Angela Nikoletti wurde am 31. Mai 1905 in Margreid in sehr einfachen Verhältnissen geboren. Der Vater war ein Landarbeiter, der dort arbeitete, wo er gebraucht wurde. Einmal hier und einmal dort. Er war folglich ständig abwesend. Die Mutter erkrankte chronisch, sodass die sechsjährige Angela über längere Zeit bei Verwandten unterkam.
Der Vater rückte im Ersten Weltkrieg an die Front, die Mutter wurde ganz durch die Krankheit erfasst. Angela kam als Neunjährige zum Großvater und zu ihrer Tante Angela Peer nach Kurtatsch, die als ihre Ziehmutter wirkte. Die Mutter verstarb 1920 in Bozen. Angela war 15 Jahre alt.

Angela Nikoletti zeichnete im Tagebuch auf, wie sie nach der Annexion mit ihrer Tante die Schützenfahne in Kurtatsch vor den Italienern versteckte und vor der „Entweihung“ bewahrte. 1921 zog Angela mit ihrer Tante Anna nach Terlan, die Sommerfrische verbrachte sie am Fennberg. 1922 legte sie die Aufnahmeprüfung für die Lehrerbildungsanstalt in Zams bei Landeck ab, um sich zur Lehrerin ausbilden zu lassen.
Bereits nach dem ersten Ausbildungsjahr verhinderten die (prä-)faschistischen Machthaber nach den Sommerferien ihre Rückkehr an die Schule. Der Besuch einer Nordtiroler Schule wurde als potentiell umstürzlerische Betätigung bewertet. In dieser Zeit begannen die Behördenträger, offiziell die Schwarzhemden zu tragen. Da Angela ein patriotisches Gedicht mit dem Titel „Tirolerland“ verfasst hatte, geriet sie ins Visier der Behörden. Einer Haftstrafe entging sie nur, weil sie minderjährig war.
Den Reisepass erlangte sie erst im Mai 1924 wieder. Nach einem Jahr undreiwilliger Unterbrechung durch die behördliche Schikane kehrte sie nach Zams zurück. Ende Mai 1926 legte sie die Matura ab.
Nach ihrer Rückkehr nach Südtirol schloss sich Angela Nikoletti dem Netzwerk der Katakombenschulen an. Vermutlich kam sie in Kontakt mit Maria Nicolussi, Josef Noldin und Rudolf Riedl. Ein Angebot, für eine wohlhabende Bozner Familie als Kindermädchen zu arbeiten, schlug sie aus. Sie widmete ihr Leben dem verbotenen deutschen Unterricht im Unterland.
Der Unterricht fand heimlich in Wohnhäusern, Bauernhöfen oder abgelegenen Gebäuden statt. Die Beteiligten riskierten dabei Verhaftungen, Geldstrafen und Gefängnis. Angela Nikoletti unterrichtete trotz ständiger Überwachung und wiederholter Verhöre unermüdlich weiter.
Ihr Einsatz blieb den Behörden nicht verborgen. Am 11. Mai 1927 wurde sie durch den Podestá (faschistischer Amtsbürgermeister) vorgewarnt. Er warf ihr vor, eine „Schändung der Kinder“ zu betreiben. Sie entgegnete, dass der Staat froh sein solle, dass sie die Kinder unterrichte. Es sein ein „Verbrechen“, den Kindern die Muttersprache zu rauben. Sie ließ sich durch die regelrechte Wut der Behörden nicht beirren und unterrichtete weiter. 3 Tage später wurde sie durch die Carabinieri festgenommen. Die Tante wies darauf hin, dass es ein ärztliches Attest gab, wonach Angela an Rippenfellentzündung erkrankt sei.
Amgela wurde trotzdem nach Tramin gezerrt, verhört und im Kerker in Neumarkt eingesperrt.
Im Kerker wurde ihr bewusst, dass sie damals lächelte, als sie bedroht wurde. Doch nun im Kerker schauderte ihr. Verurteilt wurde sie am 19. Mai zu 30 Tagen Arrest und 5 Jahren Beobachtung. Zudem wurde sie aus Kurtatsch ausgewiesen. Das war due höchste Strafe, weil sie nun nicht mehr wusste, wo sie sich aufhalten sollte. An jedem Ort, an dem sie sich aufhielt, folgte ein Schreiben des Podestá von Kurtatsch, in dem auf die Gefährlichkeit ihrer Person hingewiesen wurde. Jedes Mal wurde sie durch die Carabinieri verhört und verwarnt.
In der Nacht vom 1. zum 2. Juli floh sie schwer angeschlagen nach Kurtatsch und weiter zum Grauner Joch. Als der Amtsbürgermeister davon erfuhr, richtete er ihr aus, sie habe das Gemeindegebiet innerhalb von 3 Tagen zu verlassen. Sie erkrankte wieder an der Rippenfellentzündung. Im Herbst kam Angela ins Bozner Krankenhaus, wo sich nach 4 Monaten eine leichte Besserung abzeichnete.
Im Herbst 1929, im darauffolgenden Jahr, setzte das Leiden wieder an. Es wurde ihr letztes Leiden. Sie schrieb im Juni 1930 in ihr Tagebuch: „Ich warte auf den Tod“. Angela Nikoletti verstarn am 30. Oktober 1930 im Alter von 25 Jahren.
Neben der Lebensgeschichte hinterlässt Angela Nikoletti mit ihren Gedichten ein geistiges Erbe, aus denen – auch – Hoffnung hervorgeht.








Angela Nikoletti war kein unbedarftes Opfer und auch keine „Märtyrerin“ im religiösen Sinne, womit jemand bezeichnet wird, der für Glauben und Gesinnung ein Leid erträgt. Angela Nikoletti war intelligent genug, um zu wissen, was sie tat. Sie erachtete ihr Auftreten gegen das faschistische Regime sowie ihr Wirken im Katakombenunterricht als ihren Einsatz, um die deutsche Sprache und Kultur zu sichern – und behielt recht. Ihr früher Tod war nicht unsonst.
Literatur:
[1] Anton Weis und Othmar Parteli: „Angela Nikoletti 1905 – 1930. Leben und Gedichte“, Athesia Verlag, Bozen 1987


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