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Der freiheitliche und verfassungstreue Großgrundbesitz

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Der „verfassungstreue“ Tiroler Großgrundbesitz war ein Teil der deutschfreiheitlichen Bewegung, bestehend aus Besitzern, die in der Regel so viel Grund hatten, um diesen nicht selbst bearbeiten zu müssen und die folglich einem bürgerlichen Politik nachgingen, vielfach Akademiker und deutschfreiheitlich waren.

1861 erließ Kaiser Franz Joseph I. das Februarpatent, das den Ländern des Kaisertums Österreich wieder eigene Landtage zugestandte. Nach den zentralistischen Jahren des Neoabsolutismus ab 1849 kehrten damit ständische Institutionen zurück.

Die Kurie des Großgrundbesitzes war eine der vier Kurien, die die Abgeordneten zum Landtag und zum Abgeordnetenhaus in Wien stellte. Die Einführung der Kurie des Großgrundbesitzes war eine Kompensation für die aufgehobenen Ständeverfassungen, sodass der Großgrundbesitz mit relativ üppigen Mandaten ausgestattet wurde und knappp ein Drittel der Sitze in den Landtagen ausmachte.

In Tirol war die Kurie des Großgrundbesitzes auf den geistigen und adligen Großgrundbesitz beschränkt. Im sonstigen Österreich zählten nicht Rang und Titel, sondern nur Grund und Boden.

Die 15 Stifte und Klöster Tirols entsandten ab 1861 4, die adeligen Großgrundbesitzer, von denen es rund 270 gab, 10 Abgeordnete in den Landtag. 16 Abgeordnete stellten die Städte, Märkte und Handelskammern, 34 die Landgemeinden. Der Rektor der Universität Innsbruck sowie die Bischöfe von Salzburg, Brixen und Trient hatten kraft ihres Amtes Sitz und Stimme im Landtag. Die Stimmen der Klöster und der Bischöfe (insgesamt 7) werden als Virilstimmen bezeichnet.

Das machte insgesamt 68 Landtagsabgeordnete aus. Von diesen 68 Sitzen entfielen, je nach Übereinkunft in der Kurie des Großgrundbesitzes, 22 bis 26 Abgeordnete auf Welschtirol. Bedenkt man, dass nur 270 adelige Großgrundbesitzer 10 Abgeordnete stellten, dann war das viel.

Im Wesentlichen handelte es sich bei den Vertretern des adeligen Großgrundbesitzes um die Besitzer der Weingüter im Etschtal oder um Beamtenadel. Sie verstanden sich als fortschrittlich und freiheitlich, ließen sich ihr Denken nicht durch überkommene Strukturen aufdrängen, sondern beriefen sich auf die Freiheit des Geistes.

Insofern man weder Thron noch Altar allzu ernst nahm, wie sollte man sich auch sonst definieren denn kraft Sprache und Kultur, also deutsch?

Die freiheitlichen Abgeordneten im Tiroler Landtag 1869, im Zentrum der freiheitliche Landeshauptmann Eduard von Grebmer zu Wolfsthurn

Anlässlich der Tiroler Landtagswahl 1870 – die liberalen Trentiner boykottierten die Wahl – konnte der freiheitliche adelige Großgrundbesitz die Klerikalen im Block überstimmen und stellte 10 von 10 Abgeordneten. Im Regelfall stellte man knapp die Hälfte der 10 Abgeordneten, zumal ein Teil davon ans Welschtirol fiel, wo jedoch teilweise auch Deutschtiroler Adel zu den Besitzern gehörte.

Der Großgrundbesitz war folglich eine sichere Bank für die Freiheitlichen. Umso schwerwiegender war das Allgemeine Wahlrecht 1907.

Seit der direkten Reichsratswahl 1873 stellte der Tiroler Großgrundbesitz vier Mandate im Abgeordnetenhaus. In der Regel fielen davon zwei Sitze, je nach Wahlbündnissen und Allianzen, auf die Freiheitlichen.

Im Flachland, in der Oststeiermark, in Niederösterreich und in Böhmen gab der Hochadel den Ton an. Im Hochadel spaltete sich die Tendenz auf verfassungstreu und feudal-konservativ auf, mit leichtem Überhang für letztere.

Viele Großgrundbesitzer (höhere Beamtenfamilien, die geadelt wurden) standen dem deutschfreiheitlichen Lager nahe, waren verfassungstreu, zentralistisch und im josephinischen Staatsdenken sozialisiert. Demgegenüber war der alte Landadel vielfach klerikal, wobei sich innerhalb der Familien oftmals politische Divergenzen eröffnen.

Die Tiroler Stimmen listen 1867 das Stimmverhalten des Großgrundbesitzes im Detail auf:

Aus dem Zerfall der Vereinigten Linken (Deutschfreiheitlichen) ging 1896 der „Verfassungstreue Großgrundbesitz“ als eigene Partei hervor.

Kitzbüheler Bezirksbote, 20. Oktober 1901

Wesentlich ist, dass der „verfassungstreue Großgrundbesitz“ die Einheit der freiheitlichen Partei über die Kuriensolidarität stellte. Gefühlt wurde – nach damaligem Verständnis – „links“ statt „rechts“ und – was wesentlich ist – nicht im Sinne von „oben“ oder „unten“, obwohl man einer Elite amgehörte. Angesichts der Staatskrisen seit Badeni positionierte sich der verfassungstreue Großgrundbesitz deutschnational.

Beeindruckend am verfassungstreuen Großgrundbesitz ist, dass sich Bindung am Boden mit freiheitlicher Gesinnung verband, nicht kleinliche Standesinteressen betrieben wurden, sondern die Interessen von Volk und Staat im Vordergrund standen, die durchaus als Staatssozialismus zu verstehen sind.

Festschrift des verfassungstreuen Großgrundbesitzes: Eyrl, Lodron, Longo, Sölder, Sternbach

Der „verfassungstreue“ Tiroler Großgrundbesitz bestand in der Regel aus Adeligen, die ihren Grund bewirtschaften ließen, also nicht selbst bearbeiteten, aber in der Regel eine akademische Ausbildung genossen hatten und einem freien Beruf nachgingen. Es handelte sich folglich weder um Unternehmer noch um Kapitalisten.

Einige Tiroler freiheitliche Großgrundbesitzer im Überblick

Georg Freiherr von Eyrl (Link)

Georg Freiherr von Eyrl, geboren am 17. April 1849 in Bozen, gestorben am 2. Jänner 1942 in Bozen, Richter und Gutsbesitzer in Bozen, deutschfreiheitlicher Landtagsabgeordneter, Obmann des Vereins „Deutschtiroler Museum“ (Bozner Museumsverein) von 1884 bis 1939, Präsident der Sparkasse Bozen von 1900 bis 1922.

Otto von Sölder – Prackenstein, Rechtsanwalt in Meran, geboren am 9. Juli 1865 in Meran, gestorben am 5. Juni 1923 in Meran, Mitglied der Akademischen Sängerschaft (später Universitätssängerschaft „Skalden“) in Innsbruck, langjähriger Vorstand des deutschen und österreichischen Alpenvereins in Meran.

Ex Libris Otto von Sölder zu Prakenstein, Künstler Tony Grubhofer
Innsbrucker Nachrichten am 28. Juni 1923

Dr. Paul Freiherr von Sternbach, Regierungsrat und Rechtsanwalt , geboren am 29. Juli 1869 in Klausen, gestorben am 22. Oktober 1948 in Uttenheim, Mitglied im Akademischen Corps Athesia Innsbruck, von 1902 bis 1918 Landtagsabgerodneter für den Bezirk Bruneck. Von 1924 bis 1929 Abgeordneter zum italienischen Parlament für den „Deutschen Verband“. 1927 wurde seine Rechtsanwaltskanzlei von den italienischen Behörden geschlossen.

Karl Graf von Lodron wurde über den Großgrundbesitz in Trient in den Tiroler Landtag gewählt. Die Lodrons sind eine ursprünglich aus Welschtirol stammende Adelsfamilie, die im 16. und 17. Jahrhundert im deutschen Sprachraum Fuß fasste. Karl von Lodron wurde am 25. Juli 1840 in Trient geboren, besuchte das Gymnasium in Trient, studierte Rechtswissenschaften in Innsbruck und Wien und war von 1877 bis 1889 Landtagsabgeordneter in Tirol und ab 1903 Mitglied des Herrenhauses in Wien. Am 14. Dezember 1918 verstarb er in Gmünd in Kärnten.

Robert von Terlago

Robert Franz Carl Lothar Isidor Johann Baptista von Terlago – oder Robert von Terlago – wurde 1842 in Terlago geboren und verstarb 1927 ebenda. Terlago war ein Vertreter des verfassungstreuen Großgrundbesitzes im Reichsrat. Er entstammte einer alten adeligen Familie, wuchs zunächst in Rovereto auf und lebte ab 1848 in Wien und drei Jahre später in Innsbruck, da der Vater Lothar von Terlago die Stellung eines Hofrats bei der Statthalterei bezog. Robert von Terlago studierte an der Universiät Innsbruck und wurde 1860 im Corps Rhaetia aktiv. Er wurde 1877 erstmals in den Reichsrat gewählt, dem er mit Unterbrechungen bis 1907 angehörte. Er war Mitglied der Deutschfreiheitlichen Partei und gehörte im Parlament dem „Club der Liberalen“ an. Seit 1873 war Graf Terlago Kämmerer in Wien. 1912 wurde er mit 70 Jahren lebenslang in das österreichische Herrenhaus berufen.

Castel Terlago (Link)
Die „deutschnationalen“ Melchiori und Terlago

Eugen von Ferrari

Zum freiheitlichen Großgrundbesitz gehörte auch Dr. Eugen von Ferrari (1825 – 1898), der in Branzoll geborene Großgrundbesitzer, Winzer und Jurist. Ferrari war von 1861 bis 1869 freiheitlicher Abgeordneter zum Tiroler Landtag.

Todesnachricht 1898
Andreas Hofer im Liede, 1884

Dessen Sohn, der Mediziner Eugen von Ferrari, wurde hingegen 1858 in Branzoll geboren und verstarb ein Jahr zuvor. Eugen von Ferrari der Jüngere war war praktischer Arzt in Bozen, studierte in Innsbruck, Wien und Rom und befasste sich nebenbei mit Insektenforschung, sodass das Naturhistorische Museum in Wien seine Sammlungen heute aufgewahrt.

Edmund Mach, 1894

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