Teil 1 von 5: Antikes Bauen – Rom und die Folgen

Die natürliche Umgebung ist die eine Seite. Was Menschen daraus machen, indem sie ihre Umgebung physisch wandeln und verwandeln, die nächste. Durch welche Bilder, Symbole und Moden Menschen dabei zu verschiedenen Zeiten geprägt werden, stellt die Dinge in einen bestimmten kulturellen und gesellschaftlichen Kontext und gibt der Landschaft eine Bedeutung und eine entscheidende Prägung.

Der Begriff „Architektur“ geht aus den griechischen Begriff „archè“ für Anfang oder Ursprung und „téchne“ für Handwerk oder Kunst hervor. Die Architektur bezeichnet gewissermaßen die erste Kunst, weil sie die erste Reflexion der Landschaft im Kunstwerk sowie des Kunstwerks in der Landschaft ist.

Bauen ist im Gegensatz zu anderen Künsten keine rein geistige Tätigkeit. Das Resultat erfasst immer eine materielle Wirklichkeit. Und vor allem um gelebte Wirklichkeit, die sich in den Nutzen menschlicher Bedürfnisse zu stellen hat. Die Materie, aus der Natur bezogen, wird durch die Konstruktion in Szene und in Form gesetzt. Ins Spiel kommt die Ästhetik.

Beim Bauen geht es in hohem Maße um Repräsentation. Repräsentation ist ein menschliches Bedürfnis, das untrennbar mit unserer Identität zusammenhängt. Wir definieren uns nicht nur durch uns selbst und durch das, was wir als Persönlichkeit ausdrücken, sondern vor allem auch durch den erweiterten Persönlichkeitsraum. Die erste Ebene umfasst unsere Haut, die zweite Ebene unsere Kleidung und die dritte Ebene sodann schon die Räume um uns herum.

In der Antike findet erstmals eine Unterscheidung zwischen jenen Bereichen statt, die dem Boden zuzuordnen sind – und folglich als „Natur“ zu bezeichnen sind – und jenen Bereichen, die einer geistigen und künstlerischen Betätigung entspringen und „Kultur“ sind. Die beiden Bereiche sind von ihrem Ursprung her kein Widerspruch. Das vom Menschen Gestaltete verstand sich zwar in Kontrast zur ursprünglichen Natur, aber auch im Dialog.

Der Begriff „Kultur“ kommt vom Lateinischen „cultura“ und meint die Bebauung, Bearbeitung und Pflege. Anfangs auf die landwirtschaftliche Kulturalisierung bezogen, bekommt der Begriff eine zunehmend geistige Bedeutung und bezieht sich auf die geistigen Ergebnisse menschlicher Betätigung.

Zu diesem Wesen von Kultur schreibt Hartmut Böhme: „“Kultur“ enthält die lateinischen Wurzeln von colere, cultus, cultor, cultura, colonia etc. Gemeint sind damit solche (zunächst agrikulturellen) Einrichtungen, Handlungen, Prozesse und symbolischen Formen, welche mithilfe von planmäßigen Techniken die ‚vorfindliche Natur‘ in einen sozialen Lebensraum transformieren, diesen erhalten und meliorisieren, die dazu erforderlichen Fertigkeiten (Kulturtechniken, Wissen) hochhalten, pflegen und entwickeln, sowie das dabei Hochgeschätzte (die Wertebene) in eigens ausdifferenzierten Riten begehen und befestigen (Religion, Feste, Pädagogik…) sowie soziale Ordnungen und kommunikative Symbolwelten schaffen, welche kommunitären Gebilden im Ganzen wie den Einzelnen eine durative Stabilität verschaffen“ [1].

Bodenkultur, Agrikultur, Baukultur – Mit der klassischen Antike entwickelt sich die Ästhetik aus dem Boden heraus

Der Architekt Paul Bonatz, welcher der Stuttgarter Schule zuzuordnen ist, schreibt zu diesem Kontrast, der sich mit der Antike eröffnet: „Alles in der Landschaft ist frei bewegt, geschwungen, gerundet, Hügel, Buchten, knorrige Olivenbäume, Felsen, gewundene Wege, es gibt nichts Regelmäßiges. Also muss das Werk der Menschenhand das Gegensätzliche werden: Geometrie, die Regel, die Strenge, die Horizontale und die Vertikale. Eine rechtwinklige Plattform aus großen Steinquadern, um einige Stufen erhöht, hat für sich allein schon eine so große Ordnungskraft, dass von hier aus „das Weltbild bestimmt wird““ [2].

Der römische Baumeister Vitruv, der im 1. Jahrhundert vor Christus lebte, hinterließ das einzig erhaltene schriftstellerische Werk über das römische Bauen. Für Vitruv besteht Baukunst in Stabilität (firmitas), Zweckmäßigkeit (utilitas) und Anmut (venustas) des Gebäudes. Anmut versteht sich als das ästhetische Moment in der Architektur. Dazu führt Vitruv die folgenden Grundbegriffe der Bauästhetik ein: Die Anordnung (ordinatio) meint die Berechnung des Bauwerkes und seiner Einzelteile aus einem gemeinsamen Grundmaß heraus. Die Symmetrie (symmetria) steht für die Gleichmäßigkeit der Teile zueinander und zum Ganzen. Die Raumaufteilung (dispositio) ist die Verteilung der Massen in Grundriss, Aufriss und in der Perspektive. Die Eurythmie (eurythmia) bezeichnet das anmutige Aussehen des Baues. Das fehlerfreie Erscheinungsbild (decor) zeichnet sich im Ornament und durch die Anpassung des Bauwerkes an die Umgebung aus. Letztlich geht es um die angemessene, ökonomische Zuteilung der Baumaterialien und des Baugrundes (distributio).

Vitruv befasste sich auf baupraktischer Seite mit der Natur, dem Formen der Natur, ihrer Beherrschung, Kultivierung und Vermenschlichung. Das Gesamtwerk ist als Erhöhung der Natur im Sinne eines größeren Ganzen zu verstehen. Die Kategorien, in denen Vitruv argumentierte, waren: Festigkeit, Nützlichkeit, Schönheit, Maßordnung, Anmut, Symmetrie – der Einordung in das größere Ganze -, Konzeption und Erscheinungsbild [3].

Vitruv ist allerdings auch machtpolitisch zu rezipieren und in das augustinische Staats- und Herrschaftssystem einzuordnen. In einer Zeit, in der Rom zunehmend als blutrünstiger Raubstaat aufgefasst wurde, strebte man auf römischer Seite nach Herrschaftslegitimation und suchte und fand die eigene Glaubwürdigkeit, Sittlichkeit und Zivilisiertheit im Hellenismus und in einem entsprechenden Menschenbild [4]. Parallel zur Romanisierung des römischen Reiches vollzieht sich eine bewusst vollzogene Einordnung Roms in das geistige Erbe Griechenlands und die Etablierung Roms als Kulturnation, wozu der Rückgriff auf eine idealistische Ästhetik zweckdienlich war. Vitruv, der seine Zehn Bücher explizit Augustus widmet, ist kaum von diesem machtpolitischen Konnex zu trennen.

Anders ausgedrückt kann behauptet werden, dass die antike Schönheit die römische Herrschaft und das römische Machtsystem im Sinne einer „Zivilisierung“ der „barbarischen“ Völker legimitieren sollte und gewissermaßen die „Wiedergutmachung“ für die Unterwerfung der „anderen“ war.

Geblieben ist allerdings das, was wir Kultur und Zivilisation nennen. Wobei Kritik an diesen einseitig aufgefassten Begriffen berechtigt ist. Insbesondere aus Sicht der „Unterworfenen“, deren Weltbild, das in hohem Maße naturalistisch war, eingeebnet wurde.

Der italienische Bauingenieur Pier Luigi Nervi schreibt zur römischen Architektur, dass sich darin ein Menschen- und Weltbild eröffnen würde: „So erhalten wir die Vorstellung von einer Gesellschaft, die sich dem Schönen verpflichtet fühlt, – einer auf Harmonie der Formen und des  Gleichgewichts beruhenden Schönheit, die von allen in gleicher Weise hoch geschätzt wird. In diesem Sinn für das Schöne findet sie den Ausgleich für die Mühen, die mit jeder vollkommenen Leistung verbunden sind. Auch die grandiosen steinernen Monumente Roms zeigen über ihre Architekturkonzeption und durchdachte Statik hinaus eine bewundernswerte Akribie der Ausführung in jeder noch so unbedeutenden Einzelheit. Sie wäre in diesem Grade nicht vorstellbar ohne die ideelle Bindung des Handwerkers an seine Arbeit und ohne das natürliche Verständnis des Einzelnen für den edlen Zweck einer Tätigkeit“ [5].

Wie bauen? Eine interessante Frage ohne klare Antworten. Wenn uns beim Bauen an Symmetrie, Harmonie, Regelmäßigkeit gelegen ist, wir unsere kreative Individualität zu konditionieren und begrenzen wünschen, um damit letztlich an Größeres anzuknüpfen, etwa an eine jahrtausendealte Kultur, dann knüpfen wir an die klassische Antike an. Letztlich büßen wir Individualität und Kreativität ein, gewinnen aber kulturelle Tiefe und ordnen uns in die Unendlichkeit ein. Ein Kompromiss, der sich stark bezahlt macht.

Literatur:

[1] Hartmut Böhme: „Was ist Kulturwissenschaft?“, Europa-Universität Viadrina, Frankfurt an der Oder 2001

[2] Paul Bonatz: „Leben und Bauen“, Engelhornverlag Adolf Spemann, Stuttgart 1950

[3] Vitruv: „Zehn Bücher über Architektur: Dr architectura libri decem“, Marix Verlag, Wiesbaden 2015

[4] Hans-Joachim Fritz: „Vitruv: Architekturtheorie und Machtpolitik in der römischen Antike“, LIT Verlag, Münster 1995

[5] Pier Luigi Nervi, & Filippo Coarelli: “Monumente großer Kulturen. Rom”, Ebeling Verlag, Wiesbaden 1979

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