Wolfgang Steinacker war einer jener Männer, die Südtirol rund um 1945 tatkräftig unterstützen. Auch und vor allem, weil Steinacker nicht nur das intellektuelle Format hatte, sondern auch den Zugang zu den Alliierten.
Wolfgang Steinacker wurde 1906 in Wien geboren. Sein Vater war der Ungarndeutsche Harold Steinacker, Universitätsprofessor in Innsbruck. Harold Steinacker war der erste Rektor der Universität Innsbruck nach dem Anschluss Österreichs.
Friedl Volgger schreibt in seinen Memoiren, dass Harold Steinacker ihn zum Widerstand für Südtirol motiviert hatte mit den Worten: „Als Parteigenosse müsste ich Ihnen sagen, Sie müssen dem Ruf des Führers folgen und ins Reich umsiedeln. Aber als Deutscher sage ich Ihnen, kehren Sie nach Südtirol zurück und bleiben Sie mir ja im Lande drinnen. Und wenn Sie keine Arbeit finden, gehen Sie auf eine Alm, um Schafe zu hüten“ [2].
Wolfgang Steinacker studierte Rechtswissenschaften in Innsbruck, wurde Mitglied im Verein deutscher Studenten (Vdst) und betätigte sich in den Schutzverbänden, ab 1926 im Verein für das Deutschtum im Ausland (VDA). Steinacker gehörte einem Netzwerk von Studenten an, die Kontakt zum Deutschen Verband in Südtirol hielten und sich in der deutschen Volkstumsarbeit betätigten. Friedl Volgger bezeichnete Wolfgang Steinacker als „Freund“. Friedl Volgger wurde durch Otto Scrinzi, Bundesbruder Steinackers, intensiv für den Vdst umworben, besuchte mehrmals Veranstaltungen desselben, wurde jedoch nie Mitglied. Vdst-Mitglied wurde er erst mit 60 Jahren, allerdings nicht in Innsbruck.
Zahlreiche Reisen nach Schweden, England und Italien und in die Schweiz vervollständigten das Weltbild und die Erfahrungen Steinackers.
Steinacker stand, trotz deutschnationaler Gesinnung, sowohl zum Austrofaschismus (oder Klerikalfaschismus) als auch zum Nationalsozialismus auf Distanz, zu letzterem vor allem aufgrund der mangelhaften Südtirol-Politik. Steinacker wurde Justizbeamter und Richter. Den Justizdienst beendete er 1939, betätigte sich im „Amt für Volkstumsfragen“, aus dem 1945 die „Landesstelle für Südtirol“ und anschließend das „Referat S“ der Tiroler Landesregierung hervorgingen.
Das „Amt für Volkstumsfragen“ befasste sich intensiv mit der italienischen Kulturpolitik und deren expansiven Ausrichtung, untersuchte die politischen Implikationen. Im Bereich der Option wirkte Steinacker dahingehend, die Umsiedlung der Südtiroler zu verzögern. Michael Gehler untermauert, dass Wolfgang Steinacker „Obstruktion gegen die „Achse“ Berlin-Rom“ betrieb. Steinacker war es, der das Tolomei-Archiv sichtete und nach Innsbruck überführte.
1945 wurde Wolfgang Steinacker gleich zwei Mal verhaftet: Zuerst von den Amerikanern, dann wieder freigesetzt, und schließlich von den Franzosen verhaftet. Von den Franzosen wurde er als Berater in Südtiroler und italienischen Angelegenheiten eingesetzt. Es ist Ironie der Geschichte, dass er seine Tätigkeit für Südtirol nun an anderer Stelle nahtlos weiterführen konnte. Die Etikette änderte sich, die Tätigkeit nicht. Unter dem Decknamen „Jean Dupont“ (ein weiterer Deckname war „Josef Noggler“) verfasste er Dossiers über die französische Minderheit in Aosta, die autonomistische und separatistische Bewegung in Sizilien, Sardinien und im Trentino und arbeitete darüber hinaus der „Landesstelle für Südtirol“ zu, der Eduard Reut-Nicolussi vorstand.
Für Steinacker war es klar, dass die politische Vertretung der Südtiroler in der entscheidenden Stunde, im Jahr 1945, versagt hatte. Anstatt dem Comitato di Liberazione Nazionale (CLN) entschieden entgegenzutreten, verharrte man in Passivität und im luftleeren Raum. Hart ging er mit dem „kopflosen“ und „kleinlichen“ Bürgertum Südtirols ins Gericht, die es versäumte, eine Verhandlungsposition gegenüber den Amerikanern zu schaffen.
Bereits am 1. August merkte Steinacker in einem Schreiben an Eduard Reut-Nicolussi an, dass die Sozialisten absolute Gegner einer Grenzverschiebung in Südtirol seien. Gleichzeitig bestehe die Strategie der Sozialisten darin, im Falle Südtirol nur den Faschisten die Schuld zu geben, während das Unrecht, das im demokratischen Italien begann, verschwiegen werde. „Am gefährlichsten“ aber sei, dass für die Sozialisten durch die Schaffung der Großindustrie in Bozen „vollendete Tatsachen“ geschaffen seien, sodass die Südtirol-Frage für sie abgeschlossen sei.
Wolfgang Steinacker war wesentlich bemüht, die Vorwürfe Alcide De Gasperis, die Südtiroler hätten sich im Zuge der Option freiwillig für Hitlerdeutschland ausgesprochen, zu entkräftigen. Insgesamt wird deutlich, wie komplex es war, Südtiroler zu finden, die erstens nicht im Verdacht standen, Nationalsozialisten gewesen zu sein, und die zweitens das intellektuelle Rüstzeug und das Netzwerk hatten, für Südtirol international aktiv zu werden.
Strategie der Italiener war es, die Dableiber bei den Amerikanern als „Nationalsozialisten“ anzukreiden. Dann würde es in einem zweiten Schritt ohnehin leicht fallen, die Optanten politisch auszuschalten. Es war für die Südtiroler, darunter Friedl Volgger, ein Kraftakt, sich eine Verhandlungsposition zu verschaffen. Steinacker war in diese Zusammenhänge wesentlich involviert.
Während der Verhandlungen der Alliiertem sah Steinacker ein, dass die USA und Großbritannien sich an Italien anlehnten, während Frankreich und Russland zu Österreich tendierten. Er erkannte, dass die Westmächte angesichts des heraufkommenden Kalten Krieges aus geographischen, politischen und militärischen Gründen Italiens zu stärken versuchten.
Intensiv befasste sich Wolfgang Steinacker mit der österreichischen Verhandlungsposition. Die so genannte „Pustertallösung“ wurde von Außenminister Karl Gruber ins Spiel gebracht, um zumindest den Brenner in österreichische Hand zu bringen und um später mit Italien über das restliche Südtirol zu verhandeln. In Südtirol selbst verursachte der Kompromissvorschlag Karl Grubers Entrüstung.
Rückblickend hielt Wolfgang Steinacker fest, dass die Italiener im Zuge der Verhandlungen eine deutlich aggressivere Südtirol-Politik Österreichs erwartet hatten. Bemerkenswert ist, dass 1945 und 1946 in Südtirol keine Wahlen stattfanden, weil die Befürchtung bestand, ein Wahlergebnis könnte als Volkabstimmung zur Zukunft Südtirols interpretiert werden. Wie Eduard Reut-Nicolussi war auch Wolfgang Steinacker davon üerzeugt, dass nur der Druck der Amerikaner und Briten etwas bewegen könnte. Beide wurden nicht nur von Karl Gruber als Berater übergangen, sondern auch von den „Hardlinern“ in Südtirol, die an die Macht der Symbolik glaubten.
Den „Pariser vertrag“ bezeichnete Wolfgang Steinacker als „unfachgemäß und schlecht abgefasst“. Steinackers Tätigkeit für die Franzosen endete 1947.
Er war in weiterer Folge als Rechtsanwalt und Jurist in Mödling tätig und verstarb 1996 in Klosterneuburg.
Literatur:
[1] Michael Gehler: „Verspielte Selbstbestimmung? Die Südtirolfrage 1945/46 in US-Geheimdienstberichten und österreichischen Akten“, Universitätsverlag Wagner, Innsbruck 1996
[2] Friedl Volgger: „Mit Südtirol am Scheideweg. Erlebte Geschichte“, Haymon Verlag, Innsbruck 1984


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