Was ist Austrofaschismus?

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Als „Austrofaschismus“ oder „Klerikalfaschismus“ wird die christlichsoziale Diktatur bezeichnet, die zwischen 1933/34 und 1938 in Österreich herrschte und sich eng an das faschistische Italien anlehnte. Zweifelsfrei ein Epoche, die im historischen Bewusstsein Südtirols fehlt und ausgeklammert wird, aber aus Südtiroler Sicht denkwürdig ist.

Während man in Südtirol mit italienischem Faschismus und deutschem Nationalsozialismus etwas anfangen kann, ist das Bewusstsein, dass Österreich zwischen 1934 und 1938 durch den Astrofaschismus autoritär regiert wurde, stark unterrepräsentiert und wird wohl auch gezielt unterschlagen, um niemanden mit Fakten zu „überfordern“.

Die Erste Republik bezeichnet in Österreich die Phase zwischen 1919 und 1934. Im Wesentlichen bestand die österreichische Innenpolitik aus einer Polarisierung zwischen Christlichsozialen und Sozialdemokratie. Beide Parteien erreichten in den Nationalratswahlen 1920, 1923, 1927 und 1930 jeweils zwischen 35 und 50 Prozent, während die restlichen, wenigen Prozentpunkte auf die deutschnationalen Bewegungen entfielen.

In den 10 Jahren zwischen 1922 und 1932 koalierten Christlichsoziale und Sozialdemokraten unter Führung der Christlichsozialen, jedoch mit laufendem Zuwachs für die Sozialdemokratie, die im Bereich der Arbeiterschaft und der Gewerkschaften ein Eskalationspotential in der Hand hielte und mit dem „Roten Wien“ den Staat jederzeit blockieren konnte.

Zur Polarisierung gehörte die Aufstellung paramilitärischer Einheiten: Auf christlich-sozialer Seite etablierte sich die „Heimwehr“, die ihren Beginn in der Nachkriegszeit zum Schutz gegen Plünderungen und jugoslawische Truppen nimmt, mit der Zeit jedoch einen antimarxistischen Kurs einschlug. Unterstützt wurde die Heimwehr durch Industrie, Unternehmen und Banken.

Auf der sozialdemokratischen Seite stand der „Republikanische Schutzbund“. Während die Sozialdemokratie die „Diktatur des Proletariats“ beschwor, lehnte sich die Christlichsoziale Partei an das faschistische Italien an.

Das Putschpotential, das von der außerparlamentarischen Heimwehr ausging, wurde durch die Verfassungsreform 1929 eingeschränkt. Mit dem Zusammenbruch der Creditanstalt 1931 vollzog sich allerdings eine wirtschaftliche und politische Zuspitzung.

Bereits am 12. September 1931 versuchte der „Steirische Heimatschutz“, der der Heimwehr-Bewegung angehörte, in Anlehnung an den faschistischen „Marsch auf Rom“ einen „Marsch auf Wien“ als Putschversuch („Pfrimer-Putsch“) durchzuziehen. Der Putschversuch scheiterte.

Kurt Schuschnigg legte 1932 als Justizminister dar, dass sich parlamentarische Systeme in wirtschaftlichen Krisen als ungeeignet erweisen würden.

Im Zuge innenpolitischer Krisen vollzog Bundeskanzler Engelbert Dollfuß am 4. März 1933 die „Selbstausschaltung des Parlaments“, am 15. März verhinderte die Polizei den Zugang zum Parlament, sodass die Nationalratssitzungeb verhindert wurde.

Gestützt hatte man sich Dollfuß auf das kriegswirtschaftliche Ermächtigungsgesetz von 1917. Die „Vaterländische Front“ wurde im Mai 1933 als parteiischer Träger des österreichischen Staatsgedankens gegründet, sie sollte „die politische Zusammenfassung aller Staatsangehörigen“ darstellen, „die auf dem Boden eines selbständigen, christlichen, deutschen, berufsständisch gegliederten Bundesstaates Österreich stehen“.

Der Allgemeine Deutsche Katholikentag, der vom 7. bis 12. September 1933 in Wien stattfand, war die groß angelegte und aufwendig gestaltete Massenveranstaltung der Vaterländischen Front, in deren Rahmen die enge Verbindung zwischen Kirche und Staat demonstriert wurde, wodurch die sich bald etablierende austrofaschistische Diktatur kirchliche Zustimmung erhalten sollte. Der Katholikentag markiert einen Höhepunkt des politischen Katholizismus in Österreich und den Vorbeginn des Austrofaschismus.

Infolge der Februarkämpfe 1934, auch als „Österreichischer Bürgerkrieg“ bezeichnet, standen sich die Sozialdemokratische Arbeiterpartei und die Heimwehr gegenüber. Der Konflikt kostete mehrere hunderte Tote. In der Folge wurden am 12. Februar 1934 alle Parteien bis auf die „Vaterländische Front“ ausgeschaltet. Bundeskanzler Dollfuß – inzwischen Diktator Dollfuß – regierte ohne Parlament und ohne Opposition.

Im Mai 1934 wurde der austrofaschistische Ständestaat mit Rückendeckung Benito Mussolinis proklamiert. Der Begriff Ständestaat bezeichnet die verfassungsmäßige Strukturierung des Staates in sieben berufsständige Hauptgruppen. Die Vaterländische Front strukturierte sich in emtsprechende ständische Gliederungen.

Der Ständestaat wurde repressiv ausgerichtet, die Einführung der Todesstrafe, ihre Exekution in Standgerichten, die gegen Regimegegner vollzogen wurde, sowie die Installierung von Internierungslagern sprechen eine deutliche Sprache. Im Anhaltelager Wöllersdorf wurden rund 5.000 Regimegegner interniert. Weitere kleine Lager befanden sich in Kaisersteinbruch (Burgenland), Graz-Messendorf und Nauders (Tirol).

Es greift, wenn man von neuesten Studien ausgeht, zu kurz, den Austrofaschismus als „Reaktion“ auf den Druck durch das faschistische Italien und auf den Druck durch das nationalsozialistische Deutschland zu deklarieren, indem der Austrofaschismus die „Unabhängigkeit Österreichs“ gewahrt hätte. Die innenpolitischen Gegebenheiten waren zur Begründung des Ständestaates nämlich wesentlicher als die außenpolitischen [3].

Engelbert Dollfuß war klerikal, monarchistisch und autoritär geprägt, lehnte sich in diesem Sinne an das faschistische Italien an. Die Uniformen des Bundesheeres wurden 1934 stilistisch an die Donaumonarchie angelehnt.

Am 17. März 1934 unterschrieben Engelbert Dollfuß, der ungarische Ministerpräsident Gyula Gömbös und Benito Mussolini in Rom die „Römischen Protokolle“, mit denen Vertrag Österreich enger mit Ungarn und dem faschistischen Italien zusammenarbeitete. Italien erhoffte sich Einfluss im Donauraum.

Im Zuge des Juliputsches wurde Dollfuß 1934 durch Nationalsozialisten ermordet. Am 29. Juli 1934 wurde Kurt Schuschnigg, der in Riva am Gardasee als Sohn einer Tiroler Offiziersfamilie geboren wurde, „Bundeskanzler und Frontführer“. Die Regierung wird als „Austrofaschismus“ oder „Klerikalfaschismus“ bezeichnet. Der Vatikan unterstützte den österreichischen Klerikalfaschismus.

Mit Massenaufegeboten wurde der katholische Kult zelebriert, ihm eine politische Dimension verliehen [4]. Es ging im wahrsten Sinne des Wortes um „Fronleichnam in Permanenz“.

„Österreich“-Ideologie [3]

Der „Österreich“-Begriff sah ein autonomes Österreich in einer deutschen Kulturnation vor, beanspruchte jedoch auch den mittelalterlichen Reichs-Begriff. Der Reichsgedanke, der aus Habsburg resultierte, definierte Österreich als Bindeglied zwischen deutschem Kulturraum und „den Völkern des Osten und Südens“. In diesem „Heiligen Reich“ fand die Katholische Kirche einen zentralen Platz.

Allerdings war Österreich außenpolitisch alles andere als in der Lage, derartige weltpolitischen Ansprüche zu stellen und umzusetzen.

Südtirol war im Beziehungsgeflecht, bestehene aus faschistischem Italien, austrofaschistisch Österreich und nationalsozialistischem Deutsches Reich ein permanentes Problem.

Die 125-Jahr-Feier des Tiroler Freiheitskampfes 1934 in Innsbruck hatte explizit ohne Nennung Südtirols zu erfolgen. Stattdessen stand der ermordete „Märtyrerkanzler“ Dollfuß im Mittelpunkt, der auf eine Ebene mit Andreas Hofer gestellt wurde. Der Tiroler Bundeskanzler und Frontführer Schuschnigg erwähnte Südtirol in seinen Grußworten mit keinem einzigen Wort. Genauso nannte kein Festredner Südtirol.

Einzig der Tiroler Landeshauptmann Franz Stumpf erinnerte in seinen Grußworten daran, dass Südtiroler am Tiroler Freiheitskampf beteiligt waren und überbrachte entsprechend Grüße nach Südtirol.

In der offiziellen Berichterstattung wurden die Südtirol-Worte des Tiroler Landeshauptmanns zensiert.

Anders die Bevölkerung. Im Festumzug marschierte eine „Gruppe Südtirol“ mit, die rund 80 Personen zählte und von den Zusehern mit „Heil Südtirol“ bejubelt wurde. Die Tiroler Presse verschwieg dieses Südtirol-Bekenntnis aus dem Volk.

Der „Bund Tiroler Schützenkompanien“ vermittelt den Austrofaschismus mehr als unkritisch: Von „Diktatur“ und Südtirol-Verbot ist mit Blick auf 1934 keine Rede

Das Südtirol-Gedenken erfolgte 1934 inoffiziell. Eduard Reut-Nicolussi, der im Widerstand zum Austrofaschismus stand, hielt am 9. Oktober 1934 am Andreas-Hofer-Denkmal in der Innsbrucker Hofkirche eine Rede, in der er festhielt: „Nicht vor den Waffen des Feindes ist die Treue auf eine schwere Probe gestellt, sie ist noch gefährdeter, wenn die Freunde uns im Stich lassen und wenn unsere eigene Schwachheit, unsere Selbstsucht und schwarzer Undank sie bedrohen“ [1].

Der 9. Oktober war als Vorabend zum Landestrauertag am 10. November gewählt. Reut-Nicolussi war von den österreichischen Behörden bereits im Vorfeld ermahnt worden, zurückhaltend zu sprechen.

Kanzler Schuschnigg ließ den Innsbrucker Sicherheitsdirektor Anton von Mörl an Reut-Nicolussi ausrichten, dass dem Kanzler die Wortspende Reuts sehr missfallen hatte. Spätestens 1935 war das Verhältnis zwischen Schuschnigg und Reut-Nicolussi nachhaltig zerstört.

Am 11. Juli 1936 schloss Schuschnigg mit der deutschen Regierung das sogenannte Juliabkommen. Es sah unter anderem die Amnestie für inhaftierte Nationalsozialisten vor, während die NSDAP weiterhin verboten blieb. In der Folge wurden jedoch Vertrauensleute der Nationalsozialisten in staatliche Funktionen eingebunden, darunter Arthur Seyß-Inquart als Mitglied des Staatsrates.

Mit dem „Anschluss“, der im März 1938 erfolgte, wanderte Österreich von der austrofaschistischen in die nationalsozialistische Diktatur. Dass der Austrofaschismus die Vorstufe zum Nationalsozialismus gewesen wäre, ist – gelinde gesagt – verleugnet die innenpolitischen Interessen der Austrofaschisten.

Literatur:

[1] Hans Heiss: „Treibsätze der Geschichtspolitik. Die Gedenkfeiern der Tiroler Erhebung 1909–2009“, Geschichte und Region 16, Bozen 2007

[2] Michael Gehler: „Eduard Reut-Nicolussi und die Südtirolfrage 1918–1958. Streiter für die Einheit Tirols“, Universitätsverlag Wagner, Innsbruck 2007

[3] Emmerich Tálos, Wolfgang Neugebauer: „Austrofaschismus – Politik, Ökonomie, Kultur“, LIT Verlag, Wien 2014

[4] Pia Janke: „Politische Massenfestspiele in Österreich zwischen 1918 und 1938“, Böhlau Verlag, Wien 2010c

2 Antworten zu „Was ist Austrofaschismus?“

  1. Avatar von Wer war Eduard Reut-Nicolussi? – Demanega

    […] 1935 prangerte er die österreichische Außenpolitik an, die sich zwischen 1933 und 1938 als „Austrofaschismus„ (oder Klerikalfaschismus) stark an das faschistische Italien anlehnte, […]

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  2. Avatar von Der italienische Faschismus in Südtirol – Demanega

    […] antikommunistische Tendenz, die eine faschistischen Militanz förderte, war auch in Österreich im Austrofaschismus […]

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