Viktoria Stadlmayer kann als eine der tiefgründigsten Analystinnen der Südtirol-Frage nach 1945 betrachtet werden, die die Geschehnisse in die komplexen geopolitischen Zusammenhänge einbettete.
Viktoria Stadlmayer wurde 1917 in Brixen geboren. Ihr Vater war der Offizier Rüdiger Stadlmayer, die Mutter Gräfin Elisabeth von Wolkenstein-Trostburg. 1945 wurde Stadlmayer als „NS-minderbelastet“ eingestuft. Eduard Reut-Nicolussi stellte Stadlmayer im Mai 1945 als Vorsitzender der „Landesstelle für Südtirol“ der Tiroler Landesregierung ein.
Richtig stellt Viktoria Stadelmayr fest, dass die Jahre 1945/1946 für Südtirol entscheidend und angesichts der internationalen Lage an Spannung kaum zu übertreffen waren.
Das betraf den Kriegsverlauf und die „Ökonomie“ des Krieges:
- Stadelmayer geht davon aus, dass,insofern Italien 1940 nicht in den Krieg eingetreten wäre, die Südtiroler mit ziemlicher Sicherheit vertrieben worden wären, weil Italien damit als „Opfer“ durchgegangen wäre.
- Für den Fall, dass Italien bis zum Ende, bis 1945 im Krieg geblieben und sich nicht auf die Seite der Alliierten gewechselt wäre, wäre eine Rückkehr Südtirols zu Österreich realistisch gewesen.
Dadurch, dass Italien eine Zwischenrolle zwischen Sieger und Verlierer einnahm, war die Lage verzwickt. Letztlich – und das war neben den geopolitischen Komplikationen das Entscheidende – war Italien aus alliierter Sicht nicht als „Verlierer“ zu behandeln.
Die Südtiroler pochten in Kundgebungen zwar auf Selbstbestimmung. Selbstbestimmung war jedoch kaum aussichtsreich. Vordergründig kämpften die Südtiroler in jener Zeit um die Staatsbürgerschaft. Italien war der Meinung, nur 16 Prozent der Südtiroler hätten Anrecht auf die Staatsbürgerschaft, im Wesentlichen die Dableiber. Auf dieser Grundlage wäre die Ausübung der Selbstbestimmung mit zweifelhaftem Ausgang gewesen. Die Alliierten gingen zumindest davon aus, dass alle Optanten, die Südtirol nicht verlassen hatten, Anrecht auf die Staatsbürgerschaft hatten. Vordergründig, um eine, wie auch immer geartete Selbstverwaltung auszuüben, war die Erlangung einer Staatsangehörigkeit. Andernfalls drohte die Ausweisung.
Nach Stadlmayer war es Degasperi, der das Recht auf „deutsche“ Schulen aud dem Entwurfstext streichen und durch „muttersprachliche“ Schulen ersetzen ließ. Dadurch erhoffte er sich eine Abschwächung.
Das Südtirolreferat der Tiroler Landesregierung („Referat S“) führte sie von 1957 bis 1985 aus und gestaltete die Südtirol-Politik wesentlich mit.
Das Eskalationspotenzial in Südtirol war in den 1950er-Jahren im Allgemeinen kein Geheimnis. Indro Montanelli bemerkte, es werde „ein zweites Algerien“ in Südtirol geben.
1960 und 1961 war Viktoria Stadlmayer Mitglied der österreichischen Delegation in New York unter Außenminister Bruno Kreisky. Im April 1961 stellte die Republik Italien einen Haftbefehl gegen Stadlmayer aus. Bei der Überfahrt über den Brenner wurde sie verhaftet. Hintergrund war ein bespitzeltes Gespräch mit Helmut Kritzinger über eine geplante Fahrt ins Sarntal. Der Vorwurf war, Stadlmayer hätte mit Kritzinger Bomben gebaut. Faktisch war sie jedoch am besagten Tag mit Alfons Benedikter und Professor Konrad Buchwald auf der Seiser Alm. Buchwald war der Kopf hinter Benedikters Raumordnung.
Am 10. Juni 1961 wurde Stadlmayer aus der Haft entlassen. Am nächsten Tag fand die „Feuernacht“ statt.
Über Nacht war Stadlmayer ein „Star“, wie sie selbst behauptete.
Ein Wendepunkt in der internationalen Wahrnehmung stellten die Folterungen dar, zu deren Durchführung eigens ausgebildete Carabinieri-Einheiten herangezogen wurden. Es war der Carabinieri-Beamte in Neumarkt, der die Misshandlungen an den Südtirol-Aktivisten feststellte und der Gerichtsmedizin überstellte, die die Misshandlungen gutachterlich feststellte. Im August 1961 wurde ein Aufruf durch österreichische Persönlichkeiten gestartet, um eine Untersuchungskommission bezüglich der Misshandlungen einzuleiten. Darunter war auch Paul Flora.
Die Folterberichte wurden an Bruno Kreisky übermittelt. Die Südtiroler Volkspartei war gegen die Veröffentlichung. Kreisky brachte die Folterberichte vor die UNO.
Die Bombenjahre erachtete Stadlmayer als für die Selbstbestimmung kontraproduktiv, jedoch für die Autonomie als förderlich. Die Bombenjahre forderten den Staat Italien nämlich zu massiven Anstrengungen. Dadurch wurde der Preis für Italien nach oben getrieben: An eine Aufgabe Südtirols war durch die immensen Kosten und Anstrengungen, die der Konflikt kostete, nicht mehr zu denken.
Insgesamt war Stadlmayer gegen die Bomben, weil diese eine Eskalationsspirale verursacht hätten. „Bomben in Zypern sind romantisch, Bomben in Südtirol werden als nazistische Verbrechen dargestellt,“ so Stadlmayer. Sie ging davon aus, dass der rechtliche Rahmen in Südtirol noch nicht ausgereizt war.
Stadlmayer behauptete, Innenminister Scelba habe bewusst auf „Zuckerbrot und Peitsche“ gesetzt. Die Peitsche, das waren die Repressionen. Das Zuckerbrot bestand in der Neunzehnerkommission, die allerdings der Versuch war, Österreich von den Verhandlungen auszuschließen. Scelba bestand zudem auf einstimmige Beschlüsse in der Kommission. Der Vertreter der „Democrazia Cristiana“, Roberto Lucifredi, stimmte allerdings konsequent dagegegn, weil er keine Veränderungen an der Autonomie zulassen wollte. Folglich gab es in den essenziellen Punkten keine einstimmigen Beschlüsse.
Dadurch, dass Saragat 1964 seinem sozialdemokratischen Amtskollegen Kreisky zusicherte, in jenen Punkten nachverhandeln zu wollen, in denen keine Einigkeit erzielt wurde, kam Fortschritt in die Verhandlungen.
Abgesehen von der Rolle, die sie in der Südtirol-Politik spielte, war Stadlmayer weitblickend. Sie löste das Identitäts-Dilemma der Tiroler und Südtiroler wie folgt: „Zuallererst bin ich Mensch, dann Europäerin, dann Deutsche, dann Österreicherin und schließlich Tirolerin“.
„Wenn ich Italiener wäre, würde ich das Siegesdenkmal in Bozen abtragen und daraus den schönsten Platz in den Alpen machen“ sagte Stadlmayer. Die deutschen Südtiroler sollten das Siegesdenkmal unbedingt erhalten wollen, so Stadlmayer. Das Siegesdenkmal sei als „Propagandainstrument“ gegen den italienischen Faschismus nämlich wesentlich – „möglichst unentschärft“, wie sie hinzufügte.
Literatur:
[1] Salto.bz, Podcast-Reihe zu den Bombenjahren
[2] Viktoria Stadlmayer: „Kein Kleingeld im Länderschacher. Südtirol, Triest und Alcide Degasperi 1945/1946“, Universitätsverlag Wagner, Innsbruck 2002


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