Stahlbeton als Kunstform

Der Laie glaubt vielfach, Beton sei eine amorphe Masse, die man in die gewünschte Form gießen kann. Das mag natürlich bis zu einem gewissen Punkt stimmen. Faktisch ist die Angelegenheit allerdings um ein Vielfaches schwieriger. Der oberflächlichen amorphen Masse steht im Inneren eine zweidimensionale Bewehrungsführung entgegen, die die Kräfte letztlich in mehr oder weniger zwei Richtungen lenkt. Theoretisch gesehen könnten es auch mehr als zwei Richtungen und ein an den Kraftfluss angepasster Bewehrungslinienstrang sein, praktisch ist die Aufteilung in zwei Richtungen allerdings mehr als vorteilhaft.

Was äußerlich amorph wirkt, ist innerlich komplex zweidimensional. Dessen sollte man sich zumindest bewusst sein, um sich nicht selbst zu täuschen. Ansonsten divergieren Erwartung und Essenz.

Zu Recht behauptet Fritz Leonhardt dass das Konstruieren eine „Kunst“ sei. Wie intelligent die Bewehrung verlegt wird, entscheidet nämlich über die notwendigen Massen an Bewehrungsstahl und – in Zeiten wie diesen mehr denn je – über die Kosten.

In seinem Opus magnum „Vorlesungen über Massivbau“ schreibt Leonhardt:

Richtiges Bewehren erfordert eine klare Vorstellung des Kräfteverlaufs im Inneren der Tragwerke, besonders im Zustand II, es bedingt aber auch praktisches Durchdenken des Bauvorganges. Schwierige Bewehrungen lassen sich nur mit mühevoller Kleinarbeit und Liebe zum Konstruieren gut losen. Der Ingenieur muss sich der gleichrangigen Bedeutung der Kunst des Bewehrens im Rahmen seiner Teilaufgaben für das Bauen bewusst sein.

Fritz Leonhardt, „Vorlesungen über Massivbau – Dritter Teil“, Springer Verlag, Berlin-Heidelberg-New York 1977

Über die Richtungen der Bewehrungseisen ist dabei das folgende zu sagen, wobei die Hauptspannungen eher theoretische und mathematische Konzepte sind, die allerdings in der Praxis und in der Natur erfahrbar werden:

„Das günstigste Tragverhalten von Stahlbetonbauteilen wird erreicht, wenn die Bewehrung den Trajektorien der Hauptzugspannungen folgend geführt und der Größe der Zugspannungen etwa proportional mit dünnen Stäben auf den Zugquerschnitt verteilt wird. Diese Regel wird fast nur bei Schalen und anderen dünnwandigen Flächentragwerken befolgt. Bei allen anderen Tragwerken wird die Bewehrung zur Verminderung der Kosten auf zwei bis drei Richtungen und auf Randzonen beschränkt und damit stark vereinfacht. Die Richtung der Hauptbewehrung (direction of main reinforcement) sollte nach Möglichkeit mit der Hauptzugspannungsrichtung übereinstimmen“ schreibt Leonhardt.

Eine Steigerungsform wird eigentlich nur dann erreicht, wenn nicht nur die Bewehrung an den Kraftfluss, sondern die architektonische Form an den Kraftfluss angepasst wird, weil dann das Tragwerk die effizienteste Form erreicht. Aber das ist ein anderes – und umso schwierigeres – Thema.


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