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Kunibert Zimmeter und der Tiroler Heimatschutz

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Der Heimatschutz entspang nicht aus dem Drang nach dem Konservieren, sondern nach dem Kultivieren. Die kulturelle Identität sollte auch im modernen Gewand gewahrt sein. Kunibert Zimmeter, der in Tramin zur Welt kam, begründete den Heimatschutz in Tirol.

Kunibert Zimmeter, geboren am 16. Dezember 1872 in Tramin und verstorben am 19. August 1952 in Innsbruck, war der Begründer des Verbandes für Heimatschutz in Tirol.

Die Familie Zimmeter stammte aus dem nördlichen Tirol. Der Großvater Anton war Arzt im Vinschgau, der Vater Karl Zimmeter Gemeindeverwalter in Tramin. Die Mutter Judith Soukup stammte aus einer gutbürgerlichen Innsbrucker Familie. Karl Zimmeter und Judith Soukup heirateten 1871 in Innsbruck.

Kunibert (oder Kuno) Zimmeter lebte bis zu seinem zehnten Lebensjahr in Tramin, ehe er das Gymnasium in Brixen besuchte.

Es war die Mutter, die die Stadt suchte, weshalb klar war, dass Tramin nur ein Wohnort auf Zeit war, wie Kunibert Zimmeter 1947 in seinen Lebenserinnerungen darlegte, die aufschlussreiche Einblicke geben [5] (Link).

Tramin, aus den Lebenserinnerungen

Zimmeter studierte zunächst an der Universität Innsbruck und wurde 1892 Beamter. Nach einer Tätigkeit als Brandschutz-Versicherungskommissär war er ab 1909 Mitbesitzer der „Tiroler Glasmalerei und Mosaik Anstalt“, die Bleiglasfenster herstellte, und zeitweise auch deren Direktor.

Zimmeter blickte mit Genugtuung auf das Aufkommen der deutschen Heimatschutzbewegung. Den Anstoß lieferte eine Begegnung mit Ernst Rudorff, dem Vordenker des deutschen Heimatschutzes. Als dieser 1907 in Eppan auf Schloss Korb auf Erholung weilte, besuchte ihn Zimmeter und fasste daraufin den Entschluss, in Tirol einen Heimatschutzverein zu gründen.

Der Verein für Heimatschutz in Tirol wurde im September 1908 in Innsbruck gegründet. Es handelte sich um den ersten Verein dieser Art in Österreich. Ziele waren: 1. Der Zusammenschluss aller heimatbewussten Tiroler. 2. Die Erkenntnis und Verbreitung von Heimatbewusstsein als ideellem Wert. Der Verein hatte einen bildungsbürgerlichen und intellektuellen, keinen bäuerlichen, sondern einen städtischen Hintergrund.

Nach Irmgard Plattner handelte es sich beim „Heimat“-Begriff nicht um Provinzialismus, sondern um eine Reaktion auf den Industrialismus und auf die Entwicklung der Großstädte mit einer daraus folgenden Heimat-Konzeption, die ins Nationale projiziert wurde [3].

Ein wesentliches Betätigungsfeld des weit gefassten „Heimat“-Begriffes war die Durchsetzung einer heimischen Bauweise, nicht als Ablehnung, sondern als Prägung der Moderne. Dazu sollte das Bauen allgemein reglementiert werden, indem den Behörden ein Einspruchsrecht bei Bauakten gewährt wurde.

Den Fremdenverkehr betrachtete der Heimatschutz ambivalent: Einerseits stand man dem Fremdenverkehr positiv gegenüber, erkannte aber die Risiken, die sich durch „geschmackloses Bauen“ ergeben würden. Ähnlich verhielt es sich mit der Industrialisierung: Die Wirtschaft des Vaterlandes war zwar prioritär, so weit reichte das Denken der Heimatschützer, stand aber in Konkurrenz zum Landschaftsbild.

In der Nachfolge entstanden Ortsgruppen in Meran (1908), Bozen (1909), Lana (1910) und Brixen (1911).

Die Gründer waren politisch nicht einheitlich zuordenbar. Gotthard Graf Trapp war ein Konservativer, Paul von Sternbach ein Freiheitlicher. Der kleinste gemeinsame Nenner war wohl die Deutschtiroler Heimat im Sinne einer nationalen Ausrichtung.

Der Historiker Hans Heiss urteilt klar: „Aus Zimmeters Sicht war die nun neu zu schätzende und zu schützende Heimat grundsätzlich „deutsch”, dem Gesamtdeutschtum verpflichtet. Auch das Grenzland Tirol sah er umso fester in den kulturnationalen Verbund eingebettet.“

Um das Deutsche ging es auch dem Pionier der deutschen Heimatschutzbewegung, der Zimmeter beeinflusste: Für Ernst Rudorff stand das deutsche Vaterland im Mittelpunkt, das nicht ein „Hort der Industrie“ sein sollte, sondern darüber hinaus ein Land der Kunst und der Schönheit. Dem Heimatschutz ging es nicht (nur) um die Bewahrung des kulturellen Bestandes, sondern um das Neue, das den kulturellen Geist in die Zukunft trägt.

Ernst Rudorff: „Heimatschutz“ (1898), die Urschrift der Heimatschutzbewegung

Die Weltsicht des Heimatschutezs wird klar, wenn man sich den Gründungsgedanken der „Ortsgruppe Meran des Heimatschutzes Tirol“ vergegenwärtigt: „Der Bund bezweckt, die Heimat gegen jegliche Verunstaltung, die ihr droht, zu schützen und sie in ihrer natürlichen und geschichtlich gewordenen Eigenart zu erhalten. Der Bund hält sich von allen Übertreibungen fern und will keineswegs das Alte nur darum schön finden, weil es alt ist; er schützt nur berechtigte Eigenart„.

1919 verfasste Zimmetner – „in schwerer Zeit“ – das Buch „Unser Tirol. Ein Heimatschutzbuch“. Der Schrift stellt er ein Zitat von Adolf Pichler voran: „Eine Art des Erhabenen ist es, wenn wir ein für klein Gehaltenes plötzlich als ein Großes und Gewaltiges erkennen.“ Die Illustration stammt von Tony Grubhofer.

Das Buch ist bei Weitem kein konservatives Werk. Zimmeter befasst sich mit jener „Neuen Sachlichkeit“, die im Sinne des Traditionalismus die Tradition mit dem Fortschritt verbindet. Positiv hervorgehoben wird das Werk des Bozner Architekten Marius Amonn, der der Reformbewegung angehörte.

Zimmeter strebte nach einer „Reorganisation von innen heraus“, nach einer „Rückkehr zur Einfachheit und Wahrheit“, meinte mit Heimatschutz keineswegs nur das „Beibehalten“. Mittel zum Ziel sollte nicht gesetzlicher Zwang sein, sondern – im Sinne einer freiheitlichen Gesinnung – die Erziehung zum Schönen.

Zimmeter bekam die Ehrenmitgliedschaft der Universität Innsbruck „in Anerkennung seiner Verdienste um die Kunstgeschichte Tirols und das Tiroler Landesmuseum“. Nach dem Kriegsende 1945 wurde er zum Vorstand des Ferdinandeums gewählt.

Waltrauf Kofler Engl und Gaia Piccarolo charakterisieren das Wirken Kunibert Zimmeters, der mit dem Architekten Franz Wiesenberg zusammenarbeitete, wie folgt: „Die Vorstellungen des Tiroler Heimatschutzvereines, die sich in Bauberatung, Publizistik, konkreten Bauausführungen und in der Bauordnung niederschlugen, waren, abgesehen von der ideologisch-politischen Propaganda, für den Wiederaufbau von St. Veit und Moos gleichermaßen wirksam wie für jenen von Matrei am Brenner. Die konkreten Akteure und Wortführer, – Wiesenberg als planender Architekt vor Ort und Zimmeter als Vorsitzender in den Mitteilungen des Vereins – waren einerseits den regionalen traditionalistischen Lösungen und andererseits den Regeln der Hygiene und moderneren Wohnens verpflichtet. Beide waren mit den in Deutschland verbreiteten Ideen des Heimatschutzes sowie der Denkmalpflege und des Wiederaufbaus vertraut“.

Geburtshaus von Kunibert Zimmeter in Tramin

„Der aus Wien stammende Wiesenberg (1888-1958) hatte an der Technischen Hochschule in München Architektur studiert, war ab 1913 im Tiroler Landesbauamt tätig und wechselte 1920 in den städtischen Dienst Innsbruck. Im Tiroler Heimatschutzverein nahm er eine führende Rolle ein, beteiligte sich wie viele seiner Tiroler Zeitgenossen an den Bauberatungen, darunter auch Clemens Holzmeister, der die Bauberatungsstelle in Nordtirol ab 1923 leitete, und publizierte in den Mitteilungen des Vereins. Als Leiter des Wiederaufbaus von Matrei am Brenner – der Ortskern war 1914 abgebrannt -, als Mitglied in zahlreichen Wettbewerbs-Kommissionen sowie durch seine Bauleitungen und eigenen Entwurfsarbeiten für die Stadt Innsbruck brachte er nicht allein Verwaltungserfahrung, sondern gleichermaßen Kenntnis historischer Bauweisen wie Sensibilität für zeitgenössische Bauaufgaben und gute Beziehungen zu den planenden Architekten mit. Der Wiederaufbau von Matrei wurde „nach modernen bautechnischen Gesichtspunkten im Sinne heimischer Bauweise“ durchgeführt, wobei das Gesamterscheinungsbild, die „charakteristische Form“ und das „malerische Bild“ zwar gewahrt wurden, aber in den Detailformen ein durchaus pragmatischer Umgang zu beobachten ist. Beispielsweise wurden Häuser laut Regulierungsplan zugunsten der Straßen-verbreiterung zurückversetzt, Dachformen verändert, Höfe eingefügt und Fassaden neu bemalt. Wiesenberg hatte bereits 1917 betont, dass der durch Behörden und Vereine ins Leben gerufenen Bauberatung beim Wiederaufbau der kriegszerstörten Orte im Süden eine große Aufgabe zukäme, da gesetzliche Bestimmungen und baupolizeiliche Gegenmaßnahmen allein nichts nützen. Aufgrund seiner Erfahrungen erörterte er die Thematik in einem geradezu programmatischen Statement für die Bauberatung im Sinne des Heimatschutzes. Er zitierte zunächst Hermann Muthesius mit der Aussage, dass es von größter Wichtigkeit sei „bei Bauaufgaben wie sie bei den kriegszerstörten Orten vorliegen, vor allem möglichst gute Kräfte zu gewinnen, diesen aber sodann möglichst Freiheit zu ge-währen. Nur auf diese Weise ist gute Architektur zu erhoffen“. In der Folge betonte Wiesenberg die Wichtigkeit des Vertrauens und des Umgangs des beratenden Architekten mit den Bauherren, die Einflussnahme auf die Bauhandwerker, die Kenntnis und Pflege der je nach Gegend unterschiedlichen heimischen Bauweise, weiter die Notwendigkeit sowohl in der architektonischen Gestaltung als auch in der handwerklichen Ausführung Altes mit dem Neuen in Einklang zu bringen und dabei die Finanzierbarkeit nicht außer Acht zu lassen. Es folgten Fallbeispiele wiederaufgebauter Häuser in Matrei am Bren-ner, bei denen die Bauberatung Grundrisse und Fassaden verbesserte und die Nutzungsqualität erhöhte, ergänzt um Angaben zu den Baukosten. Die Bauberatung habe sich nicht allein der künstlerischen, sondern auch der technischen und finanziellen Fragen anzunehmen. Mit „guter Schlichtheit und Sachlichkeit“ könne falscher Aufwand gespart werden“ [1].

Im Jahr 1947, wenige Jahre vor dem Tod, legte Zimmeter die Lebenserinnerungen dar. Darin wird seine reiche Reisetätigkeit dokumentiert.

Literatur:

[1] Waltraud Kofler Engl & Gaia Piccarolo: „Written in the Landscape“, Freie Universität Bozen, Bozen 2024

[2] Portait (Link)

[3] Irmgard Plattner: „Fin de Siècle. Provinzkultur und Provinzgesellschaft um die Jahrhundertwende“, Studienverlag, Innsbruck 1998

[4] Anna Pixner Pertoll: „Ins Licht gebaut. Die Meraner Villen“, Edition Raetia, Bozen 2009

[5] Kunibert Zimmeter: „Ein Tiroler fährt in die Welt. Aus meinem Leben und der Geschichte meiner Familie“, Wagner’sche Universitäts-Buchhandlung, Innsbruck 1947

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