Wer war Arthur von Wallpach?

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Arthur von Wallpach und die Bewegung „Jung-Tirol“ kann man nur begreifen, wenn man sich mit der Kunst im Übergang vom 19. ins 20. Jahrhundert („Fin de siècle“) befasst. Ein geistiges Fieber erfasste die Kunst. Mit dem Weltkrieg trat Ernüchterung ein.

Unter dem Begriff „Jung-Tirol“ wurde eine Gruppe freiheitlich gesinnter, deutschbewusster, anti-klerikaler Tiroler Dichter der Jahrhundertwende um 1900 bezeichnet. Mentor war Adolf Pichler (1819-1900), beeinflussend wirkte jedoch such Hermann von Gilm, die Gruppe Jung-Tirol wurde durch Hugo Greinz und Heinrich von Schullern ins Leben gerufen.

Die Gruppe veröffentlichte von 1899 bis 1904 die Satire-Halbmonatsschrift „Der Scherer“ und von 1909 bis 1911 die Halbmonatsschrift „Der Föhn“.

Max von Esterle: Arthur von Wallpach

„Unter dem Schlagwort JUNGTIROL, das schon mehrfach in der Geschichte des tirolischen Geisteslebens als Chiffre für eine aufbrechende neue Generation gedient hatte, versammelte sich eine rasch wachsende Zahl von Literaten und bildenden Künstlern, die dem zentralistischen Musenbetrieb der Monarchie den Kampf ansagte. Erklärtes Ziel war dabei die Überwindung des bisherigen künstlerischen Ghetto-Daseins und der Versuch, über die Grenzen regionaler Beschränktheit zu Geltung, Ansehen und nicht zuletzt auch materieller Besserstellung zu gelangen. Nicht zufällig weckt der Name der Bewegung Assoziationen mit dem Almanach »Frühlieder aus Tirol«den Adolf Pichler um die Jahrhundertmitte zusammengestellt hatte, und der ebenfalls ’jungtirolisch“ als das signifikante Moment einer neuen aktiven Autorengeneration definierte“ [1].

Arthur von Wallpach (zu Schwanenfeld) wurde 1866 in Vintl in eine aus dem Elsass stammende Adelsfamilie geboren. Er besuchte die Handelsakademie in Innsbruck, zumal der Vater Holz und Samen handelte, und wurde 1892 Ehrenbursch der Innsbrucker Burschenschaft Germania.

1894 erwarb Arthur von Wallpach die Burg Anger (Schloss Anger) bei Klausen und renovierte sie großzügig.

Die Burg Anger, auch „Ketzerburg“ genannt, weil frühere Eigentümer Protestanten waren, ist bis heute im Eigentum seiner Nachkommen und diente „Jung-Tirol“ als regelmäßiger Treffpunkt. 1899 arbeitete Wallpach am Musen-Almanach „Jung-Tirol“ mit, welcher der Bewegung ihren Namen gab.

Arthur von Wallpach: „Rebellengeist“

Auf zahlreichen Wanderungen sammelte Arthur von Wallpach Eindrücke der Landschaft, die er später in seinen Gedichten im Sinne einer mystischen Naturlyrik verarbeitete. Besonders Klausen und seine Umgebung erscheinen dabei als poetisch überhöhte Orte, in denen Natur, Geschichte und kulturelles Erbe miteinander verschmelzen. Das Werk „Bergbrevier“ entstand 1905 mit Anton Renk, Alexander Burchhardt, Karl Dallago und Paul Rossi. Gewidmet ist das „Bergbrevier“ dem Schriftsteller Heinrich Noë.

Paul Rossi, der 1879 in Obermais bei Meran zur Welt kam, war ein Jung-Tiroler, wurde danach Gymnasiallehrer in Wels und verfasste 1912 ein Portrait Wallbachs [6]. Aus der Literarur geht hervor, dass sich Paul Rossi wie auch Heinrich von Schullern von der Radikalität der Bewegung zunehmend distanzierten.

Burg Anger

Was sich auf Burg Anger abspielte, gefiel nicht allen: „Es werden dort Sonnwend- und Julfeste in germanischem Stil gefeiert, Wallpach selbst wirft sich als Schlossbesitzer in die Positur eines mittelalterlichen Recken mit dem Beinamen „Wallo“ und stilisiert sich als Dichter zum germanischen Barden“ [2].

Als Gegenbewegung zu Jungtirol bildete sich die konservativ-klerikale Bewegung der „Alttiroler“ rund um Karl Domanig und um den Pfarrer Joseph Seeber, die sich den Wahlspruch „Für Gott, Kaiser und Vaterland“ gab. Die Jahre rund um die Jahrhundertwende waren politisch brisant, der Kulturkampf tobte in Tirol. Dass Joseph Seeber im Herz-Jesu-Bundeslied, das 1896 gedichtet wurde, die Zeile unterbrachte, die den „Spott der Gegner“ betrifft, hat seine Ursprünge in diesem politischen Kampf. Das Narrativ, katholische Märtyrer hielten das Herz Jesu hoch, trotz der „spottenden Gegner“, ist mehr Erfindung als Wirklichkeit. Die politische Hegemonie war in Tirol eine klerikale.

Der Brixner Bischof untersagte aus seiner Machtposition heraus 1899 die Sonnwendfeiern, klerikale Politiker suchten nach allerlei Vorwänden, um Sonnwendfeiern behördlich zu untersagen, während die Herz-Jesu-Feuer gefördert wurden. Joseph Seeber, der das Herz-Jesu-Bundeslied schrieb war ein katholischer Kulturkämpfer der Extraklasse, war also alles andere als ein Opfer.

Tiroler Blut, 1908

Insgesamt eskalierte die Situation zunehmend. Beide Seiten, die Alttiroler und die Jungtiroler erfasste ein geistiges Fieber. Im „Scherer“ wurde 1899 das Gedicht „Zwei Feste“ veröffentlicht: „Mit Pöllerlärm und Glockenschall, mit Weihrauchduft und Pulverschwall, mit Kranzelmädeln, Veteranen, mit Blechmusik und Kirchenfahnen, begeht das Fest des Sommers Rom. Wir aber haben durch die Nacht, die Sonnwendfeuer still entfacht, und unsrer Flammenstöße Lohen, schlägt voller Majestät zum hohen, sternübersäten Weltendom“. Mit dem „Sommerfest Roms“ war Fonleichnam gemeint, wie das radikal-klerikale „Andreas-Hofer-Wochenblatt“ im Disput festhielt, der dadurch losgetreten war.

Im Jahr 1900 trat Arthur von Wallpach im Sinne der Los-von-Rom-Bewegung aus der katholischen Kirche aus, heiratete in Pest in der evangelischen Kirche Thilda Siber, geborene Seidl. Trotz seiner antiklerikalen Haltung tauchen immer wieder christliche Motive in Wallpachs Gedichten auf.

Kriegslüstern waren beide, der Alttiroler Bruder Willram, eigentlich Anton Müller, sowie der Jungtiroler Wallpach. Kriegslüstern war in jener Phase, die als Dekadenz bezeichnet wird, selbst ein Thomas Mann. Der Jungtiroler Wallpach diente im Feld, seine literarischen Gedanken wurden dramatische Wirklichkeit, der Alttiroler Bruder Willram diente nicht, seine Kunstlyrik blieb Floskel.

Wir brechen durch den Tod, 1916

Wallpach führte im Ersten Weltkrieg bis 1917 die Akademische Legion an. Deren Ziele legte er lyrisch dar“:

Arthur von Wallpach: Akademische Legion

Als Standschütze nahm Arthur von Wallpach am Ersten Weltkrieg in den Sextner Dolomiten teil, wo er wegen einer schweren Typhuserkrankung 1917 von der Front beurlaubt wurde.

Feldmesse an der Front, Wallpach im Vordergrund [5]

Angesichts der Schrecken des Krieges scheint Wallpachs frühere Radikalität ernüchtert. Religiöse Motive verdichten sich, aber auch manche politische Versöhnung findet statt.

Arthur von Wallpach stand im Austausch mit Künstlergrößen Albin Egger-Lienz, Rainer Naria Rilke, Peter Rosegger, Otto Rudl, Heinrich Mann, Georg Trakl.

Wallpach publizierte 1909 in der Literatur-Zeitschrift „Der Föhn“, von 1910 bis 1914 in der Kulturzeitschrift „Der Brenner“ und von 1927 bis 1938 in der Zeitschrift „Der Schlern“, optierte 1939, wanderte aber nicht aus, verfasste noch 1945 politische Durchhaltegedichte.

Im Juni 1946 verstarb Arthur von Wallpach in Klausen. Der „Schlern“ schrieb 1946 zum Abschied: „Sein Dichterleben war Kampf für Freiheit und Recht, für Heimat und Volk“.

Der Schlern, 1946

Paul Rossi schrieb abschließend in seinem 1912 verfassten Portrait: „Nun stehen wir am Ende! Eine Künstlerseele eröffnete sich vor uns, aus mancher Irrung brausender Tage, aus manchem aufgezwungenen Schlagen zur Ruhe, Festigkeit, zur Beschränkung, zur Innigkeit und Tiefe gelangend. Um alles Leben schlang der Poet liebend seine Arme, im stillen Busch, in Luft und Wasser erkannte er, wie Faust, seine Brüder. „Heiligen Feuers Zauberlocken“, das auf eigenem Herde gloste, legte seine linde, sänftigende Wärme um ihn, aber in dem weichen Banne erschlaffte er nicht, das Hausdämmerglück lullte ihn nicht ein in Kleinheit und engem Behagen. Vielmehr war sein Auge groß und unverwandt den Dingen des Lebens um ihn geschenkt, eines Lebens, das freilich in selbstgewollter Beschränkung verrann, aber nicht kärglich war. Und aus dem Asyl in der umgrünten und felsenfahlen Eisackschlucht geht es nochmals in den taumelnden Reigen der Politik hinaus — nur damit der Dichter wisse, daß die ihm gemäße Lebensform sich in diesem gejagten Auf- und Ab von größtem Wollen, klügstem Planen, kleingeistigem Gezänk und katzenkleiem Schleichen nicht betätigen könne. Dann eine Rückkehr, ein innerliches und verinnigtes Wiederumfangen der lieben, ewig reinen und ewig wahren Heimaterde, ein stilles Wandeln, manchmal von huschenden Wolkenschatten der Schwermut gestreift, immer wieder aber sich aus der Verfinsterung befreiend und dahinziehend in hoher, reifer, unbewegter Sommersonne. Und wenn jetzt durch die leise bebende Mittagsluft durch die ungebrochene Üppigkeit der schlummernden Bäume, durch den heißen Atem von Wiesen, Rebgärten und Fruchthängen die Stimme der Klausner Zwölfuhrglocke ruft — du glaubst die Melodie dieses Menschenlebens in beruhigter Klärung zu vernehmen — ernst, gehoben, festlich; über den Dingen schwebend und doch sich mit ihnen verbindend zu einer Schönheit…“ [6].

Jung-Tirol und Wallpach-Ausstellung in Klausen, 1992

Literatur:

[1] Christian Schwaighofer: „JUNGTIROL. Literarisches Leben zwischen Provinzkunst und Moderne“, Mitteilungen aus dem Brenner-Archiv, Jahrgang 3 – 1984

[2] Lexikon Literatur Tirol, Hg.: Forschungsinstitut Brenner-Archiv, Universität Innsbruck

[3] Innsbruck erinnert sich (Link)

[4] Elisabeth Klotz-Pauer: „Arthur von Wallpach. Dichtung im Spiegel bewegter Zeiten“, Vortrag am 25.10.2022 in Klausen

[5] Wolfgang Joly: „Die Tiroler und Vorarlberger k.k. Standschützen-Formationen im Ersten Weltkrieg“, Wagner-Verlag, Innsbruck 1998

[6] Paul Rossi: „Arthur von Wallpach“, Selbstverlag des Städtischen Gymnasiums, Wels 1912

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