Tobias Wildauer: Schiller, der „reine Geist“ und die „siegende Intelligenz“

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Tobias Wildauer verwirft in seiner Rede zum hundertjährigen Geburtstag Schillers, die er 1859 vor der „gebildeten Gesellschaft“ der Universität Innsbruck gehalten hatte, die absolute Sittlichkeit bei Immanuel Kant, stellt ihr die Sinnlichkeit bei Friedrich Schiller entgegen:

Schiller, das Ideal einer vollendeten Menschheit im warmen Herzen tragend, erhob sich mit siegenden Gründen gegen diese unnatürliche Tyrannei. Jene Macht, die im Menschen Natur und Geist vereinte, die ihn als sinnlich-vernünftiges Wesen schuf, hat ihm eben dadurch die Verpflichtung angekündigt, die beiden Elemente nicht zu trennen, die sie in ihm verbunden. Die Pflichtmäßigkeit des Willens wird nicht verkürzt, ja nicht einmal verdächtigt, wenn ihm auch die Sinnlichkeit ihren Beifall schenkt. Im Gegenteil gewinnt die sittliche Denkart erst dann die rechte Bürgschaft ihrer Festigkeit und Dauer, wenn sie aus der ganzen Menschheit, aus der Harmonie beider Prinzipien als deren vereinigte Wirkung hervorquillt, d.h. wenn sie zur Natur geworden. Der Mensch hat daher die Natur, die in ihm dem Geiste beigesellt ist, nicht wie eine Last oder grobe Hülle wegzuschütteln, nicht wie einen Todfeind nur niederzuwerfen, sondern mit seinem höheren Selbst auf’s innigste zu vereinbaren und zu versöhnen. „Der niedergeworfene Feind kann wieder auferstehen , der versöhnte ist wahrhaft überwunden.“ “ Einen gleich treffenden Stoß führt er auch vom Standpunkte der Ästhetik. Kant’s Härte „schreckt alle Grazien zurück.“ Natürlich! Denn ist die Natur der unversöhnliche Widerpart des Geistes, so wird das Geistige sich nie in sinnlicher Erscheinung darstellen können, d. h. das Schöne (Anmutige) ist unmöglich.“

Daraus begründet Wildauer das Prinzip der sittlichen Freiheit: „Der Mensch unterwirft seine Neigung der Vernunft “ er handelt moralisch groß oder erhaben, weil alles das, und das allein groß ist, was von einer Überlegenheit des höheren Vermögens über das sinnliche Zeugnis gibt.“ Er opfert die Übereinstimmung der beiden Prinzipien dem Übergewicht der sittlichen Freiheit, d. h. er opfert die Schönheit der Handlung der moralischen Größe auf. So gründet denn Schiller die Lehre vom Schönen auf das Prinzip der Humanität, die Lehre vom Erhabenen auf das Prinzip der Freiheit.“

Festrede Tobias Wildauer

Die Tugend allein sei nicht zielführend, es gehe im wahrsten Sinne darum, das Sinnvolle mit dem Angenehmen zu vereinen:

Schiller mahnt daher den Jünger der Wahrheit und Schönheit, der auf das widerstrebende Jahrhundert wirken will, im schönen Spiele seine bildende Hand zu versuchen; denn der Ernst der Grundsätze wird die erschlafften Zeitgenossen zurückscheuchen, aber im Spiele werden sie dieselben noch ertragen. Ihr Geschmack ist keuscher und offener, als ihr Herz. „Hier musst du den scheuen Flüchtling ergreifen. Verjage die Willkür, die Frivolität, die Rohigkeit aus ihren Vergnügungen, so wirst du sie unvermerkt auch aus ihren Handlungen, endlich aus ihren Gesinnungen verbannen. Wo du sie findest, umgib sie mit edlen, mit großen, mit geistreichen Formen, schließe sie ringsum mit den Symbolen des Vortrefflichen ein, bis der Schein die (platte) Wirklichkeit und die Kunst die (widerstrebende) Natur (versöhnend) überwindet““.

Tobias Wildauer appelliert an den „reinen Geist“ und an die „siegende Intelligenz“:

Liegt das Schöne in der Harmonie der Sinnlichkeit mit der Vernunft, so liegt das Erhabene in ihrem Widerstreit, in dem die Vernunft siegend die Natur sich unterwirft. Ist der Mensch im Schönen ein vollendeter Bürger der Natur, ohne deren Sklave zu sein, so offenbart er sich im Erhabenen als Bürger einer intelligiblen Welt; die schöne Seele wandelt sich in eine heroische um und erhebt sich zur reinen Intelligenz. Macht sich das Schöne „bloß um den Menschen“ , so macht sich das Erhabene „um den reinen Geist in ihm“ verdient. Schiller erkennt nur geistige Erhabenheit an, wie sie namentlich in der Tragödie sich entfaltet. Die tragische Kunst hat ihre Bedeutung darin, dass sie die siegende Intelligenz, „die geistige Unabhängigkeit von Naturgesetzen im Zustand des Affektes versinnlicht“. Das freie Prinzip in uns kann sich nur durch den Widerstand offenbaren, den es der Gewalt natürlicher Gefühle entgegenstellt.“

Der tragische Held zeichne sich dadurch aus, dass er das Leiden zwar tief und innig fühlte, aber doch nicht davon überwältigt werde. Man mag in diesen Zeilen an die Helden denken, die trotz Demütigung und Unterdrückung ihr Schicksal mit Ehre, Würde und Tiefe ertrugen und die dem Unrecht mutig die Stirn boten, indem sie an das höhere Ideal glaubten, das sich über die Willkür der jeweiligen Zeit hinwegsetzt.

Macht uns das Schöne frei, weil in ihm die sinnlichen Triebe mit der Vernunft harmonieren, so gibt uns das Erhabene das Gefühl der Freiheit, weil hier der Geist zeigt, dass er die Gesetzgebung der Natur zurückweisen und so handeln kann, als ob er nur unter der eigenen stünde“ schreibt Tobias Wildauer und zitiert Schiller:

Kannst du nicht schön empfinden, dir bleibt doch vernünftig zu wollen Und als ein Geist zu thun, was du als Mensch nicht vermagst.

Freiheit liebt das Tier der Wüste, Frei im Äther herrscht der Gott, Ihrer Brust gewaltge Lüste Zähmet das Naturgebot; Doch der Mensch, in ihrer Mitte, Soll sich an den Menschen reihn, Und allein durch seine Sitte Kann er frei und mächtig sein.

Während Tobias Wildauer kein Anhänger Immanuel Kants war, war Alois Riehl ein Vertreter des Neukantianismus.

Tobias Wildauer erinnert daran, dass es darum gehe, „uns zu edler Tat“ zu begeistern, „unser ganzes Leben lang“. Mit dem Motiv der „siegenden Intelligenz“, die das Leid erträgt, nach dem „reinen Geist“ und nach „Erhabenheit“ strebt, untermauert er, dass es letztlich die hohen Ideale sein werden, die gewinnen werden, nämlich: Das Schöne, Wahre und Gute.

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