Immobilien, Kapital, Spekulation und materielle Werte

Träume werden Wirklichkeit und Materie

Die Baubranche gilt nicht zufällig als Richtwert und Seismograph für gesamtwirtschaftliche Entwicklungen. Gerade in einer unsicheren wirtschaftlichen Lage, wie sie derzeit vorherrscht, und die nicht nur durch die Pandemie, sondern ebenso durch zunehmende kollektive Verschuldung, politische Instabilität und eine Bürokratie ohne Verankerung in der wirtschaftlichen Praxis bedingt ist, ist die Bautätigkeit ein wesentlicher Indikator und Motor.

Wenngleich die Baubranche durch die derzeitige Situation auch weniger beeinträchtigt ist als andere Branchen, so schlagen sich negative Tendenzen mit zeitlicher Verzögerung – schon alleine aufgrund der zeitintensiven Abläufe bei Bauprozessen – nieder. Die kommenden Jahre werden das Ausmaß erst in der gesamten Bandbreite und Fatalität darstellen.

Die Gewissheit, dass Bauprozesse wesentliche wirtschaftliche und gesellschaftliche Prozesse materialisieren, schlägt sich in den Bau- und Architekturwissenschaften, in der Projektentwicklung sowie im Immobilienmanagement durch und wird wie folgt auf den Punkt gebracht: Nach Peter Mörtenböck und Helge Mooshammer (Das Geschäft mit der Stadt – Zum Verhältnis von Ökonomie, Architektur und Stadtplanung) besteht die Rolle des Bauen beziehungsweise der Architektur in einer faktisch spekulativen Wirtschaftsordnung zusätzlich zum Bereitstellen der Infrastruktur im „Erschließen, Bündeln und Lenken von Kapitalströmen“ auf einen spezifischen Ort hin [1]. Damit hängt der Umstand zusammen, dass Kapital eine symbolische Bedeutung hat. Das Kapital geht nämlich grundsätzlich immer den Weg des geringsten Widerstandes.

Das Gebaute gibt einen Hinweis auf ein zukünftiges Nutzenversprechen, das spekulativ ist, sich aber auf einen konkreten Ort als Konzentration dieser Wirtschaftsflüsse bezieht, von welchem aus die Märkte bedient werden. Das Gebaute ist folglich nicht mehr nur Produktionsfaktor, sondern wird selbst zur kapitalistischen Ware mit entsprechenden Märkten.

Die Funktion des Gebauten ist in einer Welt der erhofften Prosperität und der vielfachen, spekulativen Erwartungsversprechen, die Schaffung einer konkreten materiellen Wirklichkeit: „Ungeachtet dessen, wie spekulativ ein Vorhaben auch sein mag, scheint eine begleitende Untermalung mit Bildern architektonischer Entwürfe immer einen gewissen Grad an Machbarkeit zu garantieren“. Das Gebaute ist eine materielle Wirklichkeit und versinnbildlicht, dass das Nutzenversprechen verwirklicht wird.

Das Gebaute bindet neue räumliche Erschließungen bestenfalls in die „weltumspannenden Bahnen konzessionierter kommerzieller Strukturen“ und „mobilisierter globaler Kundenstöcke“ ein. Erst dort, wo diese Eingliederung und Erschließung glaubhaft gelingt, wächst das Vertrauen in den Standort. Infrastruktur und Strukturen leisten einen wesentlichen Beitrag. Das Vertrauen gelingt freilich dort, wo wir Vertrauen in die uns bekannten Strukturen haben. Banken, Zahldienste, Transportunternehmen, Fahrzeugmarken, Lebensmittel, etc.

Darin besteht gerade das Ziel von Kapitalismus und Globalisierung: Das „globale Dorf“ ohne Handelshemmnisse, in welchem Kapital und Waren ohne Barrieren freizügig durch die Welt transferiert werden können – mit all den Chancen für die einen und all den Problemen für die anderen. Darin bestand die „Leistung“ des britischen Empire im 19. Jahrhundert, das nicht nur die globalen Seewege kontrollierte, letztlich militärisch, sondern alle Akteure in die eigene Infrastruktur, zu welcher auch das Zahlwesen gehört, zu drängen vermochte. In der Folge lösten die Vereinigten Staaten diese Vormachtstellung ab. Heute ist China drum und dran, eine ähnliche Stellung aufzubauen.

Neben der technischen Ebene geht es besonders auch um eine ästhetische und gestalterische Ebene. Jede Weltmacht arbeitet mit symbolischen Codes, die die eigene Vormachtstellung untermauern. Nach Mörtenböck und Mooshammer geht es darum, ein „Investitionsneuland als eine gefällige Umgebung zu etablieren“. Dazu ist insbesondere die Macht der Bilder entscheidend. Es geht in besonderem Maße um „affektives Kapital“ als gebaute Umwelt, kontextuelles Prestige, Besonderheit, Monumentalität, Charakter und Wiedererkennbarkeit.

Die Aufmerksamkeit bezieht sich auf „die wachsende Bedeutung von Kommunikations- und Beziehungsarbeit“, die „aus der Verknüpfung von affektiven Dimensionen in Kreisläufen der Wertschöpfung mit der Fähigkeit, Investment anzuziehen, resultiert“. Den entsprechenden Beitrag leisten heute soziale und unsoziale Medien.

Simpler ausgedrückt: Der nicht fertig gestellte Rohbau gibt Anlass zu Zweifel an einem Standort, während die Vielzahl an Kränen und Bauaktivitäten die Aufmerksamkeit auf sich lenkt.

Dort, wo gebaut wird, werden auch Träume und Möglichkeiten realisiert. Es geht dabei nicht nur, aber auch, um den Traum von den eigenen vier Wänden. Darüber hinaus geht es um den Traum lebenswerter Umgebungen sowie von wertschöpfenden Strukturen, die Profit und Mehrwert versprechen. In der materiellen Verwirklichung menschlicher Träume besteht der eigentliche Zweck des Bauens.

[1] Österreichische Gesellschaft für Architektur: „UmBau 28: Das Geschäft mit der Stadt. Zum Verhältnis von Ökonomie, Architektur und Stadtplanung“, Birkhäuser Verlag, Basel 2015

Weiterführende Literatur:

Neue Seidenstraße – Mehr Risiko als Chance?

Alois von Negrelli: Verkehrsplaner und Eisenbahnpionier von europäischem Format

Wie der Traum vom leistbaren Wohnen gelingt

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