Der Kulturkampf in Tirol

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Der Begriff „Kulturkampf“ ist in Südtirol gegenwärtig nahezu unbekannt. Würde man den Begriff „Kulturkampf“ äußern, wäre die Verwechslung mit „Nationalitätenkampf“ recht naheliegend. Im deutschen Tirol bedingen sich Kulturkampf und Nationalitätenkampf gegenseitig und greifen ineinander.

Bis 1848 tobte der Kulturkampf in Tirol als kalter Konflikt. Parteien oder politische Vereine waren im Vormärz durch das autoritäre System Habsburg unzulässig. Hermann von Gilm schrieb seine politischen Gedichte anonym, Joseph Streiter wirkte in Literaturclubs. Die Revolution von 1848 bedeutete zwar ein kurzes Aufflackern der Freiheit, wurde aber bereits 1849 wieder zunichte gemacht, indem Kaiser Franz Josef ein neo-absolutistisches System einrichtete.

Gekennzeichnet war die Phase zwischen 1851 und 1860 durch die Aufhebung der Märzverfassung von 1849, die Alleinregierung des Kaisers, eine zentralisierte Verwaltung sowie die polizeistaatliche Überwachung mit Bespitzelung und politischer Verfolgung. Dieses System war zum Scheitern verurteilt. Österreich schlitterte in Staatskrisen und militärische Probleme.

Das Februarpatent vom 26. Februar 1861 war eine konstitutionelle Verfassung, die den Reichsrat (österreichisches Parlament) einführte. Das Staatsgrundgesetz über die allgemeinen Rechte der Staatsbürger war Teil eines Verfassungswerks von 1867, der sogenannten Dezemberverfassung.

Der Kampf der Klerikal-Konservativen in Tirol drehte sich um zwei wesentliche Punkte.

  • Erstens, die Glaubensfreiheit. Die Klerikalen waren in Tirol bereits 1848 de Meinung, es müsse gesetzlich verhindert werden, dass sich Nicht-Katholiken – im Wesentlichen deutsche Protestanten – in Tirol niederließen.
  • Zweitens, das Reichsvolksschulgesetz von 1862. Dieses Gesetz deklarierte die schulische Bildung zu einem wesentlichen Kernelement des Staates, umfasste die Schulpflicht sowie de staatliche Aufsicht über das Schulwesen, die bisher bei der Priesterschaft lag.

Die Klerikalen wetterten vehement gegen diese beiden Initiativen, die die österreichische Staatsregierung, die bis 1880 mehrheitlich freiheitlich war, durchsetzen wollte und beharrten auf einem religiösen Fundamentalismus.

Die Freiheitlichen standen grundsätzlich Altar und Thron skeptisch bis feindlich gegenüber, organisierten sich folglich traditionell in Vereinen. Das Turnerwesen, die Feuerwehren, die Gesangsvereine, die Studentenverbindungen, der Alpenverein, aber auch die Schützen: Sie alle entsprangen aus dem Bewusstsein, dass Selbstorganisation notwendig war. Gerade durch diese kulturelle Verankerung in Vereinen kann von einem „Kulturkampf“ die Rede sein.

In diesem Kontext eignete sich jede, nur erdenkliche Fragestellung zur Eskalation. Etwa die touristische Entwicklung Tirols. Oder die Frage nach dem bedrängten Deutschtum im Etschtal. Die Einteilung der Diözesen. Das Wehrgesetz. Infrastrukturpolitik wie die Fleimstalerbahn. Jede Art von Symbolpolitik.

Bis 1879 standen die Tiroler Konservativen in radikaler Opposition zum Staate Österreich. In klerikal-feudaler Manier gingen sie davon aus, sich nicht an eine staatliche Ordnung oder Verfassung halten zu müssen, sondern nach Gutdünken eigene Regeln aufstellen zu können. Zweifelsfrei war es ein störrischer Machtkampf.

Innerhalb des Kaisertums stellten die Tiroler Klerikalen eine durchaus gewichtige Gruppierung dar. Gepaart mit religiösem Fundamentalismus handelte es sich um einen politischen Faktor.

In diesem Kulturkampf war die katholische Kirche eine wesentliche Streitpartei. Alle drei Bischöfe waren im Tiroler Landtag vertreten. Der kirchliche Großgrundbesitz (Klöster) stellte weitere Abgeordnete. Zuletzt wurden über die Landgemeinden zahlreiche Geistliche gewählt. Gerade im ländlichen Raum war der Pfarrer eine Instanz und zwar in religiösen Fragen, in moralischen Angelegenheiten, im Familienrecht, im Bereich der Schule und nicht zuletzt auch als wirtschaftliche Macht.

Die Klerikal-Konservativen verfügten in Tirol über satte Mehrheiten. Diese Rolle wurde schonungslos für die eigene politische Agenda ausgenutzt.

Wesentlich ist, dass die Tiroler Klerikalen auch das Kaiserhaus erzürnten, obwohl man inhaltlich so weit auseinander nicht lag. Dadurch, dass die Klerikal-Konservativen jedoch radikale Obstruktion gegen Staat und Verfassung lieferten, ging dies dem Kaiser aus staatspolitischen Gründen zu weit.

Die freiheitliche Bozner Zeitung

Die Frage nach der Neueinteilung der Diözesen Brixen und Trient war ein wesentliches Streitthema. Die Klerikalen erachteten in den deutschen Gemeinden der Diözese Trient ein „Bindeglied“ im Sinne der „Glaubenseinheit“, für sie war eine Vermischung in diesem Sinne hinnehmbar. Die Freiheitlichen erkannten, dass diese Einteilung zu Lasten des Deutschtums ging. Für sie war nicht das Papsttum zentral, sondern das Deutschtum.

Süd- und Welschtirol (rote Kontur), die Diözese Trient (durchgehende schwarze Linie), der deutschsprachige Teil davon (blau hinterlegt) und der italienischsprachige Teil (rot hinterlegt), Grundkarte [6]

Literatur:

[1] Egon Kühebacher: „Zur Geschichte der Sprachbewegungen in der deutsch-italienischen Grenzzone des Etschgebietes“ in „Das Südtiroler Unterland“

[2] Martin Kapferer: „Heiliges Land Tirol?“, Mitteilungen des Referats für die Kulturgüter der Orden (MiRKO), Innsbruck 2017

[3] Wilhelm Brauneder: „Österreichische Verfassungsgeschichte“, Manz Verlag, Wien 2009

[4] Josef Fontana: „Der Kulturkampf in Tirol 1861–1892“, Athesia Verlag, Bozen 1978

[5] Karl Bier: „Der Autonomiekampf der Welschtiroler und die Stellung der deutschen Parteien und Regierungen“, Veröffentlichungen des Museum Ferdinandeum in Innsbruck, Innsbruck, 1938

[6] Georg Stadler: „Trient als Suffraganbistum der Salzburger Kirchenprovinz 1826 bis 1923“, Mitteilungen der Gesellschaft für Salzburger Landeskunde, Salzburg 1985

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