Vor die Schicksalsentscheidung gestellt: „Gehen oder Bleiben“ ergab sich für viele Südtiroler im Rahmen der „Option“, der Zwangsumsiedlung, die Dramatik, die gewachsene Heimat verlassen und eine „neue“ Heimat finden zu müssen.
Von den rund 250.000 zur Wahl aufgerufenen Südtirolern optierten rund 85 Prozent für das Deutsche Reich. Familienväter entschieden für die ganze Familie und standen vor der Verabschiedung aus der Heimat, aus einem Land, das über Jahrhunderte hinweg zur unmittelbaren „Heimat“ gemacht wurde. Effektiv ins Dritte Reich ausgewandert waren schlussendlich rund 75.000 Südtiroler.
Nach dem Weltkrieg eröffnete sich die Problematik im Sinne der Rückoption neu: Während Italien darauf drängte, dass all jene Südtiroler, die optiert hatten, das Recht zu einer Rückkehr verlieren sollten, spielte die Zeit insgesamt gegen die Rückkehr. Umso mehr zeitliche Distanz gegeben war, umso weniger dringend war für viele Südtiroler eine Rückkehr. Inzwischen hatte man eine neue Heimat gefunden, vielleicht neue Beziehungen aufgebaut, Familien gegründet. Und letztlich boten die „Südtiroler Siedlungen“ vielfach lebenswerte Heimaten.

Rund 20.000 bis 25.000 Südtiroler wanderten wieder nach Südtirol zurück. Das ergibt ein Saldo von rund 50.000.
Die 130 „Südtiroler Siedlungen“ in Österreich waren zwischen 1939 und 1945 in einem politisch brisanten Kontext entstanden. Die Dringlichkeit der Lage machte eine effiziente Bauweise erforderlich. Effizient einerseits, baulich modern andererseits und trotzdem ein Gefühl von Heimat vermittelnd: Wie konnte diesen, zum Teil widersprüchlichen Anforderungen besser Rechnung getragen werden als durch Rückgriff auf den Stil der „Stuttgarter Schule“?
„Die Planer der Südtiroler Siedlungen waren Architekten, deren Grundhaltung von der Stuttgarter Schule stark geprägt war, und deren Lehre mit großem Interesse aufgenommen wurde. Die Architekturphilosophie von Paul Schmitthenner, Paul Bonatz und Heinrich Wetzels hatte eine überzeugende Strahlkraft, welche die ehemaligen Stuttgarter Absolventen und Assistenten, wie Helmut Erdle, bei der Durchgestaltung der Siedlungen in ihre Projekte hineinprojiziert hatten“ schreibt Joachim Moroder [1].




Der Stadtplaner und Architekt Helmut Erdle war ab 1939 als Gausiedlungsplaner in Innsbruck für die neuen Siedlungen, hauptsächlich in Tirol und Vorarlberg, verantwortlich.
Moroder unterstellt den „Südtiroler Siedlungen“ einen „eigenen Charme“ und „hervorragende städtebauliche Qualitäten, welche man sich bei den neuen Wohnanlagen oft wünschen würde“. Die Lebensraumqualität entstehe im Zwischenraum, also im Freiraum zwischen den Bauwerken.
Und weiter: Man könne es „nicht nachvollziehen“, dass „eine Siedlung nach der anderen“ abgetragen werde, „um dann ohne Rücksicht auf städtebauliche Grundwerte gefühllose anonyme Baukörper in die Landschaft zu setzen“.

Abgesehen von der reinen Baukultur, von der Bausubstanz, geht es im Bereich der „Südtiroler Siedlungen“ um weitaus mehr: Um menschliche Schicksale in der Geschichte und um die Präsenz Südtirols in österreichischen Stadtbildern.
Literatur:
[1] Wittfrida Mitterer: „Südtiroler Siedlungen: Condominium in mind“, Universitätsverlag A. Weger, Brixen 2022


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