zu den „Standschützen“, der Tiroler Version des „Volkssturms“, in den Vinschgau einberufen. Dadurch sollte die Landeseinheit zum Ausdruck gebracht werden.

Insgesamt stand Reut-Nicolussi mit dem österreichischen Widerstand im engen Austausch, stand diesem am 3. Mai 1945 angesichts des Einzugs der US-Truppen in Nordtirol vor. Daraufhin wurde Eduard Reut-Nicolussi Mitglied der Tiroler Landesregierung sowie Leiter der „Landesstelle für Südtirol“. Für die neu gegründete Südtiroler Volkspartei (SVP) war Reut der Hoffnungsträger. Als Vorkämpfer für die Südtiroler Sache war es unbestritten und darüber hinaus bestens international vernetzt. Zudem war we als Gegner des Nationalsozialismus politisch unbelastet. Außenminister Karl Gruber, Jahrgang 1909, also 36 Jahre alt, klammerte Reut jedoch mit voller Absicht aus, wollte sich nicht durch den Völkerrechtler „dreinpfuschen“ lassen.

Eduard Reut-Nicolussi wusste, dass er Alcide De Gasperi, den er vom römischen Parlament kannte, besser hätte entgegentreten können als der politisch unerfahrene Gruber. Am 8. August 1945 hatte Reut einen offenen Brief („Appell zur Versöhnung“) an De Gasperi geschrieben: „Onorevole, die Argumente zugunsten der Brennergrenze halten einer aufrichtigen und gerechten Prüfung im Geiste der Demokratie nicht stand“. De Gasperi ging es nicht nur darum, die Südtiroler durch die Einbeziehung der Provinz Trient in die autonome Region zu majorisieren. Ihm ging es auch darum, sein Konzept von Autonomie unter italienischer Führung in die zentralistische Staatsstruktur Italiens zu integrieren und zwar „kraft italienischen Rechts“ [3]. Dabei handelte es sich um die damalige Parteidoktrin der „Democrazia Cristiana“.

Später erklärte Karl Gruber, er habe Reut-Nicolussi ausgeschlossen, weil dessen „großdeutsche Gedanken“ Vorbehalte bei den Alliierten ausgelöst hätten, was historisch jedoch nicht stichhaltig ist. Gruber hatte folglich (nach Michael Gehler) auf den fähigsten Kopf verzichtet, der durch seine Völkerrechts-Kenntnis das Vorhaben Südtirol auf ein anderes Niveau hätte heben können. Indessen gab Gruber in den Verhandlungen ständig und laufend nach, verzichtete ohne Notwendigkeit auf wesentliche Prinzipien in der Südtirol-Politik. Insgesamt fehlte es an der entschiedenen Verhandlungsposition Österreichs.

Reut arbeitete propagandistisch und war federführend an jenen 155.000 Unterschriften beteiligt, die im Sommer 1946 an Bundeskanzler Leopold Figl überreicht wurden. Faktisch war dies bereits die inoffizielle Vorwegnahme einer Volksabstimmung.

Reut lehnte das Gruber-Degasperi-Abkommen zwar nicht ab, hielt es aber für zu wenig weitreichend, wollte eine schiedsrichterliche Verankerung erreichen. Dabei argumentierte Reut-Nicolussi gegen den italienischen Außenminister Alcide Degasperi, der in Südtirol-Fragen die Linie des italienischen Faschismus fortsetzte.

Reut-Nicolussi verlangte zwar die Selbstbestimmung, war aber Realpolitiker genug, um ein Autonomiestatut für Südtirol in Betracht zu ziehen und insgesamt verschiedene Optionen in den Raum zu stellen. Das Mittel, das Deutschtum in Südtirol, war ihm wichtiger, als der Weg dorthin. Er war nicht nur Idealist, sondern in der rechtlichen Wirklichkeit verankert.

Am 16. September 1946 schrieb Reut-Nicolussi an Außenminister Karl Gruber in Paris:

  1. Eine (verabsäumte) Festlegung im Abkommen auf die Grenze bei Salurn sei absolut notwendig.
  2. Die inhaltliche „Dehnbarkeit“ des Abkommens könne durch einen „unredlichen Vertragspartner“ sabotiert werden.
  3. Die Revision der Option könne durch Italien im Sinne der Verleihung der Staatsbürgerschaft willkürlich ausgelegt werden.

Er, Eduard Reut-Nicolussi, verlautbarte, er hätte sich mit einer Autonomie für die Region Trentino-Südtirol nicht zufrieden gegeben und verlangte eine internationale Schiedskommission, die Auslegungsfragen und Streitfälle zu behandeln hätte. Reut erkannte vor Gruber, dass von der Regelung der Optionsfrage die Südtirol-Frage abhänge und dass eine Verschiebung der Staatsbürgerschaftsbestimmungen falsch sei.

Der eigentliche Trumpf Italiens waren Argumente, die nichts mit Südtirol zu tun hatten. Das Erstarken der kommunistischen Partei in Italien, die fast 20 Prozent der Stimmen hielt, war für die Alliierten Grund genug, zu Ungunsten Südtirols zu entscheiden. Der „Kalte Krieg“ wurde eingeleitet und verfolgte Südtirol bis hinauf in die 1960er-Jahre.

Die Landesstelle für Südtirol wurde mit Unterzeichnung des Gruber-Degasperi-Abkommens, des ersten Autonomie-Statuts, aufgelöst. Das Südtirolreferat der Tiroler Landesregierung war der Nachfolger. Eduard Reut-Nicolussi erhielt 1945 einen Lehrstuhl für Völkerrecht und Rechtsphilosophie an der Universität Innsbruck und wurde 1951 Rektor der Universität Innsbruck. Die Neutralität Österreichs betrachtetet er 1955 skeptisch, weil er darin eine Schwächung der Südtirolpolitik sah.

Vom Auftritt des SVP-Obmannes Silvius Magnago anlässlich der Kundgebung auf Schloss Sigmundskron im Jahr 1957 zeigte sich Eduard Reut-Nicolussi stark beeindruckt.

Im Juli 1958 verstarb Eduard Reut-Nicolussi in Innsbruck, kurz nach Erreichen seines 70. Lebensjahres.

Wesentlich ist beim Blick auf den Lebensentwurf Eduard Reut-Nicolussis, dass er niemals der Illusion erlag, Südtirol sei ein „Sonderfall“ der Weltgeschichte. Er wusste zu jeder Zeit, dass auch Südtirol durch die Weltpolitik im Großen gestaltet wird und dass es darum geht, die Weltzusammenhänge zum eigenen Gunsten zu lenken.

Literatur:

[1] Michael Gehler: „Verspielte Selbstbestimmung? Die Südtirolfrage 1945/46 in US-Geheimdienstberichten und österreichischen Akten“, Universitätsverlag Wagner, Innsbruck 1996

[2] Michael Gehler: „Eduard Reut-Nicolussi und die Südtirolfrage 1918–1958. Streiter für die Einheit Tirols“, Universitätsverlag Wagner, Innsbruck 2007

[3] Horst Möller, Manfred Kittel, Jiri Pesek, Oldrich Tuma: „Deutschsprachige Minderheiten 1945. Ein europäischer Vergleich“, De Gruyter, Berlin 2014

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