Zum Unglück an der Marmolata: Technischer Lawinenschutz und Klimaerwärmung

Der tragische Gletscherbruch auf der Marmolata hat wieder einmal vor Augen geführt, wie gefährlich das Zusammenspiel Klimaerwärmung und Naturgefahren ist und dass sich uns die rohe Natur in exponierter Lage, also dort, wo menschliches Leben dauerhaft nicht möglich ist und die Natur entsprechend noch „Natur“ ist und keine „domestizierte“ Kulturlandschaft, in extremer Gewalt offenbart.

Die Marmolata ist der größte Gletscher in den Dolomiten. Am 3. Juli 2022 löste sich ein Eisbrocken und stürzte mit über 300 km/h Richtung Tal. Dabei wurden zahlreiche Menschen entlang der Aufstiegsroute verschüttet. Zuvor wurde auf 3.000 Metern Meereshöhe der Rekordwert von 10 Grad Celsius gemessen.

Ein „Gletschersturz“ bezeichnet „einen über einem steilen Felshang abbrechenden Gletscher, bei dem das Eis stückweise herabfällt und sich sehr oft zu einem neuen Gletscher regeneriert“ [1].

Durch die hohen Temperaturen verflüssigt das Eis in großen Mengen, fließt an der Kontaktoberfläche zwischen Fels und Eis und verursacht somit das Abgleiten der Eismassen [3]. Laut dem Geologen Anselmo Cagnati wird uns dadurch offenbart, was uns in naher Zukunft bevorstehen würde. Der Glaziologe Massimo Frezzotti meint: 2Eisplatten sind das Ergebnis eines natürlichen Prozesses, aber wenn die Temperatur zu hoch wird, kann das Risiko eines Einsturzes steigen (…) Es ist klar, dass es nicht ratsam ist, unter solchen Bedingungen zu wandern“ [5].

Das Gletschersterben schreitet heute mit großen Schritten voran. Ob abwendbar oder nicht, und wenn ja, in welchem Ausmaß, ist eine komplizierte Fragestellung, die sich auf die Erderwärmung als Ganze bezieht. Inwiefern wir damit leben müssen und unsere menschlichen Umgebungen auf diese dramatischen Umstände einrichten müssen, ist eine andere Frage.

Das Gletschersterben verursacht dabei weitgehende Probleme für den Wasserhaushalt, für die Wassermenge in den Flüssen, für die Versorgung mit Trink- und Nutzwasser. Die Gletscher halten nämlich Wasser in den kalten Monaten in Form von Eis zurück und geben dieses ab, wenn aufgrund der erhöhten Temperaturen der Wasserbedarf wächst. Es handelt sich folglich um eine Retention, also um einen temporären Rückhalt von Wasser in Form von Eis.

Wenn der Gletscher schmilzt, bleiben dann Stein und Geröll in verschiedenen Korndurchmessern übrig. Für den Betrachter eine Steinwüste. Viel schlimmer ist allerdings das natürliche Gleichgewicht, das aus den Fugen gerät.

Das Unglück auf der Marmolata sollte zu einer vertieften und allumfassenden Auseinandersetzung mit der Klimaerwärmung führen, die sich nicht nur auf Floskeln konzentriert. Darüber hinaus muss es allerdings auch um Klimaanpassung gehen. Selbst wenn wir die Klimaerwärmung in Teilen aufhalten können, schreitet die globale Erwärmung voran und es geht darum, unsere menschlichen Habitate auf diese Umstellungen anzupassen. Naturgefahren und natürliche Notstände nehmen zwangsläufig zu. Wir können uns dabei nicht nur auf das Klima in 200 bis 300 Jahren konzentrieren, sondern müssen im Hier und Jetzt „klimafit“ werden.

Naturgefahren haben immer auch mit dem so genannten „Restrisiko“ zu tun, also mit einem Begriff, mit dem kein Betroffener zu tun haben will. Grundsätzlich ist eine Gefahr eine potenzielle Gefährdung oder ein potenzieller Schaden, also ein Gefährdungsausmaß, das von dem gefährdeten Wert, Subjekt oder Objekt abhängt. In Kombination mit einer bestimmten Wahrscheinlichkeit wird aus einer Gefahr ein Risiko.

Im Bereich von Felsstürzen oder Gletscherstürzen kann die Gegenstrategie nur darauf hinauslaufen, eine potentielle Gefährdung zu erkennen und Gegenmaßnahmen in die Wege zu leiten. Grundsätzlich stehen rückwärtsgewandte Inidikationen (historische Methode, empirisch-statistische Methode, morphologische Methode) sowie vorwärtsgerichtete Indikationen (numerisch-mathematische Methode, physikalische Methode) zur Verfügung, um das Gefahrenpotential festzulegen, wobei eine Kombination aus beiden Bewertungsansätzen am sinnvollsten ist.

„Da sich die Wirkung früherer Ereignisse zumeist an Spuren im Gelände (morphologischer Formenschatz, Vegetation) erkennen lässt, wird bei der rückwärtsgerichteten Indikation in Analogie geschlossen, dass sich solche Ereignisse wiederholen können. Da aber die den Ereignissen zugrundeliegende Disposition üblicherweise nicht mehr eruiert werden kann, ist mit einer Interpretation solcher „stummer Zeugen“ sehr sorgfältig umzugehen. Die vorwärtsgerichtete Indikation versucht hingegen, basierend auf der Analyse von Ursachenfaktoren, kritische Dispositionen zu bestimmen und mögliche Wirkungen abzuschätzen“ schreiben Hübl, Fuchs und Agner [4].

Bauliche Maßnahmen müssen die entsprechenden Kosten durch den erzielten Nutzen rechtfertigen. Zumindest in der Regel. Umso höher das Gefahrenpotential, umso höher die rechtfertigbaren Kosten. In einem nicht bewohnten Gebiet, wie dies ein Gletscher darstellt, werden die Gegenmaßnahmen, um den natürlichen Gefahren zu begegnen, folglich einerseits a.) aktive Schutzmaßnahmen umfassen, die vorbeugender Natur sind (Sprengungen, künstliche Lawinenauslösung, bauliche Schutzmaßnahmen) und b.) passive Schutzmaßnahmen (rechtlich, administrativ, Katastrophenmanagement, Zivilschutz) [2]. Von einem systematischen technischen Lawinenschutz kann allerdings kaum die Rede sein: Zu exponiert die Lage, zu hoch die relativen Kosten.

Der Klimaschutz würde weit vor diesen Maßnahmen stehen: Aber der ist geduldig und eignet sich leider gut für bürokratische „Tricks“.

Literatur:

[1] Hans Murawski, Wilhelm Mayer: „Geologisches Wörterbuch“, Springer-Verlag, Wiesbaden 2017

[2] Florian Rudolf-Miklau, Siegfried Sauermoser (Hrsg.): „Handbuch Technischer Lawinenschutz“, Ernst und Sohn Verlag, Berlin 2011

[3] La Repubblica: „Il clima malato divora i ghiacciai – Nel 2100 rischiano di sparire“, Webseite am 04.07.2022

[4] Hübl, J., Fuchs, S., & Agner, P. (2007). Optimierung der Gefahrenzonenplanung: Weiterentwicklung der Methoden der Gefahrenzonenplanung. Wien: IAN Report 90; Institut für Alpine Naturgefahren, Universität für Bodenkultur Wien

[5] Der Standard: „Gletscherbruch in den Dolomiten: Ein Österreicher unter den 15 Vermissten“, Webseite am 04.07.2022

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