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Wer war Otto Rudl?

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Vor genau 75 Jahren, im März 1951, verstarb der Bozner Stadtarzt Otto Rudl, Burschenschafter und Tiroler Heimatdichter, der jedoch bis über seinen Tod hinaus nie als „richtiger“ Tiroler aufgefasst wurde, obwohl er einer war.

Otto Rudl, zuweilen auch Otto Rudel, wurde am 12. Dezember 1870 in Brünn in Mähren geboren. Sein Vater, Anton Rudl, stammte aus Görz, die Mutter Mathilde Fischer aus Weimar.

Anton Rudl war Buchdruckgeselle, zog Ende der 1860er Jahre nach Brünn, um Arbeit zu finden. Die Familiengeschichte nahm ein dramatisches Ende. Anton Rudl und drei Söhne verstarben 1873 an Schwindsucht. Mathilde Rudl zog mit ihrem Sohn Otto nach Wien, wo sie ein Jahr später den Artilleristen Hans Tauber heiratete. Die Familie zog von Wien nach Marling bei Meran.

Otto Rudl besuchte das Benediktinergymnasi in Meran und verarbeitete den Meraner Dialekt und das Burggräfler Brauchtum später in der Satire-Figur des „Hiasl“.

Otto Rudl, der als Kleinkind nach Meran kam, war freilich ein „ganzer Tiroler“. Die Tiroler bemerkten aber bis über den Tod hinaus an, dass er „kein richtiger Tiroler“ gewesen sei. Aber Deutschmähre, Brünner, war er ja auch keiner. Die Lage war verzwickt.

Es leuchtet ein, dass in dieser provinziell-feudalen Kleinlichkeit, die im Land vorherrschte, die Burschenschaft für Otto Rudl eine bewährende Heimat wurde, mit einem Ideal, das größer war, als der kleinkarierte Provinzialismus: „Das ganze Deutschland soll es sein!“.

In Innsbruck wurde der aus einfachen Verhältnissen stammende Otto Rudl zu Beginn des Medizinstudiums, das er 1890 aufnahm, 1891 Mitglied der alldeutsch gesinnten Burschenschaft der „Pappenheimer“. Daneben wurde Rudl auch Mitglied im Akademischen Gesangsverein.

Der „Gesangsverein Pappenheimer“ wurde 1884 in Innsbruck durch Meraner Studenten gestiftet, wie Otto Rudl vermerkt. Als „Burschenschaft“ bezeichneten sich die „Pappenheimer“ erst 1900/1901, die Geschichte der Verbindung legt aber nahe, dass es sich spätestens ab 1890/1891 um eine Burschenschaft handelte, auch wenn man sich noch nicht als solche bezeichnete. 1889 bestand ein Kartell mit der Verbindung Rhaetogermania Graz, die später „Burschenschaft Rätogermania Graz“ umbenannt wurde.

In der Bierzeitung der Pappenheimer, in der jeder Volltätige verpflichtet war, lustige Geschichten zu schreiben, veröffentlichte Rudl Heimatgeschichten vom „Hiesl“, die öffentliche Aufmerksamkeit fanden. 1895 konnte ein erster Band des „Hiasl“ herausgegeben werden, es folgten viele weitere. Selbst der Schriftsteller Peter Rosegger würdigte das Werk Rudls. Der Erfolg war groß.

Der „Hiesl“ vereinte die beiden Welten, in denen Otto Rudl lebte: Er führt den tirolischen Bauernbub „Hiesl“ in die mondäne Welt und in einen deutschfreiheitlichen Kontext ein. Das wird allein an den Vereinen klar, die der Hiesl anmerkt: Schulverein, Alpenverein, Museumsverein, Turnverein oder Südmark.

Die „Hiasl“-Geschichten gsind eine intensive Auseinandersetzung mit der Meraner oder Burggräfler Mundart. Otto Rudl ging es dabei wohl darum, die Meraner Mundart festzuhalten, zu dokumentieren, aber auch für Außenstehende verständlich zu machen. Unzählige Fußnoten zieren die Hiasl-Geschichten, um auch denjenigen, die nicht im Meraner Dialekt geläufig waren, die dialektalen Eigenarten verständlich zu machen:

Der Hiesl – und die Fußnoten

Otto Rudl war alles, nur nicht kleinlich. Die Liebe zum Land und zur Heimat äußerte sich in der intensiven Beschäftigung mit der lokalen Mundart und den lokalen Gegebenheiten, die er gesamtdeutsch kontextualisierte und in den Fußnoten in die Hochsprache übersetzte.

„Der Tiroler Hiesl“, gezeichnet von Franz von Defregger

Die Schriftstellerei war höchstens eine Nebenbeschäftigung. Otto Rudl war nach seinem Studium als Arzt in Partschins, Sarnthein und seit 1909 in Bozen tätig. In Bozen wirkte er auch politisch, nämlich als Mitglied des Sanitätsausschusses des Bozner Gemeinderates 1911 unter Bürgermeister Julius Perathoner:

Otto Rudl war freilich auch Mitglied und Funktionär im Deutschen und Österreichischen Alpenverein, Sektion Bozen.

Das Werk „Der Hiesl in Walschlond“ widmete Otto Rudl explizit seinem Freund, dem freiheitlichen Bürgermeister Bozens, Julius Perathoner. Dieser steuerte ein Vorwort bei. Das Werk erschien 1921, nach der Annexion. Mit dem „Walschlond“ wurde das annektierte Südtirol betitelt, in dem der Hiesl allerlei Schwierigkeiten hatte, mit der neuen staatlichen Ordnung zurecht zu kommen. Otto Rudl verarbeitete die Annexion satirisch und mit Seitenhieben.

Da eine seiner Hiesl-Geschichten durch die italienischen Behörden zensiert wurden, widmete er dem „Zensorle“ im „Jahr des Unheils“ eine sarkastische Erzählung mit dem Gruß „Heilo!“:

Der Hiesl verlor in den 1920er-Jahren an Bedeutung. Die Zeiten waren allgemein nicht „lustig“. Anlässlich der ersten Wahlen, die 1924 im italienischen Faschismus stattfanden, wurden der 75-Jährige Julius Perathoner und Eduard Reut-Nicolussi von einer faschistischen Schlägerbande verfolgt und blutig geschlagen. Verarztet wurden sie von Stadtarzt Otto Rudl.

Mit „weltanschaunlichen Gegnern“, wie den italienischen Faschisten, verhandelte Rudl, vorerst noch um „gefährdete Volksgüter“ in Deutschtirol zu verteidigen. Die Zuversicht verlor er aber rasch. Die Zeitschrift „Der Schlern“ schrieb 1951 in einem Nachruf, dass Otto Rudl im faschistischen Italien jedoch, aufgrund der politischen Ereignisse, „verbittert bis zur Unerträglichkeit“ war.

Den „Hiesl“ näherte er in den 1930er- und 1940er-Jahren nur ansatzweise an die neuen Verhältnisse an. Nach 1925 erschienen nur zwei Hiesl-Schriften. Otto Rudl befasste sich eher mit Medizingeschichte und mit Heimatkunde.

Otto Rusl: „Zur Geschichte der Schwarz-Adler-Apotheke in Bozen“ (1925)
Otto Rudel: „Ärzte der Familie von Guggenberg zu Riedhofen“ (1925)
Otto Rudel: „Beiträge zur Geschichte der Medizin in Tirol“ (1925)

Im Bereich der Heimatkunde befasste sich Otto Rudl etwa mit dem Tschögglberg und vertrat die Meinung, dass der Name „Tschögglberg“ von den Quasten-Tschoggeln der Trachtenhüte abgeleitet wurde.

Aus der Ehe mit der Bozner Stadthebamme Maria Moser gingen eine Tochter, Imma Rudl, die 1902 in Sarnthein zur Welt kam, und ein Sohn, Sigo Rudl, hervor, der 1900 zur Welt kam und 1902 in Sarnthein verstarb. Maria Moser verstarb 1903 in Sarnthein.

Innsbrucker Nachrichten, 12.12.1940

Otto Rudl machte kurz vor seinem Tod aus sich selbst eine literarische Figur, indem er in einem Artikel in der Tageszeitung „Dolomiten“ schrieb:„Allabendlich tritt in einem jener anheimelnden Altbozner Gasthäuser, in denen an den Stammtischen die Zeit stillzustehen scheint, mit einem fordernd ausgesprochenen kräftigen ,Heil‘ ein Mann durch die Tür, um sein traditionelles Viertele zu genießen. Man sieht ihm an, dass er eines jener Originale ist, die seit jeher im Südtiroler Bürgerstande gediehen. Er ist richtig umwittert von dem Hauch der alten Burschenherrlichkeit und wirkt wie ein knorriges Standbild versunkener alldeutscher Zeitläufte. Das laute ,Heil‘ schon deutet es an, und wenn er zu sprechen beginnt, so dämmert sie empor, die versunkene Epoche von der das Lied umgeht: ,Der eine saß, der andere stand, / Der stimmte für und jener wider. / Das ist der Nationalverband. / Stimmt an das Lied der Lieder!’“ (Tageszeitung „Dolomiten“ am 15.12.1950).

Otto Rudl wurde mit Mütze und Burschenband in der Gruft der Bozner Ärzte begraben, wie die „Dolomiten“ in einem Nachruf schreibt, aus dem die damals klerikale Gesinnung des Blattes hervorgeht: „Politisch war Dr. Rudel ein unbeirrbarer Anhänger des längst versunkenen Alldeutschtums und eines nicht gerade duldsamen fanatischen Freisinns. Seine Aufmerksamkeit heischender Gruß „Heil“ sollte dies stets jedermann kundtun. Er war ein lebendes Denkmal der alten liberal eingestellten Burschenherrlichkeit. Sein männiglich bekannter Radikalismus hinderte ihn aber nicht, in der Zeit er faschistischen Unterdrückung des deutschen Volkstums auch weltanschaulichen Gegnern rückhaltlose und tatkräftige Hilfe und Mitarbeit zu gewähren in der Verteidigung der gefährdeten Volksgüter. Sein Haus stand jedermann, von welcher Seite er auch immer kam, in jener schweren Zeit weit offen. Mütze und Band seiner Burschenschaft begleiteten ihn auch in seine letzte Ruhestätte, die er in der gemeinsamen Grabstätte der Bozner Ärzte gefunden hat. Mit Rudel ist ein selten gewordener Typ einer Geschichte gewordenen Zeit von uns gegangen. Fiducit.“

Otto Rudl „lebt“ auch heute noch und zwar deshalb, weil er seine umfangreiche Bibliothek der Landesbibliothek „Tessmann“ in Bozen vermachte. Es waren rund 6.000 Tirolensien, die posthum an dasBozner Stadtmuseum übergingen. Folglich stößt jeder, der nach deutschfreiheitlicher Literatur des 19. Jahrhunderts und beginnenden 20. Jahrhunderts sucht, gezwungenermaßen auf sein Exlibris.

Das Exlibris Otto Rudls wurde durch den akademischen Maler Rudolf Parsch angefertigt. Der Meraner Saltner wirkt dabei als „Wächter seiner Bücherei“. Abgebildet ist der Meraner Kirchturm. Der Schriftzug weist auf die Vorliebe für die Meraner Mundart hin. Im unteren Bereich sind zwei Szenen abgebildet: Links der Hiesl, der den Pegasus führt, rechts der Arzt Otto Rudl mit „Freund Hein“, also dem Tod, dem Widersacher der Kunst. Das rechte Bildnis ist mit den Schlägern eine Anspielung an die Burschenherrlichkeit (Der Schlern 1922, S. 329-330), vielleicht auch auf den Lebensbund Burschenschaft bezugnehmend, der bis zum Tod reicht.

Exlibris Otto Rudl: „Saltner“ und Fecht-Szene

Otto Rudl verstarb am 23. März 1951 in Bozen. Freilich war er ein „richtiger Tiroler“, auch wenn er vielfach nicht als solcher betitelt wurde, nur keiner, der über Besitz und Bestand an das Land gebunden war und auch keiner, der klein dachte.

Seine Verhältnisse waren einfach, sein Vater zog von Görz und die Mutter von Weimar nach Brünn. Durch Schicksalsschläge verschlug es den 3-Jährigen Otto über Wien nach Marling.

In Tirol lebte und wirkte Otto Rudl vielleicht „bewusster“ als jene, für die die Heimat „selbstverständlich“ war. Er hinterließ ein ganzes Kulturwerk, das bis heute nachhallt.

Der Schlern, 1951

„Mit Turnr sein Leut, de a Schneid hobn“: Otto Rudl mit der Geschichte „Der Hiasl bei den Turnern“ in der Bozner Zeitung am 19. Oktober 1912:

„Der Hiasl bei den Turnern“

Historisch tiefgründig ist auch das Ex-Libris der Tochter, Imma Rudl:

Literatur:

[1] Sabine Eschgfäller: „Otto Rudl“ in Literarische Landkarte der deutschmährischen Autoren

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