In Tirol konzentriert man sich im Geschichtsbewusstsein vorwiegend auf das Militärische und blendet das Politische weitgehend aus. Das ist folgenschwer, weil dadurch wesentliche Schlagseiten der Geschichte ausgeblendet werden. Eine historische Figur wie Andreas Hofer wird erst dann verstanden, wenn alle Schlagseiten seines Wirkens betrachtet werden.
Bereits 1808 und Anfang 1809 entwickelte Joseph von Hormayr im Auftrag des Wiener Hofes Pläne für einen Volksaufstand gegen Bayern und Frankreich. Er knüpfte Kontakte zu Tiroler Vertrauensleuten wie Andreas Hofer, organisierte ein Netzwerk von Boten und Vermittlern und bereitete den Aufstand vor.
Zudem verfasste er Aufrufe und propagandistische Schriften, mit denen die Tiroler Bevölkerung zum Widerstand mobilisiert werden sollte.
Ab dem 30. Mai 1809 übernahm Joseph von Hormayr als k.k. Hofkommissär im Namen Kaiser Franz I. die zivile Verwaltung Tirols. Bis Ende Juli 1809 war er der oberste österreichische Zivilbeamte im Land und leitete die Regierungsgeschäfte, während die militärische Führung bei den österreichischen Generälen und den Tiroler Aufstandsführern lag.
Durch den Waffenstillstand von Znaim vom 12. Juli 1809 war die militärische Unterstützung Österreichs für den Tiroler Aufstand beendet. Tirol und Vorarlberg wurden durch österreichische Truppen geräumt. Hormayr war seiner Funktion enthoben.
Nach dem Sieg in der dritten Bergiselschlacht zog Andreas Hofer am 15. August 1809 entstand in Tirol ein Machtvakuum. Die Franzosen und Bayern zogen ab. Österreich war weder durch einen zivilen noch durch einen militärischen Befehlshaber vertreten. Soziale Randschichten nutzten die Situation für Pläunderungen.
An dieser Stelle wurde an Andreas Hofer herangtreten, um ihn dazu zu bewegen, die zivile Herrschaft zu übernehmen. Das passte in die Mathematik der politischen Strategen: Andreas Hofer hegte keine politische Ambition, eine solche traute man ihm auch nicht zu. Andreas Hofer verstand sich als Statthalter des Kaisers, verstand aber auch, dass es ohne Beamte nicht ging.
Am 23. August setzte er die „Provisorische General-Landesadministration“ ein. Eingeführt wurden am 29. September drei Ressorts: Justiz, Finanz und Unterricht.
Problematisch war die Finanzsituation Tirols. Während Andreas Hofer noch im Juli seinen Einspruch gegen Zölle innerhalb Tirols erhoben hatte, über welche Joseph von Hormayr verfügte, sah er sich nun gezwungen, selbst Zölle und Steuern einzuführen. Andreas Hofer folgte in Finanz- und Steuerfragen den Vorgaben Hormayrs. Die Bauern sahen allerdings nicht ein, dass sie unter Andreas Hofer Steuern zahlen sollten, waren nämlich der Meinung, dass sie ihre Pflicht als Landesverteidiger erfüllt hätten.
In gesellschaftlichen und religiösen Fragen vertraute Andreas Hofer hingegen seinen klerikalen Hintermännern. Josef Fontana meint mit Blick auf die religiösen Sichtweisen Andreas Hofers: „Bei dieser Einstellung hatten es die klerikalen Eiferer in geistlichem und weltlichem Gewande nicht schwer, Maßnahmen durchzusetzen, die mitunter schon diktatorische Züge trugen“.
Mit Erlass vom 25. August ordnete Andreas Hofer für den 3. September „ein zehnstündiges Gebet vor ausgesetztem allerhöchstem Gut mit Hochamt, Tedeum und einer den Zeitumständen angepassten Kanzelrede“ an, um Gott zu danken und um Gott künftiges Glück „für unsere Waffen“ zu erbitten.
Ebenso am 25. August wurde eine Sittenordnung erlassen. Darin hielt er fest, „daß die Frauenzimmer von allerhand Gattungen ihre Brust und Armfleisch zu wenig, oder mit durchsichtigen Hudern bedecken, und also zu sündhaften Reizungen Anlaß geben, welches Gott und jedem christlich denkenden höchst mißfallen muß. Man hoffet, daß sie sich zu Hintanhaltung der Strafe Gottes bessern, widrigenfalls aber sich selbst zuschreiben werden, wenn sie auf eine unbeliebige Art bedecket werden.“
Am 10. September folgte der nächste Sittenerlass: Tanz, Musik und Bälle wurden verboten. „Während der Gottesdienste durften in Gasthäusern, Bier- und Weinschänken keine Speisen und Getränke mehr aufgetragen werden. Die Obrigkeit verpflichtete er, auf die Einhaltung der Polizeistunden genau zu achten und das die Ruhe störende und immer für die Sittlichkeit gefährliche Herumschwärmen zu unterbinden“ [1].
Das Einflüstern der klerikalen Kaste führte dazu, dass Andreas Hofer Professoren der Universität, des Gymnasiums und der Normalschule in Innsbruck „verhaften und deportieren“ ließ [1]. Vorsichtshalber, es hätte sich ja um Josephiner oder Freimaurer handeln können. Hintergrund war, dass die Jesuiten einen unerbittlichen Kampf um die Vorherrschaft an der Universität Innsbruck führten.
Mit dem Frieden von Schönbrunn vom 14. Oktober 1809 musste Österreich Tirol erneut an Bayern abtreten. Obwohl Hofer den Widerstand zunächst fortsetzte, brach seine Regierung in den folgenden Wochen zusammen. Nach der Niederlage in der vierten Bergiselschlacht am 1. November 1809 endete seine politische Herrschaft endgültig.
Der Historiker Josef Fontana hält zur politischen Regentschaft Andreas Hofers fest: „Es wäre recht eng geworden in Tirol, wenn Hofer unter dem Einfluss der „Partei der Exaltierten“ länger regiert hätte“ [1].
Literatur:
[1] Josef Fontana: „Das Südtiroler Unterland in der Franzosenzeit 1796 – 1814“, Universitätsverlag Wagner, Innsbruck 1998


Hinterlasse einen Kommentar