Teil 4 von 5: Barock und Klassizismus (in Südtirol)

Die Entwicklung, die mit der Renaissance ihren Anfang nahm, setzte sich in Manierismus und Barock fort, indem die in der Renaissance noch stringenten Formen zunehmen verspielt und ungebunden wurden. Der Manierismus ist als „Ausdruckssteigerung durch Regelbruch“ erklärbar [1].

Im Übergang zum Barock erahnt Massimo Listeri ein Infragestellen des rationalistischen Weltbildes, wie es in der Renaissance noch zentral war. Das 16. Jahrhundert war ein ereignisreiches Jahrhundert in Europa: „Diese Umstände bewirkten eine allgemeine Verunsicherung, die sich auch in der Geistesgeschichte der Zeit niederschlug (…) Die Gewissheit des Menschen, im Mittelpunkt des Universums zu stehen und den Kosmos zu begreifen, die die großartigen Entwicklungen der Renaissance getragen hatte, war verloren. Eine Reaktion darauf war, dass die Natur als Grundlage des Lebens mit ihren auch beängstigenden, nicht zu beherrschenden Kräften zu einem wichtigen Gedanken und beispielsweise in der Gartenkunst zum dominierenden Element wurde“ schreibt Massimo Listeri [2].

Insgesamt ist der Barock die Übertragung des Malerischen auf die Fassaden. Michelangelo legte als Architekt der Hochrenaissance bei seinen Bauwerken die Poesie eines Bildhauers an den Tag und entwickelte die Gebäude bildlich weiter. Daran sollte man im Barock anknüpfen.

Politisch ist im Barock die Zeit des Absolutismus erreicht. Die absoluten Herrscher setzten sich ihre absoluten weltlichen Denkmäler.

Auf politischer Seite stellen sich ebensolche Veränderungen ein. Seit dem Dreißigjährigen Krieg bekleidet Frankreich die Vormachtstellung in Europa. Im Absolutismus setzt sich der französische Hof mit dem pompösen Barock ein stilistisches Markenzeichen.

Eine besondere Ausprägung findet der Barock in Sizilien. War der Barock-Stil bis ins 17. Jahrhundert in Sizilien nicht sonderbar ausgeprägt, veranlasste das Erdbeben von 1693 größer angelegte Bauprogramme, die sich im Barock niederschlugen, dabei allerdings regionale Besonderheiten wie gewölbte Fassaden, starke Verschnörkelung sowie dämonische Masken in den Stil einfließen ließen.

Mit der Aufklärung wird das tradierte Weltbild wesentlich in Frage gestellt. Die Entmystifizierung der Welt im Sinne des Rationalismus setzt an. Nach Ákos Moravánszky ist es zuallererst René Descartes, der Materie (res extensa) und Geist (res cogitans) als völlig unabhängige Bereiche erachtet [3].

In der Aufklärung setzt sich in der Folge die Idee von der Rationalität in der Natur durch, womit auch der Versuch gewagt wird, die Natur „richtig“ und vernünftig zu gestalten. Grundsätzlich bedingt diese Weltauffassung eine Erhebung über die Natur, die in manch kühnem Entwurf resultiert.

Mit der Französischen Revolution und einem Herrschaftsanspruch, der im Gegensatz zum Barock auf der Volkssouveränität gründet, werden die Formen wieder nüchterner und orientieren sich an der Stringenz der klassischen Antike [4]. Napoleon Bonaparte griff bewusst auf den Klassizismus zurück, um sein Weltreich zu begründen, der fortan als „Empire“-Stil Bekanntheit errang.

Der Klassizismus sollte im Gegensatz zur Renaissance, die zwar vorrangig an der klassischen Antike, aber auch am Mittelalter Anleihen nahm, künstlerisch „reiner“ sein und dabei an elementaren Prinzipien der Antike und der Frührenaissance anknüpfen. Begleitet wurde der Klassizismus in den Geisteswissenschaften vom Idealismus, der die Antike zur gesellschaftlichen Idealvorstellung erklärte und davon ausgeht, dass die Wirklichkeit durch die Erkenntnis bestimmt ist, sowie durch Entdeckungen in der Archäologie und Forschung.

Es setzt die Entmystifizierung der Welt an.

Für Preußen wirkte Karl Friedrich Schinkel prägend. Schinkel, der in einer Studienreise Böhmen, Österreich, Italien, Sizilien und Frankreich bereiste, ist zwischen Klassizismus und Historismus einzuordnen. Im Rahmen der französischen Fremdherrschaft stand Schinkel unter dem Einfluss der deutschen Romantik und ersann in patriotischer Gesinnung einen „deutschen“ Baustil in Anlehnung an die Gotik. Erst unter dem Einfluss von Wilhelm von Humboldt sollte Schinkel den Anschluss an die klassische Antike finden und darin die gesellschaftliche Idealität erkennen.

In seinen Entwürfen wich Schinkel allerdings immer wieder vom klassischen Stilkanon ab und interpretierte diesen anders und neu.

Schinkel prägte das öffentliche Bauen in Preußen entscheidend. Dabei war Schinkel an einer funktionalen sowie ästhetischen und monumentalen Baukunst gelegen. Die finanziellen Nöte Preußens zwangen ihn in seinen Entwürfen zu Rationalisierung und Sparsamkeit. Vielleicht wurde gerade dadurch eine neue Qualität des Bauens erreicht, die Ästhetik mit Rationalität verbindet.

Preußens Gloria ist heute ästhetisch untrennbar mit Schinkel verbunden.

In der Biedermeier-Zeit vollzog sich gesellschaftspolitisch die Hinwendung zur Privatheit. Der Klassizismus, der der Baustil der politischen Restauration war, schlägt sich im profanen Bauen als Biedermeier durch. Nach Revolution und Aufstand sehnte sich die Gesellschaft förmlich nach Ruhe.

Bürgerlicher Lebensentwurf, Freizeitgestaltung, kulturelle und geistige Kontemplation, Musik, Theater und Literatur gewannen an Bedeutung. In der Biedermeier-Zeit wurden – auf die Stadt bezogen – die Vororte „entdeckt“ und der ländliche Raum in Form der Sommerfrische oder als Ausflugsziel erschlossen. Das schlägt sich besonders n den Dörfern und Städten in der Wiener Umgebung nieder, in denen sich Biedermeier-Architektur und Naturerlebnis vereinen.

Der Biedermeier-Stil kann gestalterisch als die „Erfindung der Einfachheit“ bezeichnet werden: „Reduktion auf einfache Geometrien, Verzicht auf Kleinteiligkeit, Dekor und Ornament und dennoch die Anlehnung an Formen aus der Natur“ [5].

Indessen war man längst in der Romantik angelangt.

Und Südtirol

Südtirol erhält im Barock wichtige neue Impulse. Südtirol befindet sich kulturell zwischen Süden und Norden und wurde durch beide Kulturräume gestalterisch und künstlerisch wechselhaft beeinflusst.

Dazu schreibt Erich Egg: „In einer solchen Grenzlandschaft sind Kultureinflüsse von Nord und Süd nicht nationale Aussagen, sondern Anerkennung neuer Ideen, woher auch immer sie kamen. In der Gotik kamen sie von Norden, in der Renaissance und im Barock von Italien“ [6]. Wobei gerade im Barock der Einfluss des süddeutschen Raumes in Südtirol wesentlich ist.

Auf die Renaissance folgte der Barock. Durch die Zerstörungen des Dreißigjährigen Krieges setzte ab 1650 in Bayern und Österreich eine Bauwelle ein. Tirol wurde vom Krieg verschont, sodass sich durch wirtschaftlichen Aufschwung und religiöse Begeisterung eine Blüte der Baukünste vollzog. Es zieht in der Folge die Barockkunst durch das Land, die zahlreichen Kirchen bis heute hin ihr Aussehen gibt. Kirchen wurden in der Barockzeit entweder neu gebaut oder barockisiert. Kennzeichnend ist der barocke „Zwiebelturm“ sowie die reiche Innengestaltung, in welcher Golf nicht fehlen darf.

Typisch für den Barock in Österreich ist die ockergelbe Gestaltung der Fassaden durch das Pigment Goldocker, das im Wesentlichen aus Eisenoxiden besteht. Kaiser Joseph II. verordnete ab 1780 zur Förderung seiner böhmischen Ockergruben die Verwendung des so genannten „Schönbrunnergelbes“ [4], welches die barocke Baukunst in der Habsburgermonarchie charakterisierte. Diese Gelbfärbung prägte fortan die Erscheinung von Kirchen, Regierungsgebäuden und Schlössern. Eisenoxidpigmente bilden farblich gelben oder roten Ocker hervor.

Insgesamt ist der Barock ein Fest des Lebens. Vielfach kann das alles auch als zu pompös, zu künstlich, zu wenig bodenständig im Gegensatz zum erdenden Charakter, den etwa die Romanik an den Tag legt, aufgefasst werden.

Literatur:

[1] Naujokat, Anke: „Die Architektur der Renaissance und des Manierismus“, Handbuch Rhetorik der Bildenden Künste, Bamberg 2017

[2] Listeri, Massimo: „Villen und Palazzi in Italien”, Tandem Verlag, Potsdam 2007

[3] Moravánszky, Ákos: „Stoffwechsel – Materialverwandlung in der Architektur“, Birkhäuser, Basel 2018

[4] Hueber, Friedmund: „Farbgestaltung historischer Fassaden in Wien“, Stadtentwicklung Wien, Wien 2008

[5] Meyer, Friederike: „Biedermeier. Die Erfindung der Einfachheit“, Bauwelt 15-16, Berlin 2007

[6] Karl Egg: „Kunst im Südtiroler Unterland“, Athesia Verlag, Bozen 1988

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