Freiheit oder Sicherheit?

Natürliche Gefahren beim Bauen und wie wir sinnvoll damit umgehen können

Wir leben in Zeiten, in denen das kollektive Sicherheitsbedürfnis stark im Steigen ist. Insbesondere durch die Frage der Verantwortlichkeit, die in Verträgen und in der Rechtssprechung zunehmend an Bedeutung gewinnt, bemühen wir uns um ein Ausmerzen aller nur denkbaren Unsicherheiten. Hinzu kommt der Umstand, dass wir in einer zunehmend technischen Welt leben, in der es Risiken und Gefahren vermeintlich nicht mehr geben darf. Von diesen gesellschaftspolitischen Gegebenheiten ausgehend, ergeben sich diverse Konsequenzen für das Bauen.

Bauen vollzieht sich immer im Kontext mit der natürlichen Umgebung, die von Natur aus nicht technisch ist. Uns bleibt dabei an und für sich nichts anderes übrig, als die statistisch zu erwartende Risiken in ein annehmbares Ausmaß zu lenken. Normen tragen das ihre dazu bei, damit wir uns mit bestimmten Fragen vermeintlich nicht mehr herumschlagen müssen. Nun kann dies natürlich bis zu einem gewissen Ausmaß auf technische Werkstoffe zutreffen, die durch Serienproduktion und Sicherheitskontrollen mit einer bestimmte Zuverlässigkeit hergestellt werden können.

Überall dort, wo die Natur im Spiel steht, ob als Baugrund, als natürliche Gefahren durch das Wasser, Wind, Schnee und Erdbeben, ist es um ein Vielfaches schwieriger, ein vertretbares Sicherheitsmaß einzuhalten. Über die technische Norm hinaus ist wohl ein tiefergehendes Verständnis für die Natur und die natürlichen Gegebenheiten notwendig, letzten Endes mit der Entstehung unserer Welt und unserer Umgebung beginnend.

Dieses Verständnis erfordert wohl auch beim ausgebildeten Bauingenieur Zeit zur Reflexion und die Fähigkeit, Zusammenhänge zu erkennen. Ein Umstand, der gerade dem Verfasser dieser Zeilen als relativ junger Bauingenieur bewusst ist, zusammen mit der grundsätzlichen Einstellung, dass es darum geht, über den jeweiligen Kontext hinauszudenken, die Lage und die Zusammenhänge zu erahnen und dann solide und realistische Einschätzungen abzugeben. Erkenne die Lage und ordne sie in die größeren Zusammenhänge ein, die kultureller, natürlicher und historischem Ursprung sind, ist ein Motto und eine Erfordernis.

Der großartige Bauingenieur und Geotechniker Heinz Brandl, der den Grundbau an der Technischen Universität Wien wesentlich geprägt hat – besonders, was das moderne Sicherheitsbedürfnis betrifft – hat im Sinne des hier Gesagten und Beschriebenen, eine durchaus einschränkende Haltung. Die nachfolgenden Worte mögen stellvertretend dafür gelten und sind die Grundlage für ein Bauingenieurwesen mit Maß und Ziel, mit Tiefe und Weite.

Die Forderung nach einer „absoluten Sicherheit“, wie sie von Medien oder Politikern nach Schadensfällen immer wieder erhoben wird, ist illusorisch. Der Geotechniker muss in solchen Situationen klar widersprechen. Dies gilt ebenso für die Sicherung bzw. Sanierung von Rutschhängen, die oft nur schrittweise zweckmäßig und wirtschaftlich ist.

Heinz Brandl in „Grundbau-Taschenbuch“, Band 3, Ernst und Sohn Verlag

Heinz Brandl verfolgt dabei die Philosophie, dass von „vertretbaren“ Risiken ausgegangen wird, die – insofern sich die Gegebenheiten verschlechtern – durch programmierte Verstärkungsmaßnahmen je nach Erfordernis gesichert werden. Eine „absolute“ Sicherheit ist nämlich volkswirtschaftlich nicht finanzierbar und auch nur sehr schwer denkbar.

„Freiheit oder Sicherheit?“ ist die Fragestellung am Anfang. In unserer heutigen Zeit kommt dazu hinzu, dass durch Siedlungsdruck und engmaschige Verbauung größere Risiken kaum noch hingenommen werden können, weil das Schadenspotential viel zu groß ist, woraus eine kollektive, aber auch eine individuelle Verantwortlichkeit entsteht.

Derzeit beruhigen die abgeschlossene Versicherung, die das Hab und Gut schützt, sowie die öffentliche Verwaltung, die in einem funktionierendem Sozialsystem unterstützend einspringt, vor größeren Ängsten in Bezug auf natürliche Gefahren. In Zeiten, in denen – bedingt durch den Klimawandel – die Risiken massiv steigen, drohen allerdings auch Engpässe. Es gilt also, das natürliche Risiko mit Bedacht und vorausschauende Planung zu minimieren. Die Schäden, die durch Klimawandel, natürliche Ereignisse und die engmaschige Zersiedlung entstehen, müssen unbedingt baulich in Grenzen gehalten werden. Dazu sind Weitblick, ein baukulturelles und natürliches Bewusstsein sowie realistische Sicherheitsüberlegungen notwendig.

Uns bleibt letzten Endes nichts anderes übrig, als mit einem bestimmten Restrisiko zu leben. Wer alle Risiken ausschaltet, schafft letztlich einen Zustand, der weitaus schlimmer ist als ein programmiertes Restrisiko und schafft die individuelle Freiheit ab. Vielleicht ist es zunehmend wesentlich, den Bauherren und die Öffentlichkeit offen und transparent über jene Risiken zu informieren, die über das normativ Notwendige hinausreichen und diese Risiken folglich im Dialog mit wirtschaftlich vertretbaren Gegenmaßnahmen zumindest einzudämmen.

Bereits unsere Vorfahren wussten sich im alpinen Gelände durch bewusste Wahl des Baugrundes, mit vorgelagerten Heuschuppen oder durch den Bau in den Hang hinein gegen natürliche Gefahren zu schützen. Ein Themenfeld, das künftig leider verstärkt im modernen Kontext erörtert werden muss. Sicherheit geht vor. Wer die natürlichen Gegebenheiten „übersieht“ und den Menschen im Sinne des Rationalismus als modernen Schöpfer dieser Welt versteht, baut teuer und fahrlässig. Mehr Sensibilität zahlt sich aus.

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