Der Tiroler Schriftsteller und Militärarzt Heinrich von Schullern zu Schrattenhofen begann als Burschenschafter, wurde „Jung-Tiroler“, fand zu einem Österreich-Bewusstsein und betätigte sich im Andreas-Hofer-Bund für Südtirol. Als Dichter arbeitete er sich an den menschlichen Widersprüchen ab. Auch an seinen.
Geboren wurde Heinrich Anton Johann Wolfgang Paul Ritter von Schullern zu Schrattenhofen am 17. April 1865 in Innsbruck. Er entstammte einer traditionsreichen Tiroler Beamten- und Adelsfamilie, deren Wurzeln bis ins Zillertal reichen und die 1734 von Kaiser Karl VI. in den österreichischen Ritterstand erhoben worden war.
Sein Vater, Anton von Schullern zu Schrattenhofen, besuchte das Gymnasium in Trient und Innsbruck, sprach italienisch, studierte Rechtswissenschaften in Innsbruck, war Schulinspektor, Journalist und selbst literarisch tätig, bereiste Dänemark und Schweden, war mit den Brüdern Grimm bekannt. Zudem stand er in Austausch mit Adolf Pichler, wirkte 1859 im Festkomitee der Schiller-Feierlichkeiten in Innsbruck, wurde Vorstandsmitglied im Turnverein Innsbruck, arbeitete im Komitee zu 500 Jahren Tirol bei Österreich mit, war Ausschussmitglied im Tiroler Landesmuseum Ferdinandeum und war 1870 Mitbegründer des Tiroler Volksschulvereins, der sich auf das ganze deutsche Tirol konzentrierte.
Die Mutter Paula Finetti kam aus Brescia in der Lombardei und entstammte Görzer Adel. Diese Fügung führte dazu, dass Heinrich von Schullern die italienische Sprache erlernte, diese später, im Weltkrieg, auch lehrte.
Der ältere Bruder Hermann von Schullern zu Schrattenhofen wurde ein bedeutender Nationalökonom. Das Elternhaus war geprägt von Bildung, einer national-freiheitlichen Haltung und einer tiefen Bindung zu Tirol.
Bereits als Gymnasiast wurde Heinrich von Schullern ein Anhänger der alldeutschen Bewegung. Nach der Matura im Jahr 1884 begann er Medizin in Innsbruck zu studieren, verkehrte bei der Innsbrucker Burschenschaft Suevia, die damals die einzige Burschenschaft am Ort war. Da Heinrich nicht studierte, sondern vielmehr das Studentenleben genoss, wurde er von seinen Vater nach Graz geschickt. In Graz war er mehr nationaler Kulturkämpfer als Medizinstudent. In diesen Sinne wurde er 1885 Mitglied der Grazer akademischen Burschenschaft Frankonia, die in einem engen Verhältnis zur Wiener akademischen Burschenschaft Teutonia stand und steht. Im Mai 1886 wurde er geburscht, focht eine Schlägermensur und zwei Säbelduelle.
Schullern wechselte bald wieder, nach nur zwei Semestern, nach Innsbruck, weilte zeitweise in München.
1890 promovierte er zum Doktor der gesamten Heilkunde, wurde Alter Herr der Frankonia und heiratete die Münchnerin Anna von Thurn, 1892 kam Tochter Edith zur Welt.

In späteren Erinnerungen schilderte Schullern, wie ihn das Leid einfacher Soldaten und Bauern literarisch geprägt habe. Seine ärztliche Tätigkeit verband er zunehmend mit schriftstellerischer Arbeit. Unter dem Pseudonym „Paul Ebenberg“ veröffentlichte er erste Gedichte und Skizzen, die bereits jene melancholische Grundstimmung erkennen ließen, die sein späteres Werk kennzeichneten.
1892 erschien mit „Helldunkel“ sein erstes bedeutenderes Werk. In den folgenden Jahren entstanden Novellen, Gedichte und Romane, darunter „Die Ärzte“, „Katholiken“ und „Im Vormärz der Liebe“. Besonders der Roman „Die Ärzte“ sorgte für Aufmerksamkeit, weil Schullern darin die Spannungen zwischen Medizin, Moral und persönlichem Ehrgeiz schilderte. Die Anwerbung von Patienten durch die Ärzte stellte für Schullern ein Unding dar, das im Widerspruch zur Moral stand. Der Roman „Katholiken“ behandelte die Gewissenslosigkeit, mit der junge Männer zum geistlichen Leben gezwungen wurden. Das Werk erboste die Klerikalen stark.
Literarisch bewegte sich Schullern um die Jahrhundertwende in den Kreisen der Tiroler Kulturbewegung „Jung-Tirol“.



Unter„Jung-Tirol“ formierte sich eine Gruppe freiheitlich gesinnter und antiklerikaler Tiroler Schriftsteller, die nach neuen literarischen Ausdrucksformen suchten und sich bewusst von konservativen Kulturvorstellungen abgrenzten. Ihrem geistigen Mentor Adolf Pichler widmeten Heinrich Greinz und Heinrich von Schullern zu Schrattenhofen den 1899 erschienenen Almanach „Jung-Tirol“, der der Bewegung ihren Namen gab. Zu den bekanntesten Vertretern der Bewegung zählten Rudolf C. Jenny, Franz Kranewitter und Alfons H. Povinelli.
Als literarische Sprachrohre dienten der Gruppe insbesondere die Halbmonatsschriften „Der Scherer“ (1899–1904) sowie „Der Föhn“ (1909–1911), in denen sie gesellschaftliche, kulturelle und politische Fragen ihrer Zeit diskutierten, aber auch pomelisierten, übertrieben und im Fieber jener Zeit die Grenzen überschritten.
„So stolzen, heimatfreudigen Klang hatte man seit Hermann von Gilms Tagen nicht mehr erlauscht. Das waren die Sänger und Sager von „Jung Tirol“, die sich an Freiheit, Bergfreude, Sonnen- und Lichtglauben in jubelnde Begeisterung erhoben, daß ihre Lieder und farbenfrohen, naturhaften Schilderungen in allen deutschfühlenden Kerzen lauten Widerhall fanden. Neben Toni Renk, Arthur von Wallpach, Franz Kranewitter, Hermann und Rudolf Greinz und vielen anderen wurde auch Heinrich von Schullern als Mitarbeiter im Musenalmanach „Jung Tirol“ genannt,“ beurteilt die Zeitschrift „Der Bergsteiger“ des Alpenvereins 1954 das Werk der Jung-Tiroler zum 70. Alpenvereins-Mitgliedsjahr Schullerns.
Die Jung-Tiroler versuchten, eine eigenständige Tiroler Literatur zwischen Wiener Moderne und regionaler Tradition zu etablieren. Dabei verstanden sie Heimat nie als Folklore, sondern Tirol als einen geistiger Raum.
Im Jahr 1895 trat Heinrich von Schullern als Reservearzt dem österreichischen Heer bei und wurde Oberarzt der Landwehr in Salzburg. Ab 1904 lebte Schullern als Regimentsarzt in Wien, wurde 1911 als Stabsarzt der Kaiserjäger nach Bozen und 1912 nach Innsbruck verlegt.

1910 entstand das Werk „Jungösterreich“, das begrifflich wohl nicht zufällig an „Jung-Tirol“ anknüpft, „Jung-Tirol“ aber gleichzeitig auch überwindet: Der Held des Romanes, der Innsbrucker Waffenstudent Oskar von Wernhardt (Romanname für Heinrich von Schullern), wurde nach langem Wandel in deutscher Nibelungentreue ein Anhänger Großösterreichs. Der Roman beginnt damit, dass Wernhardt und sein Freund am Bergisel Scheiben schossen, bemerkten, dass sie das gar nicht so sehr interessierte und sich die Frage stellten, ob sie nach der Abschlussprüfung, der Matura, zuerst im Alpenverein oder im Deutschen Schulverein Mitglied werden sollten.
Einer der beiden Buben stellte in Ablehnung des habsburgischen Österreichs fest: „Wir sind deutsch und frei!“
Peter Rosegger urteilte über den Roman: „Die Schilderung und seelische Begründung des Helden ist meisterhaft.“ Im selben Jahr verabschiedete sich Heinrich von Schullern von der Burschenschaft Frankonia, wurde später Mitglied im legalistischen, schlagenden Corps Ottonia Wien.
Dem Romanautor waren seit seiner Münchner Zeit herbe Enttäuschungen im Umgang mit den Preußen zuvorgegangen. Entrüstet war er, als er vernahm, dass die Burschenschaft Arminia in München keine Österreicher aufnehme, sondern nur Reichsdeutsche. Schullern hatte das Gefühl, als Österreicher nicht als vollwertiger Deutscher anerkannt zu werden, dass die deutsche Einigkeit nicht gelebt werde. Daraus resultierte sein Österreich-Patriotismus, der Östeereich als zweiten deutschen Staat, der mit dem ersten wetteiferte, verstand: „Mein Traum ist ein starkes, ebenbürtiges Österreich an der Seite Deutschlands“.
Rund um das Werk „Jungösterreich“ wurde dem Autor der Vorwurf erhoben, interne Verhandlungsschriften der Burschenschaft als Roman-Vorlage verwendet zu haben. Die Wege trennten sich.
Bis heute liefert der Roman „Jungösterreich“ viele wichtige historische Anknüpfungen, zumal Heinrich von Schullern historische Gestalten wie Georg Ritter von Schönerer oder Julius Sylvester, alle unter Romannamen, auftreten lässt und dadurch Einblick in eine politisch bewegte Zeit gibt.

Der Erste Weltkrieg wurde zum tiefen Einschnitt seines Lebens. Zuerst als Divisions-Sanitätsarzt an der Ostfront, Ende 1914 in Innsbruck, ab März Kommandant einer Divisionssanitätsanstakt mit Fronteinsätzen in Galizien und in den Karpaten erlebte er die Grausamkeiten des Krieges unmittelbar.
Als Oberststabsarzt nahm er am Vormarsch der österreichisch-ungarischen Armee von Ungarn über den Duklapass bis in die Nähe von Przemyśl teil. Nach einer Verwundung arbeitete er von Ende 1915 bis 1918 als Chefarzt und Lehrer an der Militärakademie in Wien, lehrte italienisch. Im April 1918 wurde er zum Sanitätschef der 106. Truppendivision in Lublin ernannt.
Die Erfahrungen des Krieges erschütterten Schullern nachhaltig. In seinen späteren Erinnerungen beschrieb er den Krieg als menschliche Tragödie.

Einen wichtigen Einblick in sein Selbstverständnis bietet die 1926 erschienene Sammlung „Zwischen Welt und Bergesstille“, eingeleitet vom Schriftsteller Hans Bator. Dort wird Schullern als Mensch beschrieben, der zeitlebens zwischen zwei Welten stand: Zwischen urbaner Kultur und alpiner Einsamkeit, zwischen militärischer Pflicht und dichterischer Innerlichkeit. Bator urteilte: „Der Dichter des „Jungösterreich“ lief nach dem Zerfalle Altösterreichs nicht mit jenen Dichtern und Denkern aus dem eigenen Vaterlande fort, die an einem Tage 20 Jahre älter wurden, plötzlich alles „als Vergangenheit“ sehen lernten, die sie eben noch als blaueste Zukunft hielten. Er empfand in seinem Herzen keinen Widerspruch, seine Idee, für die er in „Jungösterreich“ gerungen, wurde durch den Umsturz nicht als unmöglich dargetan: durch Gewährung nationaler Autonomien die fremdsprachigen Stämme Österreichs untereinander zu versöhnen, durch Militärkonvention und Handelsbündnis mit Deutschland ein germanische Vorherrschaft in Mitteleuropa zu sichern.“
Nach dem Zusammenbruch Österreich-Ungarns zog sich Schullern zunehmend nach Tirol zurück. Die Abtrennung Südtirols von Österreich empfand er als persönliche Verwundung. Einerseits, weil er Tiroler war, andererseits, weil Südtirol mit Welschtirol eine Verbindung zur mütterlichen Heimat Brescia bildeten.
Er engagierte sich kulturell und politisch für die Einheit Tirols und gehörte zu den Mitbegründern des Andreas-Hofer-Bundes, war der erste Vorsitzende. Im Vorstand des Andreas-Hofer-Bund saßen, bis auf Schullern, nur Angehörige des klerikalen Cartellverbandes. Dass Freiheitliche überhaupt Mitglied wurden, war durchaus noch Verhandlungssache. Letztendlich wurden die parteilichen Kompromisse erzielt.

Heinrich von Schullern wandte sich in der Folge stärker geschichtlichen Themen zu. Seine Romane „Kleinod Tirol“ (1927) und „Boccaccio auf Schloss Tirol“ (1932) verbanden historisches Bewusstsein mit dichterischer Gestaltung und zeigten seine tiefe Kenntnis Tiroler Geschichte.
Heinrich von Schullern – so Hans Bator – „ist immer mehr von der Wichtigkeit reformatorischer Idee durchdrungen und machen Ideen auch nicht den eigentlichen Reiz der Poesie aus, so muss doch der Poet ewig die Wahrheit suchen, muss lehren und predigen (…) Schullern erhebt sich von seinem reinen Individualismus und wird zum Empörer im Namen der Wahrheit, bekämpft die Lebenslüge in der Gesellschaft und glaubt unerschütterlich daran, dass ein wahres Weltbild die Bedingung eines richtigen Handels ist und umgekehrt ein falsches Weltbild fehlerhaftes Handeln mit sich bringe“.
In Anerkennung für die Leistungen der Brüder Heinrich (Arzt und Schriftsteller), Hermann (Universitätsprofessor, Nationalökonom) sowie die des Vaters Anton von Schullern (Schriftsteller, Lehrer, Journalist) widmete die Stadt Innsbruck 1930 ihnen die „Schullernstraße„.
1934 erschienen die vom Heimweh gekennzeichneten Kriegstagebücher aus Polen und Rußland,“Erinnerungen eines Feldarztes“.
Die Stadt Innsbruck verlieh ihm 1936, im Austrofaschismus, den Goldenen Ring der Stadt.
Während der Zeit des Nationalsozialismus blieb Schullern zunehmend isoliert. Seine österreichisch-patriotische Haltung passte nicht in die Ideologie des Regimes. Rezipiert wurde er nur vereinzelt und selten.
Sein monumentales Alterswerk wurde die Romantrilogie „Das Land im Gebirge“ 1948, bestehend aus „Boccaccio auf Schloss Tirol“, „Der Herzog mit der leeren Tasche“ und „Kleinod Tirol“. Das Werk gilt als literarisches Panorama Tirols über mehrere Jahrhunderte hinweg.
1949 wurde er Ehrenmitglied der Universität Innsbruck. Im Jahr 1951 gründete Heinrich von Schullern gemeinsam mit anderen Tiroler Autoren den „Turmbund“, einen literarischen Kreis, der sich regelmäßig in der Turmstube des Innsbrucker Stadtturms traf. Die Zusammenkünfte dienten dem geistigen Austausch und der Pflege der Tiroler Literaturtradition.
Heinrich von Schullern zu Schrattenhofen starb am 16. Dezember 1955 im Alter von neunzig Jahren in Innsbruck. Zum Gedenken an den Schriftsteller pflanzte der Turmbund noch im selben Jahr vor seiner letzten Wohnung in der Schidlachstraße 15 die sogenannte „Schullern-Linde“.
Literatur:
[1] Hans Bator, Vorwort zu: Heinrich von Schullern: „Zwischen Welt und Bergstille“, Österreichischer Bundesverlag, Wien 1926
[2] Thomas Mader, Nachwort zu: „Jungösterreich“, Nachdruck, Graz, 2004
[3] Karl Paulin: „Heinrich von Schullern und seine Zeit“, Wagner, Innsbruck 1960


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