80 Jahre Luis Durnwalder: Licht und Schatten

Wer sich mit Südtirol, wie es sich heute darstellt, befasst, kommt an der Person Luis Durnwalder kaum vorbei. Durnwalder ist historisch in die Nach-Paket-Ära einzuordnen. Die politische Auseinandersetzung um Südtirol war mit dem Paketabschluss 1992 – auch international – weitgehend beendet.

Zeiten des Wirtschaftswachstums in Europa trafen mit einer ausgedehnten Südtiroler Selbstverwaltung zusammen, sodass die Südtiroler Landesverwaltung finanziell aus dem Vollen schöpfen konnte – und dies auch tat.

Durnwalder ist damit nach der ersten Generation der Südtirol-Politik, namentlich Silvius Magnago, Peter Brugger und Hans Dietl, der zweiten Generation Südtirol-Politiker zuzuordnen, während heute die dritte Generation regiert.

Bergbauernbua

Geboren ist Luis Durnwalder als Bergbauernbub. Nach dem Studium der Bodenkultur im „fernen“ Wien, wo Durnwalder katholisch korporiert war, wurde der frisch gebackene Absolvent auch schon gleich Direktor des Südtiroler Bauernbundes, was in Südtirol ein ziemlich weitreichendes Amt ist, ehe die politische Karriere als Bürgermeister, Landesrat und Landeshauptmann folgte.

Geblieben ist Durnwalder zeit seines Lebens wohl eines: Ein Bauer, der sein Feld bestellt, es zum Blühen bringt, dabei aber selbstverständlich auch seine dynastischen Interessen verfolgt. Jedem Bürger stand Durnwalder als „Landesvater“ mit Rat und Tat zur Seite. Nicht wenige haben dieser direkten und unbürokratischen Hilfe einiges zu verdanken. Wobei derartige Hilfen natürlich immer das Problem haben, intransparent zu sein und dass manchen mehr geholfen wird als allen anderen.

Stichwort „dynastische“ Interessen und Hausmachtpolitik: Manche waren – und sind – halt „gleicher“. Durnwalder selbst stand – im Gegensatz zu manchem Nachfolger – zu seinen Personalentscheidungen und wusste diese personalpolitische Einfalt mit den Worten zu beurteilen, dass es in einem kleinen Land nun einmal nicht allzu viele gute Leute gebe. Ein Affront. Das „Problem“ ist nur: Ohne Wettkampf und Konkurrenz, wenn Zustimmung ein Auslese-Kriterium ist, sowie ohne grundlegende Wechsel mangelt es an Innovation, Kreativität und Erneuerung.

Der Spiegel schreibt zu diesem Regierungsstil: „Südtirol trotzt der Krise mit Beinahe-Vollbeschäftigung und stabiler Konjunktur. Für den eigenwilligen Regierungsstil – halb Fürstentum, halb Planwirtschaft – bürgt in Italiens nördlichster Provinz ein Tiroler Original: Luis Durnwalder.“

Darüber hinaus steht Durnwalder charakteristisch für das heute korporativistische System in Südtirol – mit den entsprechenden Vorteilen und Schwächen.

Empfindlich reagiert der „freie“ Bauer traditionell gegenüber äußerlichen Eingriffen. Durnwalder war der streitbare und durchsetzungsstarke Verwalter, der gegenüber Rom – mit Herz, aber auch mit Härte – die eigenen Interessen rührig durchzusetzen wusste. Dies wusste er allerdings auch in Südtirol selbst, wo ihn die direkte Demokratie und die Mitbestimmung vor Ort nur sehr bedingt interessierten.

Ein blühendes Land

Bauerntum und Tourismus bilden in Tirol in Zeiten des Massentourismus eine ambivalente Einheit. Der Fremdenverkehr beginnt vielfach dort, wo der Bauer seine Ländereien und die entsprechenden Produkte für den Tourismus zugänglich macht. Das erfordert Infrastruktur, Strukturen, Anbindung und Erreichbarkeit. Vielleicht in der Folge dann auch, dass man als Grundeigentümer nicht mehr „nur“ landwirtschaftliche Produkte, sondern elektrischen Strom aus Wasserkraft produziert. Ein eigenes Kapitel in Südtirol.

Straßen, Tunnels, Umfahrungen, ein Flugplatz, Wasserkraftwerke veränderten das Gesichts dieses Landes. Insbesondere die Schnellstraße MeBo (Meran – Bozen) sowie der Flughafen Bozen mit den entsprechenden politischen Verlautbarungen bleiben in nachhaltiger Erinnerung. Während die MeBo heute nicht mehr wegzudenken ist, ist der Flughafen Bozen bis dato noch umstritten und unrentabel.

Mit dem „Brennerbasistunnel“ konnte Südtirol schließlich in der großen, europäischen Verkehrspolitik mitmischen, wenngleich viele Fragen auch heute noch offen bleiben. Grundsätzlich war in Südtirol gut, was Vernetzung, Erreichbarkeit und Wettbewerbsfähigkeit erhöht. Studien bestätigen, dass das Wirtschaftswachstum von der Erreichbarkeit einer Region abhängt. Allerdings betrifft dieser Umstand nur ungesättigte Märkte oder Regionen. Bei gesättigten Märkten – und Südtirol stellt heute einen solchen dar – bewirken Investitionen in die Erreichbarkeit keine wirtschaftlichen Vorteile mehr. Um sich mit derartigen Themen auseinanderzusetzen, müsste man allerdings zuerst einmal eine offene Debatte über Mobilität und Erreichbarkeit zulassen.

Großprojekte hatten und haben eine besondere Aura in Südtirol. Durnwalder wusste diesen Großprojekten die Aura strategischer Entscheidungen von weitreichender Bedeutung zu geben. Für diese Projekte wurde dann auch gekämpft, gegen Widerstände und Einwände, auch der betroffenen Bevölkerung. Wobei dies kein allzu schweres Unterfangen ist mit absoluten Mehrheiten. Selbst bei der Dorfbrunneneinweihung gab Durnwalder dem Volk das Gefühl, dass sich das kleine Projekt in ein größeres Ganzes einfügen würde. Der Einzelne fühlte sich aufgehoben. Diese Aura fehlt heute völlig.

Die Südtiroler Wirtschaftszeitung schreibt 2011 zu den Großprojekten, die allmählich zu viele wurden: „Wer zum ersten Mal nach Südtirol kommt, egal ob aus Norden, Osten, Süden oder Westen, muss erst einmal staunen: tolle Ortsumfahrungen, taghelle Tunnels, nagelneue Feuerwehrhallen, schöne Vereinshäuser, perfekte Sportplätze, luxuriöse Studentenheime, beste Materialien in den öffentlichen Gebäuden, natürlich ein eigenes Fahrsicherheitszentrum, ein beeindruckender Felsenkeller für spezielle Gäste“.

Späte Genugtuung – und Ärgernis

Durnwalder war vor allem eines: Streitbar und streitend – mit offenem Visier. Wer so kämpft, erntet den Respekt seiner Gegner. Nicht immer jenen der eigenen Reihen, die Durnwalders Nähe nur so lange schätzten, wie sie sich ihre Vorteile verhofften. Wer an eigene Vorteile denkt, muss ohnehin ständig umschwenken, was der Haltung und der Schönheit schadet.

Freilich: Diejenigen, die Durnwalder in Macht und Würden noch „verteufelt“ haben, wünschen ihn sich heute angesichts einer resignativen Politik wieder zurück. Nicht wenige sehnen sich heute nach den „guten alten Zeiten“, als Südtirol aus dem Vollen schöpfen konnte und man jederzeit wusste, es wird auf Südtiroler Seite kein Nachgeben geben, ganz egal, wie denn der Wind aus Rom weht. Bei Durnwalder wusste man bei jedem Thema vor allem eines: Wie er sich positionieren würde. Das gibt Stabilität, die fehlt.

Und so nimmt Durnwalder auch beim politisch versenkten Autonomie-Konvent klare Positionen ein und bemüht sich um einen Minderheitenschutz für die südafrikanischen Buren. Demgegenüber war die Amtszeit von kulturpolitischer Gleichgültigkeit gekennzeichnet. Das kulturelle Bewusstsein war zwar grundsätzlich vorhanden, doch Großprojekte waren nun einmal interessanter als wirkliche Minderheitenpolitik, die nicht nur auf die willkürliche Verteilung von Geld nach dem Gießkannenprinzip und auf rein konservative Momente ohne Zukunftsblick hinausläuft. Das rächt sich umso mehr angesichts einer Zeit, in der auch dieses Bewusstsein nur noch schwammig vorhanden ist.

Das Wirtschaftsmagazin Brand Eins urteilt über Durnwalders Regentschaft: „Der Landeshauptmann Luis Durnwalder ist dafür ein imposantes Beispiel: Er gilt in Rom als unbeugsamer Streiter und geschickter Diplomat, während er zu Hause, heißt es, schon mal großspurig und uneinsichtig agiert. König Laurin wurde übrigens trotz Tarnkappe besiegt, weil ihn seine Schritte im Rosengarten verrieten. Nie wieder, fluchte er daraufhin, weder tags noch nachts, solle der Rosengarten blühen, der daraufhin zu Fels erstarrte“.

Ob besiegt oder nicht besiegt: Die gerichtlichen Verurteilungen wegen der Sonderfonds-Affäre geben natürlich zu schaffen, kamen die entsprechenden Gelder doch vorwiegend ehrenamtlichen Vereinen sowie sozialen Notfällen zu Gute. Anscheinend von den eigenen Reihen alleine gelassen, schwingt bei Durnwalder natürlich Frustration mit. Freilich, transparent war das nicht und natürlich nur im subjektiven Ermessen des Gebenden. Dass man damit vielfach auch das Ziel verfehlt, liegt auf der Hand. Wenn man dann noch weiß, was sonst alles in Italien möglich ist, herrscht Unverständnis bis Zynismus über das Vorgehen der italienischen Justiz. Nicht nur beim „Landes-Luis“ selbst, sondern besonders auch beim Südtiroler Volk.

Vielleicht sind aber auch die Zeiten für streitbare Landesfürsten vorbei und es geht eher in Richtung Politik als Social-Media-Entertainment. Dann gute Unterhaltung.

In diesem Sinne: Ad multos annos, Luis!

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