Was für die Klerikalen der Papst und für die Sozialisten Karl Marx, war und ist für die Freiheitlichen der „Dichter der Freiheit und des Vaterlandes“, Friedrich Schiller. Es wird Zeit für eine Rückbesinnung.
Friedrich Schiller, geboren am 10. November 1759 in Marbach am Neckar und verstorben am 9. Mai 1805 in Weimar, steht wie kein anderer Dichter für die Freiheit der deutschen Nation.
1859 stand der Neoabsolutismus, den die Habsburger praktizierten, mit Zensur, Bespitzelung und Unfreiheit vor dem Aus. Außenpolitische Krisen verstärkten die innere Brüchigkeit, Die deutsche Revolution 1848/49, die die Haburger blutig niederschlagen ließen, war seit 10 Jahren vorbei.
„Unter allen deutschen Dichtern ist keiner so allgemein verbreitet und gekannt und verehrt als Schiller. Alle Stände lesen und lieben ihn, in allen Familien sind seine Werke anzutreffen, und selbst der unbemittelte Student, der oft kaum zu leben hat, spart sich das Geld vom Munde ab, um einen Schiller zu kaufen und sich an den Schöpfungen des herrlichen Sängers zu begeistern.“
„Innsbrucker Nachrichten“ am 14. November 1859
Der 100. Geburtstag Friedrich Schillers stellte 1859 als Schillerfest überall in Deutschland ein nationales Bekenntnis dar und wurde in Österreich explizit als Deutschbewusstsein zelebriert, sowie als Erinnerung an die blutig niedergeschlagene Revolution 1848/49, war folglich eine politische Spitze gegen Habsburg. So auch in Bozen.
Der 100. Geburtstag Friedrich Schillers 1859 sollte die Abkehr von willkürlichen politischen Systemen und die Orientierung nach der ganzen deutschen Kulturnation untermauern. Es war ein offener Affront gegen jene Klerikalen, die feudal-provinzialistische Machtstrukturen am Leben halten wollten.
Die Schillerfeste wurden in ganz Deutschland begangen, so auch in Innsbruck und Bozen.
In Innsbruck war Tobias Wildauer federführend daran beteiligt, dem Schillerfest den notwendigen geistigen Grund zu geben, schrieb die Festschrift und hielt die Festrede an der Universität Innsbruck am 10. November 1859.


Tobias Wildauer ehrte den Genius Schiller: „Das nationale Leben fiel zur Zeit seines Schaffens in die bunteste Vielfalt und Mannigfaltigkeit von Kreisen auseinander. Da trat der Genius hinein und lockte sie alle zusammen in seinen Zauberbann. Was er aus dem gemeinsamen Culturleben sich holte, was er aus der Tiefe seines eigenen Geistes schöpfte, das legte er liebevoll hinein in die Mitte aller Stämme und Stämmchen als ein gemeinsames Gut, an dem alle zehren, sich nähren, Labung und Erquickung finden konnten. Es war damit ein geistiges Centrum gegeben, in dem alle sich begegnen sollten — und sie kamen heran, schlossen sich verständnissinnig aneinander, geeinigt durch den gleichen geistigen Besitz, verknüpft durch die gleiche Liebe zum Schönen, durch die gleiche Erwärmung der Herzen, durch die gleiche Läuterung des Gefühls, durch den gleichen Stolz auf den nationalen Geist. Durch das Morgenthor der Kunst führte er sie auf den Boden geistigen Verständnisses und mittelbar auch auf die Stätte gemeinsamer Thaten. War in Schiller’s Tagen von nationalem Sinne kaum eine Spur, da man sogar das tausendjährige Reich ohne Schamerröthen zusammenbrechen, ohne Sang und Klang begraben liess, so leuchtete doch bald die Flamme gemeinsamer Begeisterung empor. Und unter den bewegenden Mächten, die zu den Befreiungslagen von 1813 führten, war dieses geistige Band, das er um die Nation geschlungen, gewiss eine sehr wirksame Potenz. Denn am Ende ist es ja doch immer der Geist, der die Geister aneinanderzwingt. Man denke an Görres und an Fichte. Dazu ist Schiller der Dichter, der das Gefühl am kräftigsten beherrscht, durch Hass und Liebe das Gemüth sittlich hebt; er ist der Dichter der energischen That, setzt der rohen Gewalt überall die siegende Macht des Willens entgegen und ist daher der wahre Sänger für ein kräftig aufstrebendes Geschlecht. Aeschylos hat einst selbst die Befreiungsschlacht bei Salamis mitgeschlagen; Schiller war schon todt, als von den Bergen Tirols die ersten Feuerzeichen der Erhebung aufleuchteten, als auf den Feldern von Aspern zum ersten Mal jener Gewaltige erlag, dem er schon 1804 in einem merkwürdigen prophetischen Gedichte „An Napoleon“ den nahenden Sturz verkündigt hatte — Schiller war schon todt, als die auch durch seinen Geistesruf geweckte Nation sich erhob. Aber er hat seinen Zögling, Theodor Körner, als Stellvertreter ausgesandt, um mit Leier und Schwert für die gemeinsame Sache zu kämpfen, um den Sieger von Aspern zu besingen und durch diesen Triumphgesang die Geister für die Tage von Leipzig aufzurufen; er hat Tausende von Jünglingen aus allen deutschen Schulen ausgesandt, beseelt und gestärkt durch den Anhauch seines Geistes. In ihren Herzen stand und aus ihren Thaten leuchtete des todten Sängers mahnend Wort:
An’s Vaterland, an’s theure, schliess dich an, Das halte fest mit deinem ganzen Herzen; Hier sind die starken Wurzeln deiner Kraft.
Kein Wunder, dass die Nation einem Geiste gewogen ist, der ihr Liebstes und Theuerstes in sich vereinigt, und dass sie ihm eine Feier bereitet, wie sie noch keinem geistigen Heros je zu Theil geworden. Und wir in Oesterreich haben doppelt Grund dazu. Nach dem Verfall des heiligen Reiches deutscher Nation zog sich Oesterreich, durch widrige Verhältnisse aller Art veranlasst, auf sich selbst zurück und es ruhten fast alle Beziehungen zu der Nation, von der wir die kräftigsten Glieder sind. Da war es vorzüglich die Literatur, was die Gemeinsamkeit noch aufrecht hielt. Und insbesondere war es wieder Schiller, der mit Geisteshand die Fäden knüpfte, die uns den Zusammenhang mit dem Mutterherzen vermittelten, aus dem so unsichtbar eine ununterbrochene Strömung lebendigen Geistes und warmen Sinnes in unsere Adern überfloss. Kaiser Franz Josef’s Regierung warf mit kräftiger Hand die Schranken nieder und stellte die Gemeinsamkeit, wie auf dem Boden der materiellen Interessen, so auf dem Gebiete der intellectuellen Cultur wieder her. Aus Seiner Hand erhielt der deutsche Geist das volle Recht der Freizügigkeit durch alle Gebiete des weiten Reichs. Er wird sie durchwandern und die Aufgabe vollbringen, die ihm der Geist der Weltgeschichte so unzweideutig angewiesen hat. Der deutsche Ursprung des Herrscherhauses, der deutsche Kaiseraar, der seine Fittige ausstreckt über die vielsprachigen Lande, ist ein sicherer Fingerzeig für die Culturmission des deutschen Geistes. Przemysliden und Arpaden haben es mit gewaltigen Mitteln versucht ein grosses Donaureich in der Mitte Europa’s aufzurichten: was ihren überlegenen Kräften nicht gelang, die deutsche Dynastie der Grafen von Habsburg hat’s vollbracht. Sie war und ist der Einigungspunkt, um den sich die Völker der verschiedensten Zungen schaaren. Wie verschieden auch heute noch ihre Gesittung sein mag, die stille friedliche versöhnende Macht einer überlegenen Cultur wird die Gegensätze wegschmelzen und die Völker auch in geistiger Einheit verknüpfen. Es liegt in der Natur des deutschen Geistes nicht zu zerstören, sondern zu bauen, nicht zu verwirren, sondern zu reinigen und zu läutern. Er wird’s vollbringen und welche Sprache auch die verschiedenen Völker reden mögen, er wird sie zu geistigem Einverständniss führen. Nur durch den Geist werden die Geister überwunden, indem er sie durch gemeinsame höhere Sittigung versöhnt. Darum wollen wir alle Thore offen halten für den Einzug deutscher Wissenschaft und Kunst, und feiern wir den heutigen Tag einmal als Angehörige der deutschen Nation und dann als Bürger Oesterreichs insbesondere mit dem Wunsch, dass die Gebieter im Reich des Wissens und des Könnens, Schiller in erster Reihe, ihren Sieges- und Versöhnungsgang durch die weiten Gauen des Kaiserreiches bald vollenden mögen.“
Joseh Streiter verfasste den Prolog der Schillerfeierlichkeiten, die 1859 in Bozen stattfanden.
Im Jahr 1905, zum 100. Todestag am 9. Mai, hielt Professor Friedrich Stolz, Corps Rhätia, die Schillerrede in Innsbruck und ehrte „den Sänger der Freiheit und des Vaterlandes“. Schiller fand im Volk breite Anerkennung. Wenngleich das freiheitliche Lager die Feierlichkeiten veranstaltete, widersetzten sich Klerikale und Sozialdemokraien 1905 nicht [1].
Literatur:
[1] Irmgard Plattner: „Fin de Siècle. Provinzkultur und Provinzgesellschaft um die Jahrhundertwende“, Studienverlag, Innsbruck 1998


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