Wahrscheinlich resultiert die mediterrane Vegetation im Südtiroler Unterland abseits der naturgegebenen Vielfalt aus einer Wette gegen die Natur: Wie weit können wir es treiben, was wächst trotz alpiner Bergwelt und kalter Winter? Und wenn nicht, wie können wir durch Zuhilfenahme technischer Mittel, durch Beregnung und Waalwege, die Natur trotzdem bezwingen?
Agaven, Feigen, Marillen, Oliven, Weinreben, Äpfel, Birnen, Feigenkakteen, Kakteen, Granatäpfel, Palmen: Das Südtiroler Unterland erinnert an einen exotischen Liebesgarten. Im Kontrast dazu stehen die schroffen Felswände und die schneebedeckten Gipfel. Auf engstem Raum treffen sich die Gegensätze. Entgegen anderer Regionen und Bezirke funktionieren die lokalen Kreisläufe noch, ist die historische Baukultur erhalten geblieben und bietet bodenständige Einblicke in das Leben mit der Natur und einer ehrhaften Kultur. Wer abseits der ausgetrampelten touristischen Wege mit Potemkinschen Dörfer gehen will, findet hier die Erfüllung.
Wie zwei Münchner Professoren vor 110 Jahren. Der Münchner Professor Carl von Tubeuf und Wilhelm zu Leiningen-Westerburg-Neuleiningen, der Professor an der Wiener Hochschule für Bodenkultur war, erkundeten den Bozner Talkessel im fernen Jahre 1913 und waren ob der vielfältigen Vegetation schier begeistert [1].
Die Worte der Professoren ist pathetisch: „Mit Sehnsucht erwartet der Nordländer diesen Einzug in das gelobte Südtyrol, wenn er den langen Winter i geheizten Zimmer verbracht und nun des ewigen Frühjahrskampfes zwischen Warm und Kalt, Trocken und Nass, der immer wiederkehrenden Schneestürme und Fröste satt ist, wenn ihn die Sehnsucht treibt zu den sprossenden Knospen und zu der Blütenpracht der Obstbäume, die das ganze Etsch- und Eisacktal in rosa durchschimmerten weißen Hauch hüllen“.
Und weiter: „Hier wo das Füllhorn der Natur alle guten Gaben vereint zu haben scheint und wo der Mensch es versteht, das köstliche Quellwasser zu schätzen wie das edle Blut der Reben, das Hopfengebräu zu würdigen und einen würzigen Mocca pflegt, wo die Natur die vornehmsten Äpfel, Calvill und Grafensteiner, Köstliche und Rotedel und viele andere neben Birnen, Trauben, Kirschen, Nüssen, Mandeln, Pfirsichen, Aprikosen, Zwetschen, Feigen liefert und der Markt sie mit den schon am nahen Gardasee reifenden Orangen vereint (…) An wenigen Orten sind Verhältnisse vereinigt, die für Geologen und Mineralogen, Botaniker, Biologen, Önologen, Pomologen und Dendrologen gleichzeitig so viel Interesse wie für Maler und Historiker bieten“.
Vieles mag an Goethes Wanderschaft zum Gardasee erinnern.
Diese botanische Vielfalt schreiben die beiden Exkursionisten dem warmen Klima bei genügender Feuchtigkeit und „wo es nottut, künstlicher Bewässerung“ zu [1].
Es mag folglich eine Wette gegen die Natur sein, ganz im Sinne der deutschen Romantik, die die fernen Märchenumgebungen in der unmittelbaren Nähe zu verwirklichen versuchte: Was wächst gerade noch, was wächst nicht mehr? Wie weit holen wir uns den Süden in den Norden herauf?
Und heute treiben wir es noch weiter: Indem das Klima milder wird, passen wir unsere Ziergärten an, versuchen dieses und jenes, erfüllen uns nicht nur einen ästhetischen Traum, sondern auch transpirierende und abkühlende grüne Umgebungen.
Literatur:
[1] Helmut Rizzolli: „Die Wärmeinsel Bozen als Ziel einer wissenschaftlichen Exkursion der Universität München vor 110 Jahren“, Bezirkszeitung Wir, April 2023


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