Konflikte sind im sozialen Leben unvermeidbar. Wer der Naivität aufsitzt, Konflikte seien vermeidbar, wird ständig aufs Neue belehrt und bezahlt Lehrgeld, das man sich leisten kann. Wesentlich ist es, auf Konflikte vorbereitet zu sein und diese tunlichst in einem geordneten Rahmen zu lösen.
Wie können Konflikte gelöst werden?
Die erste Möglichkeit ist es, Interessen in Einklang zu bringen. Die Abstimmung von Interessen ist alles andere als einfach und macht es erforderlich, tiefliegende Anliegen zu erkunden, kreative Lösungen zu suchen, Kompromisse zu finden oder Zugeständnisse zu machen. Das gebräuchlichste Verfahren ist die Verhandlung als ein Prozess wechselseitiger Kommunikation mit dem Ziel, eine Einigung zu erzielen. Ein weiteres interessenbasiertes Verfahren ist die Mediation, bei der eine dritte Partei die Streitenden dabei unterstützt, zu einer Einigung zu gelangen.
Keineswegs konzentrieren sich alle Verhandlungen oder Mediationen auf den Ausgleich von Interessen.
Manche Verhandlungen zielen darauf ab, zu klären, wer im Recht ist. Damit ist die zweite Möglichkeit gegeben, wie Konflikte gelöst werden können. Rechte sind selten eindeutig. Häufig gibt es unterschiedliche bis widersprüchliche Maßstäbe, die Anwendung finden. Eine Einigung über Rechte zu erzielen führt oft dazu, dass die Parteien eine dritte Instanz einschalten, um zu klären, wer im Recht ist.
Eine dritte Möglichkeit besteht darin, zu klären, wer mehr Macht besitzt, beispielsweise wenn zerstrittene Parteien Drohungen und Gegendrohungen aussprechen. Macht auszuüben bedeutet in der Regel, der anderen Seite Kosten aufzuerlegen oder damit zu drohen. Die Ausübung von Macht nimmt typischerweise zwei Formen an: Direkte aggressive Handlungen sowie das Vorenthalten von Vorteilen, die aus einer Beziehung entstehen.
Häufig bestehen Verhandlungen aus einer Mischung aus aller drei Aspekte: Versuche, Interessen zu befriedigen, Diskussionen über Rechte sowie Verweise auf relative Machtverhältnisse.
Die drei verschiedenen Ansätze zur Konfliktlösung bringen unterschiedliche Kosten und Nutzen mit sich. Denkbar sind vier Kriterien zur Feststellung des „besten“ Weges: Die Bewertung der Transaktionskosten, die Bewertung der Ergebniszufriedenheit, die Bewertung der Konsequenzen auf die Beziehung sowie die Bewertung einer potenziellen Wiederkehr von Konflikten.
Die vier Kriterien hängen eng miteinander zusammen. Unzufriedenheit mit einem Ergebnis kann die Beziehung belasten, was wiederum die Wahrscheinlichkeit erneuter Konflikte und damit auch die Transaktionskosten erhöht. Vielfach werden die Kosten als „Konfliktkosten“ zusammengefasst.
Insgesamt gilt: Interessenorientierung führt meist zu höherer Zufriedenheit, Beziehungen bleiben stabiler, Konflikte treten seltener erneut auf und oft sind auch die Gesamtkosten geringer.
Auseinandersetzungen um Rechte verursachen meistens weniger Konfliktkosten als Machtkämpfe. Machtkämpfe sind meist deutlich teurer, sie zerstören oft Ressourcen und schaffen neue Konflikte, belasten Beziehungen stärker und führen häufiger zu neuen Streitigkeiten.
Trotzdem gibt es Fällen, in denen ein Interessensausgleich nicht ausreicht: Wenn eine Partei sich weigert, zu verhandeln. Wenn unterschiedliche Vorstellungen über Recht bestehen. Wenn Machtverhältnisse unklar sind. Wenn Interessen unvereinbar sind.
Konfliktlösung bedeutet nicht, Recht und Macht zu meiden, sondern gezielt und sparsam einzusetzen. Das Problem besteht darin, dass die Verfahren Recht und Macht häufig eingesetzt werden, obwohl diese gar nicht notwendig sind. Das Ziel ist daher ein Konfliktlösungssystem: Die meisten Konflikte werden durch den Ausgleich von Interessen gelöst, einige durch die Klärung von Rechten, und die wenigsten durch die Bestimmung von Macht.
Literatur:
[1] Roy J. Lewicki, David M. Saunders & Bruce Barry: „Negotiation“, McGraw-Hill, New York 2010


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