Wer war Rudolf Schlesinger?

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Die Südtiroler Optanten in Österreich standen nach 1945 politisch, rechtlich und wirtschaftlich im luftleeren Raum. Männer wie der Rechtsanwalt Rudolf Schlesinger waren tatkräftig daran beteiligt, dass die Rückoption gelingen und dass die Optanten wieder eine Heimat in Südtirol finden konnten.

Rudolf Schlesinger wurde am 28. April 1875 in Leitmeritz in Nordböhmen geboren. Ab 1893 studierte er Rechtswissenschaften in Innsbruck, wurde Mitglied der Burschenschaft der Pappenheimer, die später in der Burschenschaft Suevia Innsbruck aufging, und promovierte 1898.

Im Jahr 1904 ließ sich Schlesinger als Rechtsanwalt in Bozen nieder. In Bozen wurde Rudolf Schlesinger Obmann des Turnvereins Bozen sowie des Deutschen Volksvereins für Südtirol. Zur gleichen Zeit war Eduard Reut-Nicolussi Obmann des christlich-deutschen Turnvereins in Bozen. Rudolf Schlesinger war auch Mitglied des Deutschen und Österreichischen Alpenvereins, Sektion Bozen.

Zudem wirkte er im Umfeld von Theodor Christomannos im Bereich der Dolomitenhotels mit, war 1907 Teilhaber des „Deutschen Vereins für Dolomitenhäuser“.

Rudolf Schlesinger vertrat den Schriftsteller Karl May im Jahr 1910 gegen den Skandaljournalisten Rudolf Lebius. Lebius hatte als erbitterter Gegner Mays zahlreiche Prozesse gegen ihn geführt und diffamierende Schriften veröffentlicht.

Im Ersten Weltkrieg diente Rudolf Schlesinger im Raum Corvara Hauptmann der Kaiserschützen.

Bis zur Umsetzung des Umsiedlungsabkommens der Südtiroler im Jahr 1939 wirkte er als Rechtsanwalt in Bozen. Im Zuge der Option übersiedelte Schlesinger nach Kitzbühel und wurde Amtsrichter. Er wirkte zwischen 1943 und 1945 am Bezirksgericht Brixen sowie am Bezirksgericht Sterzing.

Tatsächlich hatten sich 166.488 Südtiroler für die Option entschieden. Bis 1943 waren ungefähr 75.000 davon ins Deutsche Reich ausgewandert. Die Umsiedlung kam ins Stocken, da es kein geschlossenes Siedlungsgebiet gab, die Bereitstellung der Unterkünfte schwierig war und die Arbeitsmöglichkeiten begrenzt waren.

Nach dem Zweiten Weltkrieg lebte der Großteil der Optanten als deutsche Reichsbürger in Österreich mit der Gefahr, von Österreich in die neu entstandene Bundesrepublik Österreich abgeschoben zu werden. Diese Gefahr wurde abgewendet, als Eduard Reut-Nicolussi am 29. August 1945 einen Kabinettsbeschluss bei der provisorischen österreichischen Staatsregierung erwirkte, dass die Südtiroler mit deutscher Staatsbürgerschaft vorerst wie Österreicher zu behandeln seien.

Von italienischer Seite, vor allem durch Alcide De Gasperi, wurde in den Raum gestellt, dass die Optanten die italienische Staatsbürgerschaft freiwillig aufgegeben hätten, somit kein Recht auf die Erlangung der italienischen Staatsbürgerschaft nach 1945 haben würden. Faktisch wäre dieser Standpunkt einer Vertreibung gleichgekommen.

Viktoria Stadelmayr war der Meinung, dass eine Vertreibung realistisch gewesen wäre, insofern Italien nicht in den Zweiten Weltkrieg eingetreten wäre, aus alliierter Sicht folglich – auch – als ein „Opfer“ eingestuft wurde. Die Alliierten akzeptierten eine Debatte höchstens rund um jene Südtiroler, die optiert und effektiv abgewandert waren, zerschlugen also die italienischen Vorstöße.

Im „Pariser Vertrag“ vom 5. September 1946, der dem alliierten Friedensabkommen mit Italien beigelegt wurde, ist schließlich in Punkt 3a der folgende Wortlaut enthalten: „In einem Geist der Billigkeit und Weitherzigkeit die Frage der Staatsbürgerschaftsoptionen, die sich aus dem Hitler-Mussolini-Abkommen von 1939 ergeben, zu revidieren“.

Da die praktische Umsetzung ungewiss war, konstituierte sich am 6. Oktober 1945 der „Gesamtverband der Südtiroler in Österreich“. Wesentlicher Zweck waren Verhandlungen zur Rückoption und Hilfeleistungen im Rahmen derselben.

Die Lage der Optanten war prekär. Wohnungsnot, die problematische Arbeitssuche, die unklare Staatsbürgerschaft sowie die wirtschaftliche Not nach dem Krieg wirkten beengend. Die allgemeine wirtschaftliche Not machte es für die Südtiroler Optanten in ihrer „fremden“ Heimat nicht einfach: Immer wieder machte man ihnen den gut gemeinten „Vorschlag“, sie könnten ja „wieder heim gehen“. Zuerst seien bei Arbeitsplätzen die Einheimischen und Flüchtlinge dran, das waren die deutschen Vertriebenen [4]. Die Südtiroler Optanten mussten sich hinten anstellen.

Zentral für den Einzelnen war im Rahmen der Fragestellung, ob er rückoptierte oder in der fremden Heimat blieb, die Klärung optionsbedingter Vermögensfragen. Niemand wollte, zurück in Südtirol, auf der Straße landen. Um in diesen schicksalshaften Entscheidungen unterstützend zu wirken, richtetet die Südtiroler Landesregierung das „Amt für Rücksiedlungshilfe“ und die Tiroler Landesregierung die „Landesstelle für Südtirol“ ein, aus welcher das „Referat Südtirol“ hervorging.

Nach dem Zweiten Weltkrieg begann der intensive Einsatz Rudolf Schlesingers für die Optanten. Die entscheidenden Fragen über die Optantenfrage begannen am 13. November 1947 in Rom. Als Südtiroler Experten nahmen Otto von Guggenberg sowie Karl Tinzl teil, für Nordtirol Franz Gschnitzer und Karl Kunst. Die Stimmung war schlecht, weil die italienische Regierung dem Obmann des Gesamtverbandes, Rudolf Schlesinger, das Einresevisum verweigert hatte.

Der staatsrechtliche Schwebezustand der Optanten wurde nach intensiven Verhandlungen zwischen Italien und Österreich am 2. Februar 1948 beendet (Optantendekret), das den Südtirolern nach Widerruf der Option für Deutschland von 1939 die Erlangung der italienischen Staatsbürgerschaft ermöglichte. Rund 4.000 Optanten wurde das Rücksiedlungsrecht aufgrund eines Nahverhältnisses zum Nationalsozialismus verweigert, letzten Endes wurden aber nur 664 Personen von der italienischen Staatsbürgerschaft ausgeschlossen.

Erst ab 1949 begann die legale Rückoption. Bis dahin konnte sich die Rückoption nur illegal vollziehen, da die Staatsbürgerschaftsfrage ungeklärt war. Einige Südtiroler kamen beim Versuch, die grüne Grenze zu passieren, ums Leben, waren den Strapazen nicht gewachsen. Für viele Südtiroler Optanten kam das Optantendekret zu spät, zumal der Wunsch, in die Heimat zurückzukehren, mit der Zeit abgeschwächt wurde. Inzwischen war man lange genug in der neuen Heimat, hatte sich eingegliedert.

Als Rechtsanwalt, Obmann des „Verbandes der Südtiroler in Tirol“ und später Bundesobmann des „Gesamtverbandes der Südtiroler in Österreich“ war Schlesinger federführend an der Rückoption beteiligt. Der Tiroler Verband war der größte Verband innerhalb des Gesamtverbandes. Fast 25 Jahre war Rudolf Schlesinger Obmann des Gesamtverbandes.

Rudolf Schlesinger (untere Reihe sitzend, Dritter von links) [1]

Im Konkreten ging es dem Gesamtverband darum, Wohnraum in Südtirol verfügbar zu machen und bei der Bewältigung der finanziellen Herausforderungen behilflich zu sein. Daneben gab es allerdings auch allerlei bürokratische Hürden, aber auch Hindernisse im Bereich der Anerkennung von Berufsdiplomen, Studientiteln oder in Pensions- und Rentenfragen.

Damit die Rückoption glücken konnte, war ein breiter Rückhalt innerhalb der Südtiroler Bevölkerung notwendig. Viele Optanten wussten, dass sie als unterste soziale Schichten optiert hatten und sich auch im Falle einer Rückoption nicht sicher sein konnten, akzeptiert zu werden: „Durch eine groß angelegte Hilfsaktion hätte ihnen klar gemacht werden müssen, dass sie als gleichberechtigte Mitbürger willkommen gewesen wären. Dies war aber nicht der Fall“ [4]. Faktisch beteiligte sich nur ein Bruchteil der Gemeinden am Rücksiedlungsprogramm. Am 5. Jänner 1951 urteilte die Tageszeitung „Dolomiten“: „Noch keine Rpcksiedlungsausschüsse haben zahlreiche Gemeinden Südtirols gegründet“. Von den 106 Gemeinden hatten nur 40 solche Rücksiedlungsausschüsse konstituiert.

Der Gesamtverband bemühte sich dabei, die Rücksiedlung geordnet und schrittweise durchzuführen. Es sollten stets nur dann Optanten rücksiedeln, wenn Wohnung und Arbeitsplatz vorhanden waren. Andernfalls befürchtete man soziale Probleme. Weil viele Optanten ohne diese Bedingungen zurückkehrten, wurden Durchgangslager in Bozen-Gries, Blumau und Leifers als vorübergehende Wohnmöglichkeit unterhalten.

In Summe konnten in Südtirol nur 800 bis 1.000 Wohnungen für Rückoptanten zur Verfügung gestellt werden, indem Gebäude ausgebaut, neu gebaut oder angekauft wurden. Das war deutlich zu wenig.

Als Mitte der 1950er-Jahre allerdings klar wurde, dass viele Optanten inzwischen eine Heimat in Österreich gefunden hatten und nicht mehr nach Südtirol zurückkehren wollten, konzentrierte sich der Gesamtverband auf die Interessensvertretung seiner Mitglieder.

Rudolf Schlesinger stand bis zu seinem Tod im Herbst 1970 an der Spitze des Verbandes sowie der Tiroler Landesgruppe.

Literatur:

[1] Gesamtverband der Südtiroler in Österreich: „Südtiroler Heimat – Mitteilungen an die Mitglieder der Südtirolerverbände“, Innsbruck 2021

[2] Hans Heiss, Gustav Pfeifer (Hrsgb.): „Südtirol – Stunde Null? Kriegsende 1945 – 1946“, Studienverlag, Innsbruck 2000

[3] Rolf Steininger : „Südtirol im 20. Jahrhundert Vom Leben und Überleben einer Minderheit“, Studienverlag, Innsbruck 2016

[4] Benedikt Erhard: „Option – Heimat – Opzioni. Eine Geschichte Südtirols“, Tiroler Geschichtsverein, Bozen 1989

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