In Bozen ist eine der zentralsten Gassen, die parallel zur Laubengasse verläuft, dem ehemaligen Bürgermeister Joseph Streiter gewidmet. Joseph Streiter (1804–1873) war ein bedeutender Jurist, Politiker und Schriftsteller aus Bozen, der im 19. Jahrhundert eine zentrale Rolle in der politischen und kulturellen Entwicklung Tirols spielte.
Der so genannte „Tiroler Kulturkampf“ ist zentral, wenn es darum geht, Tirol – und in der Folge auch Südtirol – zu verstehen. Als „Tiroler Kulturkampf“ wird der klerikal-konservative Widerstand gegen die Modernisierung der österreichischen Staatsordnung mit religiöser Säkularisierung und Religionsfreiheit verstanden, aber auch die politische Auseinandersetzung zwischen Konservativen und Freiheitlichen.
Geboren am 4. Juli 1804 in Bozen, wuchs Joseph Streiter in einer wohlhabenden Kaufmannsfamilie auf. Nach dem frühen Tod seines Vaters wurde er von seinem Onkel, Johann Nepomuk von Tschiderer, dem späteren Fürstbischof von Trient, betreut.
Der katholische Drill am Franziskanergymnasium in Bozen und später am Benediktinergymnasium in Meran sollten in Joseph Streiter freiheitliche Gedanken aufblühen lassen. Joseph von Giovanelli wirkte am Franziskanergymnasium als Vizedirektor, überwachte die Einhaltung der frommen Sitten. Das Lesen deutscher Literatur, der Werke von Goethe und Schiller, war strikt verboten, um zu verhindern, dass die Schüler in Verbindung mit protestantischen Ideen kamen. In diesem repressiven Klima begehrte der literaturbegeisterte Streiter gegen die Unfreiheit auf. Schulzweck war die Erziehung zum Gehorsam. Deutsche Literatur galt bei den Patres als potenziell subersiv.
Streiter studierte Rechtswissenschaften in Innsbruck und Padua und promovierte 1828 zum Doktor der Rechte. Er begann seine juristische Laufbahn als Advokat in Cavalese und kehrte später nach Bozen zurück, wo er bis 1861 als Anwalt tätig war. Zuvor wurde ihm eine berufliche Etablierung in Bozen aufgrund seiner freiheitlichen Ausrichtung verwehrt.
Streiter war ein engagierter Vertreter des freiheitlichen Lagers. Im Vormärz, also in der Phase der politischen Restauration zwischen 1830 und 1848, bekämpfte Joseph Streiter den „ultramontanen“ Klerikalismus und die Beschränkung der freien Meinungsäußerung durch die Zensur, wie diese nach 1815 eingerichtet wurde.

Von 1850 bis 1860 war Joseph Streiter Gemeindevorsteher von Zwölfmalgreien, einem heutigen Stadtteil von Bozen. Dazu ist grundsätzlich zu berücksichtigen, dass das Wahlrecht an die Steuerleistung gekoppelt war. Anschließend amtierte er von 1861 bis 1870 als Bürgermeister von Bozen. Während seiner Amtszeit setzte er sich für die Modernisierung der Stadt ein, darunter die Einführung der Gasbeleuchtung und der Anschluss Bozens an die Brennerbahnlinie, was die wirtschaftliche Entwicklung und den Tourismus förderte. Der Bahnhof Bozen wurde kurz vor Amtsantritt Joseh Streiters, 1859 in Betrieb genommen und von Alois von Negrelli geplant, verband Bozen und Verona. Ab 1867 wurde Bozen durch die Brennerbahn an Innsbruck angebunden.
Unter Streiter kam es in Bozen noch zu keiner „Gründerzeit“. Diese sollte im Wesentlichen erst mit Bürgermeister Julius Perathoner ansetzen.
Der 100. Geburtstag Friedrich Schillers stellte 1859 als Schillerfest überall in Deutschland ein nationales Bekenntnis dar und wurde in Österreich explizit als Deutschbewusstsein zelebriert, sowie als Erinnerung an die blutig niedergeschlagene Revolution 1848/49. So auch in Bozen. Joseh Streiter verfasste den Prolog der Schillerfeierlichkeiten und verherrlichte Deutschtum und Dichter der Freiheit.
Insbesondere die „Bozner Zeitung“ war das intellektuelle Medium des freiheitlichen Lagers. In den 1850er- und 1860er-Jahren war Ferdinand Weller (1825 – 1869), der Brunecker Anwalt und Schwiegersohn Joseph Streiters, für die Bozner Zeitung verantwortlich. Zuvor hatte Ferdinand Weller 1848 als Hauptmann einer Tiroler Kompanie in der Lombardei gedient und das Lied „Sie sollen sie nicht haben, des Brenners Scheidewand“ geschrieben.
Höhepunkt des Kulturkampfes war das „Bozner Lichtfest“. Mit dem Lichtfest zelerierte das freiheitliche Bürgertum den technologischen Fortschritt in Form der Gasbeleuchtung. Das „Licht“ sollte aber auch symbolisch für den freiheitlichen Fortschritt stehen. Provokant war die Abhaltung eines Freischießens, womit die ländliche Bevölkerung und die Schützen eingebunden wurde. Das Lichtfest fand am 10. November 1861 in Bozen statt, wurde durch Musikkapellen und Schützenkorps eröffnet. Die Konservativen und Klerikalen reagierten harsch auf die freiheitliche Initiative und veranstalteten ein Gedenkschießen in Lana unter dem Motto „Für Gott, Kaiser und Vaterland“, stellten sich dem freiheitlichen Bekenntnis zum Deutschtum energisch entgegen. Die Gegenveranstaltung wurde spöttisch als „Dunkelschießen“ abgewertet. Wer am Bozner Schießen teilnahm, durfte nicht am Schießen in Lana teilnehmen.
Insgesamt bildeten Klerikale, Landadel und Kirche ein klerikales Bollwerk gegen den freiheitlichen Republikanismus und indoktrinierten die ländliche Bevölkerung aus jener Machtposition heraus, derer sie sich im 19. Jahrhundert noch gewiss sein konnten. Ziel war die Herrschaft der Jesuiten, eine geistige Dunkelheit, die Verwehrung von Bürgerrechten und Volksherrschaft, um die eigene Macht zu sichern.
Im Tiroler Landtag war Streiter von 1870 bis 1872 aktiv. Er war ein prominenter Gegner des ultramontanen Klerikalismus und setzte sich für die Meinungsfreiheit und gegen Zensur ein. Sein Engagement im Kulturkampf machte ihn zu einem führenden Vertreter des freiheitlichen Lagers in Tirol.

Streiter war nicht nur politisch aktiv, sondern auch literarisch tätig, war an literarischen Zirkeln an der Universität Innsbruck beteiligt. Beda Weber, der Schriftsteller, Theologe, Geistliche und spätere Abgeordneter der Frankfurter Nationalversammlung, der zwar eine Zeit lang dem nationalliberalen Club angehörte, aber letztlich klerikal war, gründete in Innsbruck den „Poetenklub“, der durch die Zensurbehörde geduldet wurde. Streiter war daran beteiligt, erkannte später, dass Weber wankelmütig und in erster Linie klerikal sei.
Die Dichtervereinigung, die an der Universität Innsbruck entstanden und Namen, wie „Liber Germania“ oder „Nibelungia“ trugen, sind als Vorgänger der Studentenverbindungen zu verstehen und gliedern sich in ein freiheitliches Vereinswesen ein, das Liedertafeln (die Innsbrucker Liedertafel und die Bozner Liedertafel) sowie Turnvereine umfasst, zu jener Zeit durch den repressiven Staat Österreich verboten waren.
Joseh Streiter veröffentlichte ab 1843 unter dem Pseudonym „Berengarius Ivo“ und verfasste politische und literarische Texte. Darüber hinaus pflegte Joseh Streiter Kontakjte zu Franz Grillparzer und Jakob Philipp Fallmerayer, aber auch zu Hermann Gilm und Adolf Pichler.
Joseh Streiters Wohnsitz, der Ansitz Unterpayrsberg in Bozen, wurde unter seiner Leitung umgestaltet und ist heute ein denkmalgeschütztes Gebäude.
Zu Joseh Streiters Ehren wurde 1901 eine Straße in der Bozner Altstadt nach ihm benannt: Die Dr.-Joseph-Streiter-Gasse. Diese Gasse, die einst den nördlichen Stadtgraben bildete, ist heute eine belebte Fußgängerzone.
Joseph Streiter verstarb am 17. Juli 1873 in seinem Wohnsitz in Bozen.
Joseph Streiters politisches und kulturelles Wirken hat die Entwicklung Bozens im 19. Jahrhundert maßgeblich geprägt. Er gilt als einer der Väter des freiheitlichen Gedankenguts und eines modernen Republikanismus in Tirol und Südtirol.
Das Gemälde, das der bekannte Bozner Künstler Albert Stolz anfertigte, stellt Joseph Streiter mit seinem Freundeskreis, nämlich Jakob Fallmerayer, Adolf Pichler, Vinzenz Gredler, Franz Defregger, Ignaz Zingerle, Gustav Seelos, Walpurga Schindl und Viktor von Scheffel. Das Gemälde hängt im Keller des Bozner Rathauses.
Literatur:
[1] Christine Mumelter: „Joseph Streiter 1804–1873: Ein vergessener Bürgermeister?“, Athesia Verlag, Bozen 1998
[2] Josef Fontana: „Der Kulturkampf in Tirol 1861-1892“ (Schriftenreihe des Südtiroler Kulturinstitutes), Athesia-Tappeiner Verlag, Bozen 2007
[3] Lothar Höbelt: „Kornblume und Kaiseradler. Die deutschfreiheitlichen Parteien Altösterreichs 1882–1918“, Böhlau Verlag, Wien 1993
[4] Hannes Wunderer: „Das unruhige Jahrzehnt (1859-1869). Eine kritische Analyse der Perspektive der liberalen Bozner Zeitung inklusive Stellungnahmen konservativer Printmedien“, Philosophisch-Historische Fakultät der Universität Innsbruck, Innsbruck 2018


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